Schwerin & Frankreich:
Von Schlössern, Wein und vergessenen Kriegsgefangenen

Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern hat die Aufmerksamkeit auf die kleinste deutsche Landeshauptstadt gelenkt: Schwerin. Nicht zuletzt in Frankreich. Doch wer weiß hierzulande, wie viel Frankreich in Schwerin steckt?
Wenn auch Schwerin bislang keine Städtepartnerschaft mit einer französischen Kommune unterhält, finden sich doch erstaunlich viele französische Spuren in der Geschichte der Stadt. Sie führen zunächst zu ihrem bekanntesten Wahrzeichen: dem Schweriner Schloss.
Ein Hauch von Chambord
Das Schloss, dessen Ursprünge bis ins 10. Jahrhundert zurückreichen und das im Laufe seiner Geschichte immer wieder verändert und neu errichtet wurde, verdankt sein heutiges Erscheinungsbild wesentlich Georg Adolf Demmler. Der Hofbaumeister des Großherzogs Friedrich Franz II. unternahm gemeinsam mit Hermann Willebrand eine Studienreise nach Frankreich und England. Im Loiretal fanden die beiden eines ihrer wichtigsten Vorbilder: das Renaissanceschloss Chambord. Die Verwandtschaft ist durchaus zu erkennen – an den zahlreichen Türmen, der reich gegliederten Dachlandschaft und den Renaissanceformen. Demmler war allerdings nicht der einzige Baumeister. Auch Willebrand, Friedrich August Stüler und Gottfried Semper waren an den Planungen beteiligt. Der grundlegende Umbau des Schweriner Schlosses erfolgte zwischen 1845 und 1857.

Eine weitere französische Verbindung findet sich gleich in der Nachbarschaft. Der lange geplante Bau des heutigen Staatlichen Museums Schwerin konnte nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 verwirklicht werden – auch dank der Reparationszahlungen, die Frankreich nach seiner Niederlage leisten musste. Das von Hermann Willebrand entworfene Museum wurde 1882 eröffnet. Es beherbergt heute die weltweit größte Sammlung von Werken des französischen Malers Jean-Baptiste Oudry (1686–1755), berühmt vor allem für seine Tier- und Jagddarstellungen. Den Grundstock dieser außergewöhnlichen Sammlung hatte Herzog Christian Ludwig II. gelegt.
Auch ein anderer großer Name der französischen Kunst ist in Schwerin vertreten: Marcel Duchamp (1887–1968), einer der Wegbereiter der Konzeptkunst. Das Museum besitzt mehr als 90 seiner Arbeiten und unterhält ein eigenes Duchamp-Forschungszentrum.
Ein Bordeaux im Norden Deutschlands?
Eine weitere französische Spur führt zu einer regionalen Tradition, die jedes Jahr am 11. November gepflegt wird. Mit dem Waffenstillstand von 1918 hat sie allerdings nichts zu tun. Wohl aber mit Wein. Das bedarf einer Erklärung.
Zwischen 1505 und 1508 geriet die Hansestadt Lübeck mit dem Herzogtum Mecklenburg in einen heftigen Konflikt. Es ging unter anderem um Fischereirechte und alte Privilegien. Der Streit eskalierte, benachbarte Mächte mischten sich ein, bis schließlich 1508 eine Friedensregelung gefunden wurde. In diesem Zusammenhang entwickelte sich die Tradition des sogenannten Martensmanns. Alljährlich zum Martinstag machte sich ein Bote auf den Weg von Lübeck nach Mecklenburg und brachte den Landesherren ein Fass Wein. Ursprünglich handelte es sich dabei um Rheinwein. Die Tradition überdauerte Jahrhunderte, geriet schließlich in Vergessenheit und wurde 1991 wiederbelebt. Seither macht sich der Martensmann erneut über Rehna auf den Weg nach Schwerin. Heute bringt er Rotspon mit – französischen Rotwein, der traditionell in den Hansestädten gelagert und abgefüllt wird.

Um diesen Rotspon rankt sich eine Geschichte, die bis in die napoleonische Zeit zurückreicht. Als französische Truppen ab 1806 Lübeck besetzt hielten, sollen Soldaten Napoleons in den Kellern der Stadt französische Weine entdeckt haben. Der Überlieferung nach stellten sie erstaunt fest, dass der dort gelagerte Wein besser schmeckte als in Frankreich. Als mögliche Erklärung gelten der lange Transport auf dem Seeweg und die anschließende Lagerung in den hansestädtischen Kellern. Ob sich die Geschichte tatsächlich so abgespielt hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Zur Überlieferung des Rotspons gehört sie bis heute.
Seit 1991 hat der Martensmann also seinen Weg nach Schwerin wieder aufgenommen – mit Rotspon im Gepäck. Eine eher folkloristische Art, am 11. November an einen Friedensschluss zu erinnern.
Der Franzosenweg
Doch die französischen Spuren in Schwerin erzählen nicht nur von Architektur, Kunst und Wein. Sie erinnern auch an die Kriege zwischen beiden Ländern. Unweit des Schlosses führt ein etwa vier Kilometer langer Weg am Schweriner See entlang. Heute wird er von Spaziergängern und Radfahrern geschätzt. Sein Name erinnert jedoch an ein weitgehend vergessenes Kapitel deutsch-französischer Geschichte: der Franzosenweg.

