Cocoriki:
Eine Feldstudie über die geheimnisvolle Spezies „Première Dame“

Cocoriki: Eine Feldstudie über die geheimnisvolle Spezies „Première Dame“
  • VeröffentlichtJuni 3, 2026
Ein paar Beine in Anzughosen und ein Paar Beine im Kleid auf einem roten Teppich
Copyright: Alamy

Cokoriki nimmt sie mit in die geheimnisvolle Welt der französischen Premières Dames – zwischen Liebe, Macht, Sex, Verrat und Wohltätigkeit. Ein Thriller in zwei Teilen.

 

26. Mai 2024, ein aufregendes Abenteuer erwartet mich, denn ich sitze in dem französischen Regierungs-Airbus A330-200, Kennzeichen F-RARF. Dieser Airbus gehört zur Transportflotte der französischen Luft- und Weltraumstreitkräfte und wird regelmäßig für internationale Reisen des französischen Präsidenten genutzt. Es geht nach Berlin für einen dreitägigen Staatsbesuch des Präsidenten und seiner Frau, der First Lady Brigitte Macron. Pardon: la premère dame. Ob sie wohl dabei sein würde, wenn ich mit dem Präsidenten seine Rede einübte?

 

Madame. Einfach Madame

Schon vorher quälte mich eine existenzielle Frage von größter diplomatischer Tragweite: Wie spricht man eigentlich die Frau des Präsidenten an? „Madame la Première Dame?“ „Madame Macron?“ „Madame la Présidente?“ Zum Glück traf ich rechtzeitig Christine, eine Schülerin und Expertin in der hohen Kunst des Protokolls. Ihre Antwort kam schnell, trocken und mit der Autorität eines Menschen, der schon viele nervöse Beamte vor diplomatischen Katastrophen bewahrt hat: „Madame. Einfach Madame. Nichts anderes.“

 

Unser Autor auf dem Rollfeld der Luftwaffenbasis Villacoublay kurz vor dem Abflug - im Vordergrund der Kopf des Autors, im Hintergrund ein FLugzeug
Unser Autor auf dem Rollfeld der Luftwaffenbasis Villacoublay kurz vor dem Abflug mit Staatspräsident Macron nach Berlin, 26. Mai 2024 (Copyright: Frank Gröninger)

 

Kurz vor dem Start des Flugzeuges sollte ich diese Information gleich benötigen, denn kaum hatten alle Gäste Platz genommen, da bemerkte ich, dass vorne im Flugzeug plötzlich wieder alle aufstanden. Was war da wohl los? Ich verstand sehr schnell: Kurz vor dem Start gingen Präsident und Première Dame durch das Flugzeug, um alle zu begrüßen. Beide nahmen sich für jeden der Mitreisenden Zeit für einen Händedruck und einen kurzen Smalltalk, den jeder Mitreisende stolz erwiderte. Dann war ich an der Reihe: Ich stellte mich also mutig meiner protokollarischen Bewährungsprobe: „Bonjour Madame, Frank Gröninger, je travaille l’allemand avec votre époux, ich arbeite mit Ihrem Ehemann an seinem Deutsch.“ Sie lächelte. „Ah, ein Kollege. Ich war ja auch mal Lehrerin.“ Und da sprach sie auch schon mit dem nächsten Fluggast.

Auf dem Flug machte ich mir dann Gedanken über diese ganz besondere Funktion: Première Dame de la République.

 

Der seltsamste Job der Republik

Die Funktion der Première Dame ist vermutlich einer der merkwürdigsten „Berufe“ der Französischen Republik. Offiziell existiert sie nämlich gar nicht. Es gibt keine Wahl, kein Amt, kein Gehalt, kein klares Mandat. Und trotzdem kennt ganz Frankreich ihre Vornamen: Yvonne, Claude, Anne-Aymone, Danielle, Bernadette, Cécilia, Carla, Valérie, Brigitte. Erst seit der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy wird der Begriff „Première Dame“ offiziell benutzt – eine elegante französische Kopie der amerikanischen „First Lady“. Davor hieß es schlicht und sachlich: l’épouse du président, „die Ehefrau des Präsidenten“.

