Sommer:
Wenn Präsidenten Ferien machen

Sommer: Wenn Präsidenten Ferien machen
  • VeröffentlichtAugust 5, 2026
Das Fort Brégançon ragt auf einem etwa dreißig Meter hohen Felsvorsprung ins Mittelmeer. Seit 1968 dient es dem französischen Staatspräsidenten als offizielle Sommerresidenz (Copyright: Alamy)
Das Fort Brégançon ragt auf einem etwa dreißig Meter hohen Felsvorsprung ins Mittelmeer. Seit 1968 dient es dem französischen Staatspräsidenten als offizielle Sommerresidenz (Copyright: Alamy)

Cokoriks sommerliche Betrachtung über Staatsmänner im Urlaub, Strandfotos und die deutsch-französische Kunst des Nichtstuns.

 

August 2025. Ganz Frankreich war im Urlaub. Selbstverständlich auch der Präsident. Wobei „Urlaub“ in diesem Fall ein dehnbarer Begriff ist. Emmanuel Macron arbeitet weiter, nur eben von seiner Sommerresidenz in Brégançon aus, jener Festung über dem Mittelmeer, in der französische Präsidenten seit Jahrzehnten versuchen, sich zu entspannen und gleichzeitig staatsmännisch den Geschäften nachzugehen. In jenem Sommer empfing er dort Friedrich Merz. Nach einer Besichtigung der Räumlichkeiten ging es gleich an die Arbeit: Große Politik. Europa, Wirtschaft, Sicherheit, die üblichen Themen, die so schwer wiegen, dass man sie vorzugsweise mit Blick aufs Meer bespricht. Zum Abschluss war eine kurze Pressekonferenz vorgesehen.

Ich befand mich zu dieser Zeit in Griechenland und trank gerade einen Frappé, als eine E-Mail aus dem Élysée-Palast auf meinem Bildschirm erschien. Ob ich eine Idee für einen kurzen Satz hätte, den der Präsident am Ende auf Deutsch sagen könnte. Etwas, das die deutsch-französische Freundschaft ausdrückt. Etwas Dynamisches. Etwas, das zeigt, dass wir nicht stillstehen, sondern gemeinsam handeln. Und natürlich sollte es, wie immer in solchen Fällen, möglichst schon gestern fertig sein. Trotz der griechischen Hitze fiel mir recht schnell ein Satz ein: „Deutschland und Frankreich ziehen an einem Strang.“ Kurz. Verständlich. Klar.

 

Das A und O der Aussprache

Nachdem der Vorschlag von ganz oben abgesegnet worden war, begann der eigentliche Teil der Arbeit. Ich sprach den Satz mehrmals auf Band, begleitet von einer kleinen Gebrauchsanweisung für französische Muttersprachler:

– Vorsicht bei dem „a“ in DeutschlAnd und FrAnkreich. Kein nasales französisches „an“, sondern ein klares, offenes deutsches „a“.

– Auch das Verb „ziehen“ enthält eine klassische Falle. Französische Sprecher behandeln das deutsche „z“ gern wie ein etwas verschlafenes „s“. Dabei soll es energisch zischen.

– Dann das Wort „einem“. Der Akzent muss auf „einem“ liegen, damit klar wird, dass Deutschland und Frankreich an eben einem Strang ziehen und nicht an zwei verschiedenen.

– Und schließlich eine letzte Hürde: „Strang“, ausgesprochen „Schdraaang“. Mit „sch“ statt „st“, offenem „a“ und ohne das harte französische „g“, das sich am Ende gerne einschleicht wie ein ungebetener Gast bei einem Staatsbankett.

Et voilà… Sieben Wörter. Für einen Franzosen ein regelrechter Hindernislauf. Danach hieß es warten.

 

Unser Autor macht gerne Urlaub in Griechenland, um abzuschalten – es sei denn, aus dem Élysée geht ein Anruf ein (Copyright: Frank Gröninger)
Unser Autor macht gerne Urlaub in Griechenland, um abzuschalten – es sei denn, aus dem Élysée geht ein Anruf ein (Copyright: Frank Gröninger)

 

Gespannt verfolgte ich die Pressekonferenz, doch zu meiner Enttäuschung kam mein Satz nicht. Warum wohl?

