63 Orte:
Eine Topographie deutsch-französischer Geschichte

Die deutsch-französische Geschichte ist geprägt von Extremen – von Weltkriegen, Traumata und Feindschaft bis zu Vertrauen, Freundschaft und Frieden. Ein neues Buch macht diesen Wandel an 63 Schauplätzen von 1870 bis heute sichtbar.
Tobias Bütow, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, Corine Defrance, Professorin für Zeitgeschichte am CNRS (Sirice – Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), und Ulrich Pfeil, Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine (Cegil, Metz), präsentieren gemeinsam 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte. Ihr Buch ist – anders als der Titel vermuten lässt – kein Reiseführer. Es bietet auch keine repräsentative Sammlung von „Erinnerungsorten“ im Sinne von Pierre Nora, also von Orten, die durch Geschichtspolitik und/oder aufgrund der mit ihnen verbundenen dramatischen Ereignisse zu symbolischen Elementen des kollektiven Gedächtnisses in Frankreich, Deutschland oder darüber hinaus geworden sind. Solche Orte kollektiver Erinnerung sind im Buch durchaus vertreten – etwa das „zerstörte Dorf“ Fleury-devant-Douaumont, wo die sterblichen Überreste von schätzungsweise 130.000 französischen und deutschen Soldaten an die Schlacht von Verdun erinnern, oder das „Märtyrerdorf“ Oradour-sur-Glane, in dem SS-Soldaten fast die gesamte Bevölkerung ermordeten.
Nicht nur Erinnerungsorte
Aber das Buch bietet mehr und damit im Kern auch etwas anderes: eine Topographie deutsch-französischer Geschichtsorte, die politische, militärische, kulturelle, wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick nimmt, an denen Franzosen und Deutsche beteiligt waren und in denen sie auf unterschiedliche Weise zusammenwirkten. Jeder der 63 von den Herausgebern ausgewählten Orte steht dabei pars pro toto für Entwicklungen, die sich an ihm in besonderer Weise kristallisiert haben, zeitlich jedoch mehr oder weniger weit darüber hinausreichen.

So finden sich neben den Hochburgen des offiziellen Gedenkens an das Massensterben französischer und deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg oder an die Mordaktionen der SS nach der Landung der Alliierten im Juni 1944 auch Orte und Ereignisse, die einem größeren Publikum nahezu unbekannt geblieben sind – etwa das Olympiastadion von Colombes, in dem 1927 ein Rugbyspiel zwischen der französischen und der deutschen Nationalmannschaft stattfand, ein erster Schritt zur Aufhebung des Boykotts, dem deutsche Sportverbände nach dem Ersten Weltkrieg unterlagen. Oder das Deutsch-französische Gymnasium in Saarbrücken, das 1961 als erste binationale Schule aus einer französischen Sekundarschule hervorgegangen war, die auch bei saarländischen Kindern und Jugendlichen beliebt war.
Neben dem Kontrast zwischen traumatischen Erfahrungen und Akten der Versöhnung sowie des gemeinsamen Handelns, der auch hier deutlich hervortritt, zeigt sich eine weitere Spannbreite: die zwischen hoher Politik und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Für Erstere steht etwa das Schloss von Versailles als Ort der deutschen Kaiserproklamation von 1871 und der Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919, für Letzteres Fessenheim als symbolträchtiger Schauplatz eines transnationalen Kampfes gegen die Kernenergie. Viele der behandelten Orte liegen zudem in den Kampfzonen des Ersten Weltkriegs oder in der französischen Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg. Es werden aber auch erinnerungsträchtige Orte in den beiden Hauptstädten porträtiert: In Paris wird etwa das Hotel Lutetia vorgestellt, in dem sich 1935 ein Kreis von deutschen Exilanten um den Schriftsteller Heinrich Mann gebildet hatte und das dann ab 1940 als Zentrale der deutschen Abwehr diente, bevor es im Frühjahr 1945 als Auffangzentrum für Überlebende der Konzentrationslager genutzt wurde.

