Zeitzeugen:
Die Jugend zeigt den Weg

Zeitzeugen: Die Jugend zeigt den Weg
  • VeröffentlichtNovember 2, 2026
Als deutsch-französisches Paar machten Beate und Serge Klarsfeld die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu einer gemeinsamen Lebensaufgabe (Copyright: Alamy)
Als deutsch-französisches Paar machten Beate und Serge Klarsfeld die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu einer gemeinsamen Lebensaufgabe (Copyright: Alamy)

Für Beate und Serge Klarsfeld bedeutete deutsch-französische Verständigung auch, sich der NS-Vergangenheit zu stellen. Ihr gemeinsames Engagement reicht über sechs Jahrzehnte zurück – die junge Generation spielt darin bis heute eine besondere Rolle.

 

dokdoc: Sie begegnen sich 1960 in Paris: Beate, eine junge Deutsche aus Berlin, und Serge, ein französischer Jude, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde. Wie konnte aus diesen so unterschiedlichen Erfahrungen ein gemeinsames Engagement entstehen?

 

Serge Klarsfeld: Unsere Familiengeschichten waren sehr verschieden. Am 30. September 1943 kam die Gestapo zu uns nach Nizza. Mein Vater hatte in unserer Wohnung ein Versteck gebaut. Meine Mutter, meine Schwester und ich konnten uns dort verbergen. Mein Vater blieb zurück. Er wurde verhaftet, deportiert und in Auschwitz ermordet. Ich vermied es deshalb zunächst, nach Deutschland zu gehen. Beates Vater dagegen hatte während des Krieges als Soldat gedient. In ihrer Familie sprach man nicht über die Zeit von 1933 bis 1945, sondern über den Wiederaufbau und die Nachkriegszeit. Aber Beate hatte einen kritischen Geist. Das war entscheidend.

 

dokdoc: Frau Klarsfeld, 1964 befragten Sie für einen Beitrag hundert deutsche Au-pairs in Paris. Was wollten Sie herausfinden?

 

Beate Klarsfeld: Mich interessierte, wer diese jungen Frauen waren, weshalb sie Frankreich gewählt hatten und was sie sich davon versprachen. Viele wollten Französisch lernen oder ihre Sprachkenntnisse verbessern, andere Frankreich kennenlernen. Von den hundert Befragten hatten achtzig Kontakte zu Franzosen. Dabei zeigte sich deutlich, welche Rolle die Sprache spielte: Von denen, die gut Französisch sprachen, hatten alle Kontakte zu Franzosen. Die jungen Deutschen kannten Frankreich im Allgemeinen besser als die jungen Franzosen Deutschland. Viele der Au-pairs hatten kein Abitur und nicht dieselben Möglichkeiten wie Studierende. Gerade sie durfte man nicht vergessen. Sie brauchten Sprachunterricht, Informationen und vor allem Gelegenheiten, Kontakte zu jungen Franzosen aufzubauen.

 

dokdoc: Ihren Beitrag über die jungen Deutschen in Paris überschrieben Sie mit „Die Jugend zeigt den Weg“. Wenige Jahre später begannen Sie, sich intensiv mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Bundesrepublik auseinanderzusetzen. Wie kam es dazu?

 

Serge Klarsfeld: Mit Kurt Georg Kiesinger stellte sich die Frage nach der nationalsozialistischen Vergangenheit der Bundesrepublik ganz konkret. Wir begannen, ein Dossier über ihn zusammenzustellen und zu dokumentieren, was er während des Krieges getan hatte.

 

Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (Mitte) bei einem öffentlichen Auftritt. Seine NS-Vergangenheit wurde Ende der 1960er-Jahre zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte (Copyright: Wikimedia Commons)
Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (Mitte) bei einem öffentlichen Auftritt. Seine NS-Vergangenheit wurde Ende der 1960er-Jahre zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Das Problem bestand darin, dass es damals für viele Menschen normal erschien, dass ehemalige Nationalsozialisten wieder wichtige Positionen in der deutschen Gesellschaft einnahmen. Dagegen richtete sich unser Engagement.

 

dokdoc: Frau Klarsfeld, 1968 ohrfeigten Sie Kiesinger auf dem CDU-Parteitag in Berlin. Warum?

