Centre-Val de Loire:
Im Herzen Frankreichs

Centre-Val de Loire: Im Herzen Frankreichs
  • VeröffentlichtOktober 22, 2026
Nicht nur mit Stahl und Draht, auch mit Pinsel und Farbe experimentierte Alexander Calder. Das Musée des Beaux-Arts in Chartres zeigt 19 seiner seltenen Gouachen (Copyright: Calder Foundation / Foto: Hilke Maunder)
Nicht nur mit Stahl und Draht, auch mit Pinsel und Farbe experimentierte Alexander Calder. Das Musée des Beaux-Arts in Chartres zeigt 19 seiner seltenen Gouachen (Copyright: Alexander Calder, Le Soleil et la Lune ©️ 2026 Calder Foundation, New York / ADAGP, Paris. Foto: Hilke Maunder)

Alexander Calder und Max Ernst stehen im Zentrum des Festivals AR(t)CHIPEL, das bis zum Frühjahr 2027 die Region Centre-Val de Loire als Katalysator ihrer Kunst feiert.

 

Das Flair der années folles ließ beide in den 1920er-Jahren nach Paris pilgern. Der US-amerikanische Bildhauer Alexander Calder kam 1926 in die französische Hauptstadt. Der deutsche Maler Max Ernst war bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg nach Paris gezogen, um in der vibrierenden Kapitale gemeinsam mit Dadaisten und Surrealisten die Kunst von ihren bürgerlichen Fesseln zu befreien.

Doch das unbeschwerte Künstlerleben schlug in den 1930er-Jahren in existenzielle Bedrohung um. Max Ernst, der den Ersten Weltkrieg als Frontsoldat erlebt hatte, wurde 1939 von den französischen Behörden verhaftet und gleich zweimal als „feindlicher Ausländer“ im Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert.

In einer dramatischen Flucht über Marseille, Spanien und Portugal gelang ihm 1941 – mit falschen Papieren des Emergency Rescue Committee und finanzieller Hilfe der Kunstmäzenin Peggy Guggenheim – die Rettung in die USA. Sowohl Calder, als gebürtiger Amerikaner zurück in seiner Heimat, wie auch Ernst erlebten aus den fernen USA den Zweiten Weltkrieg. Erst nach der Niederlage der Nazis kehrten beide nach Frankreich zurück.

Ihre Zuflucht fanden sie im Herzen Frankreich, und bis heute hallen hier ihre Spuren nach. In der 4. Ausgabe des Festivals AR(t)CHIPEL stellt die Region Centre-Val de Loire in Kooperation mit dem Centre Pompidou von Oktober 2026 bis Frühjahr 2027 diese beiden Ausnahmekünstler vor. Wer sie dort vor Ort entdeckt, spürt schnell: Hier prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite steht der rationale Ingenieur des Gleichgewichts, auf der anderen Seite der ekstatische Rebell der Fantasie.

 

Calder: Das perfekte Gleichgewicht

Alexander Calder kam 1926 nach Frankreich – ein Doppeljubiläum (100 Jahre Ankunft, 50. Todestag) feiert sein Vermächtnis im Rahmen des Festivals an 15 Orten. Berühmt wurde Calder mit hängenden Mobiles aus überwiegend schwarzen Elementen, die ein kraftvolles Rot oder Weiß kontrastierten. Der grafische Minimalismus der Calder-Mobiles traf den Zeitgeist. Seine perfekt austarierten, schwebenden Skulpturen, die selbst der kleinste Hauch in Bewegung versetzte, eroberten die Wohnzimmer – und wurden weltweit von Designern wie Christian Flensted aufgegriffen und kopiert.

Als Erster hatte Jean Arp seine schwebenden Skulpturen 1931 als Mobiles getauft. Zeitgleich erfand Marcel Duchamp für seine stehenden, festen Konstruktionen den Begriff der Stabiles. Calder führte beide Typen in seinen Stabiles-Mobiles zusammen – und erweiterte unter dem Einfluss seines Freundes Piet Mondrian seine Farbpalette schwarz, weiß, rot um blau und gelb.

