Cocoriki:
Von Leberkrisen, Hobbyapothekern und einem muskulösen Bizeps

Cocoriki: Von Leberkrisen, Hobbyapothekern und einem muskulösen Bizeps
  • VeröffentlichtSeptember 9, 2026
Medikamentenschrank mit vielen verschiedenen Verpackungen von Medikamenten
Für jedes Zwicken das passende Mittel: In Frankreich scheint das Arzneimittelwissen manchmal fast zur Allgemeinbildung zu gehören (Copyright: privat)

Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss schrieb einmal, Kulturen unterschieden sich besonders dort, wo ihre Mitglieder glaubten, alles sei selbstverständlich. Essen. Familie. Höflichkeit. Ich würde noch etwas hinzufügen: Kranksein.

 

Mein erster Arztbesuch in Paris begann mit einer kleinen Orientierungskrise. Vor mir stand ein prächtiges Gebäude im Haussmann-Stil mit schmiedeeisernen Balkonen und einer Eingangshalle mit rotem Teppich. Ich kontrollierte die Hausnummer. Sollte hier wirklich eine Arztpraxis sein? In Deutschland gleicht eine Praxis meistens einer kleinen Klinik: Desinfektionsmittel. Linoleumboden, Neonlicht und irgendwo piept ein Blutdruckmessgerät. In Paris dagegen betritt man eine Wohnung: Parkettboden, hohe Stuckdecken, ein Marmorkamin, antike Spiegel… Später erfuhr ich, dass viele Ärzte in Paris bis heute in ehemaligen Stadtwohnungen praktizieren. Das ist keine Marotte, sondern Geschichte, denn als Baron Haussmann im 19. Jahrhundert Paris neu gestalten ließ, entstanden jene großzügigen Wohnhäuser, in denen sich nicht nur Familien niederließen, sondern auch Anwälte, Notare und Ärzte. Die freien Berufe gehörten zum bürgerlichen Leben – und genau dort sind viele bis heute geblieben.

 

Die Nation der Hobby-Apotheker

Noch erstaunlicher als die Praxis waren allerdings die Franzosen. Es genügt in Frankreich, folgenden Satz zu sagen: „Ich glaube, ich werde krank.“ Keine zehn Sekunden später befindet man sich auch schon mitten in einer medizinischen Bürgerversammlung: „Nimm Doliprane.“ „Hast du schon Actifed probiert?“. „Und was ist mit Spasfon?“. „Lass dir von deinem Arzt XY verschreiben. Das wirkt Wunder.“ Innerhalb weniger Minuten fliegen Medikamentennamen durch den Raum, als würden Börsenhändler Aktienkurse austauschen. Mein eigenes pharmakologisches Wissen beschränkte sich damals auf Aspirin, Ibuprofen und Kamillentee. Mehr hatte die deutsche Kindheit offenbar nicht vorgesehen. Die Franzosen dagegen scheinen mit einem eingebauten Arzneimittelverzeichnis geboren zu werden. Zunächst hielt ich das für Einbildung. Bis ich mich ein wenig mit der französischen Medizingeschichte beschäftigte.

 

Hausfassade aus Holz einer französischen Apotheke
Eine Institution des französischen Alltags: In Frankreich geht man nicht einfach in die Apotheke – man geht zu seinem Apotheker (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Tatsächlich gehörte Frankreich jahrzehntelang zu den Ländern Europas mit dem höchsten Medikamentenkonsum, Antibiotika wurden lange großzügiger verschrieben als anderswo, Schmerzmittel gehörten fast selbstverständlich zum Arztbesuch, und der Apotheker entwickelte sich zu einer Institution des Alltags. Er leitet oft keine einfache Pharmacie, sondern eine Parapharmacie, denn er verkauft nicht nur Medikamente, sondern alles, was sich die Deutschen in Drogeriemärkten besorgen. In Frankreich geht man nicht nur zur Apotheke. Man geht zu seinem Apotheker. Fast wie früher zum Bäcker. Oder zum Pfarrer.

 

Es kommt darauf an

Noch faszinierender wurde es, als ich verstehen wollte, wie dieses Gesundheitssystem eigentlich funktioniert. Als mir ein französischer Freund dieses Prinzip erklärte, machte ich nach wenigen Minuten denselben Gesichtsausdruck wie bei meiner ersten Lektüre von Marcel Prousts À l’ombre des jeunes filles en fleurs – nach nur drei Jahren Schulfranzösisch. „Also“, sagte er geduldig, „die Sécurité sociale übernimmt den Grundschutz. Die Mutuelle ergänzt den Rest. Es kommt natürlich darauf an.“ Es kommt darauf an, ça dépend. Ich sollte später feststellen, dass dies vermutlich der häufigste Satz der französischen Republik ist.

