Ban Saint-Jean:
Die Erinnerungen an ein vergessenes Lager

Ban Saint-Jean: Die Erinnerungen an ein vergessenes Lager
  • VeröffentlichtOktober 7, 2026
Das Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Ban Saint-Jean in Lothringen. Heute sind nur noch Ruinen und Überreste der Anlage erhalten (Copyright: Antoine Felix)
Das Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Ban Saint-Jean in Lothringen. Heute sind nur noch Ruinen und Überreste der Anlage erhalten (Copyright: Antoine Felix)

Im Lager Ban Saint-Jean in Lothringen starben während des Zweiten Weltkriegs Tausende sowjetische Kriegsgefangene. Jahrzehntelang geriet der Ort weitgehend in Vergessenheit. Heute ist er Schauplatz konkurrierender Erinnerungskulturen.

 

Das Lager Ban Saint-Jean entstand nicht erst während des Zweiten Weltkriegs. Das Gelände gehörte ursprünglich zum befestigten Abschnitt von Boulay und damit zur Infrastruktur der Maginot-Linie. Nach der faktischen Annexion des Départements Moselle durch das Deutsche Reich im Sommer 1940 wurde das Gelände als Gefangenenlager genutzt: Zunächst waren dort französische und jugoslawische Kriegsgefangene interniert. Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 gelangten immer mehr sowjetische Kriegsgefangene ins Deutsche Reich – und der Charakter des Lagers veränderte sich grundlegend. Ban Saint-Jean wurde nun als „Russenlager“ des Stalag XII F geführt.

 

Die Hölle des „Russenlagers“

Die Haftbedingungen in Ban Saint-Jean waren von systematischer Gewalt geprägt. Hunger gehörte zum Alltag, im Winter herrschte bittere Kälte, die Baracken waren überfüllt, eine medizinische Versorgung gab es kaum. Diese Zustände waren weder bloß die Folge logistischer Probleme noch außergewöhnlicher Umstände. Sie waren Ausdruck der nationalsozialistischen Politik gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen. Der Krieg gegen die Sowjetunion war von Beginn an als Vernichtungskrieg konzipiert. In der nationalsozialistischen Ideologie vereinten sowjetische Kriegsgefangene gleich mehrere Feindbilder auf sich: Sie galten als militärische Gegner, die ausgeschaltet werden mussten, als bolschewistische Feinde, die es zu vernichten galt, und als Menschen, die aus rassistischen Gründen als minderwertig eingestuft wurden und deren Überleben für das Regime keine Rolle spielte.

 

Erschöpfte sowjetische Kriegsgefangene im Stalag X B Sandbostel, vermutlich 1941. Wie in Ban Saint-Jean waren sowjetische Gefangene in deutschen Lagern Hunger und Krankheiten (Copyright: Wikimedia Commons)
Erschöpfte sowjetische Kriegsgefangene im Stalag X B Sandbostel, vermutlich 1941. Wie in Ban Saint-Jean waren sowjetische Gefangene in deutschen Lagern Hunger und Krankheiten (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Zu dieser ideologischen Grundlage kam eine juristische Argumentation. Da die Sowjetunion die Genfer Konvention über die Behandlung der Kriegsgefangenen vom 27. Juli 1929 nicht ratifiziert hatte, vertrat das Deutsche Reich die Auffassung, gegenüber sowjetischen Gefangenen nicht an deren Bestimmungen gebunden zu sein – obwohl Deutschland selbst die Konvention am 21. Februar 1934 ratifiziert hatte. Das NS-Regime nutzte diesen Umstand, um die unterschiedliche Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener zu rechtfertigen und ein Haftregime durchzusetzen, das von rassistischen und ideologischen Kriterien bestimmt war.

Auch die wirtschaftlichen Interessen des Regimes minderten diese Gewalt nicht. Ab 1942 stützte sich die deutsche Kriegswirtschaft in erheblichem Maße auf die Zwangsarbeit von Millionen ausländischer Arbeitskräfte, Kriegsgefangener und Deportierter. Bei sowjetischen Kriegsgefangenen verband sich die wirtschaftliche Ausbeutung zudem mit dem, was die historische Forschung als „Vernichtung durch Arbeit“ bezeichnet: Es ging nicht darum, ihre Arbeitsfähigkeit langfristig zu erhalten, sondern sie unter Bedingungen arbeiten zu lassen, die bis zum körperlichen Zusammenbruch und zum Tod führen konnten.

