Französische Schachweltmeister?
Schach zwischen Aufklärung, Auschwitz und Kaltem Krieg

Es muss im Oktober 1941 eine gespenstische Szene gewesen sein, als der französische Schachweltmeister Alexander Aljechin gegen Hans Frank in Krakau spielte. Ort war das Wawelschloss, der ehemalige Wohn- und Regierungssitz der polnischen Könige. Auschwitz lag nur rund 60 Kilometer entfernt.
Der eine, Hans Frank (1900-1946), war damals der mächtigste Mann in Polen. Polen existierte zu diesem Zeitpunkt in dieser Form nicht mehr, weil Deutschland und die Sowjetunion es untereinander aufgeteilt hatten. Im deutschen Teil war Hans Frank für die Ermordung von hunderttausenden Polen und für die Ausraubung des Landes verantwortlich.
Der andere, Alexander Aljechin (1892-1946), war der damalige Schachweltmeister und – Franzose. In den Wirren der russischen Revolution war er – aus der russischen Oberschicht stammend – vor den Bolschewisten über mehrere Stationen nach Paris geflohen. Er schrieb sich in der Sorbonne ein und beantragte 1922 die Staatsbürgerschaft. Diese wurde ihm aber erst 1927 verliehen. Denn zu diesem Zeitpunkt entthronte er in einem weltweit wahrgenommenen Wettkampf den damaligen amtierenden Schachweltmeister José Raúl Capablanca (1888-1942). Alexander Aljechin war nun Schachweltmeister. Der französische Staat gab ihm deshalb die Zugehörigkeit zur Grande Nation während des Turniers. Alexander Aljechin ging als Russe ins Turnier, aber kam als Franzose und Weltmeister wieder heraus. Wer schmückt sich nicht gerne mit einem Schachweltmeister?
Schach zwischen Macht und Krieg
Zu Hans Frank fand Alexander Aljechin 1934, als das nationalsozialistische Deutschland die Austragung der Schachweltmeisterschaft übernahm. Hans Frank war schachbegeistert, offenbar auch ein starker Spieler. Er stellte einen persönlichen Kontakt zu Alexander Aljechin her, der nicht mehr abriss. 1941 arbeitete Alexander Aljechin offiziell als Russland-Spezialist für Hans Frank in Krakau – und man traf sich zu Schachpartien.

Der Tod ereilte beide im gleichen Jahr, 1946. Hans Frank wurde in Nürnberg von den Alliierten hingerichtet, Alexander Aljechin erstickte unter ungeklärten Umständen an einem Stück Fleisch in einem portugiesischen Hotel. Gerüchten zufolge sollte wahlweise die französische Résistance oder der russische Geheimdienst, der NKWD, die Hände im Spiel gehabt haben. Beiden Organisationen war die ehemalige Kooperation des Schachweltmeisters mit den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge – und ein Grund zur Rache. Alexander Aljechin wurde 1956 in Paris auf den Cimetière de Montparnasse überführt.

1941 als Alexander Aljechin und Hans Frank Schach spielten, begannen die Deutschen und die mit ihnen verbündeten Finnen die Leningrader Belagerung. Sie kostete bis 1944 etwa 1,1 Millionen Menschen das Leben. Angesichts der Lage beschloss die Familie den 4-jährigen Boris Spasski zusammen mit seinem Bruder in ein Kinderheim in den Ural zu schicken. Auf der Fahrt dorthin – etwa 1500 km – berührte er zum ersten Mal ein Schachbrett. Von diesem Zeitpunkt an schuf sich das Kind im Schach eine Parallelwelt, die ihn Tag für Tag außerhalb des Schreckens des Zweiten Weltkriegs führte und seine Sehnsucht nach den Eltern milderte. Nach dem Kriegsende wurde Boris Spasskis Talent für das Schach schnell erkannt. Seine Trainer bauten ihn systematisch auf. Bereits als 10-Jähriger schlug er in einer Simultanpartie den amtierenden Schachweltmeister Michail Botwinnik (1911-1995), und 1969 holte er sich selbst den Titel.
Das Match des Jahrhunderts
Doch das „Match des Jahrhunderts“, wie es genannt wurde, stand ihm noch bevor. Sein nächster Herausforderer sollte der US-Amerikaner Bobby Fischer (1943-2008) werden. Mitten im „Kalten Krieg“ trafen somit nicht nur die besten Schachspieler der Welt aufeinander, sondern die Weltmeisterschaft im Jahr 1972 wurde zum „Kampf der politischen Systeme“ hochstilisiert. Welches System hatte den besseren Schachspieler hervorgebracht? Das war die entscheidende Frage – und sie sollte auf dem Schachbrett geklärt werden.

