Fußballgeschichte:
Von schwarzen Jahren zu gemeinsamen Nächten

Fußballgeschichte: Von schwarzen Jahren zu gemeinsamen Nächten
  • VeröffentlichtJuni 30, 2026
Das WM-Halbfinale von 1982 in Sevilla hat sich auf französischer Seite tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt
Das WM-Halbfinale von 1982 in Sevilla hat sich auf französischer Seite tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt (Copyright: Alamy)

Vom ersten inoffiziellen Länderspiel 1898 über das politisch hochsensible Duell von 1952 bis zum bis heute nachwirkenden Drama von Sevilla 1982: Die Geschichte des deutsch-französischen Fußballs erzählt weit mehr als nur sportliche Erfolge und Niederlagen.

 

Andreas Noll: Herr Didion, am Anfang der deutsch-französischen Fußballgeschichte stand ein 0:7. Was sagt dieses Ergebnis über das frühe Verhältnis beider Fußballnationen aus?

 

Philipp Didion: Dieses Ergebnis war eher die Regel als die Ausnahme – zumindest für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwar konnte Frankreich sich gelegentlich mit einem Unentschieden aus der Affäre ziehen, insgesamt war die Bundesrepublik den französischen Mannschaften aber insbesondere von den 1960er bis zu den 1980er Jahren deutlich überlegen. In Frankreich spricht man mit Blick auf diese Zeit – mit Ausnahme der Weltmeisterschaft 1958 – häufig von „schwarzen Jahren“. Über lange Zeit bestand daher ein eher asymmetrisches Verhältnis zwischen beiden Fußballnationen.

 

Noll: Und das galt auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg? Das erste – noch inoffizielle – Länderspiel endete ja ebenfalls deutlich.

 

Didion: Damals handelte es sich noch eher um Begegnungen von Städtemannschaften. Organisatorisch war Frankreich dem deutschen Fußball sogar voraus: Die FIFA hatte lange ihren Sitz in Paris, zahlreiche internationale Sportverbände ebenfalls. In Frankreich gibt es seit 1932 eine eingleisige höchste Spielklasse; in Westdeutschland mit der Einführung der Bundesliga erst seit 1963. Auch im Breitensport nahm Frankreich eine Vorreiterrolle ein. Im Spitzenfußball jedoch war Deutschland über lange Zeit die stärkere Nation.

 

Sonderanfertigung eines Fußballs von Adi Dassler mit den Unterschriften aller Spieler der ersten Bundesliga-Saison 1963/64
Sonderanfertigung eines Fußballs von Adi Dassler mit den Unterschriften aller Spieler der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 (Copyright: Wikimedia Commons)

Noll: Wenn Sie von Breitensport sprechen: War Fußball in Frankreich möglicherweise sogar stärker verankert als in Deutschland?

 

Didion: Fußball hatte in Frankreich immer deutlich mehr Konkurrenz als in Deutschland. Denken Sie insbesondere an Rugby im Südosten und den Radsport mit der Tour de France. In Deutschland hingegen ist Fußball seit Langem die Sportart Nummer eins.

 

Noll: Kann man sagen, dass Frankreich relativ spät zu einer echten Fußballnation geworden ist?

 

Didion: Nein, das ist keineswegs übertrieben. Einen ersten Höhepunkt erleben wir Ende der 1950er-Jahre. Damals entwickelte Stade de Reims einen eigenen Spielstil. Der Verein erreichte zweimal das Finale des Europapokals der Landesmeister, des Vorläufers der Champions League. Man sprach vom „Champagnerfußball“ – eine Anspielung auf die Region Champagne. Diese Spielweise prägte auch die Nationalmannschaft. Bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden wurde Frankreich Dritter und besiegte die Bundesrepublik mit 6:3. Just Fontaine erzielte dabei vier Tore.

 

Bei der WM 1958 stellte Just Fontaine mit 13 Toren einen Rekord auf (Copyright: Wikimedia Commons)
Bei der WM 1958 stellte Just Fontaine mit 13 Toren einen Rekord auf (Copyright: Wikimedia Commons)

 

In dieser Zeit wurde Frankreich erstmals als eigenständige Fußballnation wahrgenommen. Nach diesem ersten Höhepunkt folgten dann die schwierigeren Jahre. Erst in den 1980er-Jahren gelang Frankreich der dauerhafte Durchbruch auf der internationalen Fußballbühne.

