Neue Rechte:
Wie der „Kampf um die Köpfe“ funktioniert

Neue Rechte: Wie der „Kampf um die Köpfe“ funktioniert
  • VeröffentlichtMai 13, 2026
Götz Kubitschek (Anzug, graues Haar) von der Seite, vor einer braunen Backsteinmauer
Götz Kubitschek während der Winterakademie 2026 des Antaios Verlag in Schnellroda (Copyright: Wikimedia Commons)

Die Neue Rechte setzt nicht nur auf Wahlerfolge, sondern auch auf langfristige kulturelle Einflussnahme. In Deutschland und Frankreich entstehen Bildungsnetzwerke, Lektüreprogramme und mediale Infrastrukturen, die rechtes Denken als kulturell legitim etablieren sollen.

 

Die Neue Rechte in Deutschland und die Nouvelle Droite in Frankreich haben seit mehreren Jahren ihre Bemühungen um eine Normalisierung der von ihnen vertretenen Positionen sowie um einen diskursiven Rechtsruck verstärkt. In dem Bewusstsein, dass politische Macht nicht allein durch Wahlerfolge errungen wird, setzen sie auf eine langfristigere, subtilere Strategie: die schleichende Verschiebung des kulturellen Klimas, die systematische Besetzung von Bildungsräumen und die ideologische Formung zukünftiger Wähler*innen – möglichst schon im Kindesalter.

 

Eine schleichende Offensive

Die ideologische Grundlage dieses neurechten Griffs nach den Bildungsinstitutionen ist zwar alt. Er ist aber unvermindert wirksam: Alain de Benoist, Gründervater der französischen Nouvelle Droite, sprach bereits in den 1980er Jahren programmatisch von einer „Kulturrevolution von rechts“, mit der der „Kampf um die Köpfe“ ausgetragen werde. Direkte Parteipolitik folge erst danach – als Frucht einer zuvor geleisteten ideologischen Hegemoniearbeit im sogenannten „Vorfeld“.

 

aufgeschlagenes Buch, erste Seite mit dem Titel "Vu de droite"
Alain de Benoist, Vu de droite (1977). Die Essaysammlung gilt als ein Schlüsseltext der französischen Nouvelle Droite (Copyright: privat)

 

Diese transnational zu beobachtenden Anstrengungen im Bildungsbereich sind von besonderer Brisanz. Die Neue Rechte zielt dabei nicht auf einen plötzlichen Umsturz, sondern auf eine kontinuierliche, in die Breite der Gesellschaft und in den Mainstream gerichtete Bewegung zur Etablierung von Diskurshoheit. Auf diese Weise soll rechtem Gedankengut gesamtgesellschaftliche Akzeptanz und politische Wirksamkeit verschafft werden.

 

Neurechte „Bildungsinstitutionen“

Zentrale Einrichtungen sind in diesem Zusammenhang das deutsche Institut für Staatspolitik (IfS), das 2024 auf- und von der Nachfolgeinstitution „Menschenpark“ abgelöst wurde, und das 2014 gegründete französische Institut Iliade pour la longue mémoire européenne. Beide fungieren als Think Tanks, tarnen sich aber dabei bewusst im Gewand akademischer Seriosität: Das IfS „teilt“ sich sogar die Abkürzung mit dem renommierten Frankfurter Institut für Sozialforschung – jenes Zentrums der Kritischen Theorie, das nach der Neugründung 1951 großen Einfluss auf den politischen Diskurs der Bonner Republik hatte. Ohne dies je offen auszusprechen, gibt die Neue Rechte sich damit als dessen Gegenentwurf zu erkennen. Götz Kubitschek, ein zentraler Protagonist der Neuen Rechten, hat aber nicht nur 2000 das IfS gegründet. Er betreibt in Schnellroda (Sachsen-Anhalt) einen Verlag, gibt die Zeitschrift Sezession heraus und organisiert regelmäßige Akademien. Der Verfassungsschutz stufte das Institut als gesichert rechtsextremistisch ein. Dennoch haben seine Publikationen und Vernetzungsaktivitäten maßgeblich zur intellektuellen Unterfütterung der AfD beigetragen. Es ist davon auszugehen, dass sie unter neuem Namen ungebremst fortgesetzt werden.

