
Warum Paris für die einen nach Croissants riecht – und für andere nach Bettwanzen. Cocoriki über die Frage, warum keiner als Tourist bezeichnet werden möchte, aber jeder ein Tourist ist.
Es gibt Fragen, auf die man im Laufe seines Lebens immer wieder dieselbe Antwort gibt. Bis man eines Tages merkt, dass man eigentlich gar nicht mehr dieselbe Person ist. Eine dieser Fragen lautet: „Where are you from?“ Sie verfolgt einen überallhin. An Flughäfen. In Hotels. Auf Fähren. In Kneipen… Früher war meine Antwort einfach. „Germany.“ Und fast immer folgte dasselbe kleine Schauspiel. „Ah… Germany.“ Es war ein kurzes, respektvolles Ah. Ein Ah, das nach Ingenieurskunst klang, nach Autobahnen ohne Tempolimit, nach Fußballweltmeisterschaften (lang, lang ist’s her) und nach berühmten Automarken. Ein Ah, das irgendwo zwischen Siemens, Beethoven und der Bundesbahn lag – jener deutschen Institution, von der man im Ausland überzeugt ist, sie erscheine auf die Sekunde genau.
Ahhhhh Paris…!
Seit einigen Jahren antworte ich allerdings anders. „I’m from Paris.“ (was streng genommen zutreffender ist) und sofort verändert sich dann das Gesicht meines Gegenübers. „Aaaah… Paris!“ „Aaaah… Paris!“ Dieses zweite Ah hat nichts mehr mit dem deutschen Ah gemeinsam, es ist länger, ein wenig verträumt. Es klingt nach Akkordeonmusik, nach Straßencafés, Baguettes unter dem Arm, Rotwein bei Sonnenuntergang und Paaren, die sich auf Brücken küssen, obwohl es in Wirklichkeit meistens Touristen sind, die sich gegenseitig fotografieren und dabei den Verkehr blockieren. Paris ist keine Stadt. Paris ist ein Trailer. Jeder hat ihn gesehen. Manche in einem Film mit Audrey Hepburn, andere bei Emily in Paris.

Wieder andere in einer Werbung für Parfüm, in der erstaunlich attraktive Menschen langsam über Kopfsteinpflaster laufen und dabei niemals auf Hundekot treten – eine Leistung, die im wirklichen Paris olympiareif wäre. Die Fortsetzung des Gesprächsverläuft fast immer nach demselben Muster: „Have you been?“, frage ich und vergesse in gutem Globish das abschließende „there”. Entweder folgt ein begeistertes Yes!, begleitet von einem Lächeln, das verrät, dass der Sonnenuntergang an der Seine bis heute zu den schönsten Erinnerungen des Lebens gehört. Oder ein leises Not yet…, ausgesprochen mit einer Mischung aus Hoffnung und Melancholie. Paris gehört ohne Zweifel zu den wenigen Orten der Welt, die viele Menschen vermissen, bevor sie sie überhaupt gesehen haben.
Little animals
In diesem Sommer allerdings verlief das Gespräch anders: Ich verbrachte meinen Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel und auf mein „have you been” bekam ich diesmal eine ganz andere Antwort: „We wanted to go… but then you had these little animals in your hotel beds.“ Ich schaute sie verständnislos an. Little animals? Tauben? Ratten? Französische Kellner? Sie bemerkte meinen fragenden Blick und da fiel ihr das englische Wort ein: „The bedbugs.“ Ach. Die Bettwanzen. Fast hätte ich sie vergessen. Nicht, weil sie verschwunden wären. Sondern weil inzwischen etwas anderes geblieben war: Die Geschichte.

