Von Paul und anderen hohen Tieren

In Deutschland haben Hunde Herrchen und Frauchen, in Frankreich maîtres und maîtresses – und manche französischen Hunde haben sogar einen Präsidenten als Herrchen. Was das über das Verhältnis von Franzosen und ihren Tieren verrät, weiß natürlich vor allem einer: notre petit Paul.
Als Kind gab es im deutschen Fernsehen eine Sendung, die ich nie verpasste: „Herrchen gesucht“. Woche für Woche wurden dort Hunde, Katzen und andere Tiere vorgestellt, die in Tierheimen auf ein neues Zuhause warteten. Das Ziel war einfach und wunderbar zugleich: Menschen und Tiere zusammenzubringen. Damals dachte ich nie darüber nach, warum die Sendung eigentlich „Herrchen gesucht“ hieß. Das war eben so. Erst viele Jahre später, als ich nach Frankreich zog, fiel mir auf, dass Hunde hier gar nicht mit Herrchen oder Frauchen unterwegs sind. Sie gehören zu ihrem maître oder ihrer maîtresse. Das klingt zunächst nach Hierarchie, fast ein wenig aristokratisch – schließlich hat Frankreich jahrhundertelang Könige hervorgebracht. Doch wer einmal beobachtet hat, wie ein französischer Hund mitten im Bistro den besten Platz beansprucht, während sein maître geduldig daneben wartet, kommt unweigerlich zu dem Schluss: Die wahre Rangordnung wird nicht durch Worte bestimmt, sondern durch den, der am Ende den letzten Bissen Käse bekommt.
Notre petit Paul
À propos Frauchen, pardon, maîtresse: In unserem Wohnhaus wohnt Paul. Er ist der berühmt-berüchtigtste Mitbewohner des Hauses – und er behandelt jeden Nachbarn auf seine ganz eigene Weise. Mich begrüßt er jeden Abend im Hausflur, wenn ich von der Arbeit heimkomme, meine japanischen Flurnachbarn kommen in einen ganz anderen Genuss, denn immer wieder pinkelt ihnen Paul in die Schuhe, die sie fein säuberlich vor ihrer Eingangstür zurücklassen, bevor sie die Wohnung betreten.
Paul, für die meisten einfach „le petit Paul“, ist der Hauskater des Hauses. Sein Frauchen wohnt im ersten Stock und lässt ihn frei durch das Treppenhaus vagabundieren. Viele Pariser Wohnhäuser bestehen aus einem Haus A und einem Haus B – was für einen Menschen schon verwirrend genug ist, für einen neugierigen Kater bedeutet das vor allem: zwei Treppenhäuser, ein Innenhof und ein erstaunlich großes Revier für einen kleinen Kater. Paul besitzt eine erstaunliche Fähigkeit, genau dann aufzutauchen, wenn irgendwo eine Tür offensteht. Man könnte meinen, er sammelt Grundrisse.