Zwischen September 1870 und März 1871 waren mehr als 1.400 französische Kriegsgefangene in Schwerin interniert. Sie waren während des Deutsch-Französischen Krieges in deutsche Gefangenschaft geraten und in mehreren Transporten in die mecklenburgische Residenzstadt gebracht worden. Untergebracht wurden sie in militärischen Quartieren, zeitweise mussten Gefangene auch in Zelten auf Inseln des Schweriner Sees ausharren. Viele von ihnen wurden zu Arbeiten herangezogen. Französische Gefangene bauten unter anderem an einem Promenadenweg in Richtung Zippendorf. Andere arbeiteten bei der Eisenbahn oder in Schweriner Handwerksbetrieben. Schon wenige Jahre später war für den Weg der Name „Franzosenweg“ gebräuchlich – und er ist es bis heute.

Die Gefangenschaft hinterließ jedoch nicht nur Spuren in der Landschaft. Mehr als 700 französische Soldaten wurden im Schweriner Reservelazarett behandelt. Fünfzig von ihnen starben, die meisten an Typhus. Auf dem katholischen Friedhof erinnert seit 1872 ein Denkmal an die Verstorbenen. Schwerin war kein Einzelfall. Auch in anderen mecklenburgischen Städten, darunter Ludwigslust, Rostock und Wismar, wurden französische Kriegsgefangene untergebracht und zur Arbeit eingesetzt.
Wer waren diese Männer?
Mehr als 150 Jahre später wird versucht, diesen weitgehend vergessenen Soldaten ihre Namen und Lebensgeschichten zurückzugeben. Historiker und Genealogen werten Namenslisten, Zeitungsberichte sowie deutsche und französische Archivunterlagen aus. Unterstützt werden die Forschungen unter anderem von der Stiftung Mecklenburg, den Museen der Landeshauptstadt Schwerin und der französischen Erinnerungsorganisation Le Souvenir français. Woher kamen diese Männer? Welchen Beruf hatten sie? Was wurde nach der Gefangenschaft aus ihnen? Nach und nach werden so hinter der anonymen Bezeichnung „französische Kriegsgefangene“ individuelle Lebensgeschichten sichtbar.

Die virtuelle Sonderausstellung „1870/71 – Französische Kriegsgefangene in Schwerin“ des Virtuellen Landesmuseums Mecklenburg-Vorpommern dokumentiert diese Forschungen. Sie wurde im Dezember 2024 veröffentlicht und Ende 2025 erweitert. Historische Dokumente und persönliche Schicksale erinnern dort an Menschen, deren Aufenthalt in Schwerin lange nahezu vergessen war. Auch vor Ort wird die Erinnerung gepflegt. Die Kriegsgräberstätte auf dem katholischen Friedhof wurde restauriert und im Mai 2026 unter Beteiligung von Le Souvenir français wieder eingeweiht. So ist die Aufarbeitung dieses lange vergessenen Kapitels inzwischen auch zu einem deutsch-französischen Gemeinschaftsprojekt geworden.
Eine französische Partnerstadt für Schwerin?
Und vielleicht könnte daraus noch mehr entstehen.
Schwerin unterhält mehrere internationale Städtepartnerschaften. Eine französische Kommune befindet sich bislang nicht darunter. Dabei gäbe es genügend historische Anknüpfungspunkte. Vielleicht findet sich in Frankreich eine Stadt oder Gemeinde, aus der einer jener Soldaten stammte, die 1870 nach Schwerin gebracht wurden. Vielleicht suchen dort Familien noch heute nach Spuren eines Vorfahren, von dessen Gefangenschaft in Mecklenburg sie kaum etwas wissen.
In Schwerin selbst gibt es inzwischen Bestrebungen, die Kontakte nach Frankreich auszubauen. Unter dem Motto „Schloss trifft Loire“ lud die Stadt am 4. September 2026 zu einem Netzwerktreffen ein. Menschen, die Französisch sprechen, nach Frankreich reisen oder bereits persönliche und kulturelle Verbindungen dorthin pflegen, sollten miteinander ins Gespräch kommen. Daraus könnte ein Verein entstehen, der eine Städtepartnerschaft mit einer französischen Kommune vorbereitet. Eine konkrete Partnerstadt ist bislang nicht im Gespräch.

An historischen Verbindungen mangelt es jedenfalls nicht: Chambord und das Schweriner Schloss, Oudry und Duchamp, Rotspon und der Franzosenweg erzählen auf ganz unterschiedliche Weise von den Beziehungen zwischen Schwerin und Frankreich. Eine Städtepartnerschaft könnte diesen Verbindungen ein neues Kapitel hinzufügen. Und vielleicht würde dann ausgerechnet der Franzosenweg, der an Krieg und Gefangenschaft erinnert, zu einem Weg in eine gemeinsame deutsch-französische Zukunft.
Der Autor

Gérard Foussier studierte Germanistik an der Universität Orléans und entwickelte durch die Städtepartnerschaft mit Münster früh ein besonderes Interesse an den deutsch-französischen Beziehungen. Nach seiner journalistischen Ausbildung bei den Westfälischen Nachrichten arbeitete er drei Jahrzehnte für die Deutsche Welle. 2005 wurde er Präsident des Bureau International de Liaison et de Documentation (B.I.L.D.) und war Chefredakteur der zweisprachigen Zeitschrift Dokumente/Documents. Foussier ist Autor mehrerer Bücher, darunter Allemanderies (2023). Für sein Engagement wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