Fortan zeigten seine Stabiles-Mobiles einen schwarzen Stand und leuchtend am Himmel tanzen Primärfarben. Als riesige Monumente setzte sie Calder in den Stadtraum und in Parkanlagen – auf die Esplanade von La Défense, vor das Theater von Nizza oder, wie jetzt post-mortem, während des Festivals, in den Schlossgärten von Azay-le-Rideau und Chambord.

 

Tonnenschwer und doch voller Leichtigkeit: Calders monumentales Stabile-Mobile Le Théâtre de Nice setzt mit schwarzem Stahl und schwebenden Primärfarben einen spektakulären Kontrapunkt zur Renaissancearchitektur von Chambord (Copyright: Calder Foundation / Foto: Hilke Maunder)
Tonnenschwer und doch voller Leichtigkeit: Calders monumentales Stabile-Mobile Le Théâtre de Nice setzt mit schwarzem Stahl und schwebenden Primärfarben einen spektakulären Kontrapunkt zur Renaissancearchitektur von Chambord (Alexander Calder, Le Théâtre de Nice ©️ 2026 Calder Foundation, New York / ADAGP, Paris / Foto: Hilke Maunder)

 

Hinter der leichten Poesie der Stabiles-Mobiles verbirgt sich ein präziser, fast mathematischer Geist. Calder war studierter Ingenieur. Er entwarf seine monumentalen Stabiles und Mobiles wie ein Konstrukteur, der Kräfteverhältnisse, Gewichte und Schwerkraft minutiös kalkulierte. Dabei hat er sich zeitlebens jedoch die ausgelassene Verspieltheit eines Kindes bewahrt. Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als bei seinem Grand Cirque, wo er rund 100 Drahtfiguren und Tiere im Kleinformat per Hand und mit feinem Humor zum Leben erweckte. Im Dokumentarfilm Le Grand Cirque Calder 1927, den Jean Painlevé 1953 bis 1955 drehte, inszeniert Calder in 28 Szenen 100 Minuten lang seine Miniaturwelt mit vollem Körpereinsatz und spitzbübischem Humor – noch bis Anfang November ist der Film in den einst königlichen Ställen des Château du Rivau im Rahmen des Festivals zu sehen.

Wie meisterhaft Calder das Spiel mit Form, Bewegung und Körper auch im kleinsten Maßstab beherrschte, zeigt das Musée des Beaux-Arts von Orléans mit Miniaturen im Untergeschoss des Museums. Calder bog und schmiedete Draht, Silber und Fundstücke zu einzigartigen Schmuckstücken – tragbare Miniatur-Skulpturen für seine Frau Louisa und enge Freundinnen.

 

Skulpturen zum Tragen: Für seine Frau Louisa und enge Freundinnen schuf Calder fantasievolle Schmuckstücke aus Silber und Draht. Zu sehen im Musée des Beaux-Arts von Orléans
Collier aus Silberdraht von Alexander Calder. © 2026 Calder Foundation, New York / ADAGP, Paris. Foto: Hilke Maunder

 

Auch die Critter und Crags, die in Chartres das Musée des Beaux-Arts ausstellt, zeugen von der unbändigen Fantasie Calders, die feste, klare Formen braucht, um sie zu bändigen. Die Critters – kleine, aus flachen Metallbögen zusammengesetzte Fantasiewesen und Insekten-Formen – wirken wie augenzwinkernde, kleine Monster aus Blech. Die Crags hingegen zeigen sich als zackige, schroff gefaltete Skulpturen, die an Felsformationen erinnern und Calders ständige Gratwanderung zwischen organischer Naturform und abstrakter Geometrie auf den Punkt bringen.

Die Gratwanderung erfolgte nicht nur dreidimensional, sondern auch zweidimensional: als Gouache aus Primärfarben. 19 seltene Arbeiten in dieser Tusche-Technik zeigt Chartres. Die Bilderschau endet mit einem Werk, in dem Calder seiner anderen Seite völlig freien Lauf ließ. Nicht klar umrissen, sondern deformiert, der menschlichen Wärme völlig beraubt, wirken die beiden Figuren in L’Homme et la Femme (1966), der Mann grün, die Frau rot. Das Werk zeigt keine harmonische Darstellung von Partnerschaft, sondern eine Gegenüberstellung von rohen, elementaren Kräften.