Die Erklärung folgte wenig später per E-Mail: „Merci beaucoup pour cette phrase, mais le président ne pouvait pas la dire, car Friedrich Merz l’avait prononcée juste avant lui. La prochaine fois, on prépare un plan B“ (Vielen Dank für den Satz, aber der Präsident konnte ihn nicht mehr verwenden. Friedrich Merz hatte ihn wenige Minuten zuvor bereits gesagt). In diesem Moment fühlte ich mich wie ein Werbetexter, dessen Slogan gerade von der Konkurrenz geklaut worden war. Vielleicht lag es an der Kränkung, vielleicht am Frappé, vielleicht auch daran, dass ich selbst Urlaub hatte und deshalb plötzlich Zeit für völlig nebensächliche Fragen besaß… Jedenfalls begann ich mich zu fragen, wie unterschiedlich französische Präsidenten und deutsche Bundeskanzler eigentlich Urlaub machen.

 

Brégançon oder die Erfindung des republikanischen Versailles

Frankreich besitzt etwas, das Deutschland fehlt: eine offizielle Sommerresidenz für den Präsidenten. Das Fort von Brégançon, hoch über dem Mittelmeer auf einem Felsen gelegen, ist seit Jahrzehnten die Bühne der sommerlichen Republik. Schon der Name klingt wie ein Ort, an dem man entweder Staatskrisen löst oder einen Rosé für 38 Euro bestellt. Dort verbringen die Präsidenten ihre Ferien. Dort entstehen die berühmten Fotos. Dort wird Politik mit Sonnencreme betrieben.

 

Im Fort Brégançon empfing Emmanuel Macron im August 2019 den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Besuch sorgte international für große Aufmerksamkeit (Copyright: Wikimedia Commons)
Im Fort Brégançon empfing Emmanuel Macron im August 2019 den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Besuch sorgte international für große Aufmerksamkeit (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Deutschland besitzt nichts Vergleichbares. Während der französische Präsident auf einer mediterranen Festung residiert, verbringt der deutsche Kanzler seine Ferien traditionell irgendwo zwischen Wanderstiefeln, Ferienwohnung und der beruhigenden Gewissheit, dass niemand ein Schloss für ihn renovieren musste.

 

Charles de Gaulle und die Zeit, als selbst der Strand geschniegelt war

Die ältesten Ferienfotos französischer Präsidenten wirken heute wie Bilder aus einer anderen Galaxie. Charles de Gaulle erscheint am Strand so, wie andere Menschen damals zur Beerdigung gingen: vollständig bekleidet. Man hat manchmal den Eindruck, der General wäre eher bereit gewesen, die Verfassung umzuschreiben als seine Jacke auszuziehen. Neben ihm seine Frau Yvonne. Gemeinsam wirken sie wie zwei Menschen, die versehentlich an einen Strand geraten sind und nun höflich darauf warten, bis jemand sie wieder abholt. Das war eine Zeit, in der Autorität nicht fotografiert wurde, sie wurde getragen.

 

Pompidou, Giscard und die Entdeckung des republikanischen Oberschenkels

Mit Georges Pompidou wurde Frankreich plötzlich moderner. Da standen die Füße im Sand. Da wurde geraucht. Für damalige Verhältnisse war das fast revolutionär. Doch das war erst der Anfang, denn dann kam Valéry Giscard d’Estaing. Und mit ihm betrat der Präsidentenurlaub endgültig die Ära des Marketings. Giscard verstand etwas, das seine Vorgänger nicht verstanden hatten: Man regiert nicht nur ein Land. Man inszeniert sich. Frankreich bekam seine JFK-Momente.

 

Valéry Giscard d'Estaing am Strand von Dinard während eines Sommerurlaubs (Copyright: Wikimedia Commons)
Valéry Giscard d’Estaing am Strand von Dinard während eines Sommerurlaubs (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Da sah man plötzlich einen sportlichen Präsidenten in Badehose, mit jugendlicher Figur, einen Präsidenten, der aussah, als könne er gleichzeitig die Wirtschaft reformieren und Wasserski fahren. Die Botschaft lautete: „Seht her, die Republik ist dynamisch und jung.“

 

Jacques Chirac und das Drama der Luxusferien

Jacques Chirac sah das etwas anders: Man kann überall Ferien machen – solange niemand davon erfährt. Leider erfährt in Frankreich immer jemand davon. Seine Reisen nach Mauritius sorgten regelmäßig für Diskussionen. Denn der französische Wähler hat ein kompliziertes Verhältnis zum Urlaub seiner Politiker. Einerseits soll der Präsident sich erholen. Andererseits möglichst in Sichtweite des eigenen Wohnzimmers. Wenn ein französischer Präsident im Ausland Ferien macht, entsteht schnell der Eindruck, er habe die Nation verlassen. Wenn er in Frankreich bleibt, wird diskutiert, wer die Rechnung bezahlt. Der ideale Präsidentenurlaub wäre vermutlich eine Woche in einer Zweizimmerwohnung über einer Bäckerei in Limoges. Mit Quittungen.

