Jubiläum:
Eine rotarische Geschichte der deutsch-französischen Verständigung

Jubiläum: Eine rotarische Geschichte der deutsch-französischen Verständigung
  • VeröffentlichtApril 17, 2026
Rotary-International-Abzeichen, auf einer braunen Mauer hängend
Rotary-International-Abzeichen (Copyright: Alamy)

2026 jährt sich das 95-jährige Bestehen des „Petit Comité“ von Rotary Deutschland – Anlass, das historische Engagement des Länderausschusses für die deutsch-französische Verständigung zu beleuchten.

 

Ein Blick rund 100 Jahre zurück führt in eine Zeit großer Unsicherheit in Europa. Die Weltwirtschaftskrise erschütterte die Volkswirtschaften, und der fragile Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg drohte erneut zu scheitern. In Frankreich wie in Deutschland war die Erinnerung an den Krieg mit seinen unzähligen Opfern und dem enormen Leid noch allgegenwärtig. Dennoch erhoben sich bereits damals Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die auf Versöhnung und eine friedliche Zukunft setzten. Mitte der 1920er-Jahre leiteten Aristide Briand und Gustav Stresemann – trotz erheblicher Widerstände in ihren Ländern – einen vorsichtigen Annäherungsprozess ein. Für ihre Verdienste um Verständigung wurden sie 1926 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

 

Vom ersten Austausch zur Zusammenarbeit

Auch in der Gesellschaft beider Länder wuchs der Wunsch nach dauerhafter Verständigung. Eine zentrale Rolle spielte dabei die rotarische Bewegung. In den zehn Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich Rotary International zu einem weltweit anerkannten Akteur für internationale Verständigung. Die zahlreichen Begegnungen zwischen Mitgliedern verschiedener Nationen boten eine Plattform, auf der Unterschiede überwunden und Vertrauen aufgebaut werden konnte. In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre erlebte Rotary in Europa einen starken Aufschwung: In Deutschland und Österreich entstanden rund 30 neue Clubs, in Frankreich 34. Damit gewann die rotarische Bewegung zunehmend an Einfluss im gesellschaftlichen Leben.

Ein sichtbares Zeichen dieser Entwicklung war die erste Europäische Regionalkonferenz von Rotary International, die vom 12. bis 14. September 1930 im niederländischen Scheveningen stattfand.

 

Alte Postkarte, Kurort und Badehaus in Schevenigen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Der Badeort Scheveningen zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Zufällig waren die deutschen und französischen Teilnehmer im selben Hotel untergebracht – eine Situation, die intensive Gespräche erleichterte. Französische Rotarier luden ihre deutschen Kollegen zu einem gemeinsamen Arbeitstreffen ein. Dabei formulierten sie einen Leitgedanken, der bis heute aktuell geblieben ist: „Das Trennende zurückstellen und das Verbindende in den Vordergrund rücken.“ Allen Beteiligten wurde schnell klar, dass dieses Ziel nur durch regelmäßige Begegnungen und eine engere Zusammenarbeit erreicht werden konnte. Deshalb beschlossen sie die Einrichtung eines gemeinsamen Gremiums.

 

Die Gründung des „Petit Comité“

So entstand das sogenannte „Petit Comité“. Ein offizielles Gründungsdokument existiert zwar nicht, doch ein frühes Zeugnis findet sich im Protokoll der Rotary-Weltkonvention in Wien (Juni 1931). Dort berichtete der damalige Präsident von Rotary International, Almon E. Roth, über die Begegnung in Scheveningen: „Zwanzig Rotarier aus Deutschland und Österreich sowie dreißig aus Frankreich sind zusammengekommen, um die Verständigung zwischen ihren Völkern zu fördern. Als Ergebnis wurde ein ständiges Komitee gegründet, bestehend aus jeweils drei Rotariern der Distrikte 73 und 49. Dessen Aufgabe war es, Möglichkeiten für eine bessere gegenseitige Verständigung zu prüfen und weiterzuentwickeln.“

 

Schwarz-weißes Gruppenfoto, ca 15 Menschen an einem langen Tisch sitzend und in die Kamera schauend
Eines der seltenen Bilder der Rotary World Convention 1937 in Nizza. Bei einem festlichen Abendessen trafen sich 400 deutsche und französische Rotarier (Copyright: Rotary/Heinz Löffler)

 

Mit der Aufnahme ins offizielle Protokoll der Weltkonvention war das Komitee als Arbeitsgremium innerhalb von Rotary International anerkannt. In den folgenden Jahren trafen sich die Mitglieder regelmäßig – abwechselnd in Deutschland und in Frankreich. Ein besonderes Signal für die Bedeutung der deutsch-französischen Zusammenarbeit war die Wahl von Maurice Duperrey zum Präsidenten von Rotary International für das Jahr 1937/38. Auf der Convention in Nizza 1937 wurde er einstimmig gewählt. Während dieses Kongresses trafen sich rund 400 deutsche Rotarier mit ihren französischen Kollegen zu einem gemeinsamen Abendessen – eine Begegnung, die den Beginn einer noch intensiveren Zusammenarbeit hätte markieren können.

