Hannover–Perpignan:
Eine Städtepartnerschaft im Schatten des Rassemblement National

Was wird aus einer Städtepartnerschaft, wenn auf französischer Seite ein Bürgermeister des Rassemblement National regiert? Darüber haben wir mit Janika Millan gesprochen. Sie ist bei der Stadt Hannover für die Beziehungen zu Perpignan zuständig.
dokdoc: Der Sport hat oft eine wichtige Rolle bei der Anbahnung von Kontakten zwischen deutschen und französischen Städten gespielt, noch bevor es in den 1960er Jahren zur ersten Welle der deutsch-französischen Städtepartnerschaften kam. Welche Rolle spielte der Sport konkret bei der Entstehung der Beziehungen zwischen Hannover und Perpignan?
Janika Millan: Der Sport spielte eine ganz entscheidende Rolle bei der Entstehung der Städtepartnerschaft. Bereits 1938 fand ein Rugbyspiel zwischen einer Mannschaft aus Hannover und einer Mannschaft aus Perpignan statt. Nach Berichten von Zeitzeugen war dieses Spiel sowohl sportlich als auch menschlich außergewöhnlich. Besonders die Feierlichkeiten im Anschluss, bei denen viel gemeinsam gesungen wurde, führten zu einer großen Verbundenheit zwischen den beiden Mannschaften. Ein Ereignis trug zusätzlich dazu bei, dass diese Begegnung in besonderer Erinnerung blieb: Deutsche Mannschaften mussten damals üblicherweise vor Spielen den Hitlergruß zeigen. Den Spielern aus Hannover war jedoch bewusst, dass dies beim Publikum in Perpignan auf Ablehnung stoßen würde. Sie setzten sich deshalb dafür ein, auf den Hitlergruß zu verzichten. Diese symbolische Geste ist in Perpignan bis heute in Erinnerung geblieben. Nach dem Krieg setzte sich insbesondere der damalige Bürgermeister von Perpignan, Paul Alduy, von Haus aus Germanist, gemeinsam mit zwei Schriftstellern dafür ein, die Kontakte nach Hannover wieder aufzunehmen. Im April 1960 kam es schließlich zur offiziellen Gründung der Städtepartnerschaft. Auch diese Gründung wurde erneut von einem Rugbyspiel begleitet.

dokdoc: Und welche Bedeutung hatte diese frühe deutsch-französische Partnerschaft damals für Hannover?
Millan: Nach den Schrecken, Verwundungen und Feindschaften des Zweiten Weltkrieges war es für Hannover von großer Bedeutung, die Beziehungen zu Frankreich mit Leben zu füllen. Man wollte auf zivilgesellschaftlicher Ebene vielfältige Begegnungsmöglichkeiten schaffen. Die Städtepartnerschaften boten hierfür einen konkreten Rahmen. Hannover hatte bereits 1947 eine Partnerschaft mit der britischen Stadt Bristol geschlossen. Später folgte die Partnerschaft mit Rouen. Die Verbindung zu Perpignan fügte sich in diese Entwicklung ein. Sie war nach Bristol eine der frühesten Städtepartnerschaften Hannovers nach dem Zweiten Weltkrieg. Ausschlaggebend für die Partnerschaft waren vermutlich weniger strukturelle Gemeinsamkeiten als vielmehr die intensive historische Begegnung durch das Rugbyspiel von 1938 sowie das Engagement einzelner Personen auf beiden Seiten.

Es gab eine große Verbundenheit zur jeweiligen Kultur. So wurde anlässlich der Gründung der Städtepartnerschaft auf dem Georgsplatz in Hannover eine Skulptur des aus der Region Perpignan stammenden Künstlers Aristide Maillol eingeweiht, die bis heute dort steht.
dokdoc: Mit Louis Aliot wurde Perpignan 2020 erstmals von einem Bürgermeister des Rassemblement National geführt. Hat diese Wahl zu einer Neubewertung der Städtepartnerschaft geführt? Wurde im Rathaus darüber diskutiert, ob eine offizielle Zusammenarbeit mit einer vom RN geführten Stadt noch möglich ist?
Millan: Ja, diese Wahl hat die Städtepartnerschaft stark beeinflusst. Allerdings muss man etwas weiter ausholen. Über viele Jahre hinweg war die Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Perpignan außerordentlich intensiv. Im Vergleich zur Partnerschaft mit Rouen war sie zeitweise sogar deutlich aktiver. In Perpignan gab es eine Mitarbeiterin in der Stadtverwaltung, die ausgezeichnet Deutsch sprach und die internationalen Beziehungen mit großem Engagement betreute. Es fanden zahlreiche Begegnungen und Projekte im Kultur- und Sportbereich statt.

Bereits vor 2020 zeichnete sich jedoch ein Rückgang des Interesses auf Seiten der Stadt Perpignan ab. Die zuständige Mitarbeiterin wurde aus ihrer ursprünglichen Funktion abgezogen und in das Tourismusbüro versetzt. Sie war fortan nicht mehr für die Städtepartnerschaften zuständig. Vor diesem Hintergrund stellte die Wahl von Louis Aliot im Jahr 2020 aus hannoverscher Sicht einen weiteren Einschnitt dar. In Hannover wurde die Entscheidung getroffen, keine offiziellen Delegationsbesuche mit einem Bürgermeister des RN mehr durchzuführen und die Kontakte auf offizieller Ebene ruhen zu lassen.
dokdoc: Wurde diese Entscheidung im Rathaus kontrovers diskutiert oder bestand darüber weitgehend Einigkeit?
Millan: Letzteres. Es gab allerdings auch keinerlei Kontaktaufnahme mehr von Seiten Perpignans, die eine Diskussion erforderlich gemacht hätte.
dokdoc: Was ist von der Städtepartnerschaft geblieben?
Millan: Auf hannoverscher Seite versuchen wir, die zivilgesellschaftlichen Kontakte aufrechtzuerhalten. Allerdings gestaltet sich das schwierig. Schon bevor Hannover beschloss, die offiziellen Kontakte ruhen zu lassen, hatte die Stadt mehrfach Projektvorschläge nach Perpignan geschickt. Diese blieben unbeantwortet. Derzeit werden nur noch einzelne zivilgesellschaftliche Projekte unterstützt.