Bobby Fischer schlug Boris Spasski, das Sowjetsystem verlor. Während Bobby Fischer gefeiert wurde, fiel Boris Spasski in Ungnade. Er hatte alle Hoffnungen Moskaus enttäuscht. Er wurde drangsaliert, eingeengt, seine Turnierteilnahmen und seine Reisefreiheit beschränkt. So traf es sich für alle günstig, als er sich in Marina Yurievna Scherbachova verliebte, eine französische Staatsbürgerin mit russischen Wurzeln, die in der französischen Botschaft in Moskau arbeitete. Nach der Hochzeit setzte sich Georges Pompidou (1911-1974), der französische Staatspräsident, persönlich für das Paar ein. Die Ausreise nach Paris gelang, 1977 erhielt Boris Spasski zusätzlich zur russischen, auch die französische Staatsbürgerschaft. Als Franzose hat Boris Spasski aber nie eine Weltmeisterschaft errungen.
Die Sprache verweist auf Frankreich
Hat Frankreich also in dem Spiel der Spiele nichts zu bieten? Das würde überraschen, denn es gibt nur eine Handvoll von Fachbegriffen, die man zum Schach benötigt. Aber davon sind einige französisch: „Gardé“ war z. B. lange ein Begriff, mit dem man dem Gegenspieler galant darauf aufmerksam machte, dass seine Dame bedroht sei. „Gardé“ bedeutet so viel wie: „Schützen Sie Ihre Dame, oder ich schlage sie.“ In den heutigen Zeiten ist dieses ehrenvolle Verhalten nicht mehr üblich, aber der Begriff ist noch bekannt. „En passant“ ist im Schach eine sehr ungewöhnliche Form, den gegnerischen Bauern zu schlagen. Der feindliche Bauer, der vorstürmt, kann sozusagen im „Vorbeigehen“ geschlagen werden.

Und natürlich gibt es eine „Französische Verteidigung“. 1834 spielten Pariser Schachspieler ein Fernschachturnier gegen London. Sie überraschten in der Eröffnung plötzlich mit einem defensiven Bauernriegel, der Sébastien de Vauban Ehre gebracht hätte. Die Reaktion auf der anderen Seite des Kanals: verständnisloses Lachen. Doch am Ende gewann Paris die Partie. Die Französische Verteidigung wird bis heute sehr, sehr oft gespielt.
Frankreichs eigentlicher Schachkönig
Dieser Einfluss Frankreichs auf das Schach hat auch mit einer Person zu tun, die mit Fug und Recht als der einzige französische Weltmeister gelten kann: François-André Danican, genannt Philidor (1726-1795). Er wurde vor 300 Jahren, am 26. September in Dreux, etwa 60 km von Paris geboren.
Der etwas altertümliche Name Philidor geht offenbar auf König Ludwig XIII (1601-1643) zurück. Dieser suchte einen Oboisten für seine Hofkapelle, ließ sich vorspielen und entschied sich für den Großvater des Schachgenies, Michel I Dancian. Er war Schotte. Dessen Oboenspiel erinnerte den König an den Oboisten Filidori aus Siena. Und so nannte er ab jetzt seinen neuen Musiker Philidor, ein Name, den alle dessen Nachfolger führten.

