Atombombe:
Wenn Abschreckung unsicher wird

Atombombe: Wenn Abschreckung unsicher wird
  • VeröffentlichtApril 15, 2026
Donald Trump hat während des Iran-Kriegs die NATO wiederholt scharf kritisiert und sogar mit einem Austritt aus der Allianz gedroht. Hier am 1. April 2026 bei seiner Rede an die Nation (Copyright: Wikimedia Commons)
Donald Trump hat während des Iran-Kriegs die NATO wiederholt scharf kritisiert und sogar mit einem Austritt aus der Allianz gedroht. Hier am 1. April 2026 bei seiner Rede an die Nation (Copyright: Wikimedia Commons)

Die nukleare Abschreckung Europas steht vor einer historischen Zäsur: Sicherheit, die über Jahrzehnte als garantiert galt, wird plötzlich zur offenen Frage. Zwischen geopolitischer Eskalation und politischer Unsicherheit entsteht ein strategisches Vakuum, das Europa vor grundlegende Entscheidungen stellt.

 

Die Bundesrepublik Deutschland konnte sich wie andere Länder für Jahrzehnte darauf verlassen, dass die USA den Schutz vor nuklearen Angriffen oder Erpressungen seitens der Sowjetunion oder Russlands garantierten. Diese Zeit der „erweiterten nuklearen Abschreckung“ scheint jetzt ihrem Ende zuzugehen. Das Vertrauen in die US-Garantie schwindet täglich infolge immer neuer Stellungnahmen von US-Präsident Donald Trump. Trump hat für die NATO nur noch Verachtung übrig und hat wiederholt angedroht, dass er nichts zur Verteidigung der Europäer tun wird. Während Frankreich und Großbritannien als Kernwaffenmächte diese Entwicklung relativ gelassen verfolgen können, stellt sich für die Mehrheit der europäischen Staaten ohne Kernwaffen die Lage zunehmend kritisch dar. Russland hat in den vergangenen 20 Jahren eine massive Kernwaffenrüstung gegen Europa aufgebaut. Zwischen 1.500 und 1.600 Kernwaffen unterschiedlicher Reichweite und Detonationsstärke richtet Putins Militär derzeit gegen Europa. Etwa 30 verschiedene Waffensysteme zu Land, zu Wasser und zur Luft können Kernwaffen gegen Ziele in Europa ausbringen. Gemessen an der Zahl der nuklearen Sprengköpfe ist die russische Kernwaffenrüstung gegen Europa ungefähr so groß wie der Bestand, den Russland gegen die USA aufgestellt hat. Während die USA dagegen ein strategisches Arsenal gleicher Stärke und Robustheit besitzen, welches ein Gleichgewicht der Optionen und eine gewisse Stabilität garantiert, bleibt die Lage in Europa extrem asymmetrisch.

 

Nukleare Drohungen ohne Gegengewicht

Die Kernwaffenarsenale Frankreichs und Großbritanniens umfassen zusammen etwa 400 operativ einsetzbare Sprengköpfe und können zwar theoretisch Russland weitgehend in Staub und Asche legen, aber sie können russische Drohungen mit Kernwaffen gegen nuklear unbewaffnete Staaten Europas nicht verhindern. Russland nutzt Kernwaffendrohungen in erster Linie, um einmal getätigte militärische Eroberungen gegen Versuche der Rückeroberung abzusichern. Und es setzt Kernwaffendrohungen zudem unverhohlen ein, um Regierungen Europas einzuschüchtern. Wenn man sich die insgesamt verhaltenen Reaktionen der Europäer auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine vor Augen führt, dann wird klar, dass diese Drohungen Wirkung zeigen.

 

Eine russische Interkontinentalrakete auf dem Roten Platz während der Siegesparade, 2023 (Copyright: Wikimedia Commons)
Eine russische Interkontinentalrakete auf dem Roten Platz während der Siegesparade, 2023 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Russland baut zur Verfolgung seiner imperialistischen Ziele nicht nur eine unmissverständliche nukleare Drohkulisse gegen Europa auf. Es verstößt damit auch gegen den Grundkonsens des Nuklearen Nichtverbreitungsvertrages. Das ist das Versprechen der Kernwaffenmächte, ihre Kernwaffen nicht gegen Staaten einzusetzen, die darauf verzichtet haben. Russland gefährdet damit das globale Nichtverbreitungsregime.

