Tour de France:
„Frankreich ist das Stadion und der Eintritt ist frei“

Tour de France: „Frankreich ist das Stadion und der Eintritt ist frei“
  • VeröffentlichtJuli 31, 2026
Im Hintergrund Sacré Coeur, im Vordergrund viele Radsportfans
Die 21. und letzte Etappe der Tour de France 2026 führte von Thoiry über Montmartre auf die Champs-Élysées in Paris (Copyright: Alamy)

Mit der Tour de France wird jedes Jahr nicht nur das größte Radrennen der Welt ausgetragen, sondern auch ein bestimmtes Bild Frankreichs erzählt. Wenn das Fahrerfeld durch das Land zieht, werden Schlösser, Kirchen, Bergdörfer und Landschaften zu Kulissen einer weltweiten Fernsehinszenierung.

 

Andreas Noll: Herr Klemm, Sie begleiten die Tour de France seit 1998 und waren in diesem Jahr zum 18. Mal live dabei. Welche Eindrücke werden Ihnen von dieser Tour besonders in Erinnerung bleiben?

 

Stephan Klemm: Die Souveränität, mit der Tadej Pogacar diese 113. Ausgabe beherrschte. Er regiert absolutistisch, wenn er will, gewinnt er eine Etappe. Und wenn ihm danach ist, verzichtet er auf einen Etappensieg, um seinem jungen Teamkollegen Isaac del Toro in einem Akt Ausbildung zum dritten Platz im Gesamtklassement zu verhelfen. Was ihm auch gelang. Markant ist aber auch die Erinnerung an die „Tour de canicule“, die Tour der brütenden Hitze, die sie in den ersten 14 Tagen mit Temperaturen um die 40 Grad war. Eine Qual für die Fahrer. Und eine Aufgabe für die Tour-Organisatoren. Sie müssen nun Lösungen präsentieren, denn in Zukunft bleibt es tendenziell mindestens so heiß im Juli in Frankreich. Aus deutscher Sicht kommt noch der Sturz des aussichtsreich im Rennen liegenden Florian Lipowitz hinzu, der sich am letzten Dienstag der Tour beim Zeitfahren am Genfer See das rechte Schlüsselbein brach. Aus französischer Sicht faszinierte das fulminante Debüt des 19-jährigen Supertalent Paul Seixas, der es auf Platz vier in Paris schaffte. Chapeau.

 

Drei Radfahrer in Nahaufnahme, von der Seite
Florian Lipowitz belegte 2025 den dritten Platz der Tour de France. 2026 musste der deutsche Hoffnungsträger das Rennen nach der 16. Etappe verletzungsbedingt aufgeben (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Noll: Die Tour ist in diesem Jahr vielleicht etwas in den Schatten gestellt worden durch die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada. Aber grundsätzlich ist sie das große sportliche Sommerereignis in Europa. Wenn die Hubschrauber diese fabelhaften Bilder aus Frankreich liefern – Schlösser, Klöster, traumhafte Dörfer, Bergmassive –, wie bewusst wird hier ein bestimmtes Bild von Frankreich produziert?

 

Klemm: Sehr bewusst. Das ist eine zweite Ebene neben der sportlichen Herausforderung, die die Tour de France mit sich bringt. Sie ist das drittgrößte Sportereignis der Welt und unter den jährlich stattfindenden Sportereignissen sogar das größte. Der Sport steht grundsätzlich im Mittelpunkt. Aber die Veranstalter wissen gleichzeitig, dass es diese zweite Ebene gibt: Frankreich schauen, Frankreich betrachten, Frankreich in all seiner Schönheit wahrnehmen. Das macht einen großen Teil der Popularität der Tour de France aus.

 

Noll: Ist die Tour de France vielleicht die wirksamste Tourismuswerbung, die Frankreich heute besitzt?

 

Klemm: Ja, ich glaube, unbewusst ist sie das. Dessen war sich die Tourismusindustrie Frankreichs in den Anfangsjahren der Tour de France wahrscheinlich gar nicht bewusst. Aber mit den täglichen Fernsehübertragungen, die seit gar nicht so langer Zeit eine Tour-Etappe vom Anfang bis zum Ende zeigen – meist über knapp vier Stunden –, hat sich das über die Jahrzehnte entwickelt.

 

Bergmassiv
Der Col du Tourmalet ist der am häufigsten befahrene Pass der Tour de France. Er zählt zu ihren größten Mythenschauplätzen (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Vorher gab es zwar schon Live-Übertragungen, aber sie erfassten nicht die komplette Strecke. Dadurch ist die Tour de France zu einer enormen Bühne geworden. Die Tourismusindustrie profitiert davon, wenn Menschen einzelne Regionen für sich entdecken und später dort Urlaub machen.

