Marc Bloch im Panthéon:
Geschichte jenseits der Nation

Der Historiker und Widerstandskämpfer Marc Bloch (1886–1944) ist eine feste Größe in Frankreich: Nun soll er ins Panthéon aufgenommen werden. In Deutschland dauerte es jedoch lange, bis er größere Bekanntheit erlangte.
Die Panthéonisierung von Marc Bloch am 23. Juni 2026 soll zum Anlass genommen werden, sein diskretes, aber bedeutendes Erbe in Deutschland stärker ins Bewusstsein zu rücken. Genau darum geht es in dem Zyklus, den das Centre Marc Bloch (CMB) 2026 veranstaltet: Er macht das vielfältige Werk des Historikers, Widerstandskämpfers und engagierten Bürgers einem breiten Publikum erneut zugänglich – zu einem Zeitpunkt, an dem Europa an einem Scheideweg steht. „Marc Bloch erinnert uns daran, dass Geschichte niemals hinter Grenzen geschrieben wird: Sie entsteht im Vergleich, im Zweifel, im Dialog. Genau diesen intellektuellen Anspruch und diese europäische Offenheit wollen wir im CMB lebendig halten“, fasst Jay Rowell, der derzeitige Direktor, zusammen.
Forschungszentrum und Bindeglied
Das Zentrum wurde 1992 in Berlin, der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands, gegründet und als deutsch-französische Institution konzipiert, die aus der Perspektive Osteuropas einen Kontinent im Wandel beobachten sollte. Doch sein Name wirft bereits die erste Frage auf: Warum sollte ein französisches Forschungszentrum für Sozial- und Geisteswissenschaften in Berlin nach einem Historiker benannt werden, dessen Werk damals in Deutschland kaum bekannt war?
Die Idee für ein solches Zentrum entstand im September 1991, als François Mitterrand beim deutsch-französischen Gipfel in Weimar die Gründung eines gemeinsamen Instituts für Sozialwissenschaften vorschlug, das die Veränderungen in Mittel- und Osteuropa sowie darüber hinaus analysieren sollte.

Ein Jahr später wurde das Institut gegründet und am 8. September 1994 an der Spree eingeweiht, gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße – einem der zentralen Übergänge zwischen Ost und West. Die Frage nach der Namensgebung stellte sich von Anfang an – und blieb präsent. „Es war für mich selbstverständlich, den Namen Marc Bloch vorzuschlagen“, erinnert sich 32 Jahre später der erste Direktor des CMB (1992–1999), Étienne François.
Warum Marc Bloch?
Selbstverständlich – aber zugleich auch mutig, denn in den 1990er Jahren war Marc Bloch in Deutschland noch weitgehend unbekannt: Seine Schriften waren kaum verbreitet, häufig schlecht übersetzt und nur selten kommentiert. Mehrere Gründe sprachen dennoch für diesen Namen. Zunächst Blochs Verbindung zu Deutschland: zwei Studiensemester in Leipzig und Berlin 1908–1909, seine fundierte Kenntnis der deutschen Historiographie, seine Rolle als Vermittler mittelalterlicher Studien aus Deutschland nach Frankreich – und möglicherweise auch seine elsässische Herkunft. Doch, so betont Étienne François, „die Biografie erklärt nicht alles“. Ausschlaggebend waren vor allem intellektuelle und programmatische Motive.

