Rüstungsprojekte:
FCAS und MGCS – selbes Schicksal?

Die deutsch-französische Verteidigungskooperation gerät ins Stocken. Industrielle Rivalitäten prallen auf unterschiedliche politische Prioritäten. Droht den großen Prestigeprojekten das Aus? Léo Péria-Peigné analysiert für dokdoc.eu die Spannungen hinter den Kulissen.
In den 2010er-Jahren wurden mehrere deutsch-französische Rüstungskooperationsprojekte auf den Weg gebracht. Der Brexit verlieh dieser Dynamik zusätzlichen Schub: Die traditionell engen sicherheits- und rüstungspolitischen Verflechtungen zwischen Paris und London lockerten sich, während die Achse Paris-Berlin an Gewicht gewann. Diese Entwicklung vollzog sich in einer Phase begrenzter Verteidigungsinvestitionen: Die knappen Haushaltsmittel förderten die Bereitschaft, Ressourcen zu bündeln und Fähigkeiten gemeinsam zu entwickeln.
Große Ambitionen…
Zu den in diesem Jahrzehnt angestoßenen Projekten zählen insbesondere:
- CIFS (Common Indirect Fire System): Ein zu Beginn der 2010er-Jahre gestartetes Kooperationsprojekt, das KNDS France und KNDS Deutschland zusammenführen sollte. Ziel war es, einen gemeinsamen operativen Bedarf im Bereich der Artillerie – sowohl Rohr- als auch Raketenartillerie – zu identifizieren und bis 2040 eine gemeinsame Lösung zu entwickeln.
- MGCS (Main Ground Combat System): Ein Gefechtsverbundsystem der nächsten Generation, dessen Kern ein neuer Kampfpanzer bildet – das dritte deutsch-französische Projekt dieser Art. Es soll die Integration von KNDS (entstanden aus Krauss-Maffei Wegmann und Nexter) weiter festigen und ab 2035 die deutschen Leopard-2-Panzer sowie die französischen Leclerc ersetzen.
- MAWS (Maritime Airborne Warfare System): Ein 2018 gestartetes Kooperationsprogramm unter Beteiligung von Thales und Hensoldt. Ziel war die Entwicklung eines gemeinsamen Seefernaufklärungsflugzeugs als Ersatz für die französischen Atlantique 2 und die deutschen P-3C Orion.
- FCAS (Future Combat Air System): Ein 2017 gestartetes trilaterales Projekt zwischen Frankreich (Dassault Aviation, Thales), Deutschland (Airbus Defence and Space, MTU Aero Engines) und Spanien (Airbus España, Indra Sistemas). Ziel ist die Entwicklung eines Luftkampfsystems der nächsten Generation, das aus einem Kampfflugzeug, einer „Combat Cloud“ und begleitenden Drohnen (Loyal Wingmen) besteht.
Im Januar 2019 wurden diese Programme durch den Vertrag von Aachen politisch verankert. Heute stehen sie jedoch entweder vor großen Schwierigkeiten oder wurden bereits vollständig eingestellt – zum Teil noch vor Ausbruch des Ukrainekriegs und der Verabschiedung des Sondervermögens. Letzteres hat die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Partnern tiefgreifend verändert und auch die Definition ihrer jeweiligen operativen Bedürfnisse neu geprägt.
…die aber schwer vereinbar mit der Realität sind
Das CIFS, das älteste dieser Vorhaben, wurde bereits vor 2022 – aus nur schwer nachvollziehbaren Gründen – auf die Zeit nach 2045 verschoben. Die Festlegung einer gemeinsamen Agenda dürfte gescheitert sein. Beide Seiten verfolgen inzwischen eigene Wege: Frankreich mit dem CAESAR NG, Deutschland mit der Panzerhaubitze 2000 und ihrem möglichen Nachfolger RCH 155. Eine koordinierte Initiative im Bereich der Raketenartillerie hätte dennoch nahegelegen, da beide Länder weiterhin auf veraltete M270 MLRS-Systeme angewiesen sind. Eine europäische Lösung ist bislang nicht in Sicht, weshalb die EU zunehmend auf außereuropäische Systeme zurückgreift.