 

Melania Trump, Donald Trump, Emmanuel Macron und Brigitte Macron stehen mit dem Rücken zum Fotografen an einer Brüstung und schauen auf das Meer
Das Los einer Première Dame ist nicht jeden Tag einfach. Hier am 6. Juni 2019 auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof in der Normandie (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Was macht eine Première Dame also? Laut einer Transparenzcharta soll sie repräsentieren, begleiten, empfangen, Gäste begrüßen, Sitzordnungen prüfen, Veranstaltungen organisieren und im Élysée-Palast ein Büro besitzen. Mit anderen Worten: Sie ist eine Mischung aus Diplomatin, Gastgeberin, Kulturbeauftragter, Influencerin und Möbelarrangeurin. Gäbe es dieses Jobprofil, so würde das vermutlich jede Personalabteilung in den Wahnsinn treiben.

 

Jede Première Dame braucht ihre gute Tat

Mit der Zeit entwickelte sich eine Art ungeschriebenes Gesetz: Jede Première Dame braucht eine eigene „Herzenssache“. Eine gute Tat, die gleichzeitig nützlich, würdevoll und medienwirksam ist. Die diskrete Yvonne de Gaulle, liebevoll „Tante Yvonne“ genannt, blieb noch weitgehend im Schatten ihres Mannes. Dann kam Claude Pompidou, die eine Stiftung gründete, um älteren Menschen, kranken Kindern und Hospitalisierten zu helfen. Plötzlich hatte die Première Dame eine Mission. Anne-Aymone Giscard d’Estaing organisierte Wohltätigkeitsabende im Schloss von Versailles. Danielle Mitterrand ging noch weiter und gründete eine politisch engagierte NGO für Menschenrechte und die Dritte Welt.

 

Bernadette Chirac, David Douillet und Dr. Claude Griscelli gemeinsam mit Kindern, die große Euromünzen aus Pappe in einer Spardose werfen
Bernadette Chirac, David Douillet und Dr. Claude Griscelli beim Start der „Opération Pièces Jaunes“ am 9. Januar 2007 im Necker Hospital in Paris (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Und dann erschien sie: die unbestrittene Königin der französischen Herzensaktionen: Bernadette Chirac. Ihre berühmte „Opération Pièces Jaunes“ ist eine der charmantesten Fundraising-Ideen der Republik: Französische Bürger werfen Kleingeld in kleine Sparschweine, um Krankenhäuser für Kinder zu unterstützen. Um Spenden zu sammeln, reiste Bernadette Chirac durch Frankreich – im TGV –, begleitet von Prominenten wie dem Judoka David Douillet und der Popikone Lorie. Als ich das damals im Fernsehen sah, stellte ich mir kurz vor, wie Hillary Clinton mit Britney Spears und Tiger Woods in einem Zug durch Amerika fährt, um Münzen einzusammeln. Oder noch besser: Hannelore Kohl mit Boris Becker und Nena… Die Vorstellung allein reichte, um zu verstehen: Frankreich ist einfach anders. Die heutige Première Dame, Brigitte Macron, übernahm schließlich ebenfalls die berühmte „Pièces jaunes“-Aktion und wurde Präsidentin der Stiftung der Pariser Krankenhäuser.

 

Brigitte Macron mit schwarzem Mantel und gelbem Schal, ein Mikrofon in der Hand
Brigitte Macron beim Start der „Opération Pièces Jaunes“ 2022 in der Poste du Louvre in Paris (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Zwischen Staatsbankett und Shitstorm

Doch das Leben einer Première Dame besteht längst nicht nur aus Wohltätigkeit und eleganten Staatsbanketten. Es ist auch ein Dauerlauf durch die sozialen Medien. Mal kursieren bizarre Verschwörungstheorien über ihre Vergangenheit, mal sorgt eine unbedachte Äußerung über Feministinnen für hitzige Debatten. Und manchmal genügt schon eine kleine, halb scherzhafte Szene zwischen Präsident und Ehefrau, um tagelang Schlagzeilen zu produzieren. Die moderne Première Dame lebt in einer Welt, in der jede Geste, jedes Wort und jede Handbewegung potenziell zum internationalen Politdrama werden kann. Brigitte Macron ist dabei vielleicht die einzige, die nicht mit Presseartikeln über die amoureusen Eskapaden ihres Mannes konfrontiert wird – die anderen könnten ein Lied davon singen.

Hinter der offiziellen Rolle beginnt eine andere Geschichte – eine Geschichte voller Macht, Affären und politischer Sprengsätze.

 

Teil zwei des Thrillers erscheint am 5. Juni.

 

Der Autor

Frank Gröninger
Copyright: Frank Gröninger

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.

 

 

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