Frankreichs Wunder:
Die Fabrik der Weltstars

Frankreichs Wunder: Die Fabrik der Weltstars
  • VeröffentlichtOktober 27, 2026
Eine Nachbildung des WM-Pokals und zwei goldene Sterne erinnern im Leistungszentrum Clairefontaine an die Weltmeistertitel von 1998 und 2018 (Copyright: Alamy)
Eine Nachbildung des WM-Pokals und zwei goldene Sterne erinnern im Leistungszentrum Clairefontaine an die Weltmeistertitel von 1998 und 2018 (Copyright: Alamy)

Warum bringt Frankreich so viele herausragende Fußballer hervor? In Europas Topligen sind Profis aus dem Land des zweimaligen Weltmeisters begehrt wie keine anderen. Das liegt nicht zuletzt an einem Ausbildungssystem, das Deutschland kaum kopieren kann.

 

In der Bundesliga glänzt, trickst und trifft derzeit regelmäßig der Franzose Michael Olise mit Grandezza und Anmut. Der Stürmer ist seit seinem Wechsel zum FC Bayern vor zwei Jahren die größte Attraktion in Deutschlands Stadien. Doch so wie Olise in der Offensive glänzt, so überzeugend verteidigt dessen Landsmann und Teamkollege Dayout Upamécano mit Weltklasse-Aktionen, für die er immer wieder Szenenapplaus erhält. Olise und Upamécano sind zwei von 30 für besondere Qualität stehende Franzosen, die in der Bundesliga spielen. Das ist Rang eins im Nationenranking vor Österreich (22) und Japan (14). Auch in den drei anderen europäischen Topligen dominieren Spieler aus dem Land des zweimaligen Weltmeisters.

In der englischen Premier League sind 35 Franzosen beschäftigt, Rang eins vor niederländischen Spielern (32). In Italiens Serie A stellt Frankreich mit 30 Profis ebenfalls die meisten ausländischen Spieler. Nur in Spanien dominiert eine andere Legionärskolonie: In La Liga sind derzeit Argentinier (22) begehrter als Franzosen, die dort mit 16 die Nation mit den zweitmeisten ausländischen Profis stellen. 111 Spieler mit französischem Pass stehen somit in den vier größten und bedeutendsten Ligen Europas unter Vertrag. Das ist das mit Abstand größte Export-Kontingent. Es folgen die Niederlande (68), Brasilien (67) und Argentinien (64). Warum aber sind französische Fußballprofis so begehrt? Woher kommt diese Talentschwemme? Wie kann das sein?

 

Das Geheimnis von Clairefontaine

Eine große Rolle spielt dabei der von Wald umgebene Ort Clairefontaine-en-Yvelines, gelegen 50 Kilometer südwestlich von Paris. Clairefontaine ist Teil der Region Île-de-France, des großen Ballungsraums rund um die Hauptstadt. 850 Menschen leben dort, gar nicht so selten aber beherbergt das Dörfchen Weltstars des Fußballs. Denn in Clairefontaine hat sich das Institut National du Football (INF) niedergelassen, das 1988 eingeweihte Leistungszentrum des französischen Fußballverbandes FFF. Auf dem weitläufigen Gelände befinden sich ein Château, insgesamt sieben Wohnheime im herrschaftlichen Stil mit 200 Zimmern und 300 Betten sowie 14 Fußballplätze und ein medizinisches Zentrum. In Clairefontaine trainiert unter anderem die französische Nationalmannschaft, wenn sie sich auf Länderspiele vorbereitet.

 

Im Leistungszentrum Clairefontaine werden seit Jahrzehnten junge Fußballer auf eine Profikarriere vorbereitet. Auch Weltstars wie Thierry Henry und Kylian Mbappé wurden hier ausgebildet (Copyright: Alamy)
Im Leistungszentrum Clairefontaine werden seit Jahrzehnten junge Fußballer auf eine Profikarriere vorbereitet. Auch Weltstars wie Thierry Henry und Kylian Mbappé wurden hier ausgebildet (Copyright: Alamy)

 

Vor allem aber werden an diesem Ort Talente zusammengezogen und nach einem klugen Konzept ausgebildet, ehe die besten von ihnen ihre Profikarriere starten. Clairefontaine-Absolventen sind unter anderem die französischen Weltstars Thierry Henry, Nicolas Anelka und Kylian Mbappé. Viele Delegationen anderer Verbände waren als staunende Gäste bereits zu Gast in dem französischen Fußballinstitut, unter anderem auch Gesandtschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die Anschauung mag großen Eindruck hinterlassen haben. Kopieren aber lassen sich die französischen Strukturen in dem föderalen deutschen Ausbildungssystem nicht.

