Deutsch-französische Beziehungen:
„Die deutsche Außen- und Europapolitik ist französischer geworden“

Euro-Bonds, „Buy European“, FCAS: Warum kommen Friedrich Merz und Emmanuel Macron bislang nicht zusammen? Ein Gespräch mit dem früheren deutschen Botschafter in Paris, Hans-Dieter Lucas.
dokdoc: Herr Botschafter, nach der Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler waren die Hoffnungen groß, dass Deutschland und Frankreich wieder zueinanderfinden. Nun zeigt sich jedoch: In zahlreichen grundlegenden Fragen sind sich beide Länder nicht nur uneinig, sondern offenbar auch nicht in der Lage, gemeinsam einen Weg zu finden. Wie blicken Sie darauf?
Hans-Dieter Lucas: Ich würde die Lage nicht so skeptisch bewerten. Zwar gibt es derzeit eine Reihe von Meinungsverschiedenheiten zwischen Paris und Berlin. Ich denke dabei an die Handelspolitik oder die Frage gemeinschaftlicher Verschuldung in der EU. Doch ist das keineswegs ein neues Phänomen. Betrachtet man das Gesamtbild, so zeigt sich, dass das Spektrum der Gemeinsamkeiten nach wie vor deutlich größer ist als unsere Differenzen. Besonders sichtbar wurde dies in den sehr substanziellen gemeinsamen Erklärungen des deutsch-französischen Ministerrates in Toulon, wo zahlreiche gemeinsame Projekte auf den Weg gebracht wurden, gerade auch im Bereich der Wirtschaft. Auch die jüngste Erklärung von Präsident Macron und Bundeskanzler Merz zur erstmaligen Einrichtung einer gemeinsamen nuklearen Steuerungsgruppe zeigt, dass Paris und Berlin auch in äußerst sensitiven Fragen handlungsfähig und handlungswillig sind. Das Fundament unserer bilateralen Beziehungen ist tragfähig und belastbar. Und genau auf dieser Grundlage muss es möglich sein, auch schwierige Fragen konstruktiv zu klären, gemeinsam und nicht gegeneinander zu handeln. Es tut Europa nicht gut, wenn sich Berlin und Paris in Brüssel in unterschiedlichen Lagern wiederfinden.

dokdoc: Die deutsch-französischen Beziehungen werden gerne dramatisiert – und das nicht nur in den Medien. Auf dem Höhepunkt der Entfremdung im Oktober 2022 schrieb Jacques Attali in seinem Blog, ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich sei wieder möglich. Warum rutschen so viele Analysten – und Politiker – immer wieder ins Emotionale und damit in einen Bereich, der nüchternes Urteilen erschwert? Warum geraten die Divergenzen so oft in den Fokus, während die Komplementaritäten kaum noch thematisiert werden?
Lucas: Diese Frage hat mich immer wieder beschäftigt. Ein Grund liegt in der Mechanik der medialen Welt: Probleme werden schnell vergrößert und zugespitzt dargestellt. Daneben gibt es zwei tieferliegende, spezifisch deutsch-französische Faktoren. Der erste betrifft die traditionell sehr hohe Erwartungshaltung an die deutsch-französische Zusammenarbeit. Wenn es in einzelnen Fragen nicht zu einer Einigung kommt und sich beide Länder nicht als „funktionierendes Paar“ präsentieren, fällt die Enttäuschung entsprechend groß aus – gerade, weil die Erwartungen grundsätzlich so hoch sind. Der zweite Grund hat mit der besonderen Nähe zwischen unseren Ländern zu tun. Diese enge Verbindung führt dazu, dass Meinungsverschiedenheiten viel stärker wahrgenommen werden als zwischen anderen Staaten. Sie erscheinen gleichsam wie unter einem Vergrößerungsglas. Unsere Nähe ist zweifellos ein großer Vorteil – aber es gibt auch so etwas wie ein „Problem der Nähe“. Deshalb sollten wir bei der Beurteilung der deutsch-französischen Beziehungen immer wieder einmal einen Schritt zurücktreten. Wir sollten uns nicht allzu sehr von den üblichen Wasserstandsmeldungen leiten lassen – nach dem Muster: Heute gut, morgen schwierig. Das erinnert bisweilen an einen Wetterbericht.
dokdoc: Emmanuel Macron hat seit 2017 immer wieder Vorschläge unterbreitet, wie Europa in einer multipolaren Welt zu einem handlungsfähigen Akteur werden kann. Eine konsistente Antwort aus Deutschland steht bis heute aus. Liegt es – zugespitzt formuliert – am Ende daran, dass Deutschland nichts zu sagen hat? Dass es seit Joschka Fischer keine konzeptionelle Vorstellung mehr von der Zukunft Europas gibt?
Lucas: Es ist richtig, dass uns die Sorbonne-Rede von Präsident Macron zunächst ein Stück weit sprachlos gemacht hat. Und möglicherweise trifft auch zu, dass auf deutscher Seite kein vergleichbar umfassendes Leitbild entwickelt wurde. Das hat vielleicht etwas mit dem Charakter deutscher Politik zu tun. Herfried Münkler hat einmal darauf hingewiesen, dass eine Besonderheit des deutschen politischen Systems in der Notwendigkeit besteht, Koalitionen zu bilden – mit dem inhärenten Zwang zur Konsensbildung. Diese Konsensorientierung steht der Formulierung großer Visionen im Grunde entgegen.

