Essay:
Europas Zukunft wird auch in Skopje entschieden

Was die deutsch-französische Aussöhnung Europa für den Westbalkan lehren kann.
Mit dem Élysée-Vertrag von 1963 legten Deutschland und Frankreich den institutionellen Grundstein für eine Aussöhnung, die aus jahrhundertelanger Rivalität eine tragende Säule der europäischen Integration werden ließ. Wenn man heute über die Zukunft Europas spricht, denkt man meist an den Krieg in der Ukraine, an die Konkurrenz zwischen den USA und China oder an die Frage, wie Europa in einer zunehmend instabilen Welt handlungsfähig bleiben kann. Weniger Aufmerksamkeit erhält eine Region, deren Bedeutung für die europäische Ordnung dennoch kaum überschätzt werden kann: der Westbalkan.
Nach vier Jahrzehnten im diplomatischen Dienst habe ich gelernt: Europas Stabilität beginnt selten an seinen geografischen Rändern. Sie entsteht dort, wo historische Konflikte in politische Kooperation verwandelt werden. Genau das war das große europäische Wunder nach 1945: Aus der Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine Partnerschaft, die zum Fundament der europäischen Integration wurde. Diese Erfahrung ist keine historische Fußnote. Sie ist eine politische Lehre – und vielleicht aktueller denn je.
Warum der Westbalkan Europa betrifft
Die Staaten des Westbalkans liegen nicht außerhalb Europas. Sie liegen im Herzen Europas. Instabilität in dieser Region bleibt niemals regional begrenzt. Sie betrifft Migration, Sicherheit, Energie, organisierte Kriminalität, wirtschaftliche Entwicklung und nicht zuletzt die Glaubwürdigkeit der Europäischen Union. Gerade deshalb war die Entscheidung Bulgariens, den Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen Nordmazedoniens zeitweise zu blockieren, weit mehr als ein bilateraler Streit.

Für viele Menschen in Nordmazedonien entstand der Eindruck, dass selbst schmerzhafte Kompromisse – wie das Prespa-Abkommen mit Griechenland (2018) und die Änderung des Staatsnamens – keine verlässliche europäische Perspektive garantieren. Hier liegt eine der großen Herausforderungen der europäischen Erweiterungspolitik: Die EU darf nicht nur Bedingungen stellen; sie muss auch glaubwürdig bleiben. Erweiterung ist kein technischer Prozess, sondern ein politisches Versprechen.
Die Lehre der deutsch-französischen Aussöhnung
Deutschland und Frankreich haben ihre Konflikte nicht vergessen. Sie haben gelernt, mit ihnen zu leben und sie institutionell zu überwinden. Entscheidend war dabei nicht allein die Arbeit von Regierungen. Eine zentrale Rolle spielten Schüleraustausch, Städtepartnerschaften, Universitäten, Jugendwerke und persönliche Begegnungen.
Versöhnung beginnt selten mit Verträgen. Sie beginnt mit der Erfahrung, dass der andere nicht nur Gegner, sondern Gesprächspartner sein kann. Genau an diesem Punkt setzt die internationale Summer School „Re: Europe – Rethinking Europe Together“ an, die Studierende aus Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Nordmazedonien zusammenführt. Das vom Deutsch-Französischen Jugendwerk geförderte Projekt entstand 2023 auf Initiative der deutschen und französischen Botschaften in Sofia und Skopje und wird von der Humboldt-Universität zu Berlin, Sciences Po – Campus Dijon, der Universität „St. Kyrill und Method“ in Skopje und der New Bulgarian University getragen.

Die eigentliche Bedeutung dieses Projekts liegt nicht im Seminarprogramm. Sie liegt darin, dass junge Menschen aus Ländern mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen, politischen Narrativen und europäischen Erwartungen mehrere Wochen gemeinsam lernen, diskutieren und streiten.
Skopje, Sofia, Paris – und Europa
Die bisherigen Stationen der Summer School in Skopje, Sofia, Thessaloniki, Paris und Dijon haben gezeigt, wie unterschiedlich Europa aus den jeweiligen nationalen Perspektiven wahrgenommen wird. Für manche Teilnehmende steht die Frage der Identität im Vordergrund, für andere die Sicherheit Europas, die Erweiterung der EU oder die Erinnerung an historische Traumata. Gerade diese Unterschiede sind produktiv. Europa entsteht nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch die Fähigkeit, unterschiedliche Erinnerungen und Interessen in einen gemeinsamen politischen Rahmen zu integrieren.

