Frankreich 2027:
Wie der Rassemblement National zur dominanten Partei wurde

Eine aktuelle Studie der Fondation pour l’innovation politique zeigt, wer heute den RN wählt, woher seine neuen Wähler kommen – und warum sie bei der Präsidentschaftswahl 2027 den Ausschlag geben könnten.
Der Rassemblement National (RN) ist in Frankreich längst mehr als eine Protestpartei. Zu diesem Schluss kommt der Politikwissenschaftler Pascal Perrineau in einer im Juli 2026 von der Fondation pour l’innovation politique (Fondapol) veröffentlichten Studie. Seine zentrale These: Zwischen 2017 und 2024 hat der RN nicht nur erheblich mehr Wähler gewonnen. Auch die soziale und politische Zusammensetzung seiner Wählerschaft hat sich verändert. Vor allem der Zulauf aus der klassischen Rechten sowie unter älteren, besser ausgebildeten Wählern und in den Mittelschichten habe dazu beigetragen, dass der RN den Status einer „dominanten Partei“ erreicht habe.
Der Aufstieg in Zahlen
Der Aufstieg zeigt sich deutlich in den Wahlergebnissen. Nachdem der damalige Front National bei nationalen Wahlen über Jahrzehnte meist zwischen zehn und knapp 20 Prozent erreicht hatte, legte die Partei unter Marine Le Pen deutlich zu. Bei der Präsidentschaftswahl 2012 kam sie auf 17,9 Prozent, 2017 auf 21,3 und 2022 auf 23,2 Prozent. Bei der Parlamentswahl 2024 erreichten RN und die mit ihm verbündeten Kandidaten der UDR zusammen 33,2 Prozent. Die Stimmenzahl stieg von rund 6,4 Millionen im Jahr 2012 auf mehr als 10,6 Millionen 2024.

Auch die Kommunalwahlen im März 2026 bestätigten den Aufwärtstrend – obwohl der lange kommunal nur schwach verankerte RN bei lokalen Wahlen traditionell schlechter abschneidet. RN und Verbündete gewannen 74 Kommunen, 52 mehr als 2020, und stellten 3.121 Gemeinderäte gegenüber 827 sechs Jahre zuvor. Im Vergleich zu 2014 stieg die Stimmenzahl um mehr als 50 Prozent auf rund 1,63 Millionen. Doch eine Grenze bleibt: In den großen Städten gelang dem RN weiterhin kein entscheidender Durchbruch.
Vier Gruppen erklären den Aufstieg
Im Zentrum der Studie steht eine Längsschnittanalyse des Wahlverhaltens. Perrineau untersucht 2.444 Personen, die zwischen 2017 und 2024 mehrfach im Rahmen der Wahlstudie des CEVIPOF befragt wurden. So lässt sich nachvollziehen, wer dem RN über Jahre treu blieb, wer nur zeitweise für ihn stimmte und wer erst zuletzt zur Partei wechselte. Perrineau unterscheidet entsprechend zwischen Gegnern des RN, episodischen Wählern, treuen Anhängern und neu hinzugekommenen Wählern, den „Ralliés“.
Gerade diese letzte Gruppe ist für den Aufstieg des RN entscheidend. Unter den RN-Wählern von 2024 gehörte nur gut ein Viertel zum treuen Kern. Rund ein Drittel waren neu hinzugekommene Wähler, weitere 40 Prozent hatten bereits früher zeitweise für den RN gestimmt. Seinen Erfolg verdankt der RN damit weniger einem wachsenden Stammwählerkern als der Fähigkeit, weit darüber hinaus neue Wähler zu mobilisieren.

