Cocoriki:
Die Republik der Liebe, Skandale und Motorroller

Wer nach dem ersten Teil glaubte, das Leben einer Première Dame bestehe vor allem aus Wohltätigkeitsgalas und Staatsbanketten, wird nun eines Besseren belehrt. Denn Frankreich wäre nicht Frankreich, wenn seine Präsidenten und ihre Partnerinnen sich an ein normales Drehbuch halten würden.
Um die ganze Komik der französischen Première-Dame-Geschichte wirklich zu verstehen, muss man kurz zurück in die 1960er-Jahre reisen – in eine Zeit, in der Frankreich gleichzeitig aus zwei völlig verschiedenen Universen zu bestehen schien. Auf der einen Seite stand Charles de Gaulle, der Präsident mit der Statur eines gotischen Kirchturms und der Stimme eines Nationaldenkmals. Neben ihm: seine Frau Yvonne de Gaulle, eine zutiefst katholische, diskrete und moralisch sehr klare Frau. Auf der anderen Seite: Brigitte Bardot.
Und genau hier beginnt eine der schönsten kleinen Anekdoten der französischen Republik: Bei einem offiziellen Empfang im Élysée-Palast wurde der Präsident gefragt, ob auch Brigitte Bardot eingeladen werden sollte. Schließlich war sie weltweit eine der bekanntesten Französinnen überhaupt. De Gaulle dachte kurz nach – vermutlich mit der gleichen Miene, mit der er sonst über NATO-Strategien oder die Zukunft Europas nachdachte – und soll dann trocken gesagt haben: „Warum nicht? Aber erklären Sie das meiner Frau.“ Das Problem war nämlich nicht die Republik. Das Problem war Yvonne. In politischen Kreisen kursierte damals sogar der halb scherzhafte Satz: „Die Franzosen brauchen zwei Dinge: starke Institutionen – und Tante Yvonne, die aufpasst.“
Pompidou, Claude und der Skandal der Republik
Pompidou war das Gegenteil seines monumentalen Vorgängers Charles de Gaulle. Während de Gaulle wie eine wandelnde Statue der Nation wirkte, war Pompidou kultivierter, literarischer, moderner – ein Mann, der Gedichte liebte, Kunst sammelte und dessen Frau Claude Pompidou eine ausgesprochene Leidenschaft für zeitgenössische Kunst und Mode hatte. Claude Pompidou war elegant, kosmopolitisch und bewegte sich selbstverständlich in den Pariser Künstlerkreisen. In einer Zeit, in der viele Politikerfrauen noch eher diskret im Hintergrund standen, verkörperte sie bereits eine neue Art von Première Dame: stilbewusst, präsent und kulturell einflussreich. Doch genau diese Modernität wurde plötzlich zum politischen Sprengstoff.

Im Frühjahr 1968, mitten in einer ohnehin nervösen politischen Lage in Frankreich, tauchte ein besonders schmutziges Gerücht auf. Es kursierten angebliche Fotos, die Claude Pompidou in kompromittierenden Situationen zeigen sollten – in Verbindung mit erotischen Partys und zweifelhaften Gesellschaften. Die Bilder waren in Wirklichkeit komplette Fälschungen. Aber das hielt niemanden davon ab, sie zu verbreiten. Die Gerüchte zirkulierten anonym, wurden heimlich verschickt und flüsterten sich durch die Pariser Gesellschaft wie ein politischer Virus. Pompidou war damals noch Premierminister – und überzeugt davon, dass diese Kampagne gezielt lanciert worden war, um seine politische Karriere zu zerstören. Er war darüber so empört, dass er später sagte, diese Affäre habe sein Verhältnis zum politischen Establishment dauerhaft verändert.
Trotzdem geschah etwas Bemerkenswertes: Die Attacke erreichte genau das Gegenteil ihres ursprünglichen Ziels. Als Pompidou 1969 Präsident wurde, trat Claude Pompidou selbstbewusst an seine Seite – elegant, souverän und ohne jede Spur von Skandal. Statt sich zurückzuziehen, engagierte sie sich später über Jahrzehnte für soziale Projekte und gründete die Fondation Claude Pompidou, die sich bis heute für ältere Menschen, Menschen mit Behinderung und hospitalisierte Patienten einsetzt.
Die diskrete Kunst der doppelten Première Dame
Wenn es in Frankreich einen Präsidenten gab, der das Konzept der „Première Dame“ kreativ interpretiert hat, dann war es François Mitterrand. Offiziell war seine Ehefrau Danielle Mitterrand – eine politisch engagierte, leidenschaftliche Aktivistin für Menschenrechte und Gründerin der Organisation France Libertés. Sie war alles andere als eine dekorative Begleiterin. Während andere Präsidentengattinnen Charity-Dinners organisierten, sprach Danielle über Revolution, Nicaragua und internationale Solidarität.