 

Beate Klarsfeld: Die Presse und die Abgeordneten des Bundestages reagierten nicht. Da beschlossen wir, anders vorzugehen. Man kann protestieren oder spektakuläre Aktionen unternehmen. Zunächst unterbrach ich Kiesinger bei einer Rede im Bundestag. Danach begann die Presse über seine Vergangenheit zu berichten. Als die CDU im November 1968 ihren Parteitag in West-Berlin abhielt, sagte ich mir: Das ist die Gelegenheit, ihn zu ohrfeigen. Es war eine symbolische Aktion.

 

dokdoc: Sie wurden noch am selben Tag zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

 

Beate Klarsfeld: Ja. Das Urteil wurde allerdings nicht rechtskräftig. Im Berufungsverfahren wurde ich später zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt.

 

dokdoc: Herr Klarsfeld, warum wurde danach Ernst Achenbach zu einer entscheidenden Figur?

 

Serge Klarsfeld: Achenbach war während der Besatzung Leiter der politischen Abteilung der deutschen Botschaft in Paris gewesen. Als wir erfuhren, dass er 1970 deutscher Kommissar bei der Europäischen Kommission in Brüssel werden sollte, begannen wir sofort, an seinem Dossier zu arbeiten. Wir sammelten genügend Dokumente, um seine Rolle während der Besatzung zu belegen.

 

Ernst Achenbach setzte seine politische Karriere nach 1945 im Bundestag und im Europäischen Parlament fort. Seine Berufung zum EWG-Kommissar scheiterte 1970 auch infolge der Recherchen von Beate und Serge Klarsfeld (Copyright: Communautés européennes 1975)
Ernst Achenbach setzte seine politische Karriere nach 1945 im Bundestag und im Europäischen Parlament fort. Seine Berufung zum EWG-Kommissar scheiterte 1970 auch infolge der Recherchen von Beate und Serge Klarsfeld (Copyright: Communautés européennes 1975)

 

Beate fuhr mit dem Dossier nach Brüssel, in die Niederlande und nach Deutschland. Schließlich wurde Achenbachs Kandidatur zurückgenommen. Während wir an seinem Dossier arbeiteten, stießen wir auf Dokumente, die Achenbach mit den Verantwortlichen der deutschen Polizei in Frankreich in Verbindung brachten, darunter Herbert Hagen und Kurt Lischka. Damit stellte sich für uns die Frage nach den NS-Verbrechern, die in Frankreich tätig gewesen waren und in Deutschland bis dahin praktisch völlige Straflosigkeit genossen.

 

dokdoc: Aus der Auseinandersetzung mit Achenbach entstand also der Kampf um die Strafverfolgung von Lischka und Hagen. Was wollten Sie erreichen?

 

Serge Klarsfeld: Wir wollten einen Prozess. Uns beschäftigte vor allem, dass diese Männer in Deutschland ganz respektabel lebten und zum Teil wichtige Funktionen innehatten. Das war für uns wesentlich. Deutschland war das Land, mit dem wir lebten und mit dem wir uns auseinandersetzen mussten. Wir griffen deshalb auch zu spektakulären und illegalen Aktionen. Entscheidend war für uns, die Straflosigkeit sichtbar zu machen und schließlich einen Prozess zu erreichen.

 

dokdoc: 1980 wurden Kurt Lischka, Herbert Hagen und Ernst Heinrichsohn in Köln zu Haftstrafen verurteilt. Veränderte dieser Prozess auch den Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

 

Serge Klarsfeld: Die Justiz führte uns zur Erinnerung. Ich habe nie ein Buch über die Täter geschrieben. Natürlich kommen die Täter in meinen Büchern vor, aber im Mittelpunkt stehen die Opfer. Über Barbie sind Dutzende Bücher erschienen; ich habe ein Buch über die Kinder von Izieu veröffentlicht. Wozu dient die Arbeit der Justiz, wenn sie nicht von der Erinnerung an die Opfer getragen wird? Man muss zeigen, wie die Ereignisse abliefen, die Dokumente zusammentragen, die Namen nennen und – bei den Kindern – ihre Lebensdaten, ihre Gesichter und ihre Geschichten wiederfinden.

 

dokdoc: Einer der bekanntesten Fälle war Klaus Barbie. Als Gestapo-Chef in Lyon war er auch für die Razzia von Izieu verantwortlich, bei der im April 1944 44 jüdische Kinder und sieben Erwachsene aus dem Kinderheim verhaftet und deportiert wurden. Wie fanden Sie ihn?

 

Serge Klarsfeld: Wir arbeiteten mit Dokumenten, Fotografien und Personenstandsdaten. Barbie lebte in Südamerika unter dem Namen Klaus Altmann. Als wir die Informationen über Barbie und Altmann miteinander verglichen, wurde deutlich, dass es sich um denselben Mann handelte.

 

Klaus Barbie im Januar 1972 auf der Plaza San Martín in Lima. In Südamerika lebte er unter dem Namen Klaus Altmann (Copyright: Wikimedia Commons)
Klaus Barbie im Januar 1972 auf der Plaza San Martín in Lima. In Südamerika lebte er unter dem Namen Klaus Altmann (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Beate flog mit den gesammelten Beweisen nach Peru. Als Barbie erfuhr, dass sie unterwegs war, ging er nach Bolivien, wo er sich sicherer fühlte, weil es kein Auslieferungsabkommen mit Frankreich gab. Beate folgte ihm und machte den Fall dort öffentlich. Für uns ging es besonders um die Kinder von Izieu. Deshalb konnte Barbie nicht straflos bleiben.

 

dokdoc: Frau Klarsfeld, Ihr Engagement führte Sie immer wieder nach Südamerika und in den Nahen Osten. Wofür setzten Sie sich dort ein?

 

Beate Klarsfeld: Meine Aktionen in Südamerika waren ebenfalls gefährlich. 1977 protestierte ich in Argentinien gegen Antisemitismus und das Verschwindenlassen von Menschen unter der Militärdiktatur. Auch in arabischen Ländern zeigte ich meine Solidarität mit Israel. Während arabischer Gipfeltreffen demonstrierte ich für das Existenzrecht und die Sicherheit Israels und wurde dabei festgenommen. Zugleich setzte ich mich für die Rechte der Juden ein, die in arabischen Ländern verfolgt wurden.

 

dokdoc: 1986 führte Sie Ihr Engagement auch nach Österreich. Sie protestierten gegen die Kandidatur Kurt Waldheims für das Amt des Bundespräsidenten. Warum?

 

Beate Klarsfeld: Von Anfang an wandte ich mich gegen Waldheims Kandidatur für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten. Dokumente über seine Zeit als Wehrmachtsoffizier in Saloniki waren bekannt geworden.

 

Bevor er 1986 österreichischer Bundespräsident wurde, war Kurt Waldheim UN-Generalsekretär (1972–1981). Die Enthüllungen über seine Wehrmachtsvergangenheit lösten internationale Proteste aus (Copyright: Wikimedia Commons)
Bevor er 1986 österreichischer Bundespräsident wurde, war Kurt Waldheim UN-Generalsekretär (1972–1981). Die Enthüllungen über seine Wehrmachtsvergangenheit lösten internationale Proteste aus (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Gemeinsam mit österreichischen jüdischen Organisationen führte ich eine Kampagne gegen seine Wahl und protestierte bei seinen Wahlkundgebungen. Waldheim wurde dennoch zum Bundespräsidenten gewählt. Danach protestierte ich auch bei seinen öffentlichen Auftritten im Ausland, unter anderem in Istanbul und Amman.

 

dokdoc: Bei all diesen Kämpfen engagierten Sie sich weiterhin gemeinsam als deutsch-französisches Paar. Welche Bedeutung hatte das für Sie?

 

Serge Klarsfeld: Beate und ich haben uns bei unseren jeweiligen Aufgaben immer gegenseitig unterstützt – sie als Deutsche, ich als französischer Jude. Für mich als Juden war dieses Engagement naheliegend. Für Beate als Deutsche war es etwas Außergewöhnliches. Sie wurde zu einer Pionierin der deutsch-jüdischen Beziehungen.

 

dokdoc: Frau Klarsfeld, 44 Jahre nachdem Sie Kiesinger geohrfeigt hatten, kandidierten Sie 2012 für das Amt der Bundespräsidentin. Was bedeutete Ihnen diese Kandidatur?

 

Beate Klarsfeld: Der Vorschlag, für das Amt der Bundespräsidentin zu kandidieren, war für mich eine große Ehre und eine Anerkennung meiner Arbeit. Ich bin Deutsche. Dass man mich in Deutschland lange nicht ehrte, empfand ich als beschämend. Dass man mich nun mit dieser Kandidatur ehrte, war für mich eine Satisfaktion.

 

dokdoc: 2020, mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wandten Sie sich in einem gemeinsamen Gespräch an die junge Generation. Was wollten Sie ihr mitgeben?

 

Serge Klarsfeld: Die Europäische Union ist ein unglaublicher Erfolg. Sie hat den Frieden gesichert und die deutsch-französische Versöhnung ebenso ermöglicht wie die Versöhnung zwischen anderen Ländern und Völkern.