 

Noll: 1898 fand das erste inoffizielle Länderspiel statt, das erste offizielle dann am 15. März 1931 in Colombes. Frankreich gewann mit 1:0. In der französischen Presse wurden deutsche Spieler mit Sturmsoldaten verglichen. Was sagt uns das über die damalige Stimmung?

 

Didion: Die Stimmung deutet bereits auf das hin, was zwei Jahre später mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geschah. Das zweite Spiel fand unmittelbar nach dieser Machtübernahme statt. Der deutsche Fußball wurde zunehmend mit dem Hakenkreuz in Verbindung gebracht. Es herrschte eine Art Mobilmachungsstimmung. Jules Rimet, damals Präsident des französischen Fußballverbandes und der FIFA in Personalunion, äußerte sich ebenfalls nicht immer glücklich. Teilweise zeigte er sich durchaus beeindruckt von den Entwicklungen in Deutschland, relativierte diese Aussagen später aber wieder.

 

Noll: War die Situation in der Weimarer Republik entspannter?

 

Didion: Nach dem Ersten Weltkrieg dauerte es lange, bis überhaupt wieder Begegnungen stattfanden. Zwischen 1918 und dem ersten offiziellen Länderspiel 1931 lagen immerhin dreizehn Jahre. Erst Mitte der 1920er-Jahre begannen sich die Beziehungen zu normalisieren. Die Schweiz übernahm dabei häufig eine Vermittlerrolle und erleichterte Deutschlands Rückkehr in den internationalen Sport.

 

Noll: Wenn man sich die französische Presse der 1930er-Jahre anschaut, werden die zahlreichen deutschen Siege häufig als Ausdruck von Disziplin, Stärke und Organisation beschrieben. War Fußball damals eine Art politischer Seismograf?

 

Didion: Das kann man durchaus sagen. Fußball war und ist immer politisch. Sport und Politik lassen sich nicht voneinander trennen – das gilt auch für die 1930er-Jahre. Darüber hinaus wurde Frankreich in dieser Zeit zum wichtigsten Sportpartner des nationalsozialistischen Deutschlands. In vielen Sportarten fanden zahlreiche Begegnungen statt. Dieses gegenseitige Messen und die teilweise vorhandene Bewunderung für die deutsche Organisation spielten eine wichtige Rolle. Abgesehen von einzelnen Ausnahmen, etwa während der Weltmeisterschaft 1938, war Deutschland für Frankreich sportlich ein zentraler Bezugspunkt.

 

Französische Nationalspieler treffen sich am Gare du Nord in Paris, bevor sie am 17. März 1933 zum Länderspiel gegen Deutschland aufbrechen (Copyright: Alamy)
Französische Nationalspieler treffen sich am Gare du Nord in Paris, bevor sie am 17. März 1933 zum Länderspiel gegen Deutschland aufbrechen (Copyright: Alamy)

 

Noll: Gab es damals bereits eine besondere deutsch-französische Fußballrivalität? Wenn ich heute an Rivalen Deutschlands denke, denke ich eher an England oder die Niederlande.

 

Didion: Nein, das war damals nicht anders. Frankreich blickte stärker auf Deutschland als großen Rivalen, während Deutschland eher nach England oder Italien und später in die Niederlande schaute. Frankreich als ernsthafter Rivale Deutschlands ist letztlich eine Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte. Spätestens seit der Jahrtausendwende wird Frankreich auch in Deutschland als Gegner auf Augenhöhe wahrgenommen. Davor war die Rivalität eher einseitig – von Frankreich nach Deutschland, aber nicht umgekehrt.

 

Noll: Politisch besonders sensibel war das Länderspiel von 1952 in Colombes – nur sieben Jahre nach Kriegsende. Wie heikel war dieses Spiel damals?

 

Didion: Tatsächlich war es sehr heikel. Im Vorfeld gab es auf beiden Seiten intensive Überlegungen, was passieren könnte. Das französische Außenministerium befürchtete kommunistische Protestaktionen rund um das Stadion. Die Bundesrepublik wollte unbedingt, dass ihre gerade erst eingeführte Nationalhymne gespielt wird. Die Franzosen lehnten das jedoch ab, weil sie keine schmerzhaften Erinnerungen wachrufen wollten. Hinzu kam, dass sich im Stadion ein ehemaliger Deportierter in Häftlingskleidung aufhielt, um an die deutschen Verbrechen zu erinnern. Insgesamt war das Spiel in einen äußerst sensiblen politischen Kontext eingebettet. Zu Ausschreitungen oder größeren Zwischenfällen kam es allerdings nicht.