 

Die Massengräber

Im Herbst 1945 liegt die Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen bereits mehr als ein Jahr zurück. Der Präfekt des Départements Moselle besichtigt das Gelände gemeinsam mit dem Unterpräfekten von Boulay und Beamten der Kriminalpolizei. In ihrem Bericht ist von 206 Massengräbern auf einer etwa 100 × 50 Meter großen Fläche die Rede. Außerdem stoßen sie auf ein drei bis vier Meter hohes orthodoxes Kreuz und eine von Überlebenden angebrachte Blechtafel, auf der in russischer Sprache die Zahl von 20.000 Opfern genannt wird.

Die Nachricht verbreitet sich rasch. Am 31. Oktober 1945 berichtet die New York Times auf Seite drei unter der Überschrift „Mass graves found in France“ über den Fund. Le Figaro, L’Humanité und Libération, aber auch Zeitungen in Istanbul und Casablanca greifen die Meldung auf: 20.000 sowjetische Tote, begraben am Rand eines lothringischen Waldes – und bis dahin nahezu vergessen.

 

Gräber sowjetischer Kriegstoter auf dem Friedhof von Noyers-Saint-Martin im Département Oise. 1979 und 1980 wurden 2.879 in Ban Saint-Jean exhumierte Tote hierher umgebettet (Copyright: Wikimedia Commons)
Gräber sowjetischer Kriegstoter auf dem Friedhof von Noyers-Saint-Martin im Département Oise. 1979 und 1980 wurden 2.879 in Ban Saint-Jean exhumierte Tote hierher umgebettet (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Daraufhin wird eine französisch-sowjetische Kommission eingesetzt, die die Gräber öffnen und die Zahl der Toten feststellen soll. Die Leichen liegen schichtweise übereinander, teilweise im Wasser. Ein Beamter der Kriminalpolizei von Metz hält in seinem offiziellen Bericht fest, „kein Leichnam habe mehr menschliche Gestalt gehabt“. Auf dem Gelände gefundene Dokumente lassen darauf schließen, dass an manchen Tagen Hunderte Tote bestattet wurden. Einige Gräber sind bis zu hundert Meter lang, zwei Meter breit und drei Meter tief. Dennoch gerät der Ort schon bald wieder in Vergessenheit.

 

Jahrzehnte des Schweigens

Für dieses Vergessen gibt es mehrere Gründe. Einer davon liegt in der sowjetischen Erinnerungspolitik: Unter Stalin gelten Kriegsgefangene, die dem Feind in die Hände gefallen sind, als Verräter. Heimkehrer aus deutscher Gefangenschaft müssen sogenannte Filtrationslager durchlaufen; wer in deutscher Gefangenschaft stirbt, findet keinen Platz im staatlichen Gedenken. Das Schicksal der rund drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in deutscher Gefangenschaft ums Leben kamen, wird über Jahrzehnte weitgehend verschwiegen.

 

Ruine auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Ban Saint-Jean. Nach dem Krieg übernahm zunächst die französische Armee das Gelände, das anschließend zunehmend verfiel (Copyright: Alamy)
Ruine auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Ban Saint-Jean. Nach dem Krieg übernahm zunächst die französische Armee das Gelände, das anschließend zunehmend verfiel (Copyright: Alamy)

 

In Lothringen übernimmt nach dem Krieg zunächst die französische Armee das Gelände, das anschließend zunehmend verfällt. Erst 1979 und 1980 beginnen umfassende Exhumierungen. Erste Archivrecherchen deuten allerdings darauf hin, dass dabei nicht allein der Umgang mit den Toten und die Erinnerung an die Opfer eine Rolle spielten, sondern auch diplomatische Erwägungen im Kontext des Kalten Krieges. Die über Frankreich verstreuten sowjetischen Gräber ermöglichten Vertretern Moskaus Reisen in den Osten des Landes, mitunter in die Nähe militärischer Anlagen – was bei den französischen Behörden Misstrauen hervorrief.

Nach Abschluss der Arbeiten werden 2.879 Tote auf den Friedhof von Noyers-Saint-Martin im Département Oise umgebettet. Damit liegt die Zahl der exhumierten Toten weit unter den 20.000 Opfern, von denen 1945 die Rede war. Bis heute ist diese Diskrepanz nicht vollständig geklärt.