dokdoc: Gibt es auf Seiten der Stadtverwaltung in Perpignan heute überhaupt noch Ansprechpartner für die Städtepartnerschaft?
Millan: Nein. Seit unsere damalige Kollegin versetzt wurde, gibt es dort keine Ansprechperson mehr für uns.
dokdoc: Wie abhängig ist eine Städtepartnerschaft heute noch von den politischen Akteuren in den Rathäusern – und welche Rolle spielen Verwaltung, Vereine und Zivilgesellschaft?
Millan: Eine Städtepartnerschaft funktioniert nur im Zusammenspiel aller Ebenen. Die politische Ebene ist wichtig, weil sie den Rahmen setzt und den Grundgedanken trägt. In Hannover gibt es viele Ratsmitglieder, die sich aktiv für Städtepartnerschaften engagieren und teilweise auch in entsprechenden Vereinen organisiert sind. Das schafft eine Verbindung zwischen politischem und persönlichem Engagement. Ebenso wichtig ist die Verwaltung, die koordinierende Aufgaben übernimmt, Kontakte bündelt und Projekte ermöglicht. Dafür braucht es auch ein Budget, denn ohne finanzielle Ressourcen wird die Arbeit deutlich erschwert. Die Zivilgesellschaft ist die wichtigste Ebene. Hier entsteht der Kern dessen, was Städtepartnerschaften ausmacht. Ein strukturelles Problem im Fall Perpignan ist jedoch, dass dort kein starker Bürgerverein existiert, der die Partnerschaft zusätzlich trägt. In anderen Städten wie Bristol oder Rouen gibt es solche Strukturen.

dokdoc: Die Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Perpignan hat 2025 ihr 65-jähriges Bestehen gefeiert. Wie wurde dieses Jubiläum begangen?
Millan: Ein offizielles Jubiläum hat nicht stattgefunden. Die letzte größere gemeinsame Feier war zum 50-jährigen Bestehen der Partnerschaft.
dokdoc: Wie ordnet sich die Städtepartnerschaft Hannover–Perpignan im Vergleich zur Partnerschaft mit Rouen ein?
Millan: Im Vergleich ist die Partnerschaft mit Rouen deutlich stabiler und intensiver geblieben. Dort existieren auf beiden Seiten sowohl institutionelle als auch zivilgesellschaftliche Strukturen, die den Austausch kontinuierlich tragen. In Perpignan hingegen fehlt eine vergleichbare Struktur, wodurch die Kontinuität deutlich erschwert wird.
dokdoc: Viele fragen sich derzeit, welche Auswirkungen ein Sieg des RN bei der Präsidentschaftswahl 2027 auf ihre Städtepartnerschaft haben könnte. Was können Sie ihnen antworten? Wie kann man sich auf lokaler Ebene auf ein solches Szenario vorbereiten? Und wie lässt sich die Kooperation auch unter veränderten Rahmenbedingungen – etwa bei möglichen Budgetkürzungen – aufrechterhalten?
Millan: Ich gehe davon aus, dass internationale Verständigung kein Projekt ist, das von rechtsextremen Parteien gefördert wird. Das gilt sowohl für Frankreich als auch für Deutschland. Gleichzeitig werden kommunale Spielräume oft auch von finanziellen Rahmenbedingungen beeinflusst. Umso wichtiger wird die Stärkung der zivilgesellschaftlichen Ebene. Vereine, Initiativen und persönliche Netzwerke müssen gezielt unterstützt werden. Besonders junge Menschen sollten stärker eingebunden werden, etwa über Kultur- und Sportprojekte. Wenn politische und finanzielle Unterstützung zurückgeht, müssen diese Strukturen umso stärker selbst tragfähig sein.
dokdoc: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Städtepartnerschaft mit Perpignan?
Millan: Ich wünsche mir, dass die Städtepartnerschaft wieder stärker mit Leben gefüllt wird, vor allem auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Es wäre wichtig, neue Initiativen zu entwickeln und insbesondere jüngere Generationen stärker einzubeziehen. Vielleicht kann der Gedanke der Städtepartnerschaft neu interpretiert und zeitgemäß weiterentwickelt werden. Denn trotz aller Schwierigkeiten bleibt er ein wichtiges Instrument für Verständigung, Austausch und Begegnung zwischen Menschen.
dokdoc: Frau Millan, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Die Fragen stellte Landry Charrier
Unser Gast

Janika Millan ist Leiterin des Sachgebiets Internationale Kulturarbeit im Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover. In dieser Funktion verantwortet sie seit 2016 die strategische Weiterentwicklung internationaler Kulturkooperationen, die Zusammenarbeit Hannovers im Netzwerk der UNESCO Cities of Music, das Hannah-Arendt-Stipendium sowie die Pflege und Weiterentwicklung der sieben Städtepartnerschaften der Landeshauptstadt.