Marc Bloch verkörpert eine interdisziplinäre Herangehensweise, offen für Historiker, Soziologen, Philosophen, Geographen, Juristen und Ökonomen – genau das, was das neue Zentrum in subtiler Anlehnung an das Erbe der Annales umsetzen wollte. Gleichzeitig steht Bloch für eine vergleichende Methode: eine europäische Geschichtsschreibung, die Zirkulationen, Analogien und Kontraste berücksichtigt. „Wer die Geschichte Frankreichs verstehen will, muss sie im Kontext anderer Länder betrachten“, so Étienne François. Schließlich ist das CMB als Ort der Forschungsausbildung konzipiert, an dem junge Wissenschaftler eine zentrale Rolle einnehmen. In einem Europa, das zunehmend von politischen und ideologischen Instrumentalisierungen der Geschichte geprägt ist, erscheint der Autor von L’Étrange défaite als Verkörperung des intellektuellen Bürgers – jemand, der die Vergangenheit stets im Licht der Gegenwart hinterfragt.
Es ist also kein Zufall, dass sich ein deutsch-französisches Zentrum letztlich für den Namen eines Historikers entschied, der patriotisch, aber niemals nationalistisch war – ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, der Deutschland dennoch nicht ablehnte. Der Name Marc Bloch wurde sowohl in Paris, das die neue Institution finanzierte, als auch in Berlin, das sie aufnahm, ohne jegliche Kritik akzeptiert – ein Tribut und zugleich ein Programm.
Blochs schwieriger Weg nach Deutschland
Während Marc Bloch heute in der französischen Historiographie fest etabliert ist, blieb seine Rezeption in Deutschland lange marginal – aus intellektuellen, politischen und sprachlichen Gründen. „In der Zwischenkriegszeit war sein Name in Deutschland nahezu unbekannt“, erinnert sich der Historiker Michael Goebel (FU Berlin). Zwar interessierte sich Bloch kontinuierlich für die deutsche Geschichte, doch dem deutschsprachigen Raum widmete er keine eigenen Werke, während die deutschen akademischen Kreise, die damals stark national orientiert waren, ihn weitgehend ignorierten.
Marc Bloch, in Frankreich anerkannter Historiker und 1936 an der Sorbonne auf dem Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte berufen, wurde nie nach Deutschland eingeladen. Der Kontrast sticht deutlich hervor: 1939–1940 erschien in Paris La Société féodale, während zur gleichen Zeit Otto Brunner in Leipzig Land und Herrschaft veröffentlichte – ein wegweisendes Werk für eine ganze Generation deutscher Mittelalterforscher. „Beide Werke spielten in ihren jeweiligen Kontexten eine Schlüsselrolle, doch sie beruhen auf fast unvereinbaren Grundlagen“, erklärt der Mediävist Steffen Patzold von der Universität Tübingen.

Brunner lehnte die Sozialwissenschaften ab, während Bloch sie darauf stützte. Diese methodischen Unterschiede erschwerten lange Zeit die Rezeption Blochs in Deutschland. Hinzu kam die späte Übersetzung seiner Werke ins Deutsche: Apologie pour l’histoire erschien 53 Jahre nach dem Original, La Société féodale 43 Jahre später und Les Rois thaumaturges sogar 74 Jahre danach. Die Übersetzungen waren entweder stark am Originalwortlaut orientiert, sodass sie für deutsche Leser schwer verständlich waren, oder so stark angepasst, dass Blochs Thesen verzerrt wiedergegeben wurden.
Späte Anerkennung
Auch das intellektuelle Klima war lange wenig förderlich. Nach 1945 genoss Bloch zwar Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus, doch die deutsche Geschichtswissenschaft stand den Sozialwissenschaften, die häufig mit Marxismus assoziiert wurden, skeptisch gegenüber – ebenso wie einem Historiker, der den Begriff der „Sozialklassen“ regelmäßig verwendete. „Solange diese Barrieren nicht fielen, konnte Bloch hier keine Referenz werden“, so Andreas Wirsching, ehemaliger Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München.

Die deutsche Geschichtsschreibung setzte lange auf nationale, institutionelle und konstitutionelle Ansätze. In den 1980er- und 1990er-Jahren begann die sogenannte Annales-Schule, deren Mitbegründer Marc Bloch war, dank der Vermittlung durch Peter Schöttler, Ulrich Raulff und Lutz Raphael allmählich, in Deutschland Beachtung zu finden. Von da an wurde Bloch zunehmend zitiert, diskutiert und anerkannt. Die späte Rezeption ist somit auf ein Bündel von Hindernissen zurückzuführen, die erst mit einem Generationen- und Paradigmenwechsel nach und nach überwunden wurden: historiografische Konkurrenz, methodische Unterschiede, Sprachbarrieren und nationale Trägheiten. Wie Goebel zusammenfasst: „Bloch ist vor allem als intellektuelle Erlaubnis zu uns gekommen: Geschichte jenseits der Nation zu Nation.“
Die französische Version des Textes erschien im Februar im Magazin L’Histoire.
Der Autor
Fabien Théofilakis ist Historiker und Maître de conférences an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Als Experte für den Zweiten Weltkrieg arbeitet er insbesondere zu Kriegsgefangenen (Fayard, 2014 und 2024), zu den deutsch-französischen Beziehungen und zum Nationalsozialismus. Seit 2025 ist er stellvertretender Direktor des Centre Marc Bloch e.V. in Berlin. Derzeit arbeitet er an einem Buch über den Prozess gegen Adolf Eichmann.
