Wanted:
Auf der Suche nach verlorenen Bildern

1940, im Chaos von militärischem Zusammenbruch und Flucht, wurde ein Museum in Orléans evakuiert, bevor es bei deutschen Bombenangriffen verwüstet wurde. Doch wo sind die Gemälde des Museums geblieben? Eine erste Antwort zeichnet sich nun ab.
Wanted ist keine Ausstellung – aus naheliegenden Gründen –, sondern vielmehr eine regelrechte Spurensuche, ja ein Aufruf an all jene, die eines der vom Musée des Beaux-Arts gesuchten Werke vielleicht irgendwann einmal gesehen oder sogar gekauft haben. Die Sammlung des Orléaner „Kunstsammlers“ Paul Fourché (1840–1922), die 1907 in einem Nebengebäude des Museums ausgestellt und seiner Heimatstadt geschenkt wurde, wuchs bis zum Tod des Mäzens um weitere Werke. So ließ sich eine recht detaillierte Liste der Gemälde erstellen, ergänzt durch einige wenige historische Fotografien von Werken, die später als verschollen galten. Diese Spurensuche wurde 2023 im Rahmen einer kleinen Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Einige der Bilder waren seinerzeit fotografiert worden, andere befanden sich bereits lange vor dem Brand außerhalb des Museums.
Allem Anschein nach verschwanden 1940 rund 60 Werke spurlos, ohne dass sich ihr weiterer Verbleib nachvollziehen ließ. Andere, darunter auch Meisterwerke, befanden sich in Behörden und öffentlichen Einrichtungen – „eine vor wie nach dem Krieg übliche Praxis, die bis zum Museumsgesetz von 2002 fortbestand“, erklärt Olivia Voisin, leitende Konservatorin und Direktorin der Museen von Orléans. Sie spricht unumwunden von einer „Plünderung“, begünstigt durch Bombardierungen, militärischen Zusammenbruch und Massenflucht.
424 Gemälde – und viele offene Fragen
Der Verbleib fast aller 1940 aus dem Musée Paul-Fourché geraubten Werke ist bis heute ungeklärt. Insgesamt werden noch 424 Gemälde aus den Sammlungen von Orléans vermisst. Rechtlich sind sie nach wie vor Eigentum des Museums. Es bleibt die Frage, wo sie sich befinden – auch um den 172 Seiten umfassenden Katalog zu vervollständigen, den die Initiative Wanted der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.
Ein erster Erfolg zeigt, dass eine Plünderung nicht zwangsläufig das endgültige Verschwinden eines Kunstwerks bedeuten muss. Ende 2025 wurde ein über 80-jähriges deutsches Ehepaar auf ein Etikett mit der Aufschrift „Musée d’Orléans“ auf der Rückseite eines Gemäldes aufmerksam, das es in den 1980er-Jahren in gutem Glauben auf dem deutschen Kunstmarkt erworben hatte. Das Paar vermutete, möglicherweise ein geraubtes Werk zu besitzen, und gab die Ölstudie La Mort de Roland (Der Tod Rolands) an das Musée des Beaux-Arts zurück.

Das Werk stammt von Achille-Etna Michallon (1796-1822), der 1817 als erster Künstler den ein Jahr zuvor ins Leben gerufenen Rompreis für historische Landschaftsmalerei erhielt und zu den Wegbereitern der Schule von Barbizon zählt. Die Studie entstand 1818. „Das Bewusstsein hat sich verändert. Auktionatoren, Sachverständige, Galeristen, Notare… sie alle sind heute für diese Fragen sensibilisiert und zur Zusammenarbeit bereit. Es war der richtige Zeitpunkt, diese Liste zu veröffentlichen. Sie soll in ganz Frankreich und anschließend auch international verbreitet werden. Sie verleiht diesen Werken wieder eine greifbare Existenz“, freut sich die Museumsdirektorin.
Neben Michallons Skizze haben drei weitere Werke bereits ihren Weg zurück in das Museum von Orléans gefunden. So gab etwa das Museum in Beauvais ein anonymes Gemälde aus dem Jahr 1546 zurück (Christus zwischen dem heiligen Paulus und Apollos von Alexandria), das bereits vor 1923 verschwunden und 1994 wieder auf dem Kunstmarkt aufgetaucht war.
Vielleicht hängt eines noch in einem Wohnzimmer
Unter den gesuchten Gemälden befindet sich auch ein Werk von Charles de Lacroix de Marseille (1700–1782), das 1978 bei einer Auktion in London wieder auftauchte, von einem britischen Kunsthändler erworben und schließlich 2007 von der Kunstgalerie Nagel in Stuttgart erneut versteigert wurde. Ein verschlungener Weg, der sich erst… 2026 rekonstruieren ließ, denn das Auktionshaus bewahrt seine Unterlagen nicht länger als zehn Jahre auf. Wem das Gemälde damals verkauft wurde, lässt sich – zumindest vorerst – nicht mehr feststellen. Die Suche beschränkt sich deshalb längst nicht mehr auf Fachleute. Dank ausführlicher Berichte in der nationalen und internationalen Presse hat die Initiative große Aufmerksamkeit gefunden. Ende September sollen sämtliche verfügbaren Abbildungen der vermissten Gemälde gezeigt werden. Besucher können so selbst sehen, wonach gesucht wird – und vielleicht ein Werk wiedererkennen, das ihnen im Zusammenhang mit einem Nachlass, bei einer Auktion, in einer Privatsammlung oder ganz einfach im eigenen Wohnzimmer begegnet ist.

Jeder Katalogeintrag bündelt sämtliche Hinweise aus Katalogen, Archiven und anderen Aufzeichnungen, um die Beschreibung des jeweiligen Werkes so vollständig wie möglich zu machen. Der Katalog soll nach und nach um weitere Abbildungen ergänzt werden – in der Hoffnung, dass die Werke nicht für immer verloren oder zerstört sind, sondern womöglich während der Besatzungszeit gestohlen und anschließend aufbewahrt wurden, etwa von deutschen Soldaten.
Kunstraub mit langer Geschichte
Während der nationalsozialistischen Diktatur wurden zahlreiche Kulturgüter geplündert, gestohlen, zwangsverkauft oder beschlagnahmt. Im September 1940 wurde eine Verwaltung eingerichtet, die den Kunstraub in den besetzten Ländern Westeuropas organisieren sollte; auch das Vichy-Regime beteiligte sich an der systematischen Enteignung. Ziel dieser administrativ organisierten Maßnahmen war vor allem, jüdischen Bürgern ihren Besitz zu entziehen. Hitler verfolgte darüber hinaus den Plan, in Linz ein großes Museum mit einigen der bedeutendsten Gemälde Europas zu errichten.

Die Zahl der in Frankreich während dieser Zeit geraubten Kunstwerke wird auf 100.000 geschätzt – hinzu kommen rund fünf Millionen Bücher. Vielleicht waren es sogar noch mehr. Nach Angaben des französischen Kulturministeriums wurden nach dem Krieg etwa 60.000 Kunstwerke und Kunstgegenstände, die in Deutschland oder in den vom „Dritten Reich“ kontrollierten Gebieten sichergestellt worden waren, nach Frankreich zurückgebracht. Rund 45.000 davon konnten zwischen 1945 und 1950 ihren Eigentümern zurückgegeben werden. Etwa 2.200 Werke, die nicht restituiert werden konnten, wurden den staatlichen Museen anvertraut und als „Musées Nationaux Récupération“ (MNR) oder unter vergleichbaren Bezeichnungen geführt.
Dabei ist wichtig: Die als MNR eingestuften Kulturgüter gehören nicht zu den öffentlichen Museumssammlungen. Die Museen verwahren sie lediglich und sind verpflichtet, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und ihre Geschichte zu vermitteln. Zugleich gilt es, die Provenienz dieser Werke und ihre Wege seit 1933 zu klären. Eine mühsame, langwierige Detektivarbeit, deren Erfolg sowohl von den Recherchemöglichkeiten der einzelnen Museen als auch vom Engagement jedes Einzelnen abhängt. Der Orléaner Slogan Wanted, der vielleicht allzu sehr – und zu Unrecht – an amerikanische Western erinnert, ließe sich deshalb eigentlich mit „Augen auf!“ übersetzen.
Ein Erbe mit vielen dunklen Flecken
In Deutschland rückte das Thema Ende 2013 mit großer Wucht ins öffentliche Bewusstsein. Damals berichtete die Presse über einen Fund, der bereits zwei Jahre zuvor infolge einer routinemäßigen Zollkontrolle gemacht worden war: In einer Münchner Wohnung waren 1.500 Kunstwerke entdeckt worden – darunter Werke von Auguste Renoir, Henri Matisse, Pablo Picasso, Marc Chagall, Paul Klee, Oskar Kokoschka und Max Beckmann, aber auch 300 Werke aus dem Bestand der von den Nationalsozialisten verfemten „Entarteten Kunst“. Im Februar 2014 wurden in einem kleinen Haus in Salzburg weitere 238 Werke entdeckt.
In beiden Fällen hieß der Eigentümer Cornelius Gurlitt (1932–2014). Sein Vater Hildebrand Gurlitt war einer von vier Kunsthändlern, die vom NS-Regime damit beauftragt worden waren, aus deutschen Museen entfernte Werke der sogenannten „Entarteten Kunst“ im Ausland zu verkaufen. Darüber hinaus war Hildebrand Gurlitt während der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung auf dem Kunstmarkt tätig. Cornelius Gurlitt starb drei Monate später an den Folgen einer Herzoperation und setzte das Kunstmuseum Bern in der Schweiz als seinen Alleinerben ein. Das zeigt, wie verworren die Wege von Kunstwerken mit teilweise ungeklärter Provenienz sein können. 500 Werke aus dieser Sammlung, deren Provenienz in vielen Fällen Fragen aufwarf, wurden 2017 in Bonn ausgestellt.