Während das CIFS weitgehend still auslief, endete das Maritime Airborne Warfare System (MAWS) abrupt – mit spürbaren Folgen für die bilateralen Beziehungen. Die Zeitpläne der deutschen und französischen Marine ließen sich nie vollständig aufeinander abstimmen, da die deutsche Marine ihre Flugzeuge früher ersetzen musste. Frankreich schlug zwar Übergangslösungen vor; Berlin entschied sich jedoch 2021 für die Beschaffung amerikanischer Maschinen und setzte das Kooperationsprojekt damit faktisch außer Kraft. Paris wiederum wählte eine nationale Lösung und deckt seinen Bedarf über Airbus.
Die symbolträchtigen Programme FCAS und MGCS bestehen formal weiterhin, stehen jedoch zunehmend vor Problemen. FCAS leidet unter der tief verwurzelten Rivalität zwischen Dassault und Airbus, die bis zu dem Versuch von Airbus zurückreicht, Dassault zu übernehmen (Anfang der 2000er-Jahre). Das MGCS hingegen startete auf stabilerer Grundlage: Es sollte die Fusion von KMW und Nexter innerhalb von KNDS mit Leben füllen und erstmals ein gemeinsames Großsystem entwickeln – das erste Produkt eines neuen deutsch-französischen Portfolios. Die 2018 vereinbarte Arbeitsteilung erschien sinnvoll: Nexter übernahm Turm und Bewaffnung, KMW steuerte seine Expertise im Bereich Mobilität bei.
Zunehmende Asymmetrie
Diese Konstellation geriet jedoch ins Wanken, als Rheinmetall 2019 auf Druck des Bundestages in das Projekt aufgenommen wurde. Dadurch entstand eine Kompetenzüberlappung im Bereich der Hauptbewaffnung, da Rheinmetall über umfangreiche Expertise verfügt – in direkter Konkurrenz zu Nexter. Der Streit um das Kaliber der Hauptwaffe (140 mm nach französischem, 130 mm nach deutschem Konzept) führte schließlich zur Vertagung der Entscheidung. Derzeit wird sogar die Möglichkeit einer Plattform erwogen, die beide Kaliber aufnehmen könnte.

Zugleich verlor das ursprünglich paritätische Modell seine Balance, sodass die Aufteilung der Arbeitsanteile zwischen den Partnern neu geregelt werden musste. Schließlich einigte man sich auf eine Drittelung zwischen den drei Partnern, wobei KNDS zugesichert wurde, 50 % der Systemproduktion zu erhalten. Damit sollte das binationale Gleichgewicht gewahrt bleiben. Die Motive Rheinmetalls bleiben indes umstritten: Beobachter vermuten, dass das Düsseldorfer Unternehmen das Projekt gezielt schwächen wollte, um Berlin stärker auf ein nationales Programm zu fokussieren. Die Präsentation des eigenen Kampfpanzers KF 51 Panther auf der Eurosatory 2022 verstärkte diesen Eindruck zusätzlich. Insgesamt leidet das MGCS unter einer wachsenden Asymmetrie zwischen Paris und Berlin, die durch die deutsche Aufrüstungswende seit 2022 weiter verstärkt wurde.
Frankreich im Verzug
Seit dem Produktionsende des Leclerc im Jahr 2008 hat Frankreich keinen Kampfpanzer mehr gefertigt und seit über 30 Jahren kein neues Kettenfahrgestell entwickelt. Deutschland hingegen konnte die Produktion des Leopard 2 fortführen und schrittweise modernisieren. Damit blieb eine Kernkompetenz entlang der gesamten Systemproduktion erhalten – während Frankreich im Bereich Fahrgestell und Antrieb Know-how eingebüßt hat. Entsprechend steht Paris inzwischen unter erheblichem Druck, während Berlin deutlich mehr zeitlichen und industriellen Spielraum besitzt.

