Rassemblement national de la jeunesse & Generation Deutschland:
Jugendorganisationen als Kaderschmieden

Rassemblement national de la jeunesse & Generation Deutschland: Jugendorganisationen als Kaderschmieden
  • VeröffentlichtMärz 17, 2026
Aktivisten des RNJ im Juni 2024, kurz vor dem ersten Wahlgang der Parlamentswahl (Copyright: Wikimedia Commons)
Aktivisten des RNJ im Juni 2024, kurz vor dem ersten Wahlgang der Parlamentswahl (Copyright: Wikimedia Commons)

Während der RN seine Jugendorganisation seit Jahrzehnten als Talentschmiede nutzt, schafft nun die AfD mit Generation Deutschland ihre eigene Kaderstruktur.

 

Jean-Yves Camus

Eine der einfachsten Möglichkeiten, Verantwortung im RN zu übernehmen, besteht darin, sich im Rassemblement national de la jeunesse (RNJ) zu engagieren. Die Jugendorganisation der Partei von Jordan Bardella und Marine Le Pen richtet sich an junge Menschen zwischen 15 und 30 Jahren und bildet oft die erste Station für politisches Engagement innerhalb des RN.

Bereits unter der Leitung von Jean-Marie Le Pen rief der Front national ein Jahr nach seiner Gründung (1972) den Front national de la jeunesse ins Leben. Ziel war es einerseits, junge Mitglieder ideologisch zu schulen und andererseits die Konkurrenz – insbesondere unter Schülern und Studierenden – durch eine rivalisierende Gruppierung zu schwächen, die sich gerade formierte: den Parti des forces nouvelles (PFN). Dieser verfügte über einen eigenen Jugendverband sowie einen sehr aktiven Studentenverband, die Groupe Union Défense (GUD). FNJ und GUD rivalisierten miteinander, ließen sich aber beide von den italienischen Erfahrungen der Neofaschisten des Movimento Sociale Italiano und dessen Fronte della Gioventù inspirieren.

Die ersten zehn Jahre glichen einer „Wüstenwanderung“, insofern als der FN weiterhin eine kleine, überschaubare Gruppierung blieb. Der FNJ war bei der Aufnahme neuer Mitglieder nicht wählerisch: In dem Jahrzehnt vor dem Wahlerfolg von 1983 bot er einen Raum, in dem sich sämtliche Strömungen der französischen Rechten trafen – von traditionellen Katholiken über Neonazis bis hin zu nationalrevolutionären Gruppen. Die geringe Mitgliederzahl des FN machte diesen ideologischen Ökumenismus erforderlich. Der letzte Vertreter der Gründergeneration, Jean-François Jalkh, blieb bis 2024 Mitglied des Europäischen Parlaments.

Der FNJ begleitete anschließend das Wachstum des FN, indem er 1985 eine eigene Ausbildungsschule und ein internes Bulletin einrichtete. Eine Besonderheit, die bis zur Spaltung von Bruno Mégret Ende 1999 bestehen blieb, war die große Vielfalt intellektueller Strömungen innerhalb der Bewegung. Die nationale Leitung des RNJ sowie die der Partei ließen diese Strömungen weitgehend wirken, zumal sich die von Mégret beeinflusste Strategie der Neuen Rechten von der eher „national-konservativen“ Linie Jean-Marie Le Pen entfernte. In einer lokalen FNJ-Zeitschrift im Elsass findet sich im September 1995 eine der ersten Erwähnungen des Begriffs „identitär“. Dies erklärt sich dadurch, dass die elsässische Sektion von Aktivisten der völkischen Bewegung Terre et Peuple geleitet wurde.

 

 

Der RNJ überlebte die Spaltung. Bemerkenswert ist, dass keiner der Verantwortlichen des Mouvement National de la Jeunesse (MNJ), der Anfang der 2000er Jahre von Freunden von Bruno Mégret innerhalb seines Mouvement National (MN) gegründet wurde, heute im RN aktiv ist. Bis zur Übernahme der Parteiführung durch Marine Le Pen im Jahr 2011 blieb der RNJ der letzte tolerierte Raum, in dem radikale politische Positionen innerhalb der Bewegung geäußert werden konnten. Ab 2002 wurde diese Radikalität jedoch zunehmend von der Aktivität und der medienwirksamen Präsenz der identitären Bewegung verdrängt – zunächst durch den Bloc identitaire (2002–2016), anschließend durch Génération identitaire (2016–2021).