 

Wie aus Ban Saint-Jean ein „ukrainisches Lager“ wurde

Das langjährige institutionelle Schweigen lässt Raum für andere Formen des Gedenkens. Bereits seit den 1950er-Jahren organisiert die ukrainische Diaspora in Ostfrankreich Gedenkveranstaltungen in Ban Saint-Jean. Auf dem Gelände errichtet sie ein Denkmal mit der Inschrift: „Hier ruhen 22.000 Ukrainer, Opfer des Krieges 1939–1945.“ So entwickelt sich eine eigene Erinnerungstradition, die stark von einem antisowjetischen Selbstverständnis geprägt ist. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass Ban Saint-Jean zunehmend als ein Lager wahrgenommen wird, in dem vor allem Ukrainer inhaftiert waren. Tatsächlich stammten die Opfer aus vielen Teilen der Sowjetunion: Neben Ukrainern und Russen waren darunter auch Kasachen, Belarussen, Georgier, Aserbaidschaner und Angehörige weiterer Nationalitäten.

 

Die 2012 eingeweihte Gedenkstele am Ban Saint-Jean. Ihre Inschriften erinnern an ukrainische und andere sowjetische Kriegsgefangene, die im Lager ums Leben kamen (Copyright: Wikimedia Commons)
Die 2012 eingeweihte Gedenkstele am Ban Saint-Jean. Ihre Inschriften erinnern an ukrainische und andere sowjetische Kriegsgefangene, die im Lager ums Leben kamen (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Bis 2014 nehmen sowohl russische als auch ukrainische Vertreter – wenn auch nicht immer gleichzeitig – an den Gedenkveranstaltungen in Ban Saint-Jean teil. 2017 weiht die 2004 gegründete französisch-ukrainische Vereinigung zur Rehabilitierung des Massengrabs von Ban Saint-Jean auf dem Friedhof von Noyers-Saint-Martin (AFU) eine Gedenkstele ein. Ihre Inschrift lautet: „Den 2.879 ukrainischen Kriegsgefangenen und anderen sowjetischen Bürgern, die im Stalag Ban Saint-Jean ums Leben kamen.“ Da das Lager lange Zeit kaum wissenschaftlich erforscht wurde, setzt sich zunehmend die Vorstellung durch, Ban Saint-Jean sei vor allem ein ukrainisch geprägter Erinnerungsort. Diese Sicht findet auch in der Presse und in Teilen der lokalhistorischen Literatur Verbreitung.

Seit dem großangelegten russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hat sich diese Entwicklung deutlich verstärkt. Im März 2026 besucht eine hochrangige ukrainische Delegation das Gelände im Rahmen des „Jahres der Ukraine in Frankreich“. Sie präsentiert Ban Saint-Jean als Zeugnis einer „leidenden Ukraine“ und stellt damit eine direkte Verbindung zwischen den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und dem heutigen Krieg her. Vergangenheit und Gegenwart werden an diesem Ort auf diese Weise miteinander verknüpft. Dadurch gewinnt Ban Saint-Jean neue symbolische Bedeutung – zugleich stellen sich neue Fragen nach dem historischen Umgang mit dem Ort und seiner Erinnerung.

 

Ein Ort, dessen Geschichte noch geschrieben werden muss

Die Geschichte von Ban Saint-Jean zeigt, was geschehen kann, wenn ein Schauplatz massenhafter Gewalt über Jahrzehnte kaum wissenschaftlich erforscht und öffentlich aufgearbeitet wird: Andere Akteure prägen die Erinnerung und damit auch die Wahrnehmung seiner Geschichte.

Im Fall von Ban Saint-Jean sind bis heute zentrale Fragen offen: Wie erklärt sich die Diskrepanz zwischen den 20.000 Opfern, von denen 1945 die Rede war, und den 2.879 Toten, die 1979 und 1980 exhumiert wurden? Woher kamen die Opfer tatsächlich? Und welche Rolle spielten diplomatische Interessen des Kalten Krieges bei den Exhumierungen? Antworten darauf verspricht vor allem die systematische und vergleichende Auswertung französischer, deutscher und sowjetischer Archivbestände.

 

Die Autorin

Chrystalle Zebdi-Bartz (Copyright: Hugo Azmani)
Chrystalle Zebdi-Bartz (Copyright: Hugo Azmani)

Chrystalle Zebdi-Bartz promoviert in Germanistik und Zeitgeschichte an der Université de Lorraine und der Universität Luxemburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Zwangsarbeit im Nationalsozialismus und die Erinnerungskulturen zum Zweiten Weltkrieg. In ihrer von Sonja Kmec und Ulrich Pfeil betreuten Dissertation untersucht sie die Kriegsgefangenenlager in Lothringen und im Saarland im Kontext des nationalsozialistischen Zwangsarbeitssystems.

 

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