Doch Frankreich wäre nicht Frankreich, wenn die Geschichte hier enden würde. Denn parallel existierte über Jahrzehnte eine zweite, erstaunlich stabile Realität: Mitterrand hatte eine zweite Lebensgefährtin, Anne Pingeot, eine Kunsthistorikerin, mit der er eine Tochter hatte – Mazarine. Das Ganze blieb lange ein Staatsgeheimnis, das von Journalisten mit fast religiöser Diskretion behandelt wurde. Man könnte sagen: Die französische Presse übte damals eine Zurückhaltung, die heutigen Social-Media-Algorithmen vermutlich körperliche Schmerzen bereiten würde. Das Erstaunlichste an dieser Geschichte ist jedoch nicht die Existenz zweier Lebenswelten – sondern die Art, wie Frankreich schließlich damit umging. Als François Mitterrand am 11. Januar 1996 in seinem Heimatort Jarnac beigesetzt wurde, standen beide Frauen an seinem Grab. Die offizielle Ehefrau. Und die langjährige Lebensgefährtin.

Monsieur Cinq Minutes und die Frau, die blieb
Jacques Chirac war vieles: Bürgermeister, Präsident, politischer Überlebenskünstler – und, wie man hinter vorgehaltener Hand flüsterte, ein Mann mit einem bemerkenswert großen Herzen, was ihm den Spitznamen „Monsieur Cinq Minutes, douche comprise” (Monsieur fünf Minuten, Dusche inbegriffen) einbrachte. Angeblich wegen seiner berühmten… sagen wir, kurzen Liebesabenteuer. Während also Monsieur Chirac durch Paris und die französische Gesellschaft fegte, Frauen kamen und gingen, blieb eine Person unbeirrt an seiner Seite: Bernadette Chirac. In ihrer Biografie drückt sie es so aus: „Viele Frauen sind gekommen und gegangen… Moi, je suis restée moi.“
Das Protokoll war nicht ihr Ding
Wenn die französische Politik eines wirklich liebt, dann sind es dramatische Dreiecksgeschichten. Und kaum ein Präsident hat dieses Genre so modern interpretiert wie Nicolas Sarkozy. Am Anfang der Geschichte steht Cécilia Sarkozy – seine große Liebe, seine politische Partnerin und, wie viele sagten, die eigentliche Strategin hinter seinem Aufstieg. Die beiden hatten sich schon in den 1980er-Jahren kennengelernt, als Sarkozy Bürgermeister von Neuilly war und – kleine französische Ironie des Schicksals – die Hochzeit von Cécilia mit ihrem damaligen Ehemann leitete. Ein paar Jahre später war sie nicht mehr mit dem Bräutigam von damals zusammen, sondern mit dem Bürgermeister.

Als Sarkozy 2007 Präsident wurde, zog Cécilia als Première Dame in den Élysée ein. Doch Frankreich bemerkte schnell: Diese Première Dame hatte ein eher… flexibles Verhältnis zum Protokoll. Sie erschien nicht zu allen offiziellen Terminen, blieb gelegentlich Reisen fern und machte keinen großen Hehl daraus, dass sie sich im Präsidentenpalast gar nicht zu Hause fühlte. Die Ehe hielt nicht lange und im Oktober 2007 wurde offiziell bekannt gegeben, dass sich Nicolas und Cécilia Sarkozy scheiden lassen – ein historisches Novum: Zum ersten Mal ließ sich ein amtierender Präsident der Fünften Republik scheiden.
Die berühmteste SMS der Republik
Doch Frankreich bekam keine lange Verschnaufpause. Nur wenige Monate später tauchte eine neue Figur auf der Bühne der Republik auf: Carla Bruni – Sängerin, ehemaliges Supermodel und internationale Ikone der 1990er-Jahre. Die Beziehung entwickelte sich mit einer Geschwindigkeit, die selbst Pariser Klatschjournalisten kurz sprachlos machte. Im Februar 2008, also kaum vier Monate nach der Scheidung, heirateten Sarkozy und Carla Bruni im Élysée-Palast.