 

Grüne Karte mit großer Aufschrift "Vitale", daneben ein Passbild. Darunter stehen alle Daten der Krankenversicherung
Wenn nichts mehr geht, zieht der Franzose seine Allzweckwaffe aus der Tasche: die Carte Vitale. Klein, grün und der Schlüssel zur französischen Sécurité sociale (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Die Sécurité sociale entstand 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg. Dahinter stand eine ebenso einfache wie große Idee: Krankheit sollte kein individuelles Schicksal sein, sondern eine Aufgabe der Solidargemeinschaft. Ein Gedanke, den Frankreich mit Deutschland teilt – auch wenn beide Länder ihn unterschiedlich organisieren. Der Unterschied beginnt bereits bei der Sprache, denn wir Deutschen sprechen von einer Krankenkasse, die Franzosen sagen einfach: la Sécu. Fast liebevoll, als handele es sich um eine ältere Tante, die sich zwar gelegentlich in alles einmischt, am Ende aber doch dafür sorgt, dass niemand hungrig nach Hause geht. Doch Frankreich wäre nicht Frankreich, wenn eine gute Idee nicht noch um eine zweite ergänzt würde. Deshalb gibt es neben der Sécurité sociale die Mutuelle. Für einen Deutschen klingt das zunächst wie eine zweite Krankenkasse, ist es aber nicht. Sie ist eher das, was Frankreich besonders gut beherrscht: eine elegante Ergänzung. Die Sécurité sociale bezahlt den Hauptgang, die Mutuelle schaut nach, ob vielleicht noch Käse und Dessert möglich sind. Je nach Vertrag übernimmt sie Brillen, Zahnersatz, Krankenhauskosten oder jene berühmten dépassements d’honoraires, also die zusätzlichen Honorare mancher Fachärzte.

 

Wenn die Höhle neben der Nase entzündet ist

Es gibt einen Moment bei jedem Arztbesuch, in dem Medizin zur Sprachwissenschaft wird. Nicht beim Abhören der Lunge und auch nicht beim Blutdruckmessen, sondern genau in dem Augenblick, in dem der Arzt freundlich fragt: „Und was fehlt Ihnen?“, “Qu’est-ce qui ne va pas?”. Als Muttersprachler beantwortet man diese Frage, ohne darüber nachzudenken. Für einen Ausländer hingegen ist sie der Beginn einer kleinen Expedition. Denn plötzlich stellt man fest, dass man zwar seit Jahren die Sprache des Landes spricht, aber ausgerechnet über seinen eigenen Körper erstaunlich wenig weiß. Ich konnte mühelos über Politik diskutieren oder über französische Literatur philosophieren, aber wie sagt man eigentlich „Ziehen im Unterbauch“? Oder „es sticht beim Einatmen“? Der menschliche Körper besitzt offenbar seine eigene Fremdsprache.

 

Theaterszene, sechs in weiß gekleidete Menschen, fünf sind pyramidenförmig angeordnet und schauen auf die unterste Person
Ob imaginaire oder nicht: Der Patient und seine Beschwerden beschäftigen Frankreich schon seit Molière (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Die deutsche Sprache hat da eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie erklärt sich selbst. Nehmen wir das Wort Nasennebenhöhlenentzündung. Es klingt zwar wie der Endgegner eines Scrabble-Turniers, doch zerlegt man es in seine Einzelteile, versteht sogar ein medizinischer Laie ungefähr, worum es geht: Nase. Nebenhöhle. Entzündung. Das Deutsche baut Wörter aus kleinen Bausteinen zusammen, das Französische verfolgt einen völlig anderen Ansatz, denn da heisst es einfach: Sinusite. Elegant, kurz, klangvoll und vollkommen mysteriös. Linguisten sprechen von einer analytischen Sprache und meinen das Französische, während sie die deutsche Sprache als synthetisch bezeichnen. Für mich resumierte sich das eher so: Das Deutsche kann man durch Ableiten verstehen, das Französische klingt sicher gut, aber da von meinem Lateinunterricht nicht viel übrig geblieben ist, hilft mir ds nicht wirklich weiter.

