Front populaire:
Sie wollten das Leben der Franzosen verschönern

Im Mai 1936, vor genau 90 Jahren, versprach Léon Blum den Franzosen die 40-Stunden-Woche, Tarifverträge und bezahlten Urlaub.
Andreas Noll: Herr Waechter, warum gehört die Front populaire bis heute zu den großen mythischen Momenten der französischen Linken?
Matthias Waechter: 1936 steht mit Léon Blum erstmals ein Sozialist an der Spitze der französischen Regierung. Die Volksfront entsteht in einer Phase massiver ideologischer Konflikte: Faschismus ist in Deutschland und Italien bereits etabliert und wird auch in Frankreich zur Bedrohung, rechtsradikale Gruppen greifen die Republik offen an. Dagegen bildet sich eine breite antifaschistische Sammlungsbewegung von linken Bürgerlichen bis zu den Kommunisten, getragen von Gewerkschaften, Künstlern und Intellektuellen. Nach Jahren der Spaltung rückt die Linke zusammen und gewinnt die Wahlen deutlich. Mit der Regierung Blum beginnen tiefgreifende Sozialreformen: kürzere Arbeitszeiten, bezahlter Urlaub, die „congés payés“. Daraus wächst der Mythos der Volksfront – die Vorstellung, dass Politik das Leben konkret verbessern und „das Leben verschönern“ kann.
Noll: In der Regierung selbst saßen nur Sozialisten und Radikale, die Kommunisten unterstützten das Bündnis lediglich im Parlament. War die Volksfront also keine so geschlossene Vereinigung der Linken, wie sie heute oft erscheint?
Waechter: Es war in jedem Fall ein fragiles Bündnis, und die Volksfront hielt ja auch nicht lange. Sehr schnell traten Bruchlinien zwischen gemäßigter und radikaler Linker hervor. Léon Blum geriet dabei immer wieder zwischen die Fronten, weil diese Koalition ideologisch äußerst breit aufgestellt war und oft kein gemeinsamer Nenner gefunden werden konnte.
Noll: Sie sagten vorhin, die Volksfront wollte das Leben der Franzosen verschönern. Bedeutete das eine neue Interpretation der republikanischen Werte?
Waechter: Ja, Gleichheit bedeutet nun nicht mehr nur Gleichheit vor dem Gesetz, sondern auch soziale Gleichheit – also soziale Absicherung und staatliche Umverteilung. Auch Brüderlichkeit bekommt eine soziale Dimension: Der Staat soll den gesellschaftlichen Zusammenhalt aktiv fördern. Diese neue republikanische Lesart hat sich in Frankreich langfristig weit über die politische Linke hinaus durchgesetzt.

Noll: Auch die Konservativen interpretieren das heute ähnlich?
Waechter: Die nächste Etappe folgt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die provisorische Regierung greift viele Ideen der Volksfront auf und entwickelt sie weiter: Verstaatlichungen, ein einheitliches Gesundheitssystem, ein stärkerer Sozialstaat. Getragen wird das von einem breiten linken Bündnis – von Kommunisten über Sozialisten bis hin zu linkskatholischen Kräften, unterstützt auch von Charles de Gaulle. In dieser Phase entsteht im Kern der französische Sozialstaat, wie wir ihn bis heute kennen.
Noll: Aber dieser Sozialstaat, der damals entsteht und Frankreich bis heute prägt, steht der inzwischen infrage? Oder gibt es weiterhin einen breiten politischen Konsens darüber, welche soziale Verantwortung der Staat übernehmen soll?
Waechter: Der französische Sozialstaat hat sich seitdem stark verändert. Leistungen wurden ausgebaut, andere wieder eingeschränkt. Aber der Grundgedanke ist geblieben: dass der Staat Verantwortung für soziale Solidarität trägt und eine grundlegende Versorgung organisieren muss. Dieser Konsens ist in Frankreich bis heute vergleichsweise stabil.