 

Debatte über Europas nukleare Zukunft

In Deutschland gibt es derzeit eine lebhafte Diskussion zu diesem Thema, wobei es in erster Linie um die Möglichkeit einer europäischen Nuklearstreitmacht geht. Der frühere Außenminister Joschka Fischer etwa forderte eine „europäische Atombombe“ – was auch immer er sich darunter vorstellt. Schaut man sich die seriöse Debatte in Deutschland an, so scheint sich dort ein gewisser Konsens herauszubilden, wonach es am besten sei, wenn sich Großbritannien und Frankreich in die Nukleare Planungsgruppe der NATO einbringen und an der Nuklearen Teilhabe der NATO mitwirken. Diese sollte auch durch Staaten Osteuropas erweitert werden. Um die Rolle der USA zu unterstützen oder gegebenenfalls zu übernehmen, müssten beide europäischen Atomwaffenmächte ihre Nukleararsenale deutlich vergrößern (im Sinne einer Verdoppelung der heutigen Bestände) und vor allem ihre Waffenarsenale so diversifizieren, dass unterschiedliche substrategische Optionen möglich wären.

 

Emmanuel Macron während seiner Rede auf dem Stützpunkt der Atom-U-Boote Île Longue nahe Brest, 6. März 2026 (Copyright: Alamy)
Emmanuel Macron während seiner Rede auf dem Stützpunkt der Atom-U-Boote Île Longue nahe Brest, 6. März 2026 (Copyright: Alamy)

 

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat in seiner viel beachteten Rede in Brest am 2. März 2026 einen Schritt in diese Richtung getan, aber dieser Schritt war viel zu kurz. Er hat angekündigt, dass Frankreich sein Atomwaffenarsenal vergrößern werde. Gleichzeitig schloss er die Mitwirkung Frankreichs in der Nuklearen Planungsgruppe der NATO aus. Stattdessen wolle Frankreich anderen Nationen die Möglichkeit der Beteiligung an Übungen Frankreichs im Bereich der atomaren Abschreckung geben und sei auch bereit, in diesen Ländern temporär Kernwaffen zu stationieren. Das ist zweifellos ein wichtiger Schritt, aber von einer nuklearen Teilhabe wie in der NATO wäre das weit entfernt. Sollte im Jahr 2027 der französische Präsident von dem Rassemblement National gestellt werden, wäre diese Entwicklung voraussichtlich hinfällig, denn Rechtspopulisten sind Freunde Putins, nicht dessen Feinde.

In den skandinavischen Staaten aber auch in Deutschland und Polen wird derzeit über andere Optionen diskutiert. Der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki hat eine eigene polnische Nuklearrüstung gefordert. In Schweden und Dänemark werden Rufe nach einer skandinavischen Bombe laut und auch in Deutschland gibt es immer wieder Forderungen nach einer deutschen Atombombe.

 

Rechtliche Grenzen und praktische Hürden

Gegen eine deutsche Atomrüstung werden in der Regel rechtliche Argumente angeführt. Deutschland, so wird argumentiert, habe im Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag und im Zwei-Plus-Vier-Vertrag für immer auf den Besitz von Kernwaffen verzichtet. Das stimmt aber nicht: Der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag kennt eine Austrittsklausel, die zur Anwendung kommen kann, wenn sich die Sicherheitslage eines Mitgliedstaates durch eine nukleare Bedrohung signifikant verschlechtert. Dieses Recht wurde auch im Zwei-Plus-Vier-Vertrag für das vereinigte Deutschland ausdrücklich bestätigt. Und in genauso einer Situation befinden sich Deutschland und die meisten europäischen Staaten ohne Kernwaffen zurzeit.