 

Die geheimnisvolle Krankheit der Franzosen

Mindestens ebenso rätselhaft erschien mir eine Diagnose, die ich immer wieder hörte: La crise de foie, die Leberkrise. Als Deutscher erschrickt man zunächst. Eine Leberkrise klingt nach Intensivstation und einem sehr ernsten Gesichtsausdruck des Arztes. Bis man feststellt, dass die meisten Franzosen ihre crise de foie nach Weihnachten bekommen, oder nach Ostern, oder nach einem besonders gelungenen Sonntagsessen. Mit anderen Worten: Nicht die Leber ist krank. Das Menü war erfolgreich.

Medizinisch existiert diese Diagnose übrigens kaum. Hepatologen kennen sie praktisch nicht. Kulturgeschichtlich dagegen gehört sie beinahe zum französischen Kulturerbe. Bereits im 19. Jahrhundert wurde die crise de foie zur eleganten Erklärung für jenes diffuse Unwohlsein nach einem üppigen Essen. Wie charmant. Der Deutsche sagt: „Ich habe zu viel gegessen.“, der Franzose sagt: „Meine Leber protestiert.“ Beide leiden, aber nur einer klingt dabei wie eine Figur aus einem Roman von Balzac.

 

gelb-grüne Medikamentenverpackung mit der Beschriftung "Citrate de bétaine upsa 2g"
„Tu veux un Spasfon?“ Wo die crise de foie droht, ist das vermeintlich passende Mittel oft nicht weit (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Ein französischer Freund von mir hat für solche Fälle übrigens längst eine Lösung. Ein französischer Freund von mir hat für solche Fälle übrigens längst eine Lösung. Nach einem üppigen Essen, spätestens wenn ich mir mit leicht gequältem Gesicht den Bauch halte, kommt zuverlässig die Frage: „Tu veux de la citrate de bétaïne?“ Offenbar gibt es in Frankreich nicht nur für jedes Leiden einen Namen, sondern vorsorglich auch gleich ein Medikament.

 

Immer zu spät oder zu früh

Während ich versuchte, das französische Gesundheitssystem zu verstehen, fiel mir noch etwas auf. Kaum ein Ministerium steht so sehr unter Beobachtung wie das Gesundheitsministerium. Ein Gesundheitsminister kann eigentlich nur verlieren. Bereitet er sich auf eine Pandemie vor und sie bleibt aus, gilt er als Panikmacher. Bereitet er sich nicht ausreichend vor und die Pandemie kommt, gilt er als verantwortungslos. Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot erlebte dieses Dilemma 2009 während der Schweinegrippe. Damals ließ sie Millionen Impfdosen und große Mengen Schutzmaterial beschaffen. Viele hielten das später für maßlos übertrieben. Dann kam Covid und plötzlich stellte sich dieselbe Entscheidung in einem völlig anderen Licht.

 

Eine Gruppe Menschen draußen mit Masken
Gesundheitsministerin zur falschen Zeit – oder zur richtigen? Roselyne Bachelot wurde 2009 für ihre Vorsorge gegen die Schweinegrippe heftig kritisiert. Nach Covid erschien manches in einem anderen Licht (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Olivier Véran, Gesundheitsminister während der Corona-Pandemie, wurde seinerseits unfreiwillig Teil der Popkultur. Als er sich öffentlich impfen ließ, richteten sich die Kameras weniger auf die Spritze als auf seinen erstaunlich muskulösen Oberarm. Innerhalb weniger Stunden kursierten unzählige Kommentare darüber in den sozialen Netzwerken. Früher diskutierte man über Impfstoffe. Heute diskutiert man über Bizeps – ein typisches Bild unserer Zeit.

 

Die eigentliche Diagnose

Wenn mich heute jemand fragt, worin der größte Unterschied zwischen dem deutschen und dem französischen Gesundheitssystem besteht, antworte ich nicht mit Zahlen. Ich erzähle lieber Geschichten. Von einer Arztpraxis, die wie ein Pariser Wohnzimmer aussieht, von Nachbarn, die mehr Medikamentennamen kennen als ich Vokabeln, von einer geheimnisvollen crise de foie, die als medizinische Diagnose zwar nicht existiert und kulturell jedoch unsterblich ist. Und, und, und. Da fällt mir übrigens ein Satz meiner Grossmutter Anna ein, der so universell ist wie wohl kein anderer: Hauptsache man ist gesund! Wie Recht sie hatte!

 

Der Autor

Frank Gröninger
Copyright: Frank Gröninger

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.

 

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