DZ Mafia:
„Man drückt ihnen mit 14 eine Kalaschnikow in die Hand“

Innerhalb von nur drei Jahren hat sich die DZ Mafia zum mächtigsten Drogenkartell Frankreichs entwickelt. Die Gruppe beseitigte zunächst ihren größten Rivalen, den Yoda-Clan, und weitete anschließend ihren Einfluss bis zu mehrere hundert Kilometer über Marseille aus. Ihr Markenzeichen: der skrupellose Einsatz extremer Gewalt.
Die Gang entstand Anfang 2023 auf einem klaren identitären Fundament. Ihr Name leitet sich vom arabischen Begriff „Dzayir“ für „Algerien“ ab und verweist auf die Herkunft der meisten ihrer Anführer. Der SIRASCO, der Nachrichtendienst der Polizeijustiz für strategische Analysen, spricht von einer „beispiellosen Vereinigung verschiedener Figuren des Marseiller Drogen- und Verbrechermilieus“.
Kurz nach ihrer Entstehung startete die DZ eine gnadenlose Säuberungsaktion gegen ihre Rivalen in Marseille, vor allem gegen den Yoda-Clan. Mit 49 Morden im Drogenmilieu verwandelte sich die Region Bouches-du-Rhône in ein regelrechtes Schlachtfeld. Der Machtkampf drehte sich schnell zugunsten des neuen Kartells. Von einem Massaker zum nächsten – oft unter unschuldigen Kollateralschäden – sicherte das Kartell die wichtigsten Drogenumschlagplätze. Doch Marseille zu beherrschen reichte dem Kartell nicht. Nachdem es die Stadt eingenommen hatte, suchte es nach neuen Absatzgebieten. „So entstanden die Metastasen überall“, erklärt Frédéric Ploquin, Experte für Schwerkriminalität, im Gespräch mit dem Autor.
In alle Richtungen
In einer vertraulichen Lageeinschätzung vom 21. Juli 2025, die uns vorliegt, liefert der SIRASCO eine detaillierte Übersicht über die „nationale Ausdehnung der organisierten Kriminalität aus Marseille“. Das Dokument macht deutlich: Innerhalb von weniger als drei Jahren hat die DZ Mafia ihre Kontrolle weit über ihr historisches Kerngebiet hinaus ausgedehnt. Laut den Ermittlern ist die Gruppe nun nicht nur in den benachbarten Départements der Bouches-du-Rhône (Var, Alpes-Maritimes, Hérault, Gard) präsent. Sie ist auch in Städten wie Toulouse, Dijon, Clermont-Ferrand, Nantes und der Metropolregion Lyon „vertreten“. Es wird zudem „vermutet“, dass sie im Vaucluse, in der Drôme, Isère, den Hauts-de-Seine und auf Korsika aktiv ist.

Die Expansionsstrategie der DZ Mafia verläuft auf mehreren Ebenen. Manchmal erobert sie neue Gebiete direkt, verdrängt lokale Gruppen und installiert eigene „Truppen“ – etwa in Villeurbanne und Clermont-Ferrand. In der auvergnatischen Hauptstadt nutzte die Gruppe die Zerschlagung tschetschenischer Netzwerke, um eine Offensive zu starten: Marseiller setzten sich zunächst auf einen Drogenumschlagplatz fest und strebten wenig später einen zweiten an – offenbar unter der Leitung von zwei Inhaftierten, darunter „Mamine“, einer der Bosse der DZ. Laut SIRASCO koordinierte das Duo mutmaßlich „gewalttätige Aktionen aus der Ferne“, um die Marseiller Netzwerke dauerhaft in Clermont-Ferrand zu etablieren. Die Folge war eine Serie von Racheakten, die innerhalb von nur sechs Monaten zu vier Morden führten.
Manchmal setzt die DZ Mafia auf Allianzen mit lokalen Dealern. Wie ein Dienstleister bietet sie Schutz, Arbeitskräfte, Drogen, Waffen oder sogar schlüsselfertige Gewaltaktionen – gegen Bezahlung, entweder pauschal oder prozentual am Umsatz. Wer nicht zahlt, muss mit drastischen Konsequenzen rechnen. Ein besonders deutliches Beispiel liefert Dijon.
Die DZ etablierte sich dort bereits 2023, nachdem lokale Netzwerke sich unterordneten. Dies stieß auf Widerstand eines der mächtigsten burgundischen Clans, woraufhin es zu Schießereien kam; Schließlich wurde ein Abkommen zwischen Marseillern und Dijonnais geschlossen. Der Staatsanwalt von Dijon geht vorsichtig mit dem Thema um: „Wir hatten Taten, die im Namen der DZ Mafia begangen wurden, und Anfang 2024 Verdächtige aus Marseille und dem Rhônetal festgenommen“, erklärt Olivier Caracotch. „All dies deutet auf eine Präsenz der Gruppe hin, ist jedoch noch nicht vollständig nachgewiesen.“
„Hier wird geschossen“
Überall, wo die DZ Mafia auftaucht, fließt Blut. „Sie haben extreme Gewalt zur Methode und sogar zur Kultur gemacht. Nicht diskutieren, schießen“, erklärt Frédéric Ploquin. Das von den Marseillern bis ins Extrem getriebene Credo spiegelt einen allgemeinen Trend wider. In einem weiteren internen SIRASCO-Papier von Mai 2025 wird die „heimliche Ausbreitung organisierter Kriminalität in ganz Frankreich“ als besorgniserregend bewertet. Konkrete Zahlen belegen es: Zwischen 2021 und 2024 stieg die Zahl der Morde und Mordversuche unter Kriminellen – vor allem unter Drogendealern – um 33 %. Die Zahl der betroffenen Gemeinden nahm von 144 auf 173 zu.