Vor einigen Monaten dann ging die Entdeckungsreise von Paul etwas zu weit. Der Nachbar aus dem zweiten Stock zog um. Große Aufregung. Kartons, Möbelpacker, Transporter. Niemand bemerkte, dass Monsieur Paul zwischen zwei Umzugskisten einen bequemen Platz gefunden hatte, um ein Schläfchen zu halten. Erst als der Möbelwagen am Abend sein Ziel erreichte, erwachte Paul. Fünfhundert Kilometer südlich von Paris, irgendwo zwischen Lavendelfeldern und Zikaden. Der neue Bewohner wunderte sich zunächst über ein leises Miauen aus dem Schrank. Paul wunderte sich vermutlich mehr. Inzwischen war das ganze Wohnhaus (die japanischen Nachbarn sicher ausgenommen) in großer Aufregung: Où est Paul? Diese Frage beschäftigte uns alle. Dann kam der erlösende Anruf des umgezogenen Nachbarn. Nach einer endlosen Autofahrt des Partners von Pauls Frauchen kehrte notre petit Paul wieder heim. Seitdem betrachtet er jeden Umzugskarton und jeden Lieferwagen mit auffälliger Skepsis. Man lernt schließlich dazu. Und Paul ist nicht bei Weitem das einzige Haustier in Frankreich.
Brigitte und ihre 30 Millionen Freunde
Frankreich und Haustiere – das ist keine Beziehung. Es ist eine Lebensform. Mehr als 80 Millionen Haustiere leben heute in Frankreich, rechnet man Fische, Vögel und Kleintiere mit. Rund 30 Millionen Hunde und Katzen teilen sich Sofas, Betten, Gärten und gelegentlich auch den Camembert mit ihren Menschen. Fast jeder zweite Haushalt beherbergt mindestens einen tierischen Mitbewohner. Kein Wunder also, dass mit den 30 Millions d’Amis bereits 1976 eine der bekanntesten Tierschutzorganisationen Europas entstand. Der Name klingt wie ein Versprechen: Dreißig Millionen Freunde. Inzwischen sind es deutlich mehr geworden – sowohl tierisch als auch menschlich.

Und dann war da noch Brigitte Bardot. Viele kennen sie als Filmikone, aber mindestens ebenso prägend ist ihr jahrzehntelanger Einsatz für Tiere. 1986 gründete sie ihre Stiftung zum Schutz von Tieren. Bis zu ihrem Tod kämpfte sie gegen Misshandlungen, Pelzhandel, Tiertransporte und zahlreiche Formen der Ausbeutung. Ob man ihre politischen Ansichten teilt oder nicht – ihr Engagement für Tiere ist unbestritten. Tausende Tiere verdanken ihrer Beharrlichkeit Schutz, Aufmerksamkeit oder schlicht eine zweite Chance. Manchmal verändert eben nicht ein Gesetz die Welt, sondern eine Frau, die beschlossen hat, nicht mehr wegzusehen.
Tierische Promis
Neben notre petit Paul gibt es auch noch andere Tiere, die es in Frankreich zu Berühmtheit geschafft haben. Da war zum Beispiel das berühmte Nashorn von König Ludwig XV., eine der großen Attraktionen der Menagerie von Versailles. Es war ein Geschenk aus Indien und lockte Besucher und Naturforscher gleichermaßen an. Nach seinem Tod wurde sein Körper nach Paris gebracht, untersucht und präpariert. Sein Skelett ist heute noch im Muséum national d’Histoire naturelle zu sehen.

Oder Félicette, der nie der verdiente Ruhm zukam. Während nämlich alle Welt die sowjetische Hündin Laika kennt, gerät oft in Vergessenheit, dass die erste Katze im All eine Französin war: Félicette. 1963 wurde sie mit einer französischen Rakete ins All geschickt- und kehrte lebend zurück. Während der Belagerung von Paris 1870/71 wurden Brieftauben zu Nationalhelden. Sie transportierten Tausende Nachrichten in die eingeschlossene Stadt und retteten so die Kommunikation.
Frankreich ist vermutlich das einzige Land, in dem sogar ein Hahn Berühmtheit erlangen kann. Maurice hieß er und wurde verklagt, weil er krähte. Das Verfahren spaltete 2019 beinahe die Nation. Am Ende durfte Maurice weitermachen wie bisher. Manche Kommentatoren behaupten bis heute, sein Urteil sei das lauteste Kikeriki (oder Cokoriki) der französischen Justiz gewesen. Andere vermuten, der Hahn habe lediglich bewiesen, was notre petit Paul ohnehin weiß: Tiere lesen keine Hausordnungen.
Die hohen Tiere im Élysée
Auch der Élysée-Palast blieb nie tierfrei. Charles de Gaulle hatte einen Corgi namens Rasemotte, Georges Pompidou einen Labrador namens Jupiter. Valéry Giscard d’Estaing wiederum wurde mit seinen Hunden Jugurtha und Samba bekannt – Samba war ein schwarzer Labrador, den ihm die britische Königin Elisabeth II. schenkte.
Bei François Mitterrand hießen die Hunde Nil und Baltique, Jacques Chirac hatte zunächst Maskou und später den kleinen Bichon Sumo. Nicolas Sarkozy brachte gleich mehrere Hunde mit ins politische Leben: den Labrador Clara, den Mops Dumbledore und den Chihuahua Toumi. Die Hunde sorgten im Élysée offenbar nicht nur für Gesellschaft, sondern gelegentlich auch für kleinere Schäden am Mobiliar.