Auf der anderen Seite ist aber festzuhalten, dass Berlin das Macronsche Leitbild einer europäischen Souveränität im Sinne von Handlungsfähigkeit und größerer Selbstbestimmung weithin übernommen hat. Das hat auch die Rede des Bundeskanzlers bei der Münchner Sicherheitskonferenz gezeigt. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass die deutsche Außen- und Europapolitik seit dem 24. Februar 2022 französischer geworden ist. Man denke etwa an die verteidigungspolitische Zeitenwende.
dokdoc: Die USA fordern die EU heraus, setzen sie unter Druck und treiben einen Keil zwischen ihre Mitgliedstaaten. Merz hat sich gegenüber dem historischen Verbündeten rhetorisch zwar deutlich positioniert, wirkt jedoch wenig handlungsbereit, wenn es darauf ankommt. Jüngstes Beispiel: der Streit um Grönland und der französische Vorschlag, das Anti-Coercion-Instrument der EU, den sogenannten Handels-Bazooka, gegen die USA zu aktivieren. Der Bundeskanzler hat hier nicht mitgezogen. Wie weit muss Trump noch gehen, damit europäische Souveränität in Deutschland tatsächlich ernst genommen wird?
Lucas: Deutschland hat sich sehr klar positioniert gegenüber dem unerhörten Anspruch von Donald Trump, Grönland übernehmen zu wollen. Von Anfang an gab es eine große Solidarität der Europäer mit Dänemark und Grönland. Diese Solidarität zeigte sich in den klaren Ansagen der Mitgliedstaaten, aber auch der Europäischen Kommission, dass die Zölle wieder erhöht würden, sollte Trump an seinen Forderungen festhalten. Und Trump ist daraufhin relativ schnell eingeknickt. In der Diplomatie ist es manchmal wie in der Medizin: Man muss eine Balance finden zwischen der Schwere eines Eingriffs und dem gewünschten Effekt, aber auch den damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen.

Im Fall der Reaktion auf Trumps Grönland-Anspruch hat sich gezeigt, dass es nicht nötig war, mit der „Bazooka“ zu operieren. Ganz grundsätzlich hat die Bundesregierung dieses Instrument aber nicht ausgeschlossen – man hat zunächst versucht, mit der Androhung der Zölle einen Effekt zu erzielen, und genau das ist auch eingetreten.
dokdoc: Viele sehen in Trump eine Chance für Europa. Könnte der Rückzug des amerikanischen Hegemons am Ende jedoch nicht die alte Frage nach der Hegemonie in Europa neu aufwerfen? Dass Bundeskanzler Merz unmissverständlich einen deutschen Führungsanspruch formuliert, wird in Frankreich längst nicht von allen goutiert – angefangen bei den Rechtsextremen.
Lucas: Als größtes und reiches Land in der Mitte Europas trägt Deutschland eine besondere Mit-Verantwortung für die Zukunft der EU. Eine aktive deutsche Rolle liegt im Interesse der EU. Sie wird von unseren Partnern auch erwartet. Nicht im Sinne von „Germany Alone“ oder „Germany First“, sondern gemeinsam mit unseren europäischen Nachbarn und Freunden. Das ist auch das Selbstverständnis der Regierung Merz: Europa stärken – immer im Bewusstsein, dass dies nicht ohne Frankreich möglich ist.