Doch es gibt weitere Fälle, die zeigen, wie schwierig Restitutionen sein können. Peter Forner, Sohn eines deutschen Soldaten, entschloss sich 2019 im Zeichen der deutsch-französischen Versöhnung, Frankreich ein Gemälde zurückzugeben, das sein Vater Alfred 1944 während eines Heimaturlaubs in der Normandie gestohlen hatte. Es handelt sich um eine ländliche Szene des Malers Nicolas Rousseau, der der Schule von Barbizon nahestand. Die Kommission zur Entschädigung der Opfer von Enteignungen aufgrund der während der Besatzungszeit geltenden antisemitischen Gesetzgebung (CIVS) würdigte die Initiative zwar als „edel und mutig“, bremste den großzügigen Spender jedoch zunächst: Bevor das Gemälde zurückgegeben werden konnte, musste geklärt werden, wo genau es geraubt worden war und wer die rechtmäßigen Eigentümer waren – beides war unbekannt. Die französische Botschaft in Berlin, die das Gemälde zunächst ausstellte, startete daraufhin einen Zeugenaufruf, um Hinweise auf seine Herkunft zu erhalten. Hinzu kommt, dass nach der Kapitulation des NS-Regimes 1945 Tausende Kunstwerke in Deutschland von der sowjetischen Armee beschlagnahmt wurden. Schließlich wurde das Gemälde 2020 dem Centre Mondial de la Paix in Verdun übergeben.
Raubkunst kennt keine Einbahnstraße
Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die 2016 in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und später in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen wurde und als Professorin für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin lehrt, brachte das Thema des Umgangs mit geraubten und verlagerten Kulturgütern mit einer treffenden Formel auf den Punkt: Objets du désir, désir d’objets („Objekte der Begierde, Begierde nach Objekten“), so der Titel eines 2014 erschienenen Buches.

Eines ihrer zentralen Forschungsgebiete sind die um 1800 von Frankreich in Deutschland beschlagnahmten Kulturgüter. 2003 widmete sie diesem Thema das bei den Éditions de la Maison des Sciences de l’Homme erschienene Buch Patrimoine annexé. In einem weiteren Werk, 1815, le temps du retour. Restituer l’art en Europe après l’Empire napoléonien, zeigt sie, wie die von den revolutionären und napoleonischen Armeen nach Paris verbrachten Kunstschätze die juristischen, moralischen und politischen Debatten über das Eigentum an Kulturgütern geprägt haben. Bis heute.
Eine Heugabel für Fourché
Zurück nach Orléans: Die Stadt ehrte ihren Mäzen Paul Fourché, von dessen Sammlung ein Teil 1940 geplündert wurde, indem sie eine Straße nach ihm benannte – allerdings mit einem falschen Akzent in der Schreibweise seines Namens. Eine kleine Kuriosität am Rande. Das erklärt auch den Irrtum eines Orléaner Künstlers: Der als „Straßenillustrator“ bekannte MifaMosa – sein Künstlername setzt sich aus mifa, der Verlan-Form des französischen Wortes famille, und Mosa für Mosaik zusammen – ist für seine rund 350 Mosaike zu Straßennamen in der ganzen Stadt bekannt. Seine Arbeiten finden sich aber auch in etwa 30 weiteren französischen Städten sowie in Genf und Brüssel.

Sein Irrtum: Weil er den Namen ohne Akzent als „Fourche“ las, stellte er Fourché mit einer Heugabel (fourche) in der Hand dar. Ein Pinsel wäre sicherlich passender gewesen. Vielleicht aber war es auch einfach der Humor eines Street-Art-Künstlers, der die Blicke der Passanten auf sich ziehen wollte.
Schließlich hat auch die Rue des Deux-Ponts ihr Mosaik aus Emaille von Briare – ein wenig Regionalpatriotismus darf sein. Das Motiv: ausgerechnet die beiden berühmten Detektive Schulze und Schultze aus den Abenteuern von Tim und Struppi. Geht es am Ende nicht vor allem darum, Aufmerksamkeit zu wecken?
Der Autor

Gérard Foussier studierte Germanistik in seiner Heimatstadt Orléans und entdeckte durch deren Städtepartnerschaft mit Münster seine Leidenschaft für die deutsch-französischen Beziehungen. Nach seiner journalistischen Ausbildung bei den Westfälischen Nachrichten arbeitete er drei Jahrzehnte für die Deutsche Welle. Von 2005 an war er Präsident des Bureau International de Liaison et de Documentation (B.I.L.D.) und 13 Jahre lang Chefredakteur der zweisprachigen Zeitschrift Dokumente/Documents. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Allemanderies“ (2023), besitzt die deutsche und französische Staatsangehörigkeit und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