Frankreich hatte plötzlich eine Première Dame, die früher auf den Laufstegen von Mailand und Paris zu Hause gewesen war. Doch natürlich wäre es keine französische politische Liebesgeschichte ohne eine kleine dramatische Fußnote. Im Jahr 2008 berichtete die Zeitung Le Nouvel Observateur über eine angebliche SMS, die Sarkozy seiner Ex-Frau Cécilia geschickt haben soll. Der Inhalt – so zumindest die Behauptung – lautete sinngemäß: „Wenn du zurückkommst, verlasse ich Carla.“ Die Geschichte schlug ein wie ein Blitz im Pariser Klatschhimmel. Der Élysée-Palast reagierte sofort empört, Sarkozy klagte gegen die Zeitung, und ganz Frankreich diskutierte plötzlich nicht mehr über Rentenreformen oder Außenpolitik – sondern über eine Textnachricht. Ob diese SMS tatsächlich existierte, blieb letztlich ebenso unklar wie viele andere Details des privaten Lebens französischer Präsidenten.
Der Präsident, der Roller und das Croissant
Wenn François Mitterrand die hohe Kunst der diskreten Doppelbeziehung beherrschte, dann hat François Hollande das Ganze in die Ära der Paparazzi überführt – mit einer Mischung aus Romantik, Rollerhelm und Croissants. Als Hollande 2012 Präsident wurde, zog Valérie Trierweiler als seine Partnerin in den Élysée-Palast ein. Offiziell verheiratet waren sie nicht, aber das hielt niemanden davon ab, sie als Première Dame zu behandeln. Frankreich ist in solchen Dingen flexibel. Trierweiler war Journalistin, politisch interessiert und – wie sich bald zeigen sollte – nicht gerade konfliktscheu. Die Beziehung bekam früh erste Risse, etwa durch einen berühmten Tweet im Juni 2012, in dem sie öffentlich einen politischen Gegner von Hollandes Ex-Partnerin unterstützte. Ein diplomatisches Erdbeben in 280 Zeichen, lange bevor Twitter-Skandale zum Alltag wurden.

Doch der eigentliche Höhepunkt der Tragikomödie folgte Anfang 2014. Das Magazin Closer veröffentlichte Fotos, die zeigten, wie der Präsident der Republik auf einem kleinen Motorroller durch Paris fuhr – mit Helm, unauffälliger Jacke und der Diskretion eines mittelmäßig verkleideten Geheimagenten. Sein Ziel: die Wohnung der Schauspielerin Julie Gayet. Der Präsident kam nicht mit Staatskarosse, nicht mit Eskorte und auch nicht mit diplomatischem Protokoll. Sondern mit einem Scooter. Angeblich brachte ein Leibwächter sogar regelmäßig Croissants mit. Die Geschichte explodierte medial innerhalb weniger Stunden. Und Valérie Trierweiler erfuhr von der Affäre – wie Millionen Franzosen – aus der Presse.
Ein Buch als Rache
Kurz darauf wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert, offiziell wegen „Erschöpfung“. Wenige Wochen später, im Januar 2014, war ihre Rolle als Première Dame beendet. Doch die Geschichte endete damit nicht. Denn Trierweiler tat etwas, das im französischen Präsidententheater besonders gefürchtet ist: Sie schrieb ein Buch. Im September 2014 erschien „Merci pour ce moment“ („Danke für diesen Moment“), ein Werk, das man diplomatisch als literarische Abrechnung bezeichnen könnte. Darin beschrieb sie intime Details aus dem Élysée – und zeichnete ein wenig schmeichelhaftes Porträt ihres ehemaligen Partners.

Das Buch verkaufte sich hunderttausendfach. Manche nannten es ein politisches Dokument, andere schlicht ein Rachebuch mit Hardcover. So bekam Frankreich innerhalb weniger Jahre eine neue Erkenntnis über das Amt des Präsidenten: Man kann Krisen überstehen, man kann schlechte Umfragewerte überstehen, man kann sogar Scooter-Fotos überstehen, aber eine Ex-Partnerin mit Verlag – das ist wirklich gefährlich.
Der unmögliche Job
Am Ende bleibt die Frage: Was genau ist eigentlich die Rolle einer Première Dame?
Sie soll: Frankreich repräsentieren, sozial engagiert sein, elegant, aber nicht extravagant auftreten, sichtbar sein, aber nicht zu präsent, Einfluss haben, aber keine Macht ausüben. Bernadette Chirac drückte es so aus: „Wenn man die Frau von Jacques Chirac ist, darf man nicht zu sehr im Hintergrund bleiben. Sonst läuft man Gefahr, zerdrückt zu werden.“ Und wer möchte schon zerdrückt werden? Vielleicht ist das am Ende die wahre Definition der Première Dame: eine Frau, die neben einem Präsidenten steht – ohne von ihm plattgewalzt zu werden. Und ganz nebenbei noch das richtige Kleid für den roten Teppich findet.
Teil 1 unseres Thrillers erschien am 3. Juni.
Der Autor

Der in Hessen geborene Frank Gröninger wohnt seit 1993 in Paris, wo er als Lehrer für Deutsch und interkulturelle Beziehungen unter anderem für das französische Außenministerium und Sciences Po, dem Institut für politische Wissenschaften arbeitet. 2021 erschien sein Buch „Douce Frankreich: die Abenteuer eines Deutschen in Paris“, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch, 2022 sein zweites Buch, „Dessine-moi un(e) Allemand(e)“.