Der traditionelle Wählerkern des RN hat weiterhin ein klares soziales Profil: Arbeiter und Angestellte sind überdurchschnittlich stark vertreten, Hochschulabsolventen deutlich seltener. Viele dieser Wähler empfinden ihre wirtschaftliche Lage als schwierig und sehen ihre Lebensbedingungen heute schlechter als früher. Besonders ausgeprägt ist zudem das Gefühl mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung.
Die episodischen RN-Wähler ähneln diesem Kern sozial, sind politisch aber deutlich weniger fest an die Partei gebunden. Sie wechseln häufiger zwischen Parteien und entscheiden sich je nach Wahl neu. Gerade diese Gruppe zeigt, dass ein erheblicher Teil der heutigen RN-Wählerschaft nicht aus überzeugten Stammwählern besteht. Für das weitere Wachstum der Partei sind deshalb sowohl diese Wechselwähler als auch die neu hinzugekommenen „Ralliés“ entscheidend.
Neue Wähler, neue Milieus
Besonders aufschlussreich sind die Wähler, die erst 2024 zum RN wechselten. Sie unterscheiden sich deutlich vom traditionellen Wählerkern der Partei: 56 Prozent sind mindestens 65 Jahre alt, 57 Prozent haben einen Hochschulabschluss. Auch Angehörige mittlerer Berufsgruppen sind stärker vertreten; höhere Führungskräfte bleiben dagegen unterrepräsentiert. Der RN erreicht damit zunehmend Menschen, bei denen er lange nur wenig Rückhalt hatte – ältere und gut ausgebildete Wähler sowie Teile der Mittelschicht.

Was sie mit den Stammwählern verbindet, ist vor allem das Gefühl, an Wohlstand und gesellschaftlichem Status verloren zu haben. Fast neun von zehn neuen RN-Wählern haben das Gefühl, heute schlechter zu leben als früher. Viele fühlen sich zudem gesellschaftlich nicht ausreichend anerkannt. Für Perrineau zeigt sich darin, dass Unzufriedenheit und Abstiegsängste längst nicht mehr auf wirtschaftlich schwächere Bevölkerungsgruppen beschränkt sind, sondern bis weit in die Mittelschicht reichen.
Politisch kommen die neuen Wähler vor allem aus der klassischen Rechten. Mehr als die Hälfte ordnet sich dort ein, nur eine Minderheit sieht sich selbst ganz rechts. Besonders deutlich wird das am früheren Wahlverhalten: Bei der Präsidentschaftswahl 2017 hatten 40 Prozent von ihnen für den konservativen Kandidaten François Fillon gestimmt. Andere kamen aus dem Lager Emmanuel Macrons oder von der Linken. Der RN gewinnt also vor allem auf Kosten der traditionellen Rechten, kann inzwischen aber auch Wähler aus anderen politischen Lagern anziehen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass diese neuen Wähler zu überzeugten RN-Anhängern geworden sind. Nur knapp ein Drittel fühlt sich der Partei tatsächlich nahe; ebenso viele sehen sich weiterhin den konservativen Républicains verbunden. Der RN hat also ihre Stimmen gewonnen, aber noch nicht unbedingt ihre dauerhafte Loyalität. Genau darin liegt mit Blick auf 2027 eine entscheidende Frage: Kann die Partei diese neuen Wähler langfristig an sich binden?
Politische Krise und „Respektabilisierung“
Perrineau sieht mehrere Gründe dafür, dass der RN inzwischen auch Wähler erreicht, die ihm früher eher fernstanden. Die politische Instabilität seit 2022 und insbesondere die Auflösung der Nationalversammlung im Juni 2024 hätten das Misstrauen gegenüber dem politischen System verstärkt. Gleichzeitig habe der RN im Parlament gezielt daran gearbeitet, sein Image zu verändern.
Dafür steht die sogenannte „Krawattenstrategie“: Die Abgeordneten treten betont seriös auf, halten sich an parlamentarische Gepflogenheiten und vermeiden demonstrativ die permanente Konfrontation. So präsentiert sich der RN zunehmend als Partei, die nicht nur protestieren, sondern auch regieren kann. Gerade bei bürgerlichen Milieus, die Wert auf parlamentarische Umgangsformen und Verfahren legen, könnte dies Vorbehalte abgebaut haben.