Hinzu kommt, dass die meisten Kooperationsprogramme in einer Phase moderat steigender Verteidigungshaushalte konzipiert wurden – eine Situation, die heute der Vergangenheit angehört. Die seit 2022 stark wachsenden deutschen Verteidigungsausgaben haben die Kräfteverhältnisse zu Gunsten Berlins verschoben. Frankreichs Mittel sind zudem auf zahlreiche, nicht klar priorisierte Vorhaben verteilt, wobei der Kampfpanzer nur eine nachrangige Rolle spielt. Deutschland hingegen konzentriert seine Mittel auf den Aufbau einer konventionellen Streitmacht für den europäischen Kriegsschauplatz, mit entsprechend hoher Bindung von Ressourcen an schwere Landstreitkräfte.
Eine unvermeidliche Trennung?
Die Äußerungen von Friedrich Merz am 18. Februar 2026 markierten eine Beschleunigung des Entfremdungsprozesses. Merz’ Argumentation stützte sich darauf, dass der französische Bedarf an einem trägergestützten Flugzeug, das zum Einsatz der nationalen Nuklearwaffe befähigt ist, nicht dem deutschen Bedarf entspreche. Diese Aussagen fielen in eine Phase, in der Deutschland die aus seiner Sicht unzureichenden französischen Verteidigungsanstrengungen offen kritisierte. Fraglich bleibt jedoch die Aufrichtigkeit des Bundeskanzlers, da die französischen Spezifikationen seit Beginn des Programms bekannt waren. Sie jetzt als Begründung für ein Scheitern des Projekts anzuführen, wirkt vorgeschoben und dient in erster Linie dazu, das eigentliche Problem zu verschleiern: die strukturell konfliktträchtige industrielle Zusammenarbeit zwischen Airbus und Dassault Aviation, den beiden historischen Rivalen der europäischen Luftfahrtindustrie.
Auch die Reaktion des französischen Präsidenten ist diskussionswürdig: Emmanuel Macron erklärte, Frankreich könne seine Position zu MGCS überdenken, sollte Berlin das gemeinsame Flugzeugprojekt scheitern lassen. Frankreich ist allerdings bei MGCS stärker benachteiligt als bei FCAS, wo das Kräfteverhältnis ausgewogener bleibt. Zwar verfügt Frankreich über kritisches luftfahrttechnisches Know-how, leidet jedoch weiterhin unter begrenzten finanziellen Handlungsmöglichkeiten.
Eine komplexe Alchemie
Die Entwicklung eines gemeinsamen Waffensystems beruht auf einer komplexen ‚Alchemie‘ und lässt sich als Pyramide darstellen: An der Spitze steht die Politik als meist treibende Kraft, in der Mitte das Militär, dessen abgestimmte Anforderungen ein kohärentes und umsetzbares Pflichtenheft sicherstellen, und an der Basis die Industrie, deren Akteure sich über die Aufteilung und Umsetzung des Programms verständigen müssen. Es zeigt sich, dass der Aachener Vertrag dieses Gleichgewicht nie dauerhaft stabilisieren konnte. Die Einigung, die unter dem Tandem Macron-Merkel erzielt wurde, erscheint heute weit entfernt. Der Kanzler fühlt sich vermutlich nicht in gleicher Weise daran gebunden wie seine Vorgängerin. Das Militär hat sich, mehr oder weniger bereitwillig, den politischen Vorgaben angepasst, auch wenn die demonstrierte Kooperationsbereitschaft Spannungen überdecken dürfte, die dem öffentlichen Diskurs entzogen bleiben. Auf industrieller Ebene stehen FCAS und MGCS vor erheblichen Herausforderungen – letztere waren angesichts der bestehenden Konkurrenz zwischen den beteiligten Akteuren jedoch vorhersehbar.
Welche Alternativen?
Berlin und Paris mögen zwar immer deutlicher sagen, was sie nicht wollen, doch tragfähige Optionen gibt es kaum. Deutschland dürfte in der Lage sein, ein vollständig nationales MGCS zu entwickeln – einen Weg, den es bereits eingeschlagen hat –, während die Zukunft der französischen Panzerkomponente deutlich unsicherer, ja problematisch bleibt.

Bei FCAS gestaltet sich die Lage noch komplizierter. Deutschland verfügt zwar über die finanziellen Mittel, besitzt jedoch nicht die technologischen Fähigkeiten, um ein Programm dieser Größenordnung allein umzusetzen – zumindest mittelfristig. Das Global Combat Air Programme, ein konkurrierendes Projekt unter Leitung von London und Rom, scheint keinen zusätzlichen anspruchsvollen Partner aufnehmen zu wollen. Ein engeres Vorgehen mit Stockholm wäre zwar eine interessante Option, es würde jedoch nicht die grundlegende technologische Frage lösen: Schweden verfügt nur über einen Teil der Fähigkeiten, die Deutschland fehlen, insbesondere im Bereich der Antriebe – diese Fähigkeiten hingegen besitzt Frankreich.
Haushaltsinstabilität und die Verschlechterung der öffentlichen Finanzen drohen zudem, die Entwicklung einer Plattform neuer Generation zu behindern. Die Luft- und Raumfahrtstreitkräfte könnten gezwungen sein, auf ein Flugzeug der sechsten Generation zu verzichten – so wie sie bereits auf die fünfte Generation verzichten mussten. Die Anschaffung der F-35 durch Deutschland verringert die Beschränkungen teilweise und verschafft Berlin einen Handlungsspielraum, den Paris nicht hat.
Der Autor

Léo Péria-Peigné forscht am Centre des études de sécurité der Ifri, wo er am Observatoire des conflits futurs zur vorausschauenden Kapazitätsplanung im Bereich der Bewaffnung und zum Einsatz künftiger Waffensysteme arbeitet. Er beschäftigt sich zudem mit dem Einsatz konventioneller Waffen in asymmetrischen Konflikten, insbesondere in Afghanistan.