Das Phänomen beschränkt sich längst nicht mehr auf die klassischen Stadtzentren. Inzwischen sind auch kleine und mittlere Städte betroffen, die zuvor verschont geblieben waren, darunter Châteauroux, Nevers, Montargis, Alençon, Saumur, Niort und Saint-Lô. „Die strukturierten Gruppen wie die DZ kennen die Karte Frankreichs genau. Sie wissen, wo die Polizeipräsenz schwach vertreten ist, und nutzen diese Lücken sofort aus, während die Behörden nur hinterherkommen. Wie Narcos im TGV, während der Staat in der Regionalbahn fährt“, veranschaulicht Ploquin.
Mit 14 an vorderster Front
Die DZ Mafia verfügt über enorme Drogenmengen und verfolgt eine äußerst effiziente Rekrutierungsstrategie. Über soziale Netzwerke schaltet sie detaillierte Anzeigen, in denen gesuchte Profile, Bezahlung – bis zu 150 Euro pro Tag für einen Beobachter, 300 Euro für einen Verkäufer – sowie Sachleistungen wie Unterkunft und Verpflegung aufgeführt sind. „Das macht sie in ganz Frankreich extrem attraktiv. Sie locken junge Leute, mitunter erst 13, 14 oder 15 Jahre alt, mit einer Mischung aus Faszination und Angst“, erklärt Ploquin. Diese Rekruten werden an vorderster Front eingesetzt und können über Nacht, ohne Erfahrung, eine Kalaschnikow in die Hand gedrückt bekommen. Gleichzeitig setzt die DZ auf eine Strategie der Unübersichtlichkeit: keine starre Pyramidenstruktur, kein festes Organigramm, keine klar identifizierbaren Anführer – ein Vorteil, um Festnahmen ranghoher Mitglieder abzufedern und flexibel neue Allianzen einzugehen.
Ist die Schlacht schon verloren?
Die DZ Mafia verfügt über enorme personelle, materielle und finanzielle Ressourcen, um ihre Hegemonie auszubauen. Der SIRASCO warnt: „Sie stellen eine wachsende Bedrohung für die Behörden dar, mit zunehmender Einschüchterung, Korruption und Gewalt gegenüber Vertretern des Staates“ – Richter, Anwälte, Polizisten und Justizvollzugsbeamte eingeschlossen. „Die Ausbreitung wird sich weiter verstärken. Selbst das ländliche Frankreich ist nicht mehr sicher“, prognostiziert Ploquin. Besonders besorgniserregend sei die „Explosion der Kokainproduktion, die südamerikanische Lieferanten näher zu distributiven Kartellen wie der DZ Mafia bringt“. Das könnte „die Summen und damit die Zahl der Racheakte weiter steigen lassen“.
Die Behörden bleiben jedoch wachsam: Laut Le Parisien wurden bis Anfang Oktober 2025 fast 1.000 Verdächtige festgenommen, die Hälfte sitzt inzwischen in Haft – darunter mehrere Führungskräfte in einem neuen Hochsicherheitsgefängnis in Vendin-le-Vieil. 150 Ermittlungen laufen noch. Ende September 2025 gelang italienisch-französischen Ermittlern zudem die Zerschlagung eines internationalen Geldwäschenetzes, das nach Schätzungen der Polizei über 30 Millionen Euro Bargeld der DZ in Goldbarren umwandelte. „Die Polizei hat die Hauptwäscherei der DZ einfach zerstört“, so Ploquin. Bereits in seiner Analyse vom Juli 2025 hob der SIRASCO die „Resilienz“ des Marseiller Kartells hervor. Wird der Oktopus erneut mutieren und zurückschlagen?
Der Autor

Stéphane Barnoin, Absolvent der École supérieure de journalisme in Lille, begann seine journalistische Laufbahn als Reporter bei Radio France (2004–2006) und wechselte anschließend zu Europe 1 (2006–2012). Seit 2012 arbeitet er beim regionalen Presseverband Centre France – La Montagne in Clermont-Ferrand, seit 2019 im Bereich nationale und internationale Nachrichten.