Gleichzeitig zeigen sich schon 1936 die Grenzen der Volksfront. Zwar führt die Regierung zentrale Sozialreformen, doch schnell entstehen Konflikte: wilde Streiks, Fabrikbesetzungen und wachsender Druck von links, der weit über Reformen hinausgeht.
Noll: Woran entzündeten sich diese Streiks? Warum gingen so viele Menschen auf die Straße und besetzten „ihre“ Fabriken?
Waechter: Das ist schwer zu erklären, weil diese Mobilisierung sehr plötzlich entstand und niemand ausdrücklich dazu aufgerufen hatte. Die Streiks begannen in der Rüstungsindustrie und breiteten sich rasend aus. Dahinter stand einerseits die Begeisterung darüber, dass die Linke endlich an der Macht war. Andererseits hatten viele das Gefühl, die Reformen gingen nicht weit genug. Manche erwarteten nicht nur soziale Verbesserungen, sondern eine grundsätzliche Abkehr vom Kapitalismus – teilweise sogar eine Revolution. Genau darin lag auch die enorme gesellschaftliche Spannung dieser Zeit. Marc Bloch sprach später von einer tiefen Spaltung der französischen Gesellschaft.
Noll: Welche Befürchtungen löste Léon Blum bei den konservativen und wohlhabenden Milieus genau aus?
Waechter: Die zentrale Befürchtung war, dass die Volksfront den Kommunismus an die Macht bringen könnte – und damit eine Entwicklung nach sowjetischem Vorbild auslösen würde. Der Kommunismus war seit der Spaltung der Arbeiterbewegung das zentrale Feindbild der bürgerlichen Rechten.

Hinzu kam die Sorge, Frankreich könne in einen Krieg gegen Hitler-Deutschland hineingezogen werden. Daraus entstand auch eine ausgeprägt pazifistische Strömung, die eher auf Verständigung mit Hitler setzte, um einen Kriegseintritt und einen möglichen Einfluss der Sowjetunion zu vermeiden. Zuspitzungen wie „Lieber Hitler als Léon Blum“ zeigen, wie stark diese Angst vor einer politischen Verschiebung nach links war. Dazu kam schließlich die Furcht vor Enteignung und dem Verlust von Eigentum, die große Teile des Bürgertums durch die Reformpolitik der Volksfront bedroht sahen.
Noll: Wenn wir jetzt weiter blicken – wie hat sich die Lage entwickelt? Léon Blum hat ja zu dieser Zeit auch mit der Aufrüstung begonnen…
Waechter: Auch das führte innerhalb seiner Koalition zu Konflikten. Der Vorwurf lautete, Blum setze „Geld für Kanonen statt für Brot“ ein. Viele hatten erwartet, dass die Volksfront vor allem soziale Verbesserungen bringt, doch ein Teil der Mittel floss in nun die Aufrüstung. Léon Blum stand dabei zwischen zwei Polen: den Bürgerlichen, denen die Reformen zu weit gingen, und den Radikalen, denen sie nicht weit genug gingen. In diesem Spannungsfeld versuchte er, einen Ausgleich zu halten – als republikanischer Reformer mit sozialistischer Herkunft. Die Frage nach der Einheit der Linken blieb auch später zentral, etwa in Versuchen wie der „NUPES“ oder anderen Bündnissen.
Noll: Wo sehen Sie da Parallelen und wo enden diese?
Waechter: Die Parallele besteht vor allem darin, dass die Linke in Frankreich weiterhin sehr heterogen ist und zahlreiche Gegensätze überbrücken muss – etwa zwischen La France insoumise unter Jean-Luc Mélenchon und den Sozialisten.

