Die Linke in Frankreich:
Europa als Prüfstein

Eine Studie der Fondation Jean Jaurès zeigt, wie tief die französische Linke vor der Präsidentschaftswahl 2027 gespalten ist – und warum die Europafrage für viele junge Wähler zum entscheidenden Prüfstein werden könnte.
Weniger als ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl 2027 hat der Politikwissenschaftler Antoine Bristielle für die Fondation Jean Jaurès untersucht, wie die französische Linke aufgestellt ist. Das politische Lager, das derzeit rund 29 Prozent der Wählerschaft umfasst, gliedert er in vier Gruppen und analysiert deren Wertvorstellungen, Erwartungen und Wahlpräferenzen. Die Studie zeichnet nicht nur ein differenziertes Bild der Linken. Sie liefert zugleich aufschlussreiche Einblicke in die Einstellungen der jüngeren Generation. Die wichtigste Trennlinie verläuft zwischen jenen, die für diese Ziele auch Radikalität und sogar Gewalt in Kauf nehmen würden, und jenen, die dies ablehnen. Dabei unterscheiden sich ihre politischen Ziele kaum: Es geht um bessere Gesundheitsversorgung, ein leistungsfähigeres Bildungssystem, mehr Kaufkraft und weniger soziale Ungleichheit.
Eine zweite Trennlinie verläuft entlang der Haltung zu Jean-Luc Mélenchon. Für die einen ist er ein rotes Tuch, für die anderen die einzig glaubwürdige Führungsfigur. Der Vorsitzende von La France insoumise (LFI) polarisiert seit Jahren wie kaum ein anderer Politiker. Umso bemerkenswerter ist der Befund, dass sich ausgerechnet die größte der vier Gruppen – sie umfasst 32 Prozent der linken Wählerschaft – durch bemerkenswerten Pragmatismus auszeichnet. Für sie zählt weniger die Person als die Aussicht auf einen politischen Richtungswechsel. Sie könnte sich daher ebenso hinter Mélenchon wie hinter einem Kandidaten der Grünen versammeln, sofern dies die Erfolgschancen der Linken erhöht.
Vier Milieus
Den ersten Block bildet der harte Kern der Insoumis, der Anhänger von LFI. Rund 20 Prozent der linken Wählerschaft gehören zu diesem Milieu, das sich durch große Geschlossenheit und den Wunsch nach einem grundlegenden politischen Bruch auszeichnet. Bereits 2022 stimmten 86 Prozent von ihnen im ersten Wahlgang für Jean-Luc Mélenchon, bei der Europawahl 2024 unterstützten 63 Prozent die Liste von Manon Aubry. Auch für die Präsidentschaftswahl 2027 wollen 84 Prozent erneut für Mélenchon stimmen. Keine andere Gruppe steht so geschlossen hinter ihm.

Neben dem Wunsch nach einem tiefgreifenden Umbau der Gesellschaft setzt diese Gruppe auf Konfrontation statt Kompromiss. 56 Prozent halten einen solchen Kurs für richtig. Zugleich zeigt sie sich deutlich offener gegenüber Einwanderung als die übrige Linke: Nur neun Prozent sind der Ansicht, Frankreich habe zu viele Einwanderer – im Durchschnitt aller linken Wähler sind es 15 Prozent. Soziologisch handelt es sich vor allem um eine junge, städtische und gut ausgebildete Wählerschaft. Fast die Hälfte ist jünger als 35 Jahre, zwei Drittel verfügen über einen Hochschulabschluss. Wirtschaftlich jedoch ist die Lage vieler prekär: Nur ein Drittel zeigt sich mit seiner materiellen Situation zufrieden.
Die Abkehr von Mélenchon
Die zweite Gruppe besteht aus ehemaligen Mélenchon-Wählern, die sich inzwischen deutlich von ihm abgewandt haben. Noch 2022 hatten 41 Prozent von ihnen im ersten Wahlgang für den Kandidaten von LFI gestimmt, heute würden dies nur noch acht Prozent tun. Der Stimmungsumschwung ist deutlich: Drei Viertel dieser Wähler betrachten Mélenchon inzwischen als Gefahr für die Demokratie, 83 Prozent werfen ihm vor, gesellschaftliche Gewalt und politische Polarisierung anzuheizen. Allerdings vermag auch kein anderer Kandidat diese Wähler wirklich zu begeistern. Inhaltlich bleiben sie den klassischen Grundüberzeugungen der Linken verpflichtet – soziale Gerechtigkeit und eine weitreichende Umverteilung. Ein Wechsel in die politische Mitte oder zum Sozialliberalismus kommt für sie nicht infrage. Würden sie heute wählen, läge der Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann, Galionsfigur der gemäßigten Linken, mit 43 Prozent deutlich vor Olivier Faure, dem Vorsitzenden der Sozialistischen Partei (23 Prozent), und Marine Tondelier, der Vorsitzenden der Grünen (19 Prozent).

