Frankreich 2027:
Im Zeichen der Tripolarisierung

Rechts gegen links – dieses vertraute Muster bestimmt Frankreichs Politik nicht mehr allein. Seit 2017 prägt eine Dreiteilung das politische Kräftefeld. Jean-Louis Bourlanges zeigt, warum ihre Ursachen weit über Emmanuel Macron hinausreichen.
Frankreichs politisches Leben wird heute von drei großen Polen geprägt. Ist diese Dreiteilung nur eine Folge der Präsidentschaft Emmanuel Macrons – oder ist sie zum neuen Grundmuster der französischen Politik geworden?
Seit der Revolution von 1789 denken wir Frankreichs Politik in den Kategorien von links und rechts. Damals nahmen die „Freunde der Königin“ rechts vom Präsidenten der Nationalversammlung Platz und verwiesen damit alle anderen nach links. Doch müssen sich deshalb zwangsläufig zwei politische Blöcke gegenüberstehen? Oder ist dieser Dualismus nur eine unter mehreren möglichen Formen demokratischer Auseinandersetzung?
Die Tripolarisierung ist keine Erfindung Macrons
Seit 2017 steht diese Frage im Zentrum der Kritik an Emmanuel Macron. Drei Vorwürfe kehren immer wieder. Erstens habe er den Gegensatz zwischen rechts und links durch ein Bündnis der politischen Mitte ersetzt. Sein en même temps, sein „Sowohl-als-auch“, habe die Franzosen ihres Rechts auf politischen Wechsel beraubt. Zweitens verhindere ein solches Bündnis der gemäßigten Kräfte die Alternanz. Drittens sei das Zentrum überhaupt keine eigenständige politische Familie, sondern neige sich je nach Lage nach rechts oder links. Wie stichhaltig sind diese Einwände?

An der politischen Amtsführung des Staatspräsidenten gibt es genug auszusetzen; man muss ihm deshalb keine Fehler anlasten, die er nicht begangen hat. Emmanuel Macron ist nicht der Erfinder, sondern das Produkt der heutigen Dreiteilung unseres politischen Lebens. Die Radikalisierung von rechts und links und der Niedergang der gemäßigten Kräfte sind Teil einer langfristigen Entwicklung, die auch andere westliche Demokratien erfasst hat. Kehren wir Ursache und Wirkung also nicht um: Macron reagierte auf diese Entwicklung, indem er jene gemäßigten Kräfte zusammenführte, die in ihren bisherigen Lagern zunehmend an den Rand gedrängt wurden. Auch die Vorstellung, Frankreich müsse zwangsläufig zur alten Zweiteilung zurückfinden, hält einer historischen Prüfung nicht stand.
Die Alternanz ist nicht unser Normalzustand
Seit 1877, als sich die Republik in Frankreich endgültig durchsetzte, ging die Teilung des politischen Lebens in zwei Lager nur während eines vergleichsweise kurzen Abschnitts mit regelmäßigen Regierungswechseln einher: zwischen 1981 und 2012. Damals hatte die Republik auf der Rechten praktisch keine Gegner mehr, während François Mitterrand die Sozialisten aus der Dominanz der Kommunisten gelöst hatte. Die bipolare Alternanz, von Mitterrand aus der Taufe gehoben und von François Hollande zu Grabe getragen, dauerte rund drei Jahrzehnte.

Zuvor war der Wechsel zwischen rechts und links nie der eigentliche Regulierungsmechanismus der Republik gewesen. Vor dem Ersten Weltkrieg dominierten die Republikaner, während große Teile der Rechten der Republik ablehnend gegenüberstanden. Unter der Vierten Republik (1946–1958) war Frankreich erneut in drei Lager geteilt: Kommunisten und Gaullisten bildeten die beiden Pole, dazwischen suchten Sozialisten, Liberale und Christdemokraten als sogenannte „Dritte Kraft“ nach einer regierungsfähigen Mehrheit.
Die regelmäßige Rechts-links-Alternanz ist also keineswegs der historische Normalzustand der französischen Republik. Für die klassische Rechte ist das schwer zu akzeptieren. Soll sie sich mit dem Rassemblement National (RN) verbünden? Oder sich gleichzeitig vom RN und vom macronistischen Zentrum abgrenzen? Beide Strategien lösen das Grundproblem nicht: Die politische Landschaft lässt sich nicht in die Ordnung der vergangenen Jahrzehnte zurückzwingen. Eine Marginalisierung des Zentrums würde unter den heutigen Kräfteverhältnissen vor allem dem RN und La France insoumise (LFI) zugutekommen. Man kann nicht, um mit Jacques-Bénigne Bossuet, dem einflussreichen Theologen am Hof Ludwigs XIV., zu sprechen, die Folgen beklagen und zugleich ihre Ursachen lieben.
Drei politische Familien
Noch aus einem anderen Grund führt die traditionelle Zweiteilung in die Irre: Sie unterschätzt die ideologische Eigenständigkeit des Zentrums. Mitte-rechts und Mitte-links bevorzugen zwar unterschiedliche Bündnisse, doch verbindet sie mehr miteinander als mit den radikaleren Kräften des eigenen Lagers. Der französische Historiker René Rémond (1918–2007) hat gezeigt, wie unterschiedlich die Traditionen der französischen Rechten sind. Was wir „die Rechte“ nennen, ist ein Korb voller Eier, die von sehr unterschiedlichen Vögeln gelegt wurden. Warum sollte das nicht für das gesamte politische System gelten?