Und in Berlin wird unter anderem an das Französische Kulturzentrum Unter den Linden erinnert. Die SED-Führung hatte seiner Eröffnung im Januar 1984 notgedrungen zugestimmt, um einen internationalen Prestigeverlust zu vermeiden. Sie tat sich aber außerordentlich schwer damit, dass die DDR-Bürger den freien Zugang zu westlicher Literatur und Kultur, der ihnen hier geboten wurde, intensiv nutzten.
Auch Oslo und Dien Bien Phu
Einen besonderen Akzent erhält die Sammlung dadurch, dass auch Schauplätze deutsch-französischer Begegnungen und Aktivitäten in Drittländern einbezogen werden. So wirkte sich die deutsch-französische Rivalität an der Grenze zwischen der deutschen Kolonie Togo und Französisch-Dahomey (dem heutigen Benin) auf die Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung aus; daran wird in den Nachfolgestaaten bis heute erinnert. In Oslo wurde der Friedensnobelpreis zweimal an deutsch-französische Paare vergeben: 1926 an Aristide Briand und Gustav Stresemann, 1927 an die Pazifisten Ferdinand Buisson und Ludwig Quidde. Und in Dien Bien Phu kämpften auch 1.500 bis 2.000 deutsche Angehörige der Fremdenlegion im Rahmen einer multinationalen, von französischen Offizieren geführten Truppe, die den Stützpunkt gegen den Ansturm der Viet Minh verteidigen sollte.

Die deutsche Beteiligung an den Kämpfen um Dien Bien Phu ist praktisch unbeachtet geblieben. An die vielen Gefallenen erinnert erst seit Mitte der 1990er Jahre ein schlichter Obelisk, der bemerkenswerter Weise von einem ehemaligen deutschen Legionär errichtet wurde. In dem Beitrag über das Symbol der französischen Niederlage im Indochinakrieg wird abschließend darüber berichtet. In gleicher Weise schließen auch alle anderen Beiträge mit Informationen über die Art des jeweiligen Gedenkens oder auch Nicht-Gedenkens. Erinnerungen sind nicht nur vielfältig, sie wandeln sich auch im Laufe der Zeit und sie tragen so zum Wandel des kollektiven Gedächtnisses bei. Dabei ist insbesondere auf französischer Seite ein zunehmender Wille zur Versöhnung erkennbar, der zur Stabilisierung der Demokratie in Deutschland beitragen soll und dies auch leistet.
Insgesamt werden 63 Orte in strikt chronologischer Reihenfolge vorgestellt, beginnend mit der verlustreichen Schlacht von Gravelotte am 18. August 1870, die den Weg zur deutschen Belagerung von Metz eröffnete.

Diese Beschränkung wirkt auf den ersten Blick etwas willkürlich. Begründet wird sie damit, dass der Élysée-Vertrag, der die Entwicklung deutsch-französischer Zusammenarbeit maßgeblich vorangetrieben hat, 1963 geschlossen wurde und somit im Jahr des Erscheinens 63 Jahre zurückliegt. Gleichwohl musste eine Auswahl getroffen werden, wenn das Projekt aussagekräftig bleiben sollte. Mit 63 Orten lassen sich tatsächlich wesentliche Züge der gemeinsamen deutsch-französischen Geschichte sowie ihrer Erinnerungskultur gut abbilden.
Eine anregende Geschichte
So kann man den Band, an dem nicht weniger als 56 Autorinnen und Autoren mitgewirkt haben, als eine ebenso anschauliche wie anregende Einführung in die Geschichte des Deutsch-Französischen lesen. Man kann ihn aber auch zur Vorbereitung und Durchführung deutsch-französischer Exkursionen heranziehen. Jeder Artikel enthält einen QR-Code, der Zugang zur französischen Fassung des jeweiligen Textes verschafft; das wird bei dieser Art des Einsatzes hilfreich sein.

Zu Recht betonen die Herausgeber, dass die Wahrung, Weitergabe und Weiterentwicklung der gemeinsamen Geschichtskultur von Franzosen und Deutschen für die Zukunft der Demokratie von wegweisender Bedeutung sind. Dazu kann dieser Band einen wesentlichen Beitrag leisten. Sehr passend endet er mit einer Präsentation der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, die im Juni 2022 von Emmanuel Macron, Olaf Scholz und dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi gemeinsam besucht wurde. Sie erinnert daran, dass im Kern der europäischen Unterstützung für die ukrainische Demokratie die deutsch-französische Zusammenarbeit im sogenannten „Normandie-Format“ stand und dass das Ausmaß dieser Unterstützung für den Ausgang des Krieges in der Ukraine von entscheidender Bedeutung sein wird.
Tobias Bütow, Corine Defrance, Ulrich Pfeil (Hg.), 63 Orte der deutsch-französischen Geschichte. Von 1870 bis heute. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, 330 Seiten, 23,00 €.
Der Autor
Wilfried Loth, Jahrgang 1948, ist emeritierter Professor für Neue und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Sein Standardwerk zur Geschichte der europäischen Einigung liegt jetzt in einer aktualisierten Ausgabe vor: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte. Hardcover: Campus, Frankfurt/New York 2025; Paperback: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2026.