Soziologisch ähnelt dieses Milieu der klassischen sozialistischen Stammwählerschaft der 1980er Jahre – darunter vermutlich viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. Es ist kompromissbereiter als die Anhänger Mélenchons, lehnt politische Gewalt eher ab und steht tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen deutlich skeptischer gegenüber. Zugleich handelt es sich um den ältesten und am wenigsten akademisch geprägten Teil der Linken – und um jenen, der sich politisch in den vergangenen Jahren am stärksten verändert hat. Wirtschaftlich gehört diese Gruppe überwiegend zur mittleren Einkommensschicht; die Haushaltseinkommen liegen meist zwischen 2.000 und 3.500 Euro im Monat.
Der sozialdemokratische Flügel
Die dritte Gruppe, die 23 Prozent der linken Wählerschaft ausmacht, ist politisch im Macronismus und in der sozialdemokratischen Tradition verwurzelt. Sie versteht sich zwar eindeutig als links und unterstützt zentrale linke Forderungen, tritt jedoch bewusst moderat auf. Jean-Luc Mélenchon stößt in diesem Milieu auf deutliche Ablehnung. Bei der Präsidentschaftswahl 2022 hatte fast die Hälfte dieser Wähler bereits im ersten Wahlgang für Emmanuel Macron gestimmt – und viele fühlen sich seinem politischen Kurs bis heute verbunden. Für die Wahl 2027 kämen für sie vor allem die Sozialistische Partei oder die Grünen infrage. Am zufriedensten wären sie mit einem Wahlsieg von Raphaël Glucksmann (53 Prozent).

Alternativ kämen für sie auch Édouard Philippe (38 Prozent), der frühere Premierminister und Vorsitzende der Partei Horizons, oder Gabriel Attal (34 Prozent), ebenfalls ehemaliger Premierminister und Generalsekretär der Präsidentenpartei Renaissance, infrage. Soziologisch handelt es sich um eine vergleichsweise ältere Wählerschaft: 43 Prozent ihrer Angehörigen sind über 60 Jahre alt. Gleichzeitig verfügt sie über ein hohes Bildungsniveau – 65 Prozent haben einen Hochschulabschluss – und zählt zu den wirtschaftlich privilegierteren Schichten. Mehr als ein Drittel der Haushalte verfügt über ein Monatseinkommen von mehr als 3.500 Euro.
Die pragmatische Linke
Mit 32 Prozent stellt diese Gruppe den größten Teil der linken Wählerschaft. Bristielle bezeichnet sie als das Lager des strategischen Wählens (vote utile). Anders als die entschiedenen Gegner Mélenchons lehnt sie den Vorsitzenden von La France insoumise nicht grundsätzlich ab und betrachtet ihn auch nicht als Gefahr für die Demokratie. Zugleich fühlt sie sich keineswegs an seine Person gebunden. Ebenso gut könnte sie einen anderen Kandidaten unterstützen – insbesondere Marine Tondelier, deren ökologisches Profil ihrer ausgeprägten Sensibilität für Klimafragen entgegenkommt. Entscheidend ist für diese Wähler nicht die Person, sondern der Erfolg: Sie wollen vor allem, dass die Linke gewinnt. Deshalb werden sie ihre Wahlentscheidung danach ausrichten, welcher Kandidat und welche Bündnisse die größten Erfolgsaussichten versprechen. Mehrheitlich sprach sich diese Strömung für eine gemeinsame Vorwahl aller linken Parteien aus – ein Vorhaben, das am Widerstand der Parteiführungen, allen voran von LFI, gescheitert zu sein scheint.