 

Noll: Verkauft die Tour ein reales Land oder ist das eher ein idealisiertes Frankreich-Bild – ohne Vorstädte, ohne Industriegebiete und ohne soziale Konflikte, die das Land ja ebenfalls ausmachen?

 

Klemm: Die sozialen Konflikte sind komplett ausgeblendet. Definitiv. Was aber tatsächlich vorkommt – weil es manchmal nicht anders möglich ist –, ist, dass die Streckenplaner eine Etappe auch einmal in einem Industriegebiet enden lassen, weil dort die Straßen breiter und weniger kurvenreich sind als in den Zentren. Damit gehen die Verantwortlichen offensiv um. Schließlich betrifft das nur das konkrete Finale eines Tages. Bis dahin waren ja wieder die wunderschönen Landschaften zu sehen. Das nehmen die Organisatoren in Kauf, wenn die Praxis es notwendig macht.

 

Noll: Wenn man sich die Etappenberichte im französischen oder deutschen Fernsehen anschaut, werden ja nicht nur die Bilder gezeigt. Es wird auch eine Geschichte darum herumerzählt: regionale Spezialitäten, historische Orte oder Sehenswürdigkeiten. Gehört dieses kulturelle Rahmenprogramm inzwischen genauso zur Tour de France wie das Rennen selbst?

 

Klemm: Dieses Bewusstsein wurde gezielt ins Programm aufgenommen. Eine Übertragung dauert ungefähr vier Stunden. Die Verantwortlichen des Fernsehens hatten den Eindruck, dass man die Zuschauer nicht so lange ausschließlich mit dem Rennen vor dem Fernseher halten kann. Man muss ihnen also währenddessen etwas bieten. Der aktuelle Chef des ARD-Tourteams, Uli Fritz, hat mir einmal erzählt, dass er um die Jahrtausendwende die Idee entwickelt habe, kulturelle Beiträge in die normale Fernsehübertragung zu integrieren.

 

Großer Saal im Stil der Belle Epoque
Die 11. Etappe der Tour de France 2026 startete in Vichy. Die traditionsreiche Kurstadt zählt zum UNESCO-Welterbe und verbindet Belle-Époque-Architektur mit einer bewegten Geschichte (Copyright: Landry Charrier)

 

Gleichzeitig wird die Strecke im Vorfeld vor Ort studiert. Sobald sie Ende Oktober veröffentlicht wird, fahren ARD-Teams einzelne Passagen ab, um Besonderheiten zu entdecken und filmische Berichte vorzubereiten. Diese werden dann während der Etappen eingespielt. Interessanterweise herrscht der Glaube vor, dass die ARD diese Idee von den französischen Kollegen übernommen hätte. Tatsächlich war es umgekehrt: Die Deutschen hatten die Idee, kulturelle Besonderheiten in die Tour-Berichterstattung einzubauen. Die Franzosen haben das mit großer Freude aufgenommen. Inzwischen gibt es dort mit Franck Ferrand eine Art Reiseführer, der während der Live-Übertragung gemeinsam mit den Sportkommentatoren zu Wort kommt und kulturelle Besonderheiten der jeweiligen Strecke erklärt.

 

Noll: Weiß man etwas darüber, was diese Präsentation für die jeweiligen Orte bedeutet? Erleben sie danach einen wahren Touristenansturm?

 

Klemm: Das ist schwer zu messen. Grundsätzlich sind es oft Orte, die ohnehin schon stark frequentiert werden. Bei manchen Sehenswürdigkeiten, die außerhalb Frankreichs vielleicht noch weniger bekannt sind, erzeugt die Präsentation aber gewiss großes Interesse. Man muss sich auch vor Augen führen: Die Tour de France wird live in 190 Länder übertragen. Viel mehr Länder gibt es nicht.

 

Noll: Die Auswahl der Start- und Zielorte ist ein großes Geschäft – für die Tour de France ebenso wie für die Gemeinden. Wie groß ist der Kampf darum, dabei zu sein?

 

Klemm: Im Schnitt gibt es etwa 300 Bewerbungen für Start- und Zielorte pro Jahr. Auf dieser Grundlage entwickelt Tour-Direktor Christian Prudhomme im August die genaue Strecke für die übernächste Tour. Er steckt anhand der Bewerbungen mögliche Tour-Orte auf einer riesigen Frankreichkarte mit Fähnchen ab – und daraus entwickelt sich langsam seine Idee des Parcours.

