Zeitzeugenstimmen:
Mit dem Fahrrad in ein anderes Land

1952 radeln Ulrich Kammer und Reinhard Krieg von Oberhessen bis an die Côte d’Azur. Sieben Jahre nach Kriegsende wird ihre Reise durch Frankreich auch zu einer Geschichte überraschender Begegnungen und deutsch-französischer Annäherung.
Wir sind stets aufs Neue fasziniert von der literarischen Reiseerzählung „Vor uns wölbt sich das Meer“, in der der Schriftsteller Ludwig Harig (1927–2018) im August 1995 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) gar fein formuliert schilderte, wie er „in den frühen Fünfzigern mit Vaters Auto an die Côte d’Azur“ gefahren war. Samt seiner damaligen Freundin! 26 Minuten lang nachzuhören auf einer im FAZ-Verlag erschienenen Hörbuch-CD. Wir lesen gern das Reisetagebuch „Kaffee mit Croissant in Avignon“, in dem die Künstlerin Ré Soupault (1901–1996) eine 1951 unternommene Fahrt von Avignon nach Mulhouse schildert – allein, auf einem Vélosolex, einem Fahrrad mit 0,4-PS-Hilfsmotor.
Zwei Freunde, zwei Fahrräder, ein Reisetagebuch
In der hier folgenden Geschichte geht es um ein ähnlich abenteuerliches Fünfziger-Jahre-Frankreich-Reiseabenteuer, das bis dahin allerdings nur regional bekannt war. Und zwar seit einer ganzseitigen Reportage in der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 14. September 2002. Der aktuelle Anlass: Am 18. Juni 2026 feierte der Philologe Ulrich Kammer im Residenzstädtchen Laubach am Vogelsberg seinen 100. Geburtstag – und er erinnert sich immer noch lebhaft daran, wie er 74 Jahre zuvor mit seinem Studienfreund Reinhard Krieg auf Fahrrädern von Oberhessen aus nach Südfrankreich aufgebrochen war.

Wie sie erst nach Lyon geradelt waren, dann hinauf nach Grenoble und südwärts bis an die Französische Riviera. Entlang der Küste bis in die Provence und ins Rhônetal. Als Fahrrad-Tramper mit einem Studenten-Bus von Vienne bis Paris. Und nach der Erkundung der nicht ganz unbekannten Metropole wieder mit den Rädern heimwärts über den Rhein… Aufgezeichnet hatte Kammer diese außergewöhnliche Tour unmittelbar nach der Heimkehr in einem über 40-seitigen Fahrten-Tagebuch, das den Betrachter, den Lesenden, vollends fesselt. Die Fotos dazu stammen vom Kompagnon, der eine 6×6-Rolleiflex-Kamera sein Eigen nannte; Kammer hatte sich erst zwei Jahre später einen Fotoapparat leisten können.

Über das Elsass den Alpen entgegen
Gestartet waren die unbekümmerten Radler am 7. August. Die ersten Ziele lagen im Elsass, einem historisch belasteten Landstrich Frankreichs, der in den 80 Jahren zuvor auch lange Zeit von Deutschland beansprucht worden war. Besetzt. Annektiert. Erst Straßburg, dann Kaysersberg und Colmar. Bereits am 12. August rollten die jungen Männer durch das Tal des Doubs, waren angetan von den Französinnen ihrer Generation. Kammer attestierte ihnen – weiland blieb’s unwidersprochen – „eine natürliche Anmut in der Bewegung“.

Anmutig aber auch die ganze Gegend. An der Strecke lagen Besançon, Dole, Chalon-sur-Saône, Villefranche und Lyon. Wer meint, die Burschen hätten für die weitere Route das Rhônetal gewählt, um beflügelt durch den Mistral flotter voranzukommen, der irrt. „Das Pflaster ist endlos. Nun geht’s den Alpen zu“, notierte Kammer ins Journal. Während auf einer improvisierten Kochstelle eine Suppe köchelt, „wälze ich die Karte, bekomme Angst vor den noch zu bewältigenden Entfernungen, streite mich mit R., der mir vorwirft, ich wolle die Tour entgegen dem ursprünglichen Plan abkürzen.“

Gleichwohl ging’s friedlich weiter, bergwärts in Richtung Grenoble und dann steil hinab ins Tal der Isère. Das Programm dieser Tage ging in die Beine, wurde allerdings – selbst bei den Steigungen bei Gap – angesichts der wachsenden Nähe zur Provence, zur Küste, ein stetes Fest für die Seele. Bereits am 20. August, keine zwei Wochen nach dem Start, erreichten die Radler entlang der Route Napoléon ihr erstes großes Ziel: die Städtchen Fréjus und Saint-Raphaël an der Côte d’Azur.
Plötzlich eine andere Welt
Die beiden Deutschen waren vollends in einer anderen Welt. 1952 am mondänsten Strand des ganzen Kontinents bekamen sie eine Ahnung davon, was die Franzosen später die Trente Glorieuses nennen würden – während der Nachkriegsalltag in der Heimat und auch in weiten Teilen Frankreichs noch von Entbehrungen und Bescheidenheit geprägt war. Sonnenhungrige Menschen an langen Stränden, die jungen Leute in knapper Badekleidung. Nach Cannes hin eine Straße mit dem legendär anmutenden Namen Corniche d’Or. Boulouris und Le Dramont, wo nur acht Jahre zuvor die Alliierten an Land gegangen waren, um Frankreich von den deutschen Truppen und der kollaborierenden Vichy-Regierung zu befreien.

„Am 23. August verlassen wir die Stätte unserer Untaten, westwärts gewandt.“ Untaten? Nun ja, die jungen Herren bandelten gern an, und sie sprachen hin und wieder dem roten Wein zu, den es spottbillig gab in den Cafés und den kleinen Läden. Zu Toulon notierte Kammer, die Stadt sei „ein fürchterliches Pflaster“. Besser gefielen dann schon Cassis und vor allem La Ciotat. Die Fotodokumente von dort sprechen eine eigene Sprache. Nein, solche Motive hätte man in diesen Jahren in bundesdeutschen Kleinstädten kaum antreffen können.
Hasenbraten, Panhard-Autobus…und Regen
Der 26. August brachte eine der bis dahin schönsten Begegnungen mit Franzosen. „Wir sind in Arles, an der Straße der Mandelbäume. (…) Früchte reif, wir futtern und sammeln zum Mitnehmen. Abends das netteste aller unserer Quartiere – in Bellegarde bei Familie Llaty.“ Die Gastgeber luden sie ein zu Hasenbraten, Röstkartoffeln, Rouge und Weintrauben. (…) „Verständigung klappt, trotz des schauderhaften Provence-Dialektes, den man spricht.“

Tags darauf waren Nîmes und der Pont du Gard die Etappenziele, am 28. August Avignon und Orange. Unter dem Datum 29. August lesen wir: „Vienne: Quartier bei einem Großbauern, liebliche Wiese mit Bächlein hinterm Gehöft – da erscheint Fortuna im Abenddunkel in Gestalt eines merkwürdigen Vehikels: Ein Panhard-Autobus von der Art, wie ich sie aus dem Pariser Stadtverkehr kenne“, schrieb Kammer in sein Tagebuch. Er kennt Paris? Ja, dort war er 1945 in US-amerikanischer Gefangenschaft. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

„Mensch, die fahren nach Paris!“, freute er sich. „Wir übernachten mit ihnen im Heu.“ Der Glücksfall, das waren acht Studentinnen und Studenten aus Madagaskar, die viel Platz im Bus hatten und auf ihrer Reise immer wieder junge Tramper mitnahmen. „Ein internationales Gemisch“ sei es gewesen. „31. August. Reinhards Geburtstag, gefeiert mit Rouge und Blanc. 16.30 Uhr Einfahrt in Paris. Abschied am Boulevard Arago, am Verbindungshaus der Studenten.“ Die durch den Ritt im Bus gesparte Zeit investierten Kammer und Krieg in die Seine-Metropole, wo sie sich meist mit Kunst, Kultur und dem Genuss des so ganz anderen Alltagslebens „zuschütteten“.

Am 5. September begann die Heimfahrt. „Immer wieder Quartier bei Bauern.“ In Metz trennten sich – wie vereinbart – die Wege der beiden Freunde. Krieg fuhr nordwärts, wollte ins Rheinland, Kammer dem damals noch eigenständigen Saarland entgegen. Es folgte eine echte Meisterleistung: Wegen des nicht enden wollenden Regens radelte er 240 Kilometer quasi an einem Stück, bis er in Frankfurt einrollte, von wo aus es letztlich wieder in die Heimat ging.
So wenige Jahre nach dem Krieg
Was fehlt? Wir konzentrierten uns bei dieser Darstellung vor allem auf die Strecke, die Wegführung und besondere Begegnungen. Freilich schrieb Kammer, der wie Krieg der französischen Sprache mächtig war, auch über die Gespräche mit den Franzosen, über die Empfindungen, die man miteinander teilte … so wenige Jahre nach dem unsäglichen Krieg. Nirgends ist die Rede davon, dass man ihnen feindselig begegnet sei. Selbst ehemalige Kriegsgefangene hätten keinen Anlass gesehen, sich zu beklagen. Ganz im Gegenteil!
Eigentlich gehört Kammers Reisetagebuch „Frankreich 1952“ in ein deutsch-französisches Archiv. Es ist ein leuchtender Mosaikstein im großen Bild der bilateralen Aussöhnung, die – wie es scheint – auch schon wieder Geschichte geworden ist. Wenn sich denn jemand „Offizielles“ dafür interessieren sollte, darf er auch die Erinnerungen dieses Jahrhundertzeugen an seine zwei Jahre als US-Kriegsgefangener nicht vergessen. Ebenso wenig jene an die Arbeitseinsätze, die er – als Gymnasiallehrer – um 1960 gemeinsam mit etlichen seiner Schüler auf Kriegsgräberfriedhöfen in der Normandie absolvierte. So spannt sich in Kammers Biografie ein weiter Bogen: von Krieg und Gefangenschaft über die frühen Begegnungen im Nachkriegsfrankreich bis hin zur gemeinsamen Erinnerungsarbeit mit einer jüngeren Generation.
Kammers Aufzeichnungen tragen zu einer guten Erinnerungskultur bei. Oder um es mit Tobias Bütow, Ulrich Pfeil und Corine Defrance zu sagen, den Herausgebern des Buches „63 Orte der deutsch-französischen Geschichte“: „Was unser heutiges Gedächtnis prägt, ist von wegweisender Bedeutung für die Zukunft der Demokratie in Deutschland, in Frankreich – und Europa.“
Chapeau, Monsieur Kammer ! Bon anniversaire !
Der Autor

Norbert Schmidt war vier Jahrzehnte als Lokal- und Regionalredakteur bei Tageszeitungen tätig; zunächst kurz in Weiden in der Oberpfalz, von 1980 an in seiner Heimat-Kreisstadt bei der Gießener Allgemeinen Zeitung. Daneben schrieb er für die Feuilletons „seiner“ Blätter über französische Themen. Seit 1971/72 engagiert er sich ehrenamtlich für die Jumelage zwischen Wettenberg und Sorgues, davon 37 Jahre als Vorsitzender der Wettenberger Deutschfranzosen (DFG).
