Cocoriki:
Die fabelhafte Welt der Interjektionen

Wer glaubt, es genügt Grammatik und Vokabeln zu lernen, um sich im französischen Alltag zu bewegen, irrt gewaltig. Denn wer wirklich verstehen will, was in Frankreich vor sich geht, muss eine viel geheimnisvollere Kategorie beherrschen: die Interjektionen.
Oh là là, zut, héla, chut, … Diese kleinen, scheinbar harmlosen Ausrufe sind gewissermaßen das Schmieröl der französischen Kommunikation, sie helfen jedem, zwischen den Zeilen zu lesen. Ohne sie läuft gar nichts. Und das Kuriose: Sie kommen in keinem ordentlichen Sprachlehrbuch vor. Man kann Jahre lang Französisch lernen und trotzdem völlig hilflos dastehen, wenn neben einem plötzlich jemand Oh là là! oder Non mais! ruft, das es die verschiedensten Bedeutungen haben kann.
Der Klang der Schmerzen
Schon beim Thema Schmerz beginnen die kulturellen Unterschiede. Ein Franzose, der sich den Finger einklemmt, schreit instinktiv: Aïe! Ein Deutscher dagegen ruft Au! – während der Engländer übrigens Ouch! sagt. Es sind diese Momente, in denen einem klar wird: Selbst der Schmerz hat eine nationale Aussprache.

Interessanterweise gibt es auch Momente transnationaler Verständigung. Wenn sich Franzosen und Deutsche erleichtert fühlen, sagen beide fast identisch Ouf! beziehungsweise Uff! Ein kleiner europäischer Integrationsmoment. Ganz anders beim Schweigen: In Frankreich sagt man Chut!, in Deutschland Pst!, und im Englischen Shush. Reiht man die drei ohne Kontext aneinander, so könnte man glauben, einer Bebop-Session beizuwohnen.
Eine kleine französische Gefühlsbibliothek
Anfangs war ich damit total überfordert und täuschte mich ständig. Um meinen Lesern diese Peinlichkeit zu ersparen, hier einer kleiner Sprachführer durch die französischen Interjektionen: Hélas zum Beispiel ist ein wunderschön melancholisches Wort. „Je ne peux pas venir à ton anniversaire, je dois travailler. Hélas!“ Der Ausdruck stammt aus dem Altfranzösischen – eine Mischung aus hé! und las, was so viel wie „ach, ich Unglücklicher“ bedeutete.
Dann gibt es Zut!, eine elegante Variante von etwas, das man im Deutschen eher mit einem kräftigen Wort aus sieben Buchstaben ausdrücken würde. Man benutzt es, wenn man zum Beispiel wieder vergessen hat, seine Mutter anzurufen. Die wahrscheinlich charmanteste Theorie zur Herkunft besagt, dass es sich um eine Onomatopoesie handelt – ein zischender Laut, der das plötzliche Verschwinden symbolisiert: weg, wie ein Luftzug. Zu der gleichen Kategorie gehören die Begriffe flûte (etwa: „Mist!“ oder „Verdammt!“, wörtlich aber Flöte), sapristi, purée und mince, die man verwendet, um seinem Ärger auf vornehme und würdevolle Weise Luft zu machen.

Besonders schön ist auch Pas possible! – eine verkürzte Form von C’est pas possible! Der moderne Franzose spart sich gerne den Rest des Satzes. In der métro kann dann so klingen:
– Durchsage: Le métro est bloqué. Merci de votre compréhension! (Die U-Bahn steckt fest. Wir danken für Ihr Verständnis!)
– Reaktion eines jeden Passahgieres: Pas possible!
Das bedeutet nicht unbedingt, dass es unmöglich ist. Es bedeutet eher: „Das darf doch nicht wahr sein, und außerdem: Das nervt!“
Noch empörter wird es mit Non mais! – eine Art moralische Alarmglocke des französischen Alltags. Wenn jemand im Gedränge nicht „pardon“ sagt, folgt sofort:
Non mais, tu as vu ça? Der Deutsche würde enerviert schimpfen: Also sowas…
Das Universum von „Oh là là“
Doch der wahre König der französischen interjections ist Oh là là! Für Außenstehende klingt es immer gleich. Für Franzosen dagegen ist es ein ganzes emotionales Universum. Die Bedeutung hängt vollständig von der Intonation ab. Ich verwendete ständig Oh là là und fühlte mich dabei so französisch. La honte! Eine Anleitung über die verschiedenen Anwendungsgebiete:
– Oh là là, quelle belle robe ! Bewunderung.