 

Mann mit Halbglatze, Brille, nach rechts schauend, Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte, vor ihm ein Mikrofon
Jean-Yves Le Gallou (Copyright: 2026 Jean-Yves Le Gallou)

 

Das Institut Iliade, 2014 gegründet und eng mit neurechten Protagonisten wie Alain de Benoist oder Jean-Yves Le Gallou verbunden, kopiert die Ausbildungsformate der französischen grandes écoles. Entsprechend benennt es seine Jahrgänge, die promotions, nach Autoren sowie nach mythologischen oder historischen Figuren (die bisher – mit der signifikanten Ausnahme Isabella I of Castile – allesamt männlich waren) – ein kluger Mix aus kanonisch akzeptierten Namen wie Homer und Dante Alighieri sowie ideologisch problematischeren wie Dominique Venner oder Jean Raspail. Seine Jahrestagung in der Pariser Maison de la Chimie zieht regelmäßig auch in Deutschland Aufmerksamkeit auf sich.

 

Eine breitaufgestellte Strategie

Die Bildungsprogramme der Neuen Rechten sind umfangreich: Sommerakademien in Schnellroda, Ausbildungsprogramme für verschiedene Altersgruppen und über bis zu eineinhalb Jahre am Institut Iliade, flankiert von Zeitschriften, YouTube-Kanäle und Handbüchern – ein vollständiges Bildungsökosystem, das parallel zu staatlichen Institutionen existiert und diese ausdrücklich als ideologisch korrumpiert ablehnt.

 

 

 

Gleichzeitig imitiert es genau jene Institutionen in Struktur und Selbstdarstellung. Die Teilnehmenden sollen nicht bloß überzeugt werden, sondern zu Multiplikatoren werden: als Redner*innen in der Öffentlichkeit, als Organisator*innen „viraler Kampagnen“ in sozialen Netzwerken, als Botschafter*innen rechtsextremer Ideen. Beide Institute setzen dabei auf ein Wechselspiel aus Exklusivität – begrenzte Plätze, unveröffentlichte Programme, das Gefühl, Eingeweihter zu sein – und breiter medialer Nachverwertung durch Publikationen und Online-Formate.

 

Lesen als politische Praxis

Das verbindende Element beider Bewegungen ist eine ungewöhnlich starke Betonung von Literatur und Lektüre. Alain de Benoist und Götz Kubitschek fungieren dabei selbst als Galionsfiguren: De Benoist rühmt sich, die größte Privatbibliothek Frankreichs zu besitzen; Kubitscheks Umfeld feiert Bücher als Ausdruck von Persönlichkeit und politischer Haltung. In der französischen Neuen Rechten gilt der politische Niedergang des Landes als untrennbar verbunden mit seinem literarischen Niedergang – eine Diagnose, aus der die Nouvelle Droite unmittelbar ihre Bildungsmission ableitet.

 

Schriftzug "Verlag Antaios", rot auf weißem Grund, beide Wörter sind durch eine schwarze Schlange getrennt
Der Antaios Verlag ist ein ideologisch geprägter Sach- und Theorieverlag für Erwachsene, der eng mit dem Institut für Staatspolitik verbunden ist (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Seit ihrer Gründung haben das IfS und das Institut Iliade „alternative Bildungsprogramme“ entwickelt, für die das Lesen von Literatur und „Theorietexten“ zu einer Basisoperation erklärt wird. Der Vermittlung bzw. der Einübung dieser Basisoperation dienen unterschiedliche Formate im Bereich der Bildung: Handreichungen und Lehrbücher, Anthologien, (aufgezeichnete) Gespräche und Vorträge, Schulungen, Tagungen und auch die Akademien. Eltern sind dazu angehalten, die Schullektüren ihrer Kinder kritisch zu begleiten; kuratierte Lese- und Filmprogramme werden als Alternative zu den vermeintlich tendenziösen Programmen der staatlichen Schulen empfohlen, mit deren Hilfe man geeignetes Vorlese-Material für Kinder und Jugendliche oder Filme für die ganze Familie finden soll. Früh soll begonnen werden: Empfehlungsbände für Eltern kleiner Kinder – verfasst ausschließlich von Frauen, die ihre Legitimation weniger aus (vorhandenen) akademischen Titeln als aus ihrer Mutterrolle ableiten – gehören ebenso zum Arsenal. Bemerkenswert ist dabei auch die personelle Verflechtung: Die Autorinnen dieser Empfehlungsbände sind häufig die Partnerinnen zentraler Vordenker der Bewegung – Literaturpolitik wird damit im doppelten Sinne zum Familienprojekt.