 

Sarkozy und der erste Photoshop-Skandal der Republik

Nicolas Sarkozy war der erste Präsident des Instagram-Zeitalters, noch bevor Instagram existierte. 2007 wurde er beim Kajakfahren fotografiert, eigentlich nichts Besonderes. Bis herauskam, dass das Foto retuschiert worden war. Paris Match hatte die republikanische Silhouette optimiert und ein paar Pölsterchen waren verschwunden.

 

Mit oder ohne Pölsterchen? Nicolas Sarkozy wusste, dass selbst Urlaubsfotos politische Wirkung entfalten können (Copyright: Privatsammlung/Landry Charrier)
Mit oder ohne Pölsterchen? Nicolas Sarkozy wusste, dass selbst Urlaubsfotos politische Wirkung entfalten können (Copyright: Privatsammlung/Landry Charrier)

 

Es war ein Moment von großer philosophischer Bedeutung. Frankreich musste plötzlich diskutieren, ob ein Präsident Fettpölsterchen besitzen darf. Die Antwort lautete offenbar: Ja. Aber bitte nicht sichtbar. Ganz zu schweigen davon, dass diese Bilder noch dazu in Wolfeboro, in den USA und nicht in Frankreich entstanden sind.

 

François Hollande oder die Tragödie der normalen Badeshorts

François Hollande wollte ein „normaler Präsident“ sein. Und tatsächlich sah niemand jemals normaler aus als François Hollande in hellblauen Badeshorts. Leider zeigte sich hier ein grundlegendes Problem der Politik: Normalität ist hervorragend für Nachbarn. Aber schwierig für Staatsoberhäupter. Die Fotos gingen um die Welt. Und ganz Frankreich stellte fest: Ja, tatsächlich, er ist normal, vielleicht sogar zu normal.

 

Macron, die Pool-Politik und die Erfindung des Jet-Ski-Staatsmannes

Dann kam Emmanuel Macron. Der erste Präsident, der nicht nur regiert, sondern gleichzeitig fotografiert wird. Ständig. Aus jedem Winkel. Mit perfektem Licht. Von einer eigenen Hausfotografin. Macron erkannte früh die Gefahren des modernen Sommerurlaubs. Vor allem die Gefahr von Paparazzi. Seine Lösung: Er ließ einen Swimmingpool bauen. Der Pool von Brégançon löste sofort eine nationale Debatte aus. War er nötig? War er teuer? War er republikanisch? Dabei war die Logik des Élysée einfach nur Kalkül: Ein Pool kostet weniger als permanente Sicherheitsmaßnahmen am Strand. Nur klingt „Kostenoptimierung durch privaten Präsidentenpool“ eben nicht ganz so volksnah.

 

Voici, Ausgabe vom 5. August 2022: Emmanuel Macron macht mit seinem Sommerurlaub in Brégançon Schlagzeilen (Copyright & Fotomontage: Privatsammlung/Landry Charrier)
Voici, Ausgabe vom 5. August 2022: Emmanuel Macron macht mit seinem Sommerurlaub in Brégançon Schlagzeilen (Copyright & Fotomontage: Privatsammlung/Landry Charrier)

 

Und dann war da natürlich noch das berühmte Jet-Ski-Foto. Kaum war es veröffentlicht, begann die Diskussion. Ein Präsident auf einem Jet-Ski! Klimakrise! Symbolpolitik! Überinszenierung! Macron-Anhänger versuchten zu beruhigen: „Vielleicht war es ein elektrischer Jet-Ski.“ Fazit: In Frankreich kann selbst ein Wasserfahrzeug ideologisch werden.

 

Der Kanzler ohne Sommerpalast

Und Deutschland? Deutschland schaut auf Brégançon ungefähr so, wie man auf einen entfernten Cousin blickt, der plötzlich eine Yacht besitzt. Bundeskanzler haben keine Sommerresidenz. Keine Festung. Kein Schloss. Keinen Präsidentenfelsen. Konrad Adenauer zog es an den Comer See.

