Un p… de bordel:
Von Hugo, Shakespeare und Freudenhäusern

Es gibt wohl kaum ein Wort, das man im französischen Alltag häufiger hört als putain. Es passt scheinbar immer: bei Wut, Staunen, Begeisterung, Genervtheit – kurz, in jeder Lebenslage. Doch Vorsicht: Ganz so einfach ist es nicht. Cokoriki erklärt die feinen, manchmal anrüchigen Nuancen.
Als ich 1989, frisch vom Abitur, mein erstes Jahr in einer französischen Gastfamilie verbrachte, stieß mein rudimentäres Schulfranzösisch rasch an seine Grenzen. Das lag zum einen an meinem überschaubaren Wortschatz, zum anderen an Grammatikphänomenen, die in drei Jahren Französischunterricht naturgemäß noch nicht vorgekommen waren. Wirklich irritierend wurde es allerdings, wenn meine Gastfamilie Wörter benutzte, deren Bedeutung ich zu kennen glaubte – und deren Verwendung mich deshalb umso mehr überraschte, ja schockierte. Guillaume und Marc, die beiden Söhne, schienen pausenlos von Prostituierten zu sprechen. Ob sie wütend waren oder erstaunt, genervt oder begeistert – immer fiel dasselbe Wort: putain!
– Wut: Putain, c’est pas possible! – Das ist doch nicht möglich!
– Erstaunen: Putain, il a vraiment osé! – Hat er sich das wirklich getraut?!
– Genervtheit: Putain, j’en ai marre! – Ich hab echt die Schnauze voll.
– Begeisterung: Putain, trop bien! – Wie geil!
Ihre Eltern Sabine und André hingegen schienen eine besondere Vorliebe für die Arbeitsstätte der Prostituierten zu haben – so dachte ich zumindest. Regelmäßig bezeichneten sie die Zimmer ihrer Söhne als Freudenhäuser: Quel bordel, vos chambres! Und auch wenn die Jungen zu laut waren oder sich stritten, hieß es: Arrêtez ce bordel! Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass bordel hier keineswegs das deutsche Bordell meinte, sondern schlicht Chaos, Unordnung, Durcheinander. Nach ein paar Monaten benutzte ich dann putain und bordel selbst ganz selbstverständlich – als Interjektionen, automatisch, so gedankenlos wie im Deutschen ach, tja oder naja.
Das Parlament als Freudenhaus
Gedanken darüber machte ich mir erst wieder, als ich vor einigen Wochen Besuch aus Deutschland hatte. Wir saßen in einem Café und lauschten unfreiwillig dem Gespräch am Nachbartisch über die Haushaltsverhandlungen im französischen Parlament:
– „C’est un putain de bordel à l’Assemblée nationale!“, schimpfte einer der Diskutanten immer wieder.
Mein deutscher Besucher sah mich entsetzt an:
– „Putain? Bordel? Nationalversammlung? Arbeitest du nicht dort? Was ist denn da los?!“
Er war mit demselben Missverständnis konfrontiert wie ich damals – nur dass er mich nun um Aufklärung bitten konnte.
– „‚Putain‘ bedeutet hier so viel wie ‚verdammt‘, und bordel steht für Chaos“, erklärte ich. Damit war sein Wissensdurst gestillt.
Meiner hingegen war gerade erst geweckt. Woher kamen diese Wörter eigentlich? Wie hatten sie ihre heutige Bedeutung erlangt? Und wann begann diese bemerkenswerte semantische Abschwächung?

Es riecht übel
Putain ist ein sehr alter, durchweg negativer Begriff, den man in allen romanischen Sprachen findet. Er geht zurück auf das lateinische pūtidus (stinkend, faulig, übelriechend), abgeleitet von pūtere (faul sein, verdorben sein). Man sprach von de pute aire (von schlechter Herkunft) oder de pute afaire (von schlechtem Ruf). Es gab sogar ein Adverb: putement, „auf schändliche Weise“. Auch putois (das Stinktier) gehört zur dieser Wortfamilie. Zunächst war der Begriff also sehr allgemein besetzt. Er wurde dann zunehmend zu einer Bezeichnung für Prostituierte. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert setzte ein weiterer Wandel ein: putain wurde nicht mehr nur Schimpfwort, sondern auch Interjektion – emotional entkernt, aber expressiv aufgeladen.
Die Rolle von Victor Hugos Sohn
Immer wieder fallen im Zusammenhang mit putain die Namen Victor Hugo und William Shakespeare. Cokoriki hat genauer hingeschaut – und landet tatsächlich bei Victor Hugos Sohn François-Victor Hugo, dem offiziellen Übersetzer Shakespeares ins Französische.

François-Victor Hugo stand vor einem Dilemma: Einerseits wollte er Shakespeare treu bleiben, andererseits nicht gegen die Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts verstoßen. Seine Lösung: Sexuelle Beschimpfungen entschärfen, grobe Beleidigungen veredeln. Aus „You whore-son, impudent knave!” (Henry IV, Teil 1) wurde das vergleichsweise harmlose insolent vaurien. Der französische Shakespeare war daher deutlich sauberer als das englische Original. Entgegen hartnäckiger Legenden hat François-Victor Hugo putain also weder erfunden noch in die Literatursprache eingeführt – im Gegenteil: Er hat das Wort systematisch vermieden. Wahrscheinlich mit genau dem Effekt, den Verbote oft haben: Sie machen das Verbotene erst recht interessant.
Putain ist übrigens nicht nur Schimpfwort und Interjektion, sondern auch ein lokaler Identitätsmarker. Dem genervten Pariser entfährt ein knappes p’tin – das u wird vor Ärger gleich mit verschluckt. In Marseille hingegen nimmt man sich Zeit für den Vokal und ersetzt den nasal gespreizten Schluss durch ein sattes g: putaing!
Ein verpasstes Tor lässt den PSG-Fan p’tin rufen, den OM-Anhänger dagegen putaing.
Freudenhaus und Durcheinander
Bleibt noch le bordel, der Favorit meiner Gasteltern. Auch hier handelt es sich um eine klassische Bedeutungsabschwächung. Ursprünglich bezeichnete bordel tatsächlich ein Bordell, ein Freudenhaus. Das Wort geht auf das lateinische bordellum zurück, eine Verkleinerungsform von bord, vermutlich „kleines Haus“ oder „Hütte“. Dies befand sich meist am Stadtrand – au bord de la ville. Schon früh wurden Bordelle mit Lärm, Unordnung und ständigem Kommen und Gehen assoziiert. Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert löste sich der Begriff zunehmend vom konkreten Ort und bezeichnete allgemein einen Zustand der Unordnung: C’est le bordel dans ta chambre. Wie putain entwickelte sich schließlich auch bordel zur Interjektion: Bordel! J’ai raté le train! – Verdammt, Zug verpasst.
Manche Sprachwissenschaftler bieten noch eine alternative Etymologie an: Da es vor allem Seeleute waren, die Bordelle aufsuchten, könnte bordel vom englischen board stammen – der Planke, über die die Seeleute das Schiff verließen und wieder an Bord gingen. Belegt ist das nicht, hübsch klingt es allemal.
Na, lieber Leser: Ist es jetzt klarer? Oder herrscht in Ihrem Kopf ein verdammtes Durcheinander – un putain de bordel? Beide Begriffe kann man übrigens problemlos zusammen verwenden: putain wirkt hier adverbial und verstärkt das folgende Substantiv. Liegt nicht genau darin, wie so oft im Französischen, der ganze Reiz?
Der Autor

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.