 

N’Golo Kanté (rechts) im Zweikampf mit Argentiniens Lionel Messi bei der WM 2018. Der Sohn malischer Einwanderer verkörpert die Aufstiegschancen, die der Fußball in Frankreich eröffnet (Copyright: Wikimedia Commons)
N’Golo Kanté (rechts) im Zweikampf mit Argentiniens Lionel Messi bei der WM 2018. Der Sohn malischer Einwanderer verkörpert die Aufstiegschancen, die der Fußball in Frankreich eröffnet (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Der französische Verband lädt Jahr für Jahr die talentiertesten 13-Jährigen der Region Île-de-France zu Sichtungszwecken nach Clairefontaine ein, 22 Auserwählte erhalten dabei jeweils den Zuschlag. Das Arsenal an Hochbegabten jedoch ist in ganz Frankreich riesig. Das hat auch mit der Historie des Landes als Kolonialmacht zu tun. Viele Millionen Menschen kamen und kommen aus diesen Gebieten nach Frankreich, um sich dort, auf der Suche nach einem besseren Leben, niederzulassen. Der Fußball bietet ihren Kindern eine Aufstiegsmöglichkeit. Davon zeugt etwa die Geschichte des N’Golo Kanté, Sohn von Einwanderern aus Mali, die unter ärmsten Bedingungen lebten. Kanté schaffte dank fußballerischer Brillanz den Sprung nach ganz oben, er wurde mit Les Bleus 2018 Weltmeister.

 

Dribbeln vor Taktik

In Clairefontaine werden die ausgewählten 13-Jährigen drei Jahre ausgebildet. Zunächst wird ihr Dribbling perfektioniert, im zweiten Jahr das Passspiel, im Abschlussjahr geht es um die Umsetzung taktischer Varianten. Erst im U-16-Bereich stellt Clairefontaine eigene Teams. Bis dahin werden die Auszubildenden an den Wochenenden zurück zu ihren Heimatklubs geschickt. So bleiben sie ihrem Umfeld erhalten, lernen daheim auch, Verantwortung zu übernehmen und sich als Führungsspieler zu entwickeln.

 

Neben den 16 Nachwuchsförderzentren des französischen Verbandes bilden auch Profivereine wie AJ Auxerre junge Fußballtalente aus. Ihre Akademien übernehmen einen wichtigen Teil der weiteren Ausbildung (Copyright: Wikimedia Commons)
Neben den 16 Nachwuchsförderzentren des französischen Verbandes bilden auch Profivereine wie AJ Auxerre junge Fußballtalente aus. Ihre Akademien übernehmen einen wichtigen Teil der weiteren Ausbildung (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Unter der Woche trainieren die besten Spieler eines Jahrgangs allerdings in der Akademie miteinander, messen sich bei den Übungen und in den Zweikämpfen und können sich neben ihrer schulischen Ausbildung auf Fußball konzentrieren. Clairefontaine ist eines von 16 über das Land verteilten Ausbildungszentren des Verbandes. Hinzu kommen die Akademien der Profiklubs, von denen manche herausragend arbeiten. Stade Rennais etwa brachte zuletzt eine Reihe von Stars hervor, unter anderem Ousmane Dembélé, Désiré Doué und Eduardo Camavinga.

 

Der deutsche Sonderweg

Der DFB verfolgt einen anderen Ansatz. Er setzt sich föderal aus 21 Landesverbänden zusammen. Für Fußballtalente gibt es in Deutschland zwei Stufen: Da sind zunächst die Stützpunkte, die von den Landesverbänden unterhalten werden. Einmal in der Woche erhalten die dafür Auserwählten ein Extratraining bei einem zertifizierten Stützpunkttrainer. Insgesamt gibt es 366 solcher Stützpunkte, die über das gesamte Land verteilt sind.