 

Gesamtansicht des Olympiastadions von Colombes während des olympischen Fußballturniers. Die Aufnahme entstand anlässlich des Finales am 9. Juni 1924 (Copyright: Wikimedia Commons)
Gesamtansicht des Olympiastadions von Colombes während des olympischen Fußballturniers. Die Aufnahme entstand anlässlich des Finales am 9. Juni 1924 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Noll: Wenn die Nationalhymne nicht gespielt wurde und vieles sehr vorsichtig gehandhabt wurde – war dieses Spiel dennoch bereits ein Zeichen der Versöhnung?

 

Didion: Ich würde eher von einem vorsichtigen Test sprechen, ob man wieder miteinander auskommen kann. Natürlich entstanden bei solchen Begegnungen Kontakte. Westdeutsche reisten nach Paris, entdeckten die Stadt neu und wurden von vielen Franzosen erstmals wieder als „gute Deutsche“ wahrgenommen. Insofern hatte das Spiel durchaus versöhnende Elemente. Von einem großen symbolischen Akt der Aussöhnung, wie wir ihn später etwa mit dem Élysée-Vertrag verbinden, kann aber noch keine Rede sein. Dafür war die Situation 1952 noch zu sensibel.

 

Noll: Es gab neben diesem ersten offiziellen Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine Jugendbegegnung zwischen Ludwigsburg und Montbéliard. Welche Bedeutung hatte sie?

 

Didion: Im Rahmen der entstehenden Städtepartnerschaften und Jugendaustausche, die vor allem in den 1950er-Jahren einsetzten, waren solche Begegnungen von großer Bedeutung. Jugendliche aus beiden Ländern konnten einander kennenlernen und über den Fußball in Kontakt treten. Wahrscheinlich waren diese niedrigschwelligen Begegnungen für die Versöhnung sogar wichtiger als die großen symbolträchtigen Länderspiele. Gerade auf lokaler Ebene entstanden Kontakte, die langfristig wirkten.

 

„Richard Leibersberger oder die deutsch-französische Versöhnung durch den Sport“. Erschienen in L'Est républicain am 10. April 1983 (Copyright: Deutsch-Französisches Institut Ludwigsburg)
„Richard Leibersberger oder die deutsch-französische Versöhnung durch den Sport“. Erschienen in L’Est républicain am 10. April 1983 (Copyright: Deutsch-Französisches Institut Ludwigsburg)

 

Noll: War der Austausch zwischen Jugend- und Vereinsmannschaften in den 1950er-Jahren tatsächlich intensiv oder eher punktuell?

 

Didion: Ab Mitte der 1950er-Jahre setzte eine regelrechte Aufbruchphase ein. Davor war die Skepsis gegenüber dem Nachbarland – insbesondere in Frankreich – noch groß und durchaus nachvollziehbar. Doch dann entwickelten sich die Fußballbeziehungen sehr dynamisch.

 

Noll: Dann gibt es ja noch den Sonderfall Saarland.

 

Didion: Genau. Das Saarland ist ein Spezialfall. Der 1. FC Saarbrücken spielte zeitweise in der zweiten französischen Liga – auch, um die des Saarlandes zum Hexagon zu symbolisieren. Letztlich scheiterte dieses Projekt jedoch, weil sich der saarländische Fußballverband für eine Rückkehr in den westdeutschen Spielbetrieb entschied. Gleichzeitig existierte eine saarländische Nationalmannschaft, die den Autonomieanspruch des Saarlandes repräsentieren sollte.