In den Gesprächen mit Diplomaten, Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern wurde immer wieder deutlich, dass die europäische Integration des Westbalkans heute auch eine geopolitische Dimension besitzt. Wo Europa zögert, entstehen Räume für andere Akteure – Russland, China, die Türkei, arabische Staaten oder regionale Nationalismen. Die Frage ist daher nicht, ob der Westbalkan strategisch relevant ist, sondern ob Europa bereit ist, diese Relevanz anzuerkennen.
Die Verantwortung der jungen Generation
Besonders beeindruckt hat mich, mit welcher Offenheit die Studierenden auch kontroverse Themen diskutieren: historische Schuld, Minderheitenrechte, Antisemitismus, nationale Narrative oder die Grenzen europäischer Politik. Solche Gespräche sind nicht immer bequem. Aber gerade darin liegt ihr Wert.

Die junge Generation Europas wird mit Problemen leben müssen, die sich nicht mehr national lösen lassen: Sicherheit, Klima, Technologie, Migration und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Dafür braucht sie die Fähigkeit zum grenzüberschreitenden Dialog. Als Diplomat habe ich viele Verhandlungen erlebt. Die schwierigsten scheitern selten an fehlenden Interessen. Sie scheitern an fehlendem Vertrauen. Vertrauen wiederum entsteht nicht über Nacht. Es wächst durch Begegnung, durch gemeinsames Arbeiten und durch die Bereitschaft, die Perspektive des anderen ernst zu nehmen.
Europas Zukunft ist offen
Ende August wird die Summer School in Berlin fortgesetzt. Dort werden die Studierenden im Bundeskanzleramt und Bundespräsidialamt, im Auswärtigen Amt und im Bundestag sowie an der Humboldt Universität über Erweiterungspolitik und den Berlin Prozess, über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Erinnerungskultur und Medienpluralismus diskutieren. Das sind keine akademischen Randthemen. Sie berühren den Kern der europäischen Zukunft. Europa steht heute vor der Aufgabe, seine Einheit zu bewahren, ohne neue Trennlinien zu schaffen. Der Westbalkan ist dafür ein Prüfstein. Gelingt es, Versöhnung, Reformen und Integration miteinander zu verbinden, stärkt das die gesamte EU. Misslingt es, drohen neue Enttäuschungen, neue Nationalismen und neue geopolitische Bruchlinien.

Die deutsch-französische Aussöhnung zeigt, dass selbst tiefe historische Gegensätze überwunden werden können. Sie war kein Wunder, sondern das Ergebnis politischen Willens und langfristiger Investitionen in den Dialog der Gesellschaften. Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft von „Re: Europe“: Europas Zukunft wird nicht nur in Brüssel, Berlin oder Paris entschieden. Sie wird auch in den Begegnungen junger Menschen entschieden – in Skopje, Sofia, Dijon und überall dort, wo aus historischen Gegensätzen die Bereitschaft entsteht, gemeinsam europäisch zu denken.
Der Autor

Prof. Dr. Heinrich Kreft, Botschafter a.D., war vier Jahrzehnte im deutschen diplomatischen Dienst tätig. Heute ist er Programmdirektor an der Diplomatischen Akademie des Auswärtigen Amts. Darüber hinaus lehrt er an der Andrássy Universität Budapest, wo er von 2020 bis 2024 den vom Auswärtigen Amt gestifteten Lehrstuhl für Diplomatie innehatte. An der Humboldt-Universität zu Berlin ist er unter anderem akademischer Leiter der internationalen Summer School „Re: Europe – Rethinking Europe Together“.