François Hollande bekam schließlich die schwarze Labradorhündin Philae geschenkt. Benannt wurde sie nach der Raumsonde, die 2014 auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko landete und damit selbst für einen Hund einen ziemlich hohen Anspruch an die Namensgebung setzte. Und dann kam Emmanuel Macron. Sein Nemo ist ein Labrador-Griffon-Mischling, den Macron 2017 aus einem Tierheim der SPA adoptierte. Benannt wurde er nach Kapitän Nemo aus Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“. Nemo hat inzwischen Staatsgäste begrüßt, Minister empfangen und bei offiziellen Terminen zuverlässig daran erinnert, dass auch im Élysée nicht alles nach Protokoll funktionieren muss.

Man könnte fast sagen: Frankreich hat nicht nur eine Präsidentengeschichte, sondern auch eine Geschichte der Präsidentenhunde. Und manchmal scheint der Hund dabei sogar die menschlichere Seite des Amtes zu verkörpern. Ein Hund kennt schließlich keine Verfassung, keine Umfragen und keine Koalitionsverträge. Er will nur wissen, wer ihn streichelt – und wann es etwas zu essen gibt.
Berliner Herrchen und Frauchen
Während französische Präsidentenhunde beinahe den Rang eines Staatssekretärs erreichen und regelmäßig den Élysée-Palast unsicher machen, gehen deutsche Politiker mit ihren tierischen Mitbewohnern meist deutlich zurückhaltender um. Vielleicht liegt es am preußischen Pflichtgefühl. Ein Hund, der während einer Kabinettssitzung laut schnarcht, würde vermutlich sofort einen Untersuchungsausschuss auslösen.

Angela Merkel bekannte mehrfach ihre Scheu vor Hunden – was Wladimir Putin einst bei einem Treffen mit bemerkenswert zweifelhafter Höflichkeit auszunutzen versuchte, als seine Labradorhündin Koni demonstrativ den Konferenzraum betrat. Weitere Tiergeschichten deutscher Bundeskanzler sind nicht wirklich bekannt. Überhaupt wirken deutsche Politiker im Vergleich zu ihren französischen Kollegen fast ein wenig protestantisch im Umgang mit Haustieren. Man liebt sie. Aber man macht selten großes Aufheben darum. Der Hund bekommt sein Leckerli, jedoch keine Pressekonferenz.
Vielleicht liegt genau darin der kleine Unterschied zwischen beiden Ländern: In Frankreich ist der Hund Teil der Familie, in Deutschland ist er ordentlich angemeldet – und sein Herrchen bezahlt sogar Hundesteuer. Übrigens hat notre petit Paul einen neuen Freund: Utopie, einen Dalmatiner, der im selben Treppenhaus sein Unwesen treibt. Mal sehen, welche Abenteuer wir mit Utopie erleben werden. Eine Frage bleibt nun noch offen: Welches Tier zieht wohl nächstes Jahr in den Elysée-Palast ein? Glaubt man den Umfragen, so könnte das eine ganze Katzenhorde sein: Jazz, Paluma, Chadé, Chalimar, Oural und Picolina, die Katzen von Marine le Pen.
Der Autor

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. Vor wenigen Tagen erschien sein Buch „Cokoriki: Beobachtungen eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch.