 

Auszug aus Der Rotarier, Bericht des "Petit Comité franco-allemand"
Auszug aus Der Rotarier, 8/1937, S. 167 (Copyright: Rotary/Hermann Schäfer)

 

Doch die politischen Entwicklungen setzten dem ein jähes Ende: Noch im selben Jahr endete die rotarische Arbeit in Deutschland unter dem zunehmenden Druck des nationalsozialistischen Regimes. Die Clubs lösten sich 1937 auf – nachdem zuvor jüdische Mitglieder ausgeschlossen worden waren und der Handlungsspielraum der Clubs immer stärker eingeschränkt worden war. 1938 folgte die Auflösung der österreichischen Clubs.

Die historische Aufarbeitung dieser Zeit zeigt, dass auch Rotary in Deutschland in den Jahren des Nationalsozialismus schwere Versäumnisse zu verzeichnen hatte. Wie neuere Forschungen – etwa des Historikers und Rotariers Hermann Schäfer – belegen, reichten die Anpassungsprozesse in manchen Clubs von der Aufforderung zum Austritt jüdischer Mitglieder bis zu deren Ausschluss oder zur Neugründung von Clubs ohne jüdische Mitglieder.

 

Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Trotz dieser dramatischen Zäsur blieb der Gedanke der Verständigung lebendig. Nach der Auflösung der deutschen Clubs schrieb der Präsident der französischen Sektion, Maurice Minotte, im Dezember 1937 an seinen deutschen Kollegen Otto Fischer. Darin brachte er seine tiefe Enttäuschung über die Entwicklungen zum Ausdruck und schloss mit den Worten: „Möge unsere Freundschaft und unser Ideal bestehen bleiben – dann ist nicht alles verloren.“

 

Schwarz-weißes Foto von zwei Männern im Anzug, auf einer Straße stehend
Otto Fischer (rechts) im Jahre 1935 (Copyright: Archiv RC Stuttgart)

 

Diese Hoffnung erfüllte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Schon kurz nach der Wiedergründung der Rotary Clubs in Deutschland und Frankreich wurden die Kontakte wieder aufgenommen, um die Beziehungen zwischen den Rotariern beider Länder zu erneuern.

Einen symbolischen Höhepunkt bildeten die Distriktkonferenzen in Baden-Baden und Straßburg im Mai 1950. Der deutsche Distrikt-Governor Robert Haussmann vom RC Stuttgart, der bereits vor dem Krieg im „Petit Comité“ aktiv gewesen war, erklärte im Namen der damals 24 deutschen Clubs sein tiefes Bedauern über das Leid, das Deutschland seinen Nachbarvölkern zugefügt hatte. Zugleich betonte er, dass Rotarier nun die Pflicht hätten, an der Spitze einer Bewegung für den Frieden zu stehen. Sein langjähriger Freund Roger Coutant vom RC Lille, Gouverneur des französischen Distrikts, rief dazu auf, „die europäische Einheit im Rotary zu verwirklichen und als ersten Schritt die Beziehungen zwischen dem deutschen und französischen Rotary wiederherzustellen.“

 

Schwarz-weßes Portraitfoto, Mann in Anzug mit Brille
Roger Coutant war Präsident des Rotary Club de Lille zwischen 1948 und 1949 (Copyright: Geneawiki)

 

Die französische Distriktkonferenz in Straßburg hat dann die Grundlagen die Grundlagen für eine erneute institutionelle Zusammenarbeit gelegt. 1952 kam es schließlich in Heidelberg zur Wiedergründung des deutsch-französischen Inter-Country-Komitees.