Auch wirtschaftspolitisch hat sich der RN nach rechts bewegt und damit für konservative, unternehmerisch geprägte und besserverdienende Wähler geöffnet. Damit verlieren Faktoren an Bedeutung, die lange gegen eine Wahl des RN sprachen: höheres Alter, gute Bildung und eine gehobene berufliche Position.
Zu einer gemäßigten Volkspartei ist der RN deshalb nach Perrineaus Einschätzung jedoch nicht geworden. Er zieht einen Vergleich mit der „catch-all party“, also einer Partei, die weit über ihre ursprüngliche Wählerbasis hinaus unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen anspricht. Genau das gelingt dem RN zunehmend. Eine vergleichbare Entpolitisierung oder ideologische Mäßigung erkennt Perrineau dagegen nicht.
Der Aufstieg des RN steht für ihn vielmehr für einen tiefer reichenden Wandel: Politische Wut, Misstrauen und Enttäuschung über das bestehende System haben inzwischen auch Teile der Gesellschaft erreicht, die dafür früher weniger empfänglich waren. Wie verbreitet diese Stimmung ist, zeigt die 16. Welle des CEVIPOF- Vertrauensbarometers von 2025: 80 Prozent der Befragten empfanden angesichts der politischen Lage Sorge, nur 21 Prozent Hoffnung.
Wo der RN weiterhin auf Widerstand stößt
Ein Blick auf diejenigen, die den RN bislang nicht gewählt haben, zeigt, wo die Partei weiterhin auf Widerstand stößt. Sie sind im Schnitt besser ausgebildet und wirtschaftlich bessergestellt. Bemerkenswert ist zudem: Die Ablehnung des RN kommt keineswegs nur von links. Auch ein Teil der bürgerlichen Rechten hält weiterhin Abstand zur Partei – und genau dort könnte für den RN weiteres Wachstumspotenzial liegen.

Wenn Perrineau den RN als „dominante Partei“ bezeichnet, meint er damit zunächst seine Stärke an der Wahlurne, nicht politische Vorherrschaft. Er verweist auf die Gaullisten der 1960er-Jahre sowie die Sozialisten und ihre Verbündeten in den 1980er-Jahren, die jeweils etwa ein Drittel der Stimmen erreichten. In dieser Größenordnung bewegt sich inzwischen auch der RN: Bei der Parlamentswahl 2024 kam er mit seinen Verbündeten auf 33,2 Prozent. Zwei Jahre zuvor waren es noch 18,7 Prozent gewesen. Auch 2026 setzte sich der Aufwärtstrend fort. Von Perrineau angeführte Umfragen aus dem Frühjahr sahen Jordan Bardella mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2027 bei 34 bis 37 Prozent und damit deutlich vor möglichen Konkurrenten. Bei den Kommunalwahlen konnte der RN zugleich seine Verankerung vor Ort ausbauen, auch wenn er auf nationaler Ebene weiterhin deutlich stärker ist.
Perrineaus Studie zeigt damit vor allem eines: Der RN stützt sich längst nicht mehr nur auf seinen traditionellen Wählerkern aus Arbeitern und Angestellten. Hinzugekommen sind ältere, besser ausgebildete und bürgerlich-konservative Wähler sowie Menschen, die sich nicht dauerhaft an eine Partei gebunden fühlen. Die früheren Trennlinien nach Alter, Bildung und Beruf verlieren an Bedeutung. Was viele RN-Wähler verbindet, sind politische Unzufriedenheit, die Sorge vor gesellschaftlichem Abstieg und das Gefühl mangelnder Anerkennung.
Für die Präsidentschaftswahl 2027 liegt darin zugleich die Stärke und die Schwäche des RN. Die Partei erreicht heute deutlich mehr gesellschaftliche Gruppen als früher. Doch viele der neu gewonnenen Wähler sind noch nicht fest an sie gebunden und stehen politisch weiterhin der klassischen Rechten nahe. Entscheidend wird deshalb sein, ob der RN sie dauerhaft an sich binden kann – oder ob seine politischen Konkurrenten sie wieder für sich gewinnen.
Der Beitrag ist eine Zusammenfassung der Studie „D’un parti de protestation à un parti dominant: le Rassemblement national“ von Pascal Perrineau, die im Juli 2026 bei der Fondation pour l’innovation politique (Fondapol) erschienen ist.
Der Autor

Pascal Perrineau ist Politikwissenschaftler und Professor an der Sciences Po in Paris. Er war Direktor des dortigen Forschungszentrums CEVIPOF und ist diesem weiterhin als Professor associé verbunden. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Wahlsoziologie, politische Einstellungen sowie die Entwicklung der extremen Rechten und des Populismus in Frankreich und Europa.