 

Keine romantische Idylle: In L’Homme et la Femme (1966) stellt Calder einen grünen Mann und eine rote Frau als expressiv verzerrte Gestalten gegenüber (Copyright: Calder Foundation / Foto: Hilke Maunder)
Keine romantische Idylle: In L’Homme et la Femme (1966) stellt Calder einen grünen Mann und eine rote Frau als expressiv verzerrte Gestalten gegenüber (Alexander Calder, L’Homme et la Femme ©️ 2026 Calder Foundation, New York / ADAGP, Paris / Foto: Hilke Maunder)

 

In Saché, einem uralten Dorf an der Indre, das einst schon Honoré de Balzac als Rückzugsort diente, errichtete Calder nach eigenen Plänen 1962 sein Atelier Le Carroi – mit großen Fenstern im Norden und Blick auf das Dorf und das Tal gen Süden. Auf einer Betonrampe schob er tonnenschwere Metallelemente ins Freie, um deren Proportionen unter freiem Himmel zu prüfen. Calder suchte nicht den radikalen Bruch mit der Welt, sondern die universelle Harmonie der Gegensätze: Festigkeit im Stand vereint mit schwebender Leichtigkeit. Seine Kunst im öffentlichen Raum greift in den Dialog mit der Natur und Architektur ein, ohne sie zu dominieren.

 

Max Ernst: Die magische Natur der Frauen

Wie anders zeigt sich hingegen Max Ernst, dem der Domaine de Chaumont vom 3. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027 die Ausstellung De Natura widmet. Während Calder das physikalische Gleichgewicht suchte, bewegte sich Max Ernst im permanenten Zustand der emotionalen und künstlerischen Ekstase. 1891 in Brühl bei Köln geboren, litt er als drittes von acht Geschwistern enorm unter dem strengen, erzkatholischen Zuhause. Sein Vater Philipp, ein tyrannischer Taubstummenlehrer, lehrte ihn Disziplin und das Zeichnen in der Natur – ein Regelsystem, gegen das Max Ernst zeitlebens rebellierte.

 

Aus vertrauten Bildern entstehen fantastische Welten: Die Ausstellung De Natura auf der Domaine de Chaumont-sur-Loire zeigt Max Ernsts spielerischen Umgang mit dem Unbewussten (Copyright: Hilke Maunder)
Aus vertrauten Bildern entstehen fantastische Welten: Die Ausstellung De Natura auf der Domaine de Chaumont-sur-Loire zeigt Max Ernsts spielerischen Umgang mit dem Unbewussten (Copyright: Hilke Maunder)

 

Seine Inspiration fand er im Gegenpol: seiner Mutter Luise, die Herzenswärme verströmte und seine Fantasie förderte – und bei all den vielen Frauen, die dem Charme und Charisma des Malers mit den blonden Haaren und leuchtend blauen Augen verfielen. Vier Ehefrauen, zwei Geliebte und zahlreiche Affären prägten seine Wahrnehmung der Welt – und sein Werk. Frauen waren für ihn keine Randfiguren, sondern intellektuelle Rebellinnen, Musen und magische Schlüssel zur Befreiung des Unbewussten. Ob Luise Straus, Gala Éluard, Marie-Berthe Aurenche, Leonora Carrington, Peggy Guggenheim oder Dorothea Tanning – jede von ihnen entfachte neue kreative Phasen in ihm.

 

Geheimnisvolle Wälder zwischen Natur und Fantasie: Links Max Ernsts Vogelwald (1927), Öl auf Leinwand, 100 × 90 cm, Leihgabe der Stiftung Les Treilles. Rechts Der große Wald (1976), ein von Yvette Cauquil-Prince nach Max Ernst gefertigter Wandteppich aus Wolle, 222 × 276 cm, Leihgabe der französischen Staatlichen Möbelsammlung (Copyright: Adagp, Paris, 2026 / Foto: Hilke Maunder)
À gauche, Max Ernst, Forêt-oiseau, 1927. Huile sur toile, 100 x 90 cm. Prêt de la Fondation des Treilles. À droite, La Grande forêt, 1976. Ateliers divers (Yvette Cauquil-Prince) d’après Max Ernst. Tapisserie de lice. Laine, 222 x 276 cm. Prêt du Mobilier national. ©️ Adagp, Paris, 2026 / Foto: Hilke Maunder