Sie alle waren königliche Musiker. Auch François-André Danican wurde im Alter von sechs Jahren Sängerknabe in die Hofkapelle zu Versailles. Aber er besaß noch eine zweite Leidenschaft: das Schachspiel. Mit 14 Jahren verdiente er bereits sein Geld in beiden Sphären: mit dem Kopieren von Noten, Musikunterricht und mit Schach gegen die Musiker bei Hofe. Als er Versailles 1740 verlassen musste – der Stimmbruch hatte den Sängerknaben eingeholt – begab er sich nach Paris. Dort suchte er die Pariser Schachcafés wie das Café de la Régence in der Nähe des Louvres oder das Café Procope im Quartier Latin auf. Hier traf er z. B. Voltaire, Diderot, Jean-Jacques Rousseau und den Herzog von Richelieu. Durch sein brillantes Schachspiel fiel er auf, und 1745 beschloss er die 64 Felder zu seinem Beruf zu machen – in seiner Zeit ein gewagtes, aber nicht unmögliches Unterfangen, das an heutige Berufsspieler erinnert. Einerseits gab es damals in den genannten Cafés einige wenige festangestellte Berufsspieler, deren Aufgabe es war, mit den Gästen Schach zu spielen. Andererseits – und das war viel wichtiger – waren die Besucher der Cafés oft vermögende Mäzene, Kunstinteressierte, Literaten usw. Die Cafés waren eine eher bürgerliche Form der Zusammenkünfte, eine Ergänzung zu den Salons der höheren gesellschaftlichen Ebene. Letztere wurden als „gesellschaftliche Ereignisse von Rang“ von schönen und geistreichen Frauen geführt und bestanden international. In Paris, Wien, London usw. Philidor wusste, dass in Cafés wie in Salons Schach geschätzt wurde.
Die „Noblesse“ wird im Café geschlachtet
Um berühmt zu werden, das wusste Philidor, musste ein öffentlicher Schaukampf her. Er wählte dafür im Jahr 1746 das legendäre Slaughters Café House in London. Sein Gegner war Philipp Stamma (1705-1755), ein bekannter syrischer Schachspieler. Dieser hatte seine Idee von Schach gerade in einem vielgelesenen Buch mit dem Titel The noble game of chess zusammengefasst. Die Noblesse half Stamma allerdings nicht viel. Slaughters Café House wurde seinem Namen gerecht, Stück für Stück nahm ihn Philidor auseinander. Und auch ein Rematch im Jahr 1747, wiederum in London, gewann er überlegen mit 8 Punkten und nur einer Verlustpartie. Die Remispartie bot Philidor großmütig seinem Gegner als Punktgewinn an.

An Stammas Buch The noble game of chess erinnert man sich heute nicht mehr, aber Philidors L´analyse des échecs von 1749 wurde grundlegend. Er lehrt darin besonders die zentrale Bedeutung der Bauern im Schachspiel. Mit ihnen schuf er Raumgewinne, bildete wehrhafte, stabile Ketten, mit ihnen verteidigte er eigenommene Positionen. Er unterstrich aber auch die Bedeutung von offenen Linien und Diagonalen, lehrte, wie man auf dem Brett provoziert und den gegnerischen König systematisch schwächt. Das Café bot Ende des 18. Jahrhunderts dem Salon Schach, der Bauer bedrohte den König. Die gesellschaftliche Entwicklung hin zur französischen Revolution fand sich dank Philidor auch auf dem Schachbrett wieder.
„Jüdisches und arisches Schach“
Zum Schluss kehren wir wieder zu Alexander Aljechin zurück. Dieser kannte natürlich Philidor und hatte nachweislich viele seiner Partien analysiert. Im Jahr 1941 veröffentlichte der Franzose in der Pariser Zeitung eine bemerkenswerte Artikelserie. Die Pariser Zeitung war das Organ, das die Deutschen während ihrer Besatzung von Paris von 1941 bis 1944 in der französischen Hauptstadt herausgaben, um Angehörige der Besatzungsmacht über alles Wichtige zu informieren. Sie erschien auf Deutsch, aber eine Seite fasste die wichtigsten Artikel auch auf Französisch zusammen. Alexander Aljechins Reihe im Jahr 1941 hatte den Titel „Arisches und jüdisches Schach“. Es waren 6 umfangreiche Artikel, in denen er in der Gesinnung eines tiefsitzenden Rassismus ausführte, dass Juden einen völlig anderen Schachstil hätten als die Angehörigen der vermeintlich arischen Rasse. Juden würden immer defensiv, ängstlich und feige spielen, sie versuchten möglichst viele Figuren zu gewinnen – ein Ausdruck ihres auf materiellen Gewinn ausgelegten Wesens. Der „arische Schachspieler“ setze dagegen auf Kühnheit, auf Angriff und sei kombinatorisch hochbegabt. Alexander Aljechin zählte Philidor zu den „arischen Schachspielern“.
Der Autor

Nils Franke ist Historiker und Kulturwissenschaftler an der Universität Leipzig sowie Leiter des Wissenschaftlichen Büros Leipzig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Umweltgeschichte, der Geschichte des Nationalsozialismus und der Extremismusprävention. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz. Seit seiner Jugend spielt er mit Begeisterung Schach.