– Oh là là, encore un problème de métro! Genervte Resignation.
– Oh là là…Mitfühlendes Bedauern.
– Oh là là! Überraschung.
– Oh là! Warnung – meist kurz bevor jemand auf einer Treppe ausrutscht.
Sprachwissenschaftlich interessant ist, dass Interjektionen zu den ältesten Elementen jeder Sprache gehören. Sie sind oft näher am spontanen emotionalen Ausdruck als am grammatikalischen System. Linguisten sehen darin sogar eine Art Brücke zwischen Sprache und Lautäußerungen – ein Relikt aus der Frühzeit menschlicher Kommunikation. Frankreich hat daraus eine Kunstform gemacht.
Die Kunst des indirekten Sprechens
Noch verwirrender wird es, wenn man glaubt, endlich alle Interjektionen zu beherrschen. Dann entdeckt man das zweite große Rätsel der französischen Kommunikation: die indirekte Sprache. Wer etwa einmal eine Rede von Emmanuel Macron gehört hat, kennt den berühmten Ausdruck en même temps.

Die Presse hat sich oft darüber lustig gemacht. Aber eigentlich ist er typisch französisch: Man sagt etwas – und gleichzeitig das Gegenteil. Im Alltag begegnet einem diese Logik ständig. Statt zu sagen: „Das ist falsch“, sagt man: Ce n’est pas que ça soit faux, mais… Oder noch eleganter: Oui…mais non. Diese drei Worte bedeuten gleichzeitig Zustimmung und Ablehnung – contradiction in terms, wie der Brite sagen würde. Bei den Franzosen spiegelt das wohl eher ein Lebensgefühl wieder.
Die große französische Negationspoesie
Besonders auffällig ist die französische Vorliebe für Negationen. Wenn ein Essen hervorragend ist, sagt man selten einfach „C’est délicieux“. Viel häufiger hört man: Ce n’est pas mauvais, hein? Was übersetzt ungefähr bedeutet: „Das ist eigentlich ziemlich fantastisch, aber wir wollen ja nicht übertreiben.“ Diese sprachliche Bescheidenheit zieht sich durch viele Formulierungen:
– Il n’est pas grand → Er ist winzig.
– Ce n’est pas mal → Es ist großartig.
– Fait pas chaud → Es ist eiskalt.

Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau hätte daran vermutlich seine Freude gehabt. Seit seinen Rêveries du promeneur solitaire gehört ein gewisser skeptischer Ton zum kulturellen Selbstbild Frankreichs. Zu viel Enthusiasmus wirkt schnell amerikanisch, oder wie ein französischer Freund einmal sagte: „Was willst du denn hören? Amazing? Great? Wir sind hier nicht in Kalifornien.“
Bürokratie und andere Abenteuer
Diese sprachlichen Unterschiede können im Alltag erstaunliche Folgen haben. Ein Beispiel: das jährliche Mitarbeitergespräch. In Deutschland würde man vielleicht hören: „Sie sind sehr direkt.“ In Frankreich lautet die elegante Version: Vous êtes un peu trop franc parfois. Ein hübsches Paradox: „franc“ bedeutet ehrlich – aber bitte nicht zu ehrlich.

Noch lehrreicher ist der Umgang mit Bürokratie. Frankreich besitzt eine lange Verwaltungstradition, die teilweise bis zu Napoleon Bonaparte zurückreicht. Die moderne administration ist ein monumentales Gebäude aus Formularen, Stempeln und Wartezeiten. Ich habe das sehr schnell gelernt: Wenn ich schon längere Zeit auf auf ein Antwortschreiben warte, beginne ich meine Mail nicht mit „c’est déjà la deuxième fois que je vous écrit …“ („ich schreibe Ihnen nun schon zum zweiten Mal bezüglich…“),, sondern „sauf erreur de ma part …“ („es sei denn, es handelt sich um eine Fehler meinerseits…“). Anderer Stil – gleiche Aussage.
Wenn Kulturen aneinander vorbeireden
Die schönsten Missverständnisse habe ich allerdings in deutsch-französischen Meetings erlebt. Die deutsche Delegation sagte: „Wir sollten dieses Thema unbedingt auf die Tagesordnung setzen.“ Die französische Seite wollte das gar nicht, sie antwortet höflich: C’est effectivement très intéressant, on en reparlera. Die Deutschen verstanden: „Gut, wir besprechen es.“ Die Franzosen meinten: „Das werden wir ganz bestimmt nicht tun.“ Beide Seiten verließen das Treffen überzeugt, sich klar ausgedrückt zu haben.

Was lernt man daraus? Vielleicht dies: Sprache ist mehr als Grammatik. Sie ist ein Spiegel kultureller Gewohnheiten – von nationalem Temperament, Höflichkeit, Humor. Und manchmal reicht ein einziges Wort, um alles zu sagen. Oh là là: Ein Franzose kann damit Begeisterung, Verzweiflung, Ironie, Mitgefühl oder genervte Resignation ausdrücken. Der Deutsche braucht dafür meist drei Sätze und einen Nebensatz. Oh là là, schwierige Sprache – dieses Französisch. Pardon: Oh là là, pas facile la langue française.
Der Autor
Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.