 

Zwei Männer auf einerKopfsteinpflasterstraße in einem Wohngebiet
Tourdirektor Christian Prudhomme und Streckenchef Thierry Gouvenou prägen seit vielen Jahren die sportliche Ausrichtung der Tour de France. Hier bei der Streckenbesichtigung für Paris–Roubaix 2018 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Dann kommt der Streckenchef und -architekt Thierry Gouvenou ins Spiel. Er war selbst siebenmal bei der Tour de France dabei und weiß deshalb genau, welche Straßen für Radfahrer und für ein Feld von 180 Fahrern mit dem gesamten Begleittross geeignet sind. Er fährt die möglichen Strecken ab und prüft, ob sich zwischen den Start- und Zielorten ein vernünftiger Parcours ergibt. Seine Aufgabe ist außerdem – ausdrücklich von Prudhomme vorgegeben –, möglichst viele Schwierigkeiten in die Strecke einzubauen. Und man muss sagen: Das ist dem Duo Gouvenou/Prudhomme seit seinem Amtsantritt 2007 sehr gut gelungen.

 

Noll: Es gibt nicht nur die normalen Start- und Zielorte, sondern auch den großen Auftakt der Tour de France, den Grand Départ, der gerne einmal im Ausland stattfindet – unter anderem auch in Deutschland. Wie umkämpft ist dieser erste Start?

 

Klemm: Der Grand Départ ist ein berühmtes Gesamtpaket. Am Donnerstag werden die Teams präsentiert, am Samstag startet die Tour. Dazu kommt meist noch eine Etappe am Sonntag und am Montag der Start in den nächsten Zielort. Weil das gesamte Fahrerfeld und der komplette Tour-Tross mehrere Tage vor Ort sind und der Grand-Départ-Ort im Mittelpunkt der Medienberichterstattung steht, verlangen die Tour-Organisatoren ein hohes Startgeld.

 

Mont Saint Michel, Abteianlage auf einem Berg am Strand
2016 begann die Tour de France am Mont-Saint-Michel – einem der bekanntesten Wahrzeichen Frankreichs (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Im konkreten Fall sind es 4,5 Millionen Euro. Die Tour-Verantwortlichen gehen bewusst und mit großer Freude ins Ausland, um die Strahlkraft der Tour de France auch in andere Regionen zu tragen und das Rennen international noch populärer zu machen. Und das funktioniert außerordentlich gut. Deutschland liegt übrigens sehr aussichtsreich im Rennen mit seiner Bewerbung um den Grand Départ 2029 in Berlin und drei ostdeutschen Bundesländern.

 

Noll: Wenn Sie sagen: Das funktioniert außerordentlich gut – was unterscheidet die Stimmung an der Strecke von anderen großen Sportveranstaltungen?

 

Klemm: Christian Prudhomme, der Tourdirektor, sagt immer: Frankreich ist das Stadion der Tour de France – und der Eintritt ist frei. Jeder kann an die Strecke kommen. Das ist ein klassisches Merkmal der Tour de France und gehört zu ihrer Tradition. Mir ist in diesem Jahr am Straßenrand wieder aufgefallen: Dort sitzen wirklich alle Generationen. Da sitzt der Opa mit der Oma neben Vater und Mutter, daneben Kinder und Enkel. Sie verfolgen gemeinsam, wie die Fahrer vorbeikommen – und geben diese Erfahrung wieder weiter an die nächsten Generationen.

 

Noll: Der Grand Départ findet häufig im Ausland statt, nächstes Jahr eben in Edinburgh. Auch Deutschland war schon mehrfach Gastgeber. Die wichtigsten Fahrer kommen längst aus anderen Ländern. Die Sponsoren sind global, die Teams international. Wie französisch ist die Tour de France heute überhaupt noch?

 

Klemm: Im Grunde würde ich sagen: Den Verantwortlichen ist es egal, wie französisch die Tour de France noch ist. Entscheidend ist, dass sie ihren Stellenwert behält und weiterhin Sponsoren anzieht – egal, ob diese aus Frankreich, den USA oder anderen Ländern kommen. Und das schafft sie. Am Ende bleibt die Tour de France aber französisch, selbst wenn sie in Edinburgh startet oder irgendwann einmal in Rumänien, Ungarn oder Bulgarien beginnt. Es bleibt die Tour de France.

