Cocoriki:
Von Betten, Küssen und Fingernägeln

Was ist deutsch? Wer sind wir? Woher kommen wir? Fragen wie diese habe ich mir als Deutscher nicht nur einmal gestellt – und vermutlich geht es vielen meiner Landsleute ähnlich. Bei den Franzosen hingegen schien mir das lange alles viel unkomplizierter.
Betrachtet man das Wort „french“, stößt man auf ein erstaunliches Sammelsurium teils kurioser Bedeutungen. Da wäre etwa „la french“. Gemeint ist damit weder die Nation noch eine Französin, sondern eine besondere Art der Maniküre (in den USA: french manicure). Weißer Nagelrand, roséfarbener Untergrund – voilà, pure Eleganz!! Nur stammt diese Technik gar nicht aus Frankreich. Erfunden wurde sie nämlich in den 1970er Jahren in amerikanischen Nagelstudios in Hollywood, damit die Hände von Filmstars am Set möglichst „natürlich gepflegt“ wirken. Der Name „French“ kam zustande, weil französische Frauen für Amerikaner als Inbegriff von Eleganz und Stil galten (und gelten). Also verpasste man der Sache kurzerhand einen Hauch von französischem Chic.
Bei den Amerikanern steht „french“ allerdings nicht nur für elegante Hände. Auch in der Esskultur hat das Adjektiv einen festen Platz. Schließlich isst man in den USA keine „chips“ wie die Engländer, sondern „French fries“. Warum eigentlich? Kommen die Fritten nicht aus Belgien?
Der Irakkrieg und die Fritten
Darüber existieren mehrere Theorien – hier zwei der populäreren. Einige behaupten, amerikanische Soldaten hätten im Ersten Weltkrieg bei den Belgiern die Fritten entdeckt. Da die Menschen dort Französisch sprachen, schloss man messerscharf: Das müssen French Fries sein. Eine andere Erklärung geht auf Thomas Jefferson zurück, dem ehemaligen Botschafter der USA in Frankreich. Als er später Präsident wurde, soll ihm sein französischer Koch Honoré Julien Kartoffeln in Stäbchenform serviert haben, fried in the French manner. Geboren waren sie, die French fries. Eindeutige Belege gibt es für keine der beiden Versionen – also: au choix! Ob belgisch oder französisch: Die Fritten wurden 2003 sogar zum Politikum. Als sich Frankreich nämlich weigerte, die USA im Irakkrieg zu unterstützen, tauften patriotische Amerikaner die Fritten kurzerhand um – in „Freedom Fries“.

Mode, Essen – was fehlt noch? Bien sûr: l’amour. Auch hier hat „french“ eine ganz eigene Bedeutung, nämlich beim French kiss, dem Zungenkuss. Dabei handelt es sich keineswegs um eine geheime nationale Erfindung der Franzosen, sondern eher um ein historisches Missverständnis. Puritanische Amerikaner trafen im 18. Jahrhundert auf vergleichsweise freizügige Französinnen und berichteten zu Hause entsetzt: „In Frankreich küsst man anders!“ Voilà – der French Kiss war geboren. Ein kleiner Kulturschock für puritanische Amerikaner, die plötzlich auf eine etwas experimentierfreudigere Mundhygiene stießen. Natürlich gibt es auch noch den French Touch. Der aufmerksame Leser weiß allerdings, dass Cokoriki darüber bereits berichtet hat.