Es ist erstaunlich, wie klein der Auslöser einer großen Erzählung sein kann. Eine Bettwanze misst ungefähr fünf bis sieben Millimeter. Victor Hugo hätte sie wahrscheinlich übersehen, Napoleon ebenfalls. Der Algorithmus von TikTok dagegen erkennt ihr Potenzial sofort. Innerhalb weniger Wochen verwandelte sich Paris damals in den sozialen Netzwerken von der Stadt der Liebe in die Hauptstadt der Bettwanzen. Videos tauchten auf, Fotos, Nahaufnahmen. Auf einmal schien ganz Paris zu krabbeln. Die Métro, Kinos, Hotels, Züge. Man bekam den Eindruck, die Bettwanzen hätten einen hervorragend organisierten öffentlichen Nahverkehr aufgebaut. Dabei waren die Tiere gar nicht neu. Bettwanzen begleiten den Menschen seit Jahrtausenden. Archäologen fanden ihre Spuren bereits in altägyptischen Siedlungen. Wahrscheinlich schlief schon irgendein römischer Legionär schlecht und gab seinem Zimmernachbarn die Schuld. Neu war etwas anderes. Nicht die Bettwanzen verbreiteten sich, sondern ihre Bilder. Und Bilder reisen heute schneller als jeder Tourist.
Olympische Bettwanzen
Das Timing hätte für Paris kaum ungünstiger sein können. 2024 sollten die Olympischen Spiele stattfinden. Die ganze Welt blickte nach Frankreich. Die französische Regierung musste also reagieren. Verkehrsbetriebe veröffentlichten Erklärungen, Hotels kontrollierten Zimmer und Spezialfirmen wurden beauftragt. Ein Freund, der in der größten Schädlingsbekämpfungsfirma Europas für die Benelux-Länder zuständig ist, erklärte mir, dass seine Firma den Umsatz in Frankreich vervierfacht habe. Die eigentliche Ironie dieser Geschichte: Eine Bettwanze kann man bekämpfen. Ein Gerücht ist schwieriger, denn heute weiß man, dass russische Desinformationsnetzwerke die ohnehin vorhandene Nervosität gezielt verstärkt haben. Das Prinzip war ebenso simpel wie wirkungsvoll: Man musste gar keine neuen Lügen erfinden. Es genügte, tausendmal dieselben Bilder zu teilen, aus dem Zusammenhang zu reißen und mit neuen Kommentaren zu versehen.

Die wirtschaftlichen Schäden lassen sich nur schwer exakt berechnen. Aber jeder Touristiker weiß: Angst kostet Geld. Ein Hotelzimmer, das leer bleibt, bringt keinen Umsatz. Ein Restaurant, das weniger Gäste bekommt, verliert Einnahmen. Ein Tourist, der seine Reise storniert, kauft keine Eintrittskarte für ein Museum und trinkt keinen Kaffee im Café. Dabei ist der wichtigste Rohstoff einer Stadt wie Paris nicht Stahl. Nicht Beton. Es ist die Vorstellungskraft der Besucher. Paris verkauft nicht nur Gebäude. Paris verkauft Emotionen. All das brachte mich zum Nachdenken und Recherchieren über ein ganz anderes Phänomen: den Touristen.
Thomas Cook und die Abstinenzler
Der Tourismus ist eine erstaunlich junge Erfindung. Natürlich waren Menschen schon immer unterwegs. Händler, Pilger, Soldaten, Entdecker – sie alle reisten. Aber sie fuhren selten zu ihrem Vergnügen. Die Idee, Geld dafür auszugeben, sich freiwillig in überfüllte Städte zu begeben, um dort stundenlang vor Bauwerken Schlange zu stehen, wäre den meisten Menschen des Mittelalters vermutlich als behandlungsbedürftig erschienen. Schon im 17. Jahrhundert entwickelte sich unter jungen europäischen Adligen, besonders aus England, die Grand Tour. Wer etwas auf sich hielt, bereiste Italien und Frankreich, betrachtete antike Ruinen, ließ sich porträtieren und kehrte gebildeter – oder zumindest sonnengebräunter – nach Hause zurück.