 

Bevor Helmut Schön Bundestrainer wurde und die deutsche Nationalmannschaft 1974 zum WM-Titel führte, trainierte er die Nationalmannschaft des Saarlandes (Copyright: Wikimedia Commons)
Bevor Helmut Schön Bundestrainer wurde und die deutsche Nationalmannschaft 1974 zum WM-Titel führte, trainierte er die Nationalmannschaft des Saarlandes (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Dadurch entstand die kuriose Situation, dass Spieler des 1. FC Saarbrücken am Wochenende in der Oberliga Südwest spielten und zugleich für eine eigenständige saarländische Auswahl aufliefen. Als über eine dauerhafte Integration des Vereins in das französische Ligasystem diskutiert wurde, regte sich zudem Widerstand – nicht nur im Saarland, sondern auch im Elsass. Daran wird deutlich, wie stark die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs noch waren. Langfristig war deshalb relativ klar, dass das Saarland fußballerisch Teil der Bundesrepublik werden würde.

 

Noll: War das sportlich betrachtet letztlich die bessere Entscheidung?

 

Didion: Das mag sein. Für den 1. FC Saarbrücken war die Situation damals durchaus attraktiv. Der Verein wurde Meister der zweiten französischen Liga und wäre in die erste Liga aufgestiegen. Vor allem für die Vereine an der saarländisch-pfälzischen Grenze waren die Verbindungen in die Pfalz und in die Bundesrepublik jedoch deutlich interessanter. Historisch gewachsene Beziehungen spielten dabei eine wichtige Rolle.

 

Noll: Wir müssen natürlich auch über Sevilla 1982 sprechen: Patrick Battiston und Toni Schumacher prallen aufeinander, Battiston wird schwer verletzt. Handelte es sich damals tatsächlich um eine Art Staatskrise?

 

Didion: Zumindest konnte damals dieser Eindruck entstehen. Die Presse sprach von der „Bestie Schumacher“ und inszenierte das Ereignis entsprechend. Die deutsch-französische Freundschaft war dadurch aber nicht ernsthaft gefährdet. Es handelte sich vor allem um einen äußerst unglücklichen Vorfall, der durch Schumachers ungeschickte Äußerungen zusätzlich verschärft wurde.

 

Toni Schumacher mit seinem Trikot aus dem WM-Halbfinale 1982 im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund (Copyright: Wikimedia Commons)
Toni Schumacher mit seinem Trikot aus dem WM-Halbfinale 1982 im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Noll: Trotzdem ist Sevilla bis heute präsent.

 

Didion: Absolut. Sevilla 1982 ist bis heute der zentrale Erinnerungsort der deutsch-französischen Fußballgeschichte. Das finde ich etwas schade, denn dadurch geraten viele andere wichtige Momente der Annäherung in den Hintergrund. Dieses Ereignis prägt die Wahrnehmung bis heute besonders stark und überlagert teilweise andere historische Momente der Versöhnung. Ein Beispiel ist das Länderspiel von 1962 in Stuttgart, das kurz vor dem Élysée-Vertrag ausdrücklich als Zeichen deutsch-französischer Freundschaft inszeniert wurde. Bundespräsident Heinrich Lübke begrüßte die Mannschaften persönlich und hielt eine Ansprache – ein damals außergewöhnlicher Vorgang. Auch die gemeinsame Nacht der deutschen und französischen Nationalmannschaft nach den Anschlägen von 2015 wäre ein solcher Erinnerungsort. Wenn wir heute an Sevilla 1982 denken, vergessen wir häufig, dass es zahlreiche andere Momente der Annäherung, der Versöhnung und inzwischen, ja, des Zusammenhalts, gegeben hat.

 

Noll: Herr Didion, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Franko-viel-Podcastes #105 – Vom 0:7 bis Mbappé: Frankreich, Deutschland und der Fußball – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast vom 11. Juni 2026.

 

Unser Gast

Philipp Didion (Copyright: Lisa Huth)
Philipp Didion (Copyright: Lisa Huth)

Philipp Didion ist seit 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Europäische Zeitgeschichte an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Nach einem binationalen Geschichts- und Französischstudium an den Universitäten in Metz und Saarbrücken arbeitet er seit 2020 an einem Promotionsprojekt mit dem Titel „Ringen um Räume – Eine vergleichende Stadion-Kultur-Geschichte in französisch-westdeutscher Perspektive von den 1950er- bis zu den 1980er-Jahren“, betreut von Dietmar Hüser (Saarbrücken) und Paul Dietschy (Besançon). Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der deutsch-französischen Beziehungen, der Geschichte der Populärkultur sowie der Sportgeschichte.

 

 

 

 

 

 

 

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