L’entente cordiale
Bei den Engländern wiederum geht es bei dem Wort French eher um die Etikette. Möchte ein Engländer höflich bleiben und dennoch ein Schimpfwort loswerden, besitzt er eine elegante Lösung: Er stellt einfach „excuse my French“ voran. Clever! So kann man beleidigen und gleichzeitig so tun, als läge alles nur an der Sprache. Wörtlich bedeutet „excuse my French“ nämlich „Entschuldige mein Französisch“. Heute benutzt man den Ausdruck, um sich für ein Schimpfwort oder einen groben Kommentar zu entschuldigen. Beispiel: „That was a damn mess, excuse my French!“ („Das war ein verdammtes Chaos, entschuldige mein Französisch.“)
Die Wendung entstand im 18. Jahrhundert, als es in England üblich war, französische Wörter in Gespräche einzustreuen – besonders in gehobenen Kreisen. Wenn jemand ein französisches Wort verwendete, das der Gesprächspartner möglicherweise nicht verstand, fügte man leicht überheblich hinzu: Excuse my French! Ab Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Formulierung dann ironisch umgedeutet: Man sagte sie nicht mehr vor französischen Wörtern, sondern vor vulgären Ausdrücken. Das Schimpfwort war damit höflich „entschuldigt“. Ganz nach dem Motto der verstorbenen Queen Elisabeth II.: Never explain, never complain! Und wenn doch einmal complain, dann schiebt man es am besten den Franzosen in die Schuhe.
Und Tschüss
Damit war es allerdings noch nicht getan. Es existiert nämlich ein weiterer Ausdruck, der Franzosen eher zweifelhafte Manieren unterstellt: Verlässt jemand heimlich eine Veranstaltung, ohne sich zu verabschieden, heißt es auf Englisch: he took a French leave. Dieser Ausdruck tauchte ebenfalls im England des 18. Jahrhunderts auf. Damals wurde die französische Aristokratie gern als leichtfertig, unzuverlässig und mit fragwürdiger Etikette beschrieben – besonders bei gesellschaftlichen Anlässen. Dazu gehörte angeblich die Angewohnheit, ein Fest zu verlassen, ohne sich ordnungsgemäß zu verabschieden. Der Spottbegriff „French leave“, also ein stilles Davonmachen, war geboren.
Die Franzosen wiederum ließen sich das natürlich nicht gefallen und drehten den Spieß einfach um: filer à l’anglaise – sich auf englische Weise davonmachen. Nun waren es plötzlich die Engländer, die angeblich verschwanden, ohne sich zu verabschieden. Wer sich nun tatsächlich danebenbenahm – die englische oder die französische Aristokratie – bleibt eine offene Frage. Und wie steht es eigentlich um die Etikette der Deutschen?

Im Deutschen spricht man vom polnischen Abgang – im Gegensatz übrigens zum tschechischen Abgang, bei dem man immerhin vorher ankündigt, später ohne Abschied zu verschwinden. Manchmal heißt das lautlose Verschwinden auch französische Empfehlung, also ganz ähnlich wie im Englischen: to take a French leave. Er hat sich auf französisch empfohlen, dieser Tölpel – excuse my French!
Offenbar hat das Französische (oder das Englische) hier europaweit Karriere gemacht. Je nach Nachbarschaft wird die Schuld nämlich munter weitergereicht: Tschechisch „zmizet po anglicku“ (englisch), Polnisch „wyjść po angielsku“ (englisch), Ungarisch „angolosan távozni“ (englisch), Spanisch „despedida a la francesa“ (französisch), Portugiesisch „saída à francesa“ (französisch). Eine klassische Pattsituation zwischen England und Frankreich: L’entente cordiale, quoi!
Wie man sich bettet, so liebt man
Für uns Deutsche verabschieden sich Franzosen nicht nur anders – sie schlafen auch anders. Und zwar in einem französischen Bett: einem Doppelbett mit einer einzigen großen Matratze.
Auch dieser Begriff geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als Möbelstile aus Frankreich in Mitteleuropa schwer in Mode kamen. Damals war bei Möbeln also nicht Schweden tonangebend, sondern la France. Französische Betten besaßen ein gemeinsames Liegepolster und einen eleganten Rahmen – Symbol für Stil und Komfort.
Später hielt der Begriff auch Einzug in Hotels: „Französisches Bett“ bedeutete Doppelbett für zwei Personen, „Einzelbetten“ hingegen getrennte Betten – neufranzösisch: twin bed. Die Franzosen sind übrigens regelmäßig irritiert über deutsche Betten mit zwei Matratzen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es für die Spalte zwischen den beiden Matratzen sogar ein eigenes Wort gibt: die Besucherritze.

Kommen wir schließlich noch zur Liebe – l’amour. Auch hier kennt das Deutsche eine kleine französische Spezialität: Liebe auf Französisch. Die Redewendung „es auf Französisch machen“ wird heute meist als Euphemismus für Oralverkehr verstanden. Entstanden ist sie vermutlich aus dem Klischee, Franzosen seien in Liebesdingen besonders freizügig. Also: Ob french, français oder französisch – so einfach ist die Sache offenbar doch nicht.
Zum Schluss noch ein kleiner Geheimtipp: der French 75. Das ist kein Franzose Jahrgang 1975, sondern ein Cocktail aus Gin, Champagner, Zitrone und Zucker. Gefährlich lecker – aber bitte nicht vergessen: L’abus d’alcool est dangereux pour la santé. À consommer avec modération!
Der Autor

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.