 

Demonstration von Génération identitaire 2017 (Copyright: Wikimedia Commons)
Demonstration von Génération identitaire 2017 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Marine Le Pen wandelte den RNJ in einen Pool künftiger Parteiführungskräfte um, allerdings unter der Bedingung einer vollständigen Ausrichtung auf die Parteispitze, gemäß der sogenannten „Entdämonisierung“-Strategie. Die Kommunikation im RNJ wurde stärker standardisiert, und ideologische Nuancen verschwanden nahezu vollständig. Die Jugendorganisation blieb jedoch weiterhin ein bevorzugter Weg, um wichtige Funktionen im FN bzw. RN zu übernehmen oder eine Kandidatur für ein politisches Mandat vorzubereiten. Jordan Bardella leitete den RNJ von 2018 bis 2021. Die Europaabgeordneten Paul-Romain Thionnet und Alexandar Nikolic sowie Gaëtan Dussayssaye hatten hier leitende Funktionen inne, ebenso wie mehrere Abgeordnete der Assemblée nationale.

Bei den Kommunalwahlen im März 2026 zeigt sich ein deutlicher Verjüngungseffekt bei den Listenführungen, insbesondere in Städten, in denen der RN traditionell schwach ist. In diesem Kontext ist die Funktion als Kreis- oder Abteilungssekretär bzw. zumindest als Führungskraft im RNJ ein klarer Vorteil. Auch wenn der junge Kandidat nicht Bürgermeister wird, sammelt er Erfahrung als Oppositionsmitglied im Stadtrat, bei der Erstellung politischer Argumentationen und in der praktischen Arbeit vor Ort.

Die genaue Mitgliederzahl des RNJ ist nicht überprüfbar: Ende 2022 wurde von rund 10.000 Mitgliedern berichtet, während der RN selbst 100.000 angab. Auch wenn diese Zahlen nur begrenzt glaubwürdig erscheinen, ändert dies nichts daran, dass die „Bardella-Generation“, die heute die Partei führt, überwiegend aus dem RNJ hervorgegangen ist. Dadurch kann die Partei den vergleichsweisen geringen Nachwuchs der traditionellen rechten Parteien kompensieren, der zum RN wechselt.

 

Andreas Speit

Die Worte waren keine Worthülsen. Auf dem Landesparteitag der „Alternative für Deutschland“ (AfD) in Nordrhein-Westfalen (NRW) versicherte Bundessprecherin Alice Weidel der Parteijugend: „Wir stehen voll hinter der Generation Deutschland“ (GD). Die Einstufung des Landesamtes für Verfassungsschutz als „rechtsextremistischer Verdachtsfall“ sei „ein weiterer Orden, den man sich hier ans Revers heften kann“, so Weidel am 7. März in Marl. Dieser „Orden“ könnte allerdings nicht nur für die Jugendorganisation, sondern auch für die Gesamtpartei zu einer belastenden „Auszeichnung“ werden.

 

Demonstration der JA gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, Berlin, 8. Oktober 2022 (Coypright: Alamy)
Demonstration der JA gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, Berlin, 8. Oktober 2022 (Coypright: Alamy)

 

Im Februar vergangenen Jahres hatte die Bundesführung der Partei nachhaltig auf die Selbstauflösung der „Jungen Alternative“ (JA) gedrängt. 2013 wurde die JA als Jugendverband der AfD gegründet. Im Laufe der Jahre führten Personen und Positionen innerhalb dieses Vereinskonstrukts immer wieder zu Skandalen und Streitereien, weil sie zu offen rechtsextremistisch agierten. In Niedersachsen löste die JA schon 2018 den Landesverband auf. In internen Chats hatten JA-Gruppen des Verbandes geschrieben: „Wir sollten Tierversuche stoppen und Flüchtlinge dafür nehmen“ oder „die Endlösung für die Musels in Deutschland“.

Der Druck der Bundesführung zur Auflösung der Bundes-JA wuchs bis 2025, da sich auch die Debatte um ein Verbot der Partei verschärfte. Am 29. November vergangenen Jahres erfolgte in Gießen die Gründung der Generation Deutschland. In ihr kann nun nur wer Mitglied werden, der auch in der AfD Mitglied und zwischen 14 bis 35 Jahre alt ist. Der vermeintliche Clou: Die Partei kann jetzt direkter auf den Jugendverband einwirken, wenn GD-Mitglieder zu extremen Positionen beziehen oder mit extremen Personen verbunden sind. Bis heute wird in der AfD sehr ambivalent mit der Nähe zur rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) umgegangen. Die formale Unvereinbarkeitsregelung wird oft individuell gehandhabt. Ein schnelles Durchgreifen scheiterte aber bereits, wie sich auf dem Gründungskongress zeigte.