 

Auch seine künstlerischen Techniken spiegeln diesen ungezähmten Drang wider. In Pornic erfand Max Ernst 1925 die Frottage, als er Papier auf den feuchten Dielenboden legte und die Maserung mit Grafit durchrieb: Aus zufälligen Strukturen schälte er geheimnisvolle Wälder, Vögel und Fabelwesen heraus. In Saint-Martin-d’Ardèche verwandelte er gemeinsam mit Leonora Carrington ein verfallenes Bauernhaus in ein surrealistisches Gesamtkunstwerk aus Zement-Reliefs und Fabelwesen. Huismes und das Tal der Loire verewigte er als Jardin de France, durchdrungen von Sinnlichkeit und mythologischer Tiefe.

 

Nachbarn und Weggefährten an der Indre

So unterschiedlich ihre künstlerischen Ansätze auch waren – den rationalen Konstrukteur der ausbalancierten Form und den rebellischen Visionär des Unbewussten verband eine jahrzehntelange, tiefe Freundschaft. Sie begann bereits in den 1920er-Jahren in Paris, wo beide zum Kern der Avantgarde gehörten. Ihre Pfade kreuzten sich in Frankreich immer wieder, bis sie schließlich in der Touraine sogar Nachbarn wurden: Nachdem Calder in Saché 1953 eine kreative Heimat gefunden hatte, ließ sich Max Ernst 1955 zusammen mit Dorothea Tanning nur wenige Kilometer entfernt in Huismes nieder.

 

Künstlerische Nachbarschaft an der Indre: In seinem Atelier Le Carroi in Saché entwarf Calder monumentale Skulpturen. Nur wenige Kilometer entfernt lebte sein Freund Max Ernst mit Dorothea Tanning (Copyright: Hilke Maunder)
Künstlerische Nachbarschaft an der Indre: In seinem Atelier Le Carroi in Saché entwarf Calder monumentale Skulpturen. Nur wenige Kilometer entfernt lebte sein Freund Max Ernst mit Dorothea Tanning (Copyright: Hilke Maunder)

 

Trotz ihrer gegensätzlichen Temperamente schätzten sich die beiden Künstler zutiefst. Ihre Zuneigung drückte sich oft in feinsinnigen Gesten aus. Unvergessen bleibt ein winziges, aus Draht gebogenes Mobile, das Calder seinem Freund schenkte: Es war so filigran konstruiert, dass es zusammengefaltet in eine Streichholzschachtel passte – ein Augenzwinkern des Meisters der Großskulpturen an den Meister der feinen Metamorphosen.

Wenn das Festival AR(t)CHIPEL nun die Spuren beider Künstler im Herzen Frankreichs zusammenführt, setzt es eine Geschichte fort, die vor Jahrzehnten am Ufer der Indre ihren Anfang nahm: die Begegnung zweier Wahlverwandter, die in der Region Centre-Val de Loire ihre kreative Zuflucht fanden – und den Resonanzboden für ihr avantgardistisches Erbe.

 

Den Spuren von Alexander Calder und Max Ernst folgte unsere Autorin auf Einladung von Atout France und der Region Centre-Val de Loire und ihren Partnern

 

Die Autorin

Hilke Maunder
Hilke Maunder (Copyright: Lara Maunder)

Hilke Maunder, 1961 in Hamburg geboren, kam nach ihrem Anglistikstudium und Volontariat 1989 als Redakteurin zu den Lübecker Nachrichten in Mecklenburg, ging als Korrespondentin nach China, Vietnam, ins Baltikum und nach Australien und berichtet seit 2010 aus Frankreich. 2014 wurde sie für ihre Arbeit und ihren Blog „Mein Frankreich“ mit der Médaille de Tourisme ausgezeichnet, 2023 mit dem Gutedelpreis.

 

 

 

 

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