Soziologisch steht sie den überzeugten Mélenchon-Anhängern nahe: Fast die Hälfte ihrer Mitglieder ist jünger als 35 Jahre, die meisten leben in Großstädten. Mit einem Hochschulabschlussanteil von 72 Prozent ist diese Gruppe sogar noch akademischer geprägt als der harte Kern der Insoumis. Wirtschaftlich dagegen ist sie ausgesprochen heterogen: Je ein Drittel der Haushalte zählt zu den einkommensschwachen, den mittleren beziehungsweise den privilegierten Schichten.
Der Schlüssel zur Wahl 2027
Für Antoine Bristielle bildet gerade diese Gruppe den Dreh- und Angelpunkt der französischen Linken im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl 2027. Aufgrund ihrer Größe und ihres pragmatischen Wahlverhaltens könnte sie den Ausschlag geben. Hinzu kommt ihre soziologische Struktur: jung, urban und hervorragend ausgebildet. Zugleich verbindet sie der Wunsch nach einem tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Wandel. Sie befürwortet einen starken Staat, eine weitreichende Umverteilung, eine stärkere Regulierung der Unternehmen und steht der Kernenergie überwiegend skeptisch gegenüber. Sollte es gelingen, diese Wähler hinter einer gemeinsamen Kandidatur zu vereinen, könnten sie zum Motor einer geeinten Linken werden. Wer diese Rolle übernehmen könnte, bleibt allerdings offen. Ob sich jedoch tatsächlich ein großer Teil der jungen Generation hinter einer linksradikalen Kandidatur versammeln würde, erscheint angesichts der tiefgreifenden geopolitischen Umbrüche der vergangenen Jahre keineswegs selbstverständlich. Gerade deshalb stellt sich die Frage, welche Rolle die Europapolitik für diese Wähler künftig spielen wird.
Die Europafrage als Stolperstein
Einer Annäherung zwischen den beiden jüngsten Strömungen der Linken – dem harten Kern der Mélenchon-Anhänger (Gruppe 1) und dem Lager des strategischen Wählens (Gruppe 4) – könnte allerdings ihre Haltung zu Europa im Wege stehen. Nur die überzeugten Mélenchonisten begegnen der EU mit deutlicher Skepsis. Lediglich 41 Prozent von ihnen halten die Mitgliedschaft Frankreichs in der EU für eine gute Sache. Die übrigen Strömungen der Linken bekennen sich dagegen klar zum europäischen Projekt – und zwar umso stärker, je höher das Bildungsniveau ist: In Gruppe 2 liegt die Zustimmung bei 64 Prozent, im sozialdemokratischen Lager (Gruppe 3) sogar bei 85 Prozent und unter den Anhängern des strategischen Wählens (Gruppe 4) bei 72 Prozent. Die Annahme, die gut ausgebildete junge Generation werde sich ohne Weiteres hinter Jean-Luc Mélenchon versammeln, erscheint daher durchaus optimistisch.

Schließlich vertritt Mélenchon seit Jahren eine offen europakritische Position und hat die französische Unterstützung der Ukraine mit dem Argument abgelehnt, sie erschwere eine Politik des Friedens. Außen- und sicherheitspolitische Fragen spielen bei nationalen Wahlen zwar traditionell eine geringere Rolle als Sozial- und Wirtschaftspolitik. Doch gilt das auch künftig für die jungen Französinnen und Franzosen – insbesondere für jene mit höherer Bildung?
Zieht die junge Linke mit?
Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Jahr 2024 haben sich die internationalen Kräfteverhältnisse tiefgreifend verändert. Europa sieht sich zunehmend unter Druck und ist gezwungen, seine wirtschaftliche Souveränität und seine Verteidigungsfähigkeit auszubauen. Mehrere Untersuchungen zur hochgebildeten jungen Generation – darunter meine eigenen Arbeiten zur Generation Reset sowie die Studien von Anne Muxel und Martial Foucault über die Studierenden von Sciences Po – belegen deren enge Bindung an das europäische Projekt und die damit verbundenen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Freiheiten. Dazu zählen insbesondere die Grundfreiheiten der EU – allen voran die Freizügigkeit und die Meinungsfreiheit. Sie dokumentieren zugleich eine breite Unterstützung für die Ukraine.

Vor diesem Hintergrund spricht vieles dafür, dass viele Zwanzig- und Dreißigjährige mit linker Grundüberzeugung zögern werden, einen Kandidaten zu unterstützen, der wie Jean-Luc Mélenchon die NATO ablehnt und gegenüber Europa eine Haltung zwischen Neutralität und offener Ablehnung einnimmt. Damit verbindet sich implizit – und bisweilen auch ausdrücklich – eine Position, die als Unterstützung Wladimir Putins verstanden werden kann. Es erscheint daher durchaus legitim, nach dem künftigen Wahlverhalten dieser Generation zu fragen. Denn in einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Umbrüche könnten Europa- und sicherheitspolitische Fragen für junge Wähler ein deutlich größeres Gewicht erhalten als noch vor wenigen Jahren. Ob sich die junge französische Linke unter diesen Bedingungen tatsächlich hinter Jean-Luc Mélenchon versammeln wird, bleibt offen.
Dieser Artikel erschien am 17. Juli 2026 auf der Online-Plattform unseres Partners Telos unter dem Titel „https://www.telos-eu.com/fr/quelle-jeunesse-est-prete-a-embarquer-avec-jean-luc-melenchon.html“
Die Autorin

Monique Dagnaud ist Forschungsdirektorin am Centre d’Étude des Mouvements Sociaux (CNRS/EHESS) in Paris. Zuvor lehrte sie an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS). Als Soziologin mit den Schwerpunkten Medien, soziale Netzwerke und Jugendforschung beschäftigt sie sich mit den Lebenswelten junger Menschen. Sie hat zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht und ist Co-Leiterin der Online-Zeitschrift telos.