 

Aneignung statt Gegenentwurf

 

Das Ziel ist dabei nicht die Schaffung eines isolierten rechten Gegenkanons, der nur im eigenen Milieu gelesen wird. Es geht vielmehr um die Aneignung des kulturellen Erbes der westlichen Welt. Einerseits werden dazu unstrittigen Klassikern Interpretationen unterlegt, die sie für rechtsextreme Zwecke nutzbar machen. Das Bild des „aufrechten Außenseiters“ (Hans Scholdt) wird zur Leitfigur der Neuen Rechten stilisiert. Koloniale Gräuel werden als notwendiges Übel für die Verbreitung der Zivilisation bezeichnet, und komplexe Romane werden reduktionistischen und tendenziösen Lektüren unterzogen. Andererseits scheut die Bewegung nicht vor explizit belasteten Texten zurück: NS-Kollaborateure und antisemitische Publizisten finden sich Seite an Seite mit Bertolt Brecht und Gabriel García Márquez, als handelte es sich um eine normale editorische Entscheidung. Dass dies zunächst kaum auffällt, liegt an der Raffinesse des Verfahrens: Kanonische Namen verleihen dem Ganzen einen Anstrich kultureller Normalität, der die ideologische Agenda verschleiert.

 

Mann mit dunklem Haar und weißem T-Shirt, nach links schauend, in der Hand ein Getränk
Der rechtsextreme Aktivist Martin Sellner bewegt sich im Umfeld des Antaios Verlag (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Programmatisch wird das freie, eigenständige Lesen gepriesen. In der Praxis aber ist jede Lektüreempfehlung sorgfältig gerahmt und gelenkt – von der Vorrede bis zur Textauswahl, vom Kommentar bis zur Namensgebung der Ausbildungsprogramme. Das gilt in Deutschland wie in Frankreich gleichermaßen. Und die enge personelle und ideologische Vernetzung beider Bewegungen macht aus diesen parallelen nationalen Projekten ein transnationales Vorhaben, das in seiner Konsequenz und Langfristigkeit bislang zu wenig Aufmerksamkeit erhalten hat.

 

Der vorliegende Artikel ist im Rahmen des von der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekts „Educational Practices of the Neue Rechte/Nouvelle Droite in Germany and France“ entstanden.

 

Die Autoren

Frau mit kurzen blonden Haaren und weißem Hemd, im Profil nach links schauend
Cornelia Ruhe (Copyright: privat)

Cornelia Ruhe ist Professorin für romanische Literatur- und Medienwissenschaft an der Universität Mannheim, wo sie französisch- und spanischsprachige Literaturen und Film unterrichtet. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich von zeitgenössischer Literatur und Film, mit einem besonderen Fokus auf der Geschichte der Gewalt, Fragen der Migration sowie dem Verhältnis von Literatur und Trauerarbeit.

 

Mann mit dunklen Haaren, Bart und Brille, dunkler Anzug mit dunklem Pullover und hellem Hemd
Thomas Wortmann (Copyright: privat)

Thomas Wortmann ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und qualitative Medienanalyse an der Universität Mannheim. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart sowie Theater und Film. Er arbeitet zum Verhältnis von Kultur und Gesellschaft, Genre und Politik sowie zu Fragen der Literaturgeschichte, der Repräsentation und der Autorschaft.

 

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