Einer der Pioniere des organisierten modernen Tourismus war dann ein Mann mit einem erstaunlich unromantischen Namen: Thomas Cook. Er organisierte 1841 eine Zugreise für rund 500 Teilnehmer einer Abstinenzveranstaltung und wollte den einfachen Menschen eine sinnvolle und gesunde Freizeit ohne Alkohol bieten. Wenn man sich die heutige Situation in touristischen Hochburgen ansieht, dann hat er sein Ziel nicht wirklich erreicht. Aus seiner Idee entstand eine Industrie, die heute rund zehn Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung ausmacht. Und Paris war von Anfang an ein Star der Tourismusszene. Die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts machten die Stadt zum Schaufenster der Moderne. Millionen Menschen kamen, um Elektrizität zu bestaunen, Fahrstühle auszuprobieren oder den damals heftig umstrittenen Eiffelturm zu sehen – jenes Bauwerk, das berühmte Künstler als „monströse Fabrikschornstein-Konstruktion“ verspotteten und das heute wohl zu den meistfotografierten Wahrzeichen der Welt gehört. Seitdem ist Paris nie wieder aus der Rolle des Sehnsuchtsortes herausgekommen.
Gelbe Scheinwerfer und schwarze Nummernschilder
Wenn ich heute Touristen in Paris beobachte, muss ich manchmal an einen kleinen Jungen im Jahre 1979 denken. Dieser Junge war ich. Er hatte keine Ahnung von Kulturunterschieden, keine Theorien über interkulturelle Kommunikation und keine Bücher über Frankreich gelesen, er war nur neugierig. Und vielleicht ist Neugier die beste Reiseausrüstung überhaupt. Auf dem Rücksitz des Autos meiner Eltern überquerte ich die Grenze und plötzlich war Frankreich überall. Nicht in großen philosophischen Erkenntnissen, sondern in kleinen Details: Die Nummernschilder waren schwarz mit weißen Buchstaben. Dann kamen die gelben Scheinwerfer. Französische Autos leuchteten damals nachts wie kleine Glühwürmchen. Und plötzlich mussten wir anhalten. Maut bezahlen, auf Französisch péage. Für einen Neunjährigen war das eine revolutionäre Erkenntnis: Straßen kosteten Geld.
Paris im Kopf
Heute lebe ich in Paris. Der Junge von 1979 ist erwachsen geworden. Und er beobachtet täglich Touristen. Mit ungefähr 35 bis 40 Millionen Besuchern pro Jahr gehört die Region Île-de-France zu den meistbesuchten Gebieten der Welt. Aber warum kommen diese Menschen? Wegen des Eiffelturms? Natürlich. Wegen des Louvre? Sicher. Aber das erklärt nicht alles. Denn viele Städte haben schöne Gebäude. Paris besitzt etwas anderes. Eine Geschichte. Der britische Soziologe John Urry prägte den Begriff des „Tourist Gaze“, des touristischen Blicks. Seine Theorie: Touristen sehen nicht einfach eine Stadt, sie sehen eine Stadt durch die Bilder, die sie bereits besitzen. Sie reisen mit einem Koffer voller Erwartungen.

Wer nach Paris kommt, sucht nicht nur Orte. Er sucht Momente. Den Spaziergang an der Seine, das kleine Café, den romantischen Abend, die Szene, die später erzählt wird: „Weißt du noch damals in Paris?“
Alle sind Touristen
Es gibt eine kleine Ungerechtigkeit im Leben. Wir beobachten gerne die Touristen, wir analysieren sie, wir amüsieren uns über ihre Fragen, über ihre Art, vor einem Gebäude zu stehen und gleichzeitig den Ort, die Kamera und den besten Winkel für ein Foto zu suchen. Aber wir vergessen etwas Entscheidendes: Auch wir selbst sind Touristen. Sobald wir die eigene Grenze überschreiten, wechseln wir die Rolle. Der Pariser wird zum Griechenlandreisenden, der Deutsche wird zum Franzosenbesucher. Und plötzlich passieren ihm genau die Dinge, über die er sich zu Hause bei anderen Touristen amüsiert. Vielleicht ist das die wichtigste Lehre des Reisens: Man erkennt sich selbst am besten, wenn man irgendwo anders fremd ist. Denn eigentlich sind wir doch alle Touristen. Touristen auf der Reise durch unser Leben.
Wie wäre es mit: Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen einem Touristen und einem Einheimischen: Der Tourist sucht das Paris seiner Träume. Der Einheimische sucht einen Parkplatz. Und manchmal beneide ich den Touristen.