Nicht ohne Grund bezieht sich Friedrich Merz oft auf Konrad Adenauer. Wir brauchen jetzt eine Art kollektiver Führung in und für Europa. Wir brauchen eine Koalition der Willigen – eine Gruppe fähiger und engagierter Staaten, die gemeinsam für ein starkes und leistungsfähiges Europa eintreten. Das gilt besonders für zentrale Themen wie Verteidigung und Wettbewerbsfähigkeit. Es ist Deutschlands Verantwortung, eine solche Koalition mit auf den Weg zu bringen. Das sollte niemanden besorgen. Im Gegenteil: Anlass zu großer Sorge wäre ein Deutschland ohne jegliche europäische Ambition.
dokdoc: Berlin und Rom sind in den vergangenen Wochen einander näher gerückt, während zwischen Frankreich und Italien derzeit dicke Luft herrscht. Wie könnte sich diese „Verschiebung“ kurzfristig auf die deutsch-französischen Beziehungen auswirken?
Lucas: Wir hatten vor einigen Wochen sehr erfolgreiche deutsch-italienische Regierungskonsultationen. Ich sehe das als Ausdruck einer längst überfälligen Wieder-Annäherung zwischen beiden Ländern. Italien ist die zweite Industrienation Europas und verfügt über eine handlungsfähige Regierung. Wir teilen mit Italien viele gemeinsame Interessen und Positionen. Das muss den deutsch-französischen Beziehungen keineswegs abträglich sein. Sie bleiben in vieler Hinsicht einzigartig, auch in ihrer Bedeutung für Europa. Es macht deshalb keinen Sinn, die deutsch-italienischen Beziehungen als Alternative zum „franco-allemand“ zu betrachten. Gleichzeitig wurde in Rom deutlich, dass im Dreieck Paris–Berlin–Rom noch viel mehr möglich ist – insbesondere in strategischen Bereichen wie Rüstung und Weltraum.
dokdoc: Die Angst vor einem Wahlsieg des Rassemblement National 2027 wird immer häufiger beschworen. Die Sorgen sind berechtigt – doch Alarmrhetorik lähmt mehr, als sie zum Handeln befähigt. Ist diese Angst am Ende nicht ein Vorwand, den man in Deutschland nutzt, um die drängende Frage zwischen transatlantischer Bindung und europäischer Souveränität nicht beantworten zu müssen?
Lucas: Zwischen den USA und Europa ist in den vergangenen Monaten viel Vertrauen zerstört worden. Trotzdem will niemand das transatlantische Verhältnis leichtfertig über Bord werfen. Aber Europa muss stärker, handlungsfähiger werden, wenn wir uns in der rauen Welt der Großmachtpolitik behaupten wollen. Und genau das erfordert ein strategisches Zusammenwirken von Deutschland und Frankreich.

Die nächsten Jahre werden für das Schicksal Europas entscheidend sein. Wird Europa ein eigenständiger Spieler in der Weltpolitik sein oder eine geopolitische Provinz, dominiert von Washington oder Peking? Es geht also um sehr viel. Deshalb brauchen wir in Paris und Berlin die Bereitschaft, die extra Meile zu gehen und um des größeren Ganzen und Europas willen auch schmerzhafte Kompromisse zu schmieden. Diese Bereitschaft war in den vergangenen Jahren auf beiden Seiten nicht immer vorhanden. Umso mehr fragen sich manche Beobachter jenseits des Rheins: Wer wird nach den französischen Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr in Paris den Ton angeben?
dokdoc: Abgesehen vom Ausgang der Präsidentschaftswahl, der nicht zwingend einen Sieg des Rassemblement National bedeuten muss, steht eines fest: Der hohe Schuldenstand und der geringe fiskalische Spielraum werden in den kommenden Jahren heftige Verteilungskämpfe nach sich ziehen und die politische Stabilität Frankreichs weiter belasten. Was gibt Ihnen trotz dieser Herausforderungen Anlass zu Optimismus?
Lucas: Staatsverschuldung und Haushaltslage werden Frankreich in den nächsten Jahren vor erhebliche Herausforderungen stellen, auf die es Antworten finden muss… Wir sollten aber nicht vergessen, dass Frankreich in den vergangenen hundert Jahren immer wieder auch schwerste Krisen gemeistert hat. Ich finde, das ist ein Grund, auch für die Zukunft nicht allzu pessimistisch zu sein. Zugleich sollten wir Deutschen jetzt keine allzu detaillierten Ratschläge geben, was Frankreich tun muss. Wichtig ist jedoch zu erkennen, dass wirtschaftliche Stabilität und Wachstum nicht ohne Reformen zu erreichen sind. Ein bloßes „Weiter so“ führt eben nicht weiter. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Stabilität der EU-Mitgliedstaaten einerseits und der Handlungsfähigkeit Europas andererseits. Europäische Souveränität und Handlungsfähigkeit beginnen zunächst bei uns zu Hause. Das gilt für Frankreich wie auch für Deutschland.
dokdoc: Herr Botschafter, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Unser Gast

Hans-Dieter Lucas gehörte bis zum Sommer 2025 dem deutschen Auswärtigen Dienst an. Er studierte Politische Wissenschaften, Geschichte, Rechtswissenschaft und Katholische Theologie an der Universität Bonn sowie am Institut d´Etudes Politiques de Paris und der Sorbonne. In seiner 40-jährigen beruflichen Laufbahn bekleidete er herausragende Positionen. Er war u.a. Politischer Direktor des Auswärtigen Amts, deutscher Botschafter im Sicherheitspolitischen Komitee der EU (PSK), bei der NATO, in Paris und in Rom. Zuvor war er u.a. an den deutschen Botschaften in Moskau und in Washington tätig. Hans-Dieter Lucas ist heute Senior Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