 

Banner "Grand Départ 2017" an einer Häuserfront
Der Grand Départ 2017 fand in Düsseldorf statt. Deutschland war damit nach drei Jahrzehnten wieder Gastgeber des Tour-Starts (Copyright: Wikimedia Commons

 

Der Name Frankreich steckt darin. Und irgendwann erreicht der Rennverlauf schließlich wieder „La France“ – dort bleibt sie eine große französische Nationalveranstaltung und ein kulturelles Symbol des Landes. Das gilt unabhängig davon, ob ein Slowene gewinnt oder kein Franzose eine Etappe gewinnt. Die Zuschauerzahlen bei France Télévisions, die das Rennen übertragen und auch die internationale Regie liefern, sind herausragend. Sie bleiben Jahr für Jahr auf einem sehr hohen Niveau.

 

Noll: Sie sprechen immer wieder von den Fernsehübertragungen, die traditionell eine große Bedeutung haben. Gleichzeitig wird dem linearen Fernsehen häufig das Ende vorausgesagt. Social Media und Streaming gewinnen an Bedeutung. Ist das eine Gefahr für die Tour de France?

 

Klemm: Die Verbreitung verändert sich, aber das Interesse bleibt. Heute kann man jede Etappe auch im Stream verfolgen. Uli Fritz vom ARD-Tourteam hat mir erzählt, dass die Streaming-Zahlen der Mediathek und die digitalen Angebote in diesem Jahr deutlich gestiegen sind. Gleichzeitig bleiben die Zahlen im linearen Fernsehen stabil. Das bedeutet: Die Nutzung verlagert sich teilweise, aber das Live-Interesse bleibt auf einem hohen Niveau. Man darf außerdem nicht vergessen, dass die Tour nicht nur durch das Fernsehen lebt. Die französische Sportzeitung „L’Équipe“ berichtet täglich auf vielen Seiten über die Tour de France. Das hat Tradition: „L’Auto“, die Vorgängerin der „Équipe“ hat die Tour de France 1903 ins Leben gerufen, um ihre Auflage zu steigern. Dieses Prinzip funktioniert bis heute. Trotz insgesamt sinkender Auflage verzeichnet „L’Équipe“ während der Tour im Juli regelmäßig besonders hohe Verkaufszahlen. Es besteht weiterhin ein großes Interesse daran, die Geschichten, die während des Rennens entstehen, am nächsten Tag noch einmal ausführlich nachzulesen.

 

Noll: Am Samstag startet die Tour de France Femmes. Welchen Stellenwert hat das Frauenrennen inzwischen – und in welchem Verhältnis steht es zur Tour de France der Männer?

 

Klemm: Die Tour de France der Frauen hat einen enorm hohen Stellenwert. Städte, die sich für die Tour bewerben und für die Männer-Variante nicht berücksichtigt werden können, nehmen mit Freuden das Angebot an, stattdessen die Frauen zu empfangen.

 

Frau mit gelbem Helm, Radbrille und schwarzem Trikot, lächelnd
Pauline Ferrand-Prévot bei der Teampräsentation zur 8. Etappe der Tour de France Femmes 2025 in Chambéry. Wenige Tage später gewann sie erstmals die Frankreich-Rundfahrt der Frauen (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Im Vorjahr gewann die Französisch Pauline Ferrand-Prévôt die Tour, das wurde in Frankreich überschwänglich gefeiert. Ferrand-Prévôt hat nun den Status einer Nationalheiligen, vergleichbar mit Bernard Hinault, der 1985 als letzter Franzose die Tour gewann. Die Einschaltquoten bei France Télévisions waren 2025 exorbitant. Und Prudhomme betont, dass es nur eine Tour gibt, die für Männer und Frauen. So wie es nur ein Wimbledon gibt. Das allein zeigt, wie groß der Stellenwert der Tour ist und dass er von den Veranstaltern als gleichberechtigt angesehen wird.

 

Noll: Herr Klemm, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Franko-viel-Podcastes 
#108: Die Tour de France – Frankreichs größtes Volksfest – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast vom 23. Juli 2026.

 

Unser Gast

Portrait, Mann mit braunen Haaren und weißem Pullover, leicht lächelnd
Stephan Klemm (Copyright: Max Grönert)

Stephan Klemm ist Historiker und Germanist. Er ist Buchautor, Lektor und freier Journalist, er schreibt unter anderem für Spiegel, Zeit, FAZ, NZZ und die deutsche Ausgabe der Sports Illustrated. Zur Frankreich-Rundfahrt hat er ein Standardwerk verfasst: Tour de France – kein Berg zu hoch, kein Weg zu weit. Es umfasst 600 Seiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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