Seit zwei Jahrhunderten prägen Frankreich drei große politische Familien: Konservative, Liberale und Jakobiner. Die Konservativen stehen für Autorität, Tradition und Ordnung – in der Tradition Bossuets, des Verteidigers der absoluten Monarchie. Die Liberalen sind die Kinder Montesquieus: Gewaltenteilung und Begrenzung staatlicher Macht. Die Jakobiner stehen in der Tradition Rousseaus: politische Gleichheit und ein starker, einheitlicher Staat. Treue, Freiheit, Gleichheit: drei Prinzipien, drei politische Logiken und immer neue Möglichkeiten von Bündnis und Konfrontation. Sie lassen sich nicht einfach in das Schema von rechts und links zwängen. Die Konservativen stehen ausschließlich rechts, die Liberalen finden sich dagegen in beiden Lagern. Auch die jakobinische Tradition lässt sich nicht eindeutig der Links-rechts-Ordnung zuweisen: Sie reicht von der radikalen Linken bis zu autoritären und nationalistischen Strömungen der Rechten.
Linke und Rechte im Wandel
Auf der Linken ist dieser Gegensatz besonders deutlich. Die gemäßigte Linke hat sich nach 1945 mit repräsentativer Demokratie, gesellschaftlichem Interessenausgleich und europäischer Einigung verbunden. Die radikale Linke steht in einer anderen Tradition: Sie setzt stärker auf einen einheitlichen Volkswillen, einen mächtigen Staat und politische Mobilisierung. Der frühere sozialistische Premierminister Manuel Valls sprach deshalb von den „zwei unversöhnlichen Linken“. Seit 2017 ist diese Spaltung unübersehbar. Jean-Luc Mélenchon und LFI wurden zu einer bestimmenden Kraft der Linken, während die Sozialistische Partei erheblich an Einfluss verlor.

Auf der Rechten vollzieht sich eine vergleichbare Neuordnung. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Charles de Gaulle, unterschiedliche Strömungen zusammenzuführen und an die republikanische Ordnung zu binden. Später gewannen liberale und europäische Vorstellungen innerhalb der Regierungsrechten an Gewicht.
Der Aufstieg des RN hat dieses Kräfteverhältnis verändert. Ein Teil der klassischen Rechten grenzt sich weiterhin vom RN ab, ein anderer stellt diese Grenze zunehmend infrage. Die entscheidenden Bruchlinien verlaufen damit nicht mehr nur zwischen rechts und links, sondern auch innerhalb der traditionellen Lager.
Ein Zentrum ohne Grenzen
Der Liberalismus ist unter diesen Bedingungen kein schlecht sitzender Kompromiss zwischen rechts und links. Seit Jahrzehnten inspiriert er gemäßigte Kräfte beider Lager. Trotz aller Unterschiede verbindet sie ein gemeinsames Verständnis von repräsentativer Demokratie, Gewaltenteilung, individuellen Freiheiten und europäischer Zusammenarbeit. Er bleibt damit der Kern des einzig denkbaren Konsenses für eine französische Gesellschaft, die wieder zusammenfinden will.
Die Zukunft liegt deshalb in einem „Zentrismus ohne Grenzen“: in der Zusammenführung demokratischer Liberaler, unabhängig davon, ob sie ursprünglich von rechts oder von links kommen. Es geht dabei letztlich um die Verteidigung eines universalistischen Humanismus, der heute unter Druck geraten ist. Dieses Zentrum darf sich nicht allein dadurch definieren, dass es zwischen den politischen Rändern steht. Es muss sich als eigenständige politische Familie verstehen. Denn eine politische Mitte, deren einzige Gemeinsamkeit in der Ablehnung ihrer Gegner besteht, wird auf Dauer nicht bestehen können. Genau hier liegt auch das eigentliche Versäumnis Emmanuel Macrons. Er hat 2017 verstanden, dass sich die politische Landschaft Frankreichs verändert hatte. Es gelang ihm, Wähler und Politiker zusammenzuführen, die zuvor unterschiedlichen Lagern angehört hatten. Aber er hat diesem Bündnis keine dauerhafte politische Form gegeben.

Valéry Giscard d’Estaing, französischer Staatspräsident von 1974 bis 1981, war dies mit der UDF besser gelungen. Das 1978 gegründete Parteienbündnis vereinte unterschiedliche Strömungen unter einer gemeinsamen „liberalen, sozialen und europäischen“ Orientierung. Die UDF überlebte Giscard d’Estaings Niederlage bei der Präsidentschaftswahl von 1981 um rund fünfzehn Jahre. Macron dagegen ist es nicht gelungen – hat er es überhaupt versucht? –, aus den Millionen Bürgern, die ihn unterstützten, mehr zu machen als eine flüchtige Ansammlung vereinzelter Individuen, die an seine Person gebunden sind. Der Kampf um die Nachfolge ist eröffnet. Doch die Stunde der Rettung hat noch lange nicht geschlagen.
Dieser Beitrag ist eine für dokdoc gekürzte und leicht adaptierte Fassung des am 26. September 2026 bei Telos erschienenen Essays „La République française à l’heure de la tripolarisation“
Der Autor

Jean-Louis Bourlanges ist ein französischer Politiker und Essayist. Der ehemalige Europaabgeordnete und Abgeordnete der französischen Nationalversammlung war von 2021 bis 2024 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Er lehrte zudem am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po) und gehört dem Redaktionskomitee von Telos an.