 

Die U17 des FC Bayern München im Einsatz. In Deutschland übernehmen vor allem die Nachwuchsleistungszentren der Profivereine die Ausbildung der größten Talente (Copyright: Wikimedia Commons)
Die U17 des FC Bayern München im Einsatz. In Deutschland übernehmen vor allem die Nachwuchsleistungszentren der Profivereine die Ausbildung der größten Talente (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Stufe zwei bilden die Vereine. Die Profiklubs sind verpflichtet, Nachwuchsleistungszentren zu gründen. Dort werden die talentiertesten Spieler eines Jahrgangs aufgenommen. Ihre schulische Ausbildung erhalten sie in Internaten. Ihre besten Spieler finden die Klubs in den Stützpunkten, nehmen sie bei sich auf und bilden sie nach ihren Prinzipien aus. Der DFB wiederum hat, anders als die FFF in Frankreich, kaum direkten Einfluss auf die Spieler. Die Verteilung der Stützpunkte wirkt allerdings willkürlich, manche Regionen werden nicht adäquat bedacht. Der Berliner Landesverband etwa unterhält sechs solcher Stützpunkte. Sachsen wiederum, von der Einwohnerzahl her vergleichbar mit der Region Berlin, unterhält 20 dieser Zentren. Zudem ist der Leistungsdruck in den Junioren-Bundesligen so hoch, dass große Talente angesichts einer gewissen Ergebnisabhängigkeit nicht optimal gefördert werden können. Hier gilt: Ergebnis und Erfolg des Teams stehen vor individueller Schulung. In Frankreich jedoch werden aufgrund des Stufenmodells Spieler ausgebildet, die dank ihrer Spezialförderung sehr vieles mitbringen: Sie sind zumeist körperlich robust, wendig im Dribbling, schnell und ausdauernd, dazu technisch herausragend.

 

Talente im Überfluss

Mittlerweile werden Spiele der älteren Jahrgänge in Clairefontaine und den anderen französischen Fußballzentren von einem Heer von Talentscouts beobachtet. Die Wucht an Talenten besitzt die Wirkung eines Magneten für die Topklubs. Und für Frankreichs Nationalteam die segensreiche Folge einer fabelhaften Auswahl. Die ist so gut, dass sich der neue Nationaltrainer Zinédine Zidane aus einem riesigen und erlesenen Arsenal an Talenten und schon fertigen Stars bedienen kann, die eine der französischen Ausbildungsschulen besucht haben.

 

Zwei Brüder, zwei Nationalteams: Guéla Doué (links) entschied sich für die Elfenbeinküste. Sein jüngerer Bruder Désiré Doué (rechts) spielt dagegen für Frankreich (Copyright: Wikimedia Commons)
Zwei Brüder, zwei Nationalteams: Guéla Doué (links) entschied sich für die Elfenbeinküste. Sein jüngerer Bruder Désiré Doué (rechts) spielt dagegen für Frankreich (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Für die vielen herausragenden Spieler bleibt allerdings nicht immer Platz in Frankreichs A-Team. So entschied sich der Rechtsverteidiger Guéla Doué, der Bruder des für Paris Saint-Germain stürmenden Désiré Doué, für die Elfenbeinküste zu spielen, das Land seines Vaters. Das ist kein Einzelfall. Bei der WM 2026 waren 99 Spieler dabei, die in Frankreich geboren wurden und die auch Franzosen sind. Doch nur 26 davon waren für den Kader des damaligen französischen Nationalcoachs Didier Deschamps gemeldet. Die übrigen 73, ebenfalls herausragende Fußballer, spielten stattdessen wie Guéla Doué für das Land ihrer Väter und Mütter oder eines Elternteils und liefen für Algerien, Marokko, Tunesien, Senegal, Kongo, Haiti oder die Elfenbeinküste auf.

Diese Entwicklung hat bisweilen zur Folge, dass sich ein Großtalent wie der 19-jährige Ayyoub Bouaddi, der inzwischen für Manchester City spielt, gegen sein Geburtsland Frankreich entscheidet. Bouaddi spielt stattdessen für die marokkanische Nationalelf. Doch diese Abkehr ist in Frankreich eine große Ausnahme. Und angesichts der unglaublichen Talentschwemme vor allem auch dies: sehr leicht zu kompensieren.

 

Der Autor

Portrait, Mann mit braunen Haaren und weißem Pullover, leicht lächelnd
Stephan Klemm (Copyright: Max Grönert)

Stephan Klemm ist Historiker und Germanist. Er ist Buchautor, Lektor und freier Journalist, er schreibt unter anderem für Spiegel, Zeit, FAZ, NZZ und die deutsche Ausgabe der Sports Illustrated. Zur Frankreich-Rundfahrt hat er ein Standardwerk verfasst: Tour de France – kein Berg zu hoch, kein Weg zu weit. Es umfasst 600 Seiten.

 

 

 

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