Erinnerung als europäische Aufgabe: Beate Klarsfeld spricht am 25. Januar 2017 bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Holocaust im Europäischen Parlament in Brüssel (Copyright: European Union 2017/EP)
Erinnerung als europäische Aufgabe: Beate Klarsfeld spricht am 25. Januar 2017 bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Holocaust im Europäischen Parlament in Brüssel (Copyright: European Union 2017/EP)

 

Aber dieser Frieden ist nicht selbstverständlich. Er wird immer wieder infrage gestellt, und deshalb müssen wir ihn verteidigen.

 

dokdoc: Im August 2022 hielten Sie vor den Studierenden von Sciences Po die Eröffnungsvorlesung zum neuen Studienjahr. Dabei blickten Sie auf mehr als sechs Jahrzehnte gemeinsamen Lebens und Engagements mit Serge Klarsfeld zurück. Was war Ihnen dabei besonders wichtig?

 

Beate Klarsfeld: 62 Jahre nach unserer Begegnung ist derselbe Mann noch immer an meiner Seite. Ich bin in die Geschichte eingegangen, weil ich einen Bundeskanzler geohrfeigt habe, der ein Propagandist Hitlers gewesen war; weil wir in Deutschland die wichtigsten Verantwortlichen für die „Endlösung“ in Frankreich vor Gericht gebracht haben; weil wir Klaus Barbie aufgespürt und identifiziert haben; weil ich vor Ort gegen Diktatoren in Südamerika und im Nahen Osten protestiert habe. Überall auf der Welt habe ich versucht, ein anderes Deutschland zu vertreten.

 

dokdoc: Sie sprachen aber nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch darüber, wofür Sie sich engagieren würden, wenn Sie heute noch einmal zwanzig Jahre alt wären. Was wäre Ihnen wichtig?

 

Beate Klarsfeld: Ich würde mich für die Stärkung der Europäischen Union einsetzen, für den Schutz unseres Planeten, der Umwelt und der Tierwelt, für die Verringerung wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheiten und für die Achtung der Menschenrechte in der ganzen Welt.

 

dokdoc: Im Mai 2024 zeichnete Emmanuel Macron Sie beide in Berlin aus: Serge Klarsfeld mit dem Großkreuz, Beate Klarsfeld als Großoffizierin der Ehrenlegion. Der Staatspräsident würdigte dabei auch Ihre gemeinsame Geschichte: Sie als Paar verkörperten den Weg, den Frankreich und Deutschland über Jahrzehnte gemeinsam zurückgelegt hätten. Was hat Sie in Ihrem gemeinsamen Engagement so stark gemacht?

 

Serge Klarsfeld: Zusammen sind wir stark. Beate verdankt mir viel, und ich verdanke ihr noch viel mehr.

 

Im Mai 2024 würdigte Präsident Emmanuel Macron in der französischen Botschaft in Berlin das jahrzehntelange Engagement von Beate und Serge Klarsfeld (Copyright: Serge und Beate Klarsfeld)
Im Mai 2024 würdigte Präsident Emmanuel Macron in der französischen Botschaft in Berlin das jahrzehntelange Engagement von Beate und Serge Klarsfeld (Copyright: Serge und Beate Klarsfeld)

 

Auch heute bleibt die Begegnung mit jungen Menschen ein wichtiger Teil des Engagements der Klarsfelds. Bereits 1964 hatte Beate Klarsfeld einen Beitrag über junge Deutsche in Paris mit „Die Jugend zeigt den Weg“ überschrieben. Fast sechs Jahrzehnte später richtete sie bei Sciences Po einen eindringlichen Appell an die Studierenden: „Für die unvorhersehbare und gefährliche Zukunft, die vor euch liegt, habe ich keine Lösungen. Findet sie selbst, sonst werden sie euch aufgezwungen.“

 

Dieses Interview entstand im Rahmen des von der Otto Wolff Stiftung geförderten Projekts „Zeitzeug*innen digital. Erinnerungen, Erfahrungen und Perspektiven der deutsch-französischen Verständigung“

 

Unsere Gäste

Beate Klarsfeld, 1939 in Berlin geboren, ist Publizistin und wurde vor allem durch ihre Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger bekannt. Serge Klarsfeld, 1935 in Bukarest geboren, ist Rechtsanwalt und Historiker. Gemeinsam kämpften sie über Jahrzehnte für die Strafverfolgung von NS-Verbrechern und die Erinnerung an die Opfer der Shoah.

 

In Kooperation mit der

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