Hinzu kommen Differenzen in der internationalen Ausrichtung, etwa zur EU, zu Russland, China, den USA oder zur NATO. Diese Spannungen sind teilweise so stark, dass sie nur schwer vereinbar sind, weshalb auch neue Bündnisse bislang instabil bleiben. Ob die Bruchlinien heute größer sind als in den 1930er-Jahren, würde ich aber nicht behaupten. Allerdings haben sich die Spannungen in den letzten Jahren verschärft, nicht zuletzt durch Mélenchons konfrontativen Kurs, der Koalitionen zusätzlich erschwert.
Noll: Wie groß ist dabei das Hindernis, wenn wir über das Thema Antisemitismus sprechen?
Waechter: Antisemitismus war schon bei der Volksfront vor 90 Jahren ein Vorwurf und ein politisches Problem. Heute stellt sich die Lage anders dar. Im aktuellen Kontext geht es vor allem um politische Strategien, etwa die stärkere Einbindung der Wählerschaft in den Banlieues, insbesondere von Menschen mit nordafrikanischem Hintergrund, die bislang oft weniger politisch mobilisiert waren. Auch der Gaza-Krieg spielt dabei als Mobilisierungsthema eine Rolle. In diesem Zusammenhang sind Äußerungen gefallen, die stark israelkritisch bis israelfeindlich wahrgenommen wurden und teilweise auch als antisemitisch interpretiert werden. Das ist ein erhebliches Hindernis für die Zusammenarbeit der gemäßigten Linken mit Mélenchon.
Noll: In Ihrem kürzlich erschienenen Buch „Pocket Frankreich beschreiben Sie Frankreich als ein Land, das seit Jahrzehnten immer wieder wirtschaftliche Krisenerfahrungen macht. Kann man von Dauerwirtschaftskrise sprechen?
Waechter: Nicht im statistischen Sinne einer permanenten Rezession, eher als gesellschaftliches Grundgefühl. Ein zentraler Indikator ist dabei die Arbeitslosigkeit: Sie liegt im Vergleich zu vielen Nachbarländern traditionell höher, ist aber seit 2017 auf unter acht Prozent gesunken. Unter 7 Prozent ist sie in den letzten Jahrzehnten kaum gefallen. Hinzu kommen Deindustrialisierung und Outsourcing, also der Verlust industrieller Strukturen in einzelnen Regionen mit entsprechender Arbeitslosigkeit. Dieser Prozess hat sich zwar verlangsamt, besteht aber weiter fort. All das prägt eine dauerhafte Krisenwahrnehmung. Gleichzeitig gibt es sehr erfolgreiche französische Unternehmen, die stark im Weltmarkt verankert sind und von der Globalisierung profitieren.
Noll: Wo war Optimismus in Frankreich wirklich greifbar – vielleicht auf der linken Seite des politischen Spektrums, etwa mit der Wahl François Mitterrands 1981 und dem Versuch, eine radikale Politik umzusetzen?
Waechter: Das war in der Tat eine Phase großer Hoffnung. Aber sehr schnell folgte Ernüchterung, weil sichtbar wurde, dass man diesen Kurs wirtschaftlich nicht dauerhaft fortsetzen konnte und schließlich auf eine Austeritätspolitik einschwenken musste. Ein anderer Moment, in dem Frankreich unter einer sozialistischen Regierung wirtschaftliche Probleme vergleichsweise gut in den Griff bekam, war die Gauche plurielle, also die vielfältige Linke unter Lionel Jospin. In dieser Zeit ging die Arbeitslosigkeit tatsächlich deutlich zurück.

Noll: Lionel Jospin ist vor wenigen Tagen gestorben. Welche Bedeutung hat er heute noch?
Waechter: Die Erinnerung an Lionel Jospin ist bis heute sehr gespalten. Einerseits steht er für eine erfolgreiche Linksregierung, die den Arbeitsmarkt verbessert, die 35-Stunden-Woche eingeführt und Frankreich auf den Euro vorbereitet hat.
Andererseits bleibt das dramatische Scheitern bei der Präsidentschaftswahl 2002 prägend, als er es nicht in den zweiten Wahlgang schaffte und stattdessen Jean-Marie Le Pen gegen Jacques Chirac antrat. Eine große politische Karriere, die tragisch endete.
Noll: Herr Waechter, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Franko-viel-Podcastes #103 – Léon Blum, die Volksfront und das Versprechen der sozialen Republik – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast vom 15. Mai 2026.
Unser Gast

Matthias Waechter, geboren 1965, ist deutscher Historiker. Er leitet das Europäische Hochschulinstitut CIFE in Nizza, wo er seit 2000 mit seiner Familie lebt. Seine Forschungsschwerpunkte sind die neuere Geschichte Frankreichs, die deutsch-französischen Beziehungen und die Geschichte der USA. Für sein Buch „Der Mythos des Gaullismus. Heldenkult, Geschichtspolitik und Ideologie“ erhielt er 2007 den Deutsch-Französischen Parlamentspreis. 2019 ist von ihm die „Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert“ erschienen.
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