 

Partnerschaften und Begegnungen

Ein zentrales Anliegen des Deutsch-Französischen Länderausschusses, wie sich das Komitee seit seiner Neugründung nennt, war von Anfang an die Förderung von Clubpartnerschaften, um persönliche Beziehungen zwischen Rotariern in Deutschland und Frankreich zu stärken – ein Ziel, das in bemerkenswerter Weise erreicht wurde. Als 1963 der Élysée-Vertrag unterzeichnet wurde, bestanden bereits nahezu 200 Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Rotary Clubs. Damit hatten die rotarischen Beziehungen den politischen Annäherungsprozess in gewisser Weise vorweggenommen. Die regelmäßigen Begegnungen – oft unter Einbeziehung der Familien – und die intensive persönliche Vernetzung zählen bis heute zu den greifbarsten und wertvollsten Ergebnissen dieser Zusammenarbeit.

Über die Jahre hinweg organisierte der Länderausschuss zahlreiche große Begegnungen, an denen oft mehrere hundert Rotarier aus beiden Ländern teilnahmen. Besonders in Erinnerung geblieben ist eine fünftägige Rheinfahrt im Jahr 1965: Rund 600 Rotarier reisten auf mehreren Schiffen von Straßburg nach Rotterdam. Entlang der Strecke empfingen die örtlichen Rotary Clubs die Teilnehmer und bereiteten ihnen einen herzlichen Empfang. In Wiesbaden etwa stand ein gemeinsamer Opernbesuch auf dem Programm.

Ein weiteres herausragendes Ereignis war der Kongress in Berlin 1969 mit mehr als 1.400 Teilnehmern, darunter rund 600 französische Rotarier – vermutlich die größte Zusammenkunft in der Geschichte des Länderausschusses. In ähnlichem Geist trafen sich 2012 erneut zahlreiche deutsche und französische Rotarier in Berlin zur Rotary-Friedenskonferenz, um ihre eigenen Beiträge zur Versöhnung und Freundschaft zwischen den Völkern vorzustellen.

 

Eine lebendige Tradition

Bis heute setzt sich diese enge, von gegenseitigem Verständnis geprägte Zusammenarbeit fort. Jährliche Treffen des Länderausschusses sowie zahlreiche Begegnungen zwischen Clubs finden abwechselnd in Deutschland und in Frankreich statt. Auch beim Rotary-International-Kongress 2019 in Hamburg präsentierte sich der Länderausschuss mit einem Stand in der „House of Friendship“. Viele deutsche und französische Rotarier nutzten die Gelegenheit, ihre langjährige Freundschaft bei einem gemeinsamen Abendessen in der historischen Hamburger Speicherstadt zu feiern. Seit einigen Jahren unterstützt der Länderausschuss konkrete Projekte, die von Partnerclubs durchgeführt werden und sich insbesondere an Jugendliche aus beiden Ländern wenden. So fand jüngst eine Schülerreise mit 50 Gymnasialschülern (25 Franzosen, 25 Deutsche) statt, die den Jugendlichen den Besuch von Erinnerungsstätten sowie bilateralen und europäischen Institutionen ermöglichte.

 

5 Männer in Anzügen sitzen an einem langen Tisch und unterzeichnen Dokumente. im Hintergrund die deutsche, französische und europäische Flagge
Der Rotary-Länderausschuss Deutschland–Frankreich kooperiert seit mehreren Jahren mit der Deutsch-Französischen Hochschule in Saarbrücken. Hier bei der Unterzeichnung des Kooperationsabkommens, zusammen mit der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa e.V. (Copyright: Rotary/Herbert Jess)

 

Die Geschichte des deutsch-französischen „Petit Comité“ zeigt eindrucksvoll, welche Kraft persönliche Begegnungen und zivilgesellschaftliches Engagement für die Verständigung zwischen Völkern entfalten können. Seit mehr als neun Jahrzehnten steht das Komitee für diesen rotarischen Geist – und für die Überzeugung, dass dauerhafter Frieden dort wächst, wo Menschen einander begegnen und Vertrauen aufbauen.

 

Der Autor

Portrait, älterer Mann mit Anzug und Brille
Herbert Jess (Copyright: Rotary/Herbert Jess)

Herbert D. Jess ist ein ehemaliger deutscher Diplomat. Von 2000 bis 2004 leitete er als Botschafter die deutsche Vertretung auf den Philippinen, anschließend die Botschaft in Malaysia, bevor er in den Ruhestand ging. Von 2013 bis 2019 war Herbert Jess Präsident der Deutsch-Französischen Gesellschaft Bonn/Rhein-Sieg. Zudem engagiert er sich seit vielen Jahren in der rotarischen Bewegung, insbesondere für die Förderung der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Heute ist er Vorsitzender des Länderausschusses Deutschland-Belgien/Luxemburg bei Rotary International.

 

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