 

Dieser Beitrag stützt sich auf das vor wenigen Tagen erschienene Buch „Die Deutschen und die Atombombe“ (Copyright: Herder)
Dieser Beitrag stützt sich auf das vor wenigen Tagen erschienene Buch „Die Deutschen und die Atombombe“ (Copyright: Herder)

 

Dennoch ist es ausgeschlossen, dass Deutschland den Weg in Richtung Atomwaffen geht. Deutschland ist komplett aus der zivilen Kernenergienutzung ausgestiegen. Damit fehlt es dem Land an den nötigen Experten, den entsprechenden Spaltstoffen und an technischen Einrichtungen, die man für militärische Zwecke nutzen könnte. Deutschland war bis in die Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts eine „latente“ Atomwaffenmacht, d.h. innerhalb von wenigen Monaten wäre es in der Lage gewesen, aus seinem zivilen Atomprogramm heraus eigene Atomwaffen herzustellen. Das ist alles Vergangenheit und lässt sich nicht wieder ohne Weiteres herstellen. Zudem gibt es im politischen Spektrum links der Mitte eine tiefe emotionale Abneigung gegen alles was mit Atomtechnik zu tun hat – egal ob zivil oder militärisch. Die Bundesregierung wird daher weder aus technischen noch aus politischen Gründen eine Entscheidung über den Austritt aus dem Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag und den Einstieg in eine deutsche Nuklearbewaffnung treffen. Anders formuliert: Eine Regierung, die nicht in der Lage ist, die Wehrpflicht oder die zivile Atomnutzung wieder einzuführen, wird keine deutsche Kernwaffen beschließen. Bundeskanzler Merz hat eine deutsche Atombewaffnung ausgeschlossen, selbst wenn er diese wollte, er wird dafür keine Mehrheit bekommen.

 

Deutschland ist am 15. April 2023 endgültig aus der Kernenergie ausgestiegen. An diesem Tag feierte Greenpeace vor dem Brandenburger Tor (Copyright: Wikimedia Commons)
Deutschland ist am 15. April 2023 endgültig aus der Kernenergie ausgestiegen. An diesem Tag feierte Greenpeace vor dem Brandenburger Tor (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Dahinter steht ein größeres Problem. Der Ausstieg der Deutschen aus der Nuklearenergie in den vergangenen 25 Jahren und der gleichzeitige Ausstieg aus dem Denken in Kategorien der Machtpolitik hat ein gefährliches intellektuelles und politisches Vakuum geschaffen. In Deutschland ist das Denken in Kategorien von Krieg und Frieden in Politik und Medien von wenigen Ausnahmen abgesehen weitgehend uninformiert, oberflächlich und emotional überladen. Eskalationsangst und Betroffenheitsbekundungen stehen im Vordergrund – oder Schadenfreude, wenn Trump aus eigener Schuld in eine Klemme gerät. Die Fähigkeit strategische und nukleare Entwicklungen angemessen zu beurteilen, ist auf eine kleine Gruppe von Experten beschränkt.

 

Am Ende bleibt nur noch Hoffnung

Die nächsten drei Jahre stellen eine Phase extremer Risiken und möglicher Gefahren für den Frieden dar. Dass die Deutschen durch diese Phase ohne einen Schutzschild gehen müssen, haben sie zu einem Großteil auf Fehleinschätzungen und falsche Weichenstellungen zu verdanken, die die Bundesregierungen unter Gerhard Schröder, Angela Merkel und Olaf Scholz zu verantworten haben. Was bleibt, ist zu hoffen, dass sich die Dinge in den USA wieder normalisieren, dass sich in Frankreich nichts ändert und dass es nicht zu einer von Russland ausgehenden Aggression im Ostseeraum kommt.

 

Der Autor

© Joachim Krause
Joachim Krause (Copyright: privat)

Joachim Krause ist emeritierter Professor für Internationale Politik am Institut für Sozialwissenschaften der Kieler Christian-Albrechts-Universität und war langjähriger Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK). Er ist Verfasser des Buches „Die Deutschen und die Atombombe“, Herder Verlag 2026.

 

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