 

Bundeskanzler Konrad Adenauer beim Bocciaspiel mit seiner Familie in der Villa La Collina in Cadenabbia am Comer See, 30. August 1958 (Copyright: Wikimedia Commons)
Bundeskanzler Konrad Adenauer beim Bocciaspiel mit seiner Familie in der Villa La Collina in Cadenabbia am Comer See, 30. August 1958 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Willy Brandt nach Norwegen. Helmut Schmidt an den Brahmsee. Helmut Kohl jahrzehntelang an den Wolfgangsee. Gerhard Schröder bevorzugte Italien, ebenso wie Angela Merkel, die dort beim Wandern fotografiert wurde – in Kleidung, die jeden Outdoor-Katalog vor Neid erblassen ließ.

 

Olaf Scholz und das Geheimnis der Provence

Besonders schön war die Geschichte um Olaf Scholz. Das Kanzleramt wollte seinen Urlaubsort geheim halten. Man sprach lediglich von „befreundetem europäischem Ausland“. Die Auflösung kam schließlich durch seine Frau Britta Ernst. Instagram verriet, was sämtliche Regierungssprecher verschwiegen hatten: Die Provence. Ein paar Fotos. Eine Katze. Nizza. Die Verdon-Schlucht. Damit war eines der bestgehüteten Staatsgeheimnisse Europas gelüftet. Und ein diplomatischer Faux pas, auf den mich ein Berater des Präsidenten aufmerksam machte: „Ihr Bundeskanzler macht Urlaub in Frankreich und hält es nicht mal für nötig, den französischen Präsidenten darüber zu informieren. Ein gemeinsames Foto wäre doch ein wunderbares Symbol für die deutsch-französische Freundschaft gewesen.“

 

Die Verdonschlucht zählt zu den bekanntesten Landschaften der Provence. Britta Ernst veröffentlichte nach dem Sommerurlaub 2023 Fotos aus dieser Region. Den genauen Aufenthaltsort des Ehepaars Scholz gab das Bundeskanzleramt aus Sicherheitsgründen nicht bekannt (Copyright: Wikimedia Commons)
Die Verdonschlucht zählt zu den bekanntesten Landschaften der Provence. Britta Ernst veröffentlichte nach dem Sommerurlaub 2023 Fotos aus dieser Region. Den genauen Aufenthaltsort des Ehepaars Scholz gab das Bundeskanzleramt aus Sicherheitsgründen nicht bekannt (Copyright: Wikimedia Commons)

 

„Ihr” Bundeskanzler… wie schon zuvor bei Angela Merkel oder Gerhard Schröder, wurde ich für jedes Handeln oder jede Entscheidung mit zur Verantwortung gezogen. Sei es bei den strengen Sparforderungen Deutschlands in der Finanzkrise Griechenlands, oder eben nun in der Entscheidung von Olaf Scholz, seinen Urlaub in Frankreich zu verbringen, aber eben als deutscher Bürger und nicht als Regierungschef.

– „Vielleicht wollte er den französischen Präsidenten nicht in seinem wohl verdienten Sommerurlaub stören, versuchte ich zu beschwichtigen.“

– „Non, non c’est presque un affront.“

Sollte ich mich nun für “meinen” Kanzler entschuldigen? Ich beliess es bei einem Lächeln. Und sein Nachfolger? Friedrich Merz verbringt seinen Urlaub laut Regierungssprecher privat in Deutschland. Die Formulierung ist bemerkenswert. Denn sie klingt nicht nach Ferien. Sie klingt nach einem Verwaltungsakt.

 

Die Zukunft gehört der Ostsee

Vielleicht wird der Klimawandel ohnehin alles verändern. Vielleicht wird die Ostsee irgendwann das neue Mittelmeer. Vielleicht entstehen dann in Mecklenburg plötzlich Rosé-Weingüter. Vielleicht diskutieren französische Präsidenten eines Tages darüber, ob sie ihren Sommer in Kiel verbringen sollten. Und vielleicht wird ein deutscher Kanzler dann endlich eine Sommerresidenz bekommen. Mit Pool. Mit Paparazzi. Mit Jet-Ski. Und mit einer Fotografin, die ihn heroisch beim Blick auf die Ostsee inszeniert. Spätestens dann werden die Franzosen nervös. Denn wenn Deutschland beginnt, Urlaub wie Frankreich zu machen, steht Europa vor einer erneuten Zeitenwende. Bis dahin bleibt aber alles beim Alten: Die Franzosen beobachten ihre Präsidenten in Badehose, die Deutschen beobachten ihre Kanzler beim Wandern. Und beide Nationen sind fest davon überzeugt, dass die jeweils andere völlig verrückt ist. Zum Glück. Sonst gäbe es keine deutsch-französische Freundschaft. Und schon gar nicht diese Sommerkolumne.

 

Der Autor

Frank Gröninger
Copyright: Frank Gröninger

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.

 

 

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