In seiner Ansprache war Kevin Dorow etwas zu deutlich. Der 27-Jährige bezog sich auf den Thüringer Landes- und Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke: „Wie es Björn Höcke vor wenigen Monaten rezitiert hat: ‚Jugend muss durch Jugend geführt werden‘, und dieses Prinzip muss unser Leitstern sein“, erklärte Dorow – für die anwesenden Bundesparteikader anfänglich unverfänglich. Das Motto „Jugend führt Jugend“ galt schon in der Bündischen Jugend und auch später bei der Hitlerjugend. Zu politischen Bedenken scheint aber geführt zu haben, als die Staatsanwaltschaft Gießen erklärte, prüfen zu wollen, ob die Kennzeichen einer verfassungsfeindlichen Organisation verwendet wurden. Die Bundesführung um Alice Weidel und Tino Chrupalla wollte prompt ein Parteiausschlussverfahren gegen Dorow einleiten. Wenige Tage später wurde der Beschluss aber zurückgenommen. Dorow ist in der AfD auch keine unbekannte Figur, er ist zudem bestens im rechtsextremen Burschenschafts- und Vereinsmilieu verankert.  „Distanzeritis – sich abgrenzen von Rechtsextremen – gilt hier als unfein“, wenn nicht gar als verräterisch. Dorow meinte so auch, sich in die „bündische“ Tradition gestellt zu haben. Diese doppeldeutigen Bezugskontexte nutzt auch gerne Höcke als Vertreter des radikal-völkischen Flügels in der Partei.

 

 

Beim Gründungskongress wählten die Mitglieder denn auch Dorow zum Beisitzer des Bundesvorstandes. Die Wahlen offenbarten insgesamt die radikale Ausrichtung. Und auch, dass die JA-Organisation zwar aufgelöst wurde aber das Ex-Personal bei der GD führend mitwirkt. Denn mit Unterstützung der Bundesspitze übernahm Jean-Pascal Holm den Bundesvorsitz. Der frühere JA-Bundesvorsitzende pflegt enge Kontakte zur rechtsoffenen Hooligan- und Protestszene in Cottbus und erklärt, „Deutschland“ solle „die Heimat der Deutschen“ bleiben. Aus der JA kommt ebenso Jan Richard Behr. Der stellvertretende Bundesvorsitzende ist mit der rechtsextremen IB verbunden.

In einzelnen Bundesländern baut die AfD nun Landesverbände der GD auf. Bisher vereint sie ca. 2.500 Mitglieder – Trend steigend. Bei der Gründung in Niedersachsen – unter Ausschluss der Presse – erklärte der gewählte Landesvorsitzende Michael Fehre, dass die GD sich jetzt „für junge Familien, wettbewerbsfähige Preise für Unternehmen, Wiedereinstieg in die Kernkraft und für eine sogenannte Remigration einsetzen“ werde. Der GD-Vorsitzende aus Nordrhein-Westfalen Luca Hofrath steht nicht minder für die „Remigration“, die eben offen lässt wer alles deportiert werden soll. Schon bei der JA in NRW ging der Verfassungsschutz von einem „völkisch-ethnischen Volksverständnis“ aus. In der GD des Bundeslandes, so Innenminister Herbert Reul (CDU) finden sich nicht nur die alten Positionen wieder, sondern auch das vorherige Personal. Die GD NRW würde selbst sagen, „dass der Geist der Jungen Alternative in ihr weiterleben solle“, sagt Reul.

Bereits bei der Gründung der Bundes-GD betonte bereits der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Sinan Selen: „Was wir sehen, ist schon eine personelle und inhaltliche Kontinuität“. Der Mythos vom „großen Austausch“ der autochthonen Bevölkerung die der extrem-rechten Renaud Camus aus Frankreich 2011 propagierte, treibt 2026 weiterhin das AfD-Milieu an. Die GD soll das kommende Personal für den politischen Mythos bilden: Eine Kaderschmiede für die „Remigration“.

 

Die Autoren

© Jean-Yves Camus
Jean-Yves Camus (Copyright: privat)

Jean-Yves Camus ist Direktor des Observatoriums für politische Radikalität (ORAP) bei der Jean-Jaurès-Stiftung und assoziierter Forscher am Institut für internationale und strategische Beziehungen (IRIS), beide in Paris. Seine Forschungsschwerpunkte sind die zeitgenössischen rechtsextremen Bewegungen in Europa sowie die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und den radikalen nationalistischen Bewegungen in Westeuropa.

 

© Andreas Speit
Andreas Speit (Copyright: privat)

Andreas Speit ist Journalist und Publizist zum Thema Rechtsextremismus und Rechtspopulismus, arbeitet für die taz, WDR und Deutschlandfunk Kultur. Er hat mehrere Auszeichnungen. Zur AfD veröffentlichte er „Bürgerliche Scharfmacher (2016), „Das Netzwerk der Identitären“ (2018) und „Die Entkultivierung des Bürgertums“ (2019). Jüngstes Buch: „Verqueres Denken – gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus“.

 

 

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