Merkel:
Mutti und die Franzosen

Fast die Hälfte der Deutschen wünscht sich Angela Merkel als nächste Bundespräsidentin. Was ist das Geheimnis ihrer Popularität? Dieser Frage ging der frühere Abgeordnete Pierre-Yves Le Borgn’ bereits 2021 nach. Der Text ist in einem kürzlich erschienenen Buch veröffentlicht worden.
Morgen wird in Deutschland gewählt. Wie alle vier Jahre wird der Bundestag neu bestimmt. Eines prägt diese Wahl ganz besonders: Angela Merkel zieht sich aus dem politischen Leben zurück. Ich bin kein Christdemokrat. Meine Sympathien gelten der Sozialdemokratie, und ich hoffe auf einen Erfolg von Olaf Scholz und der SPD. Dennoch muss ich zugeben, dass mich der Weg der Kanzlerin nicht unberührt lässt. Mehr noch fasziniert mich das Rätselhafte an ihr. Denn wie kann man sechzehn Jahre lang ununterbrochen regieren und ausgerechnet im Moment des Abschieds einen Rekordwert an Popularität erreichen?
In einem Land wie Frankreich, wo die Popularitätswerte unmittelbar nach einer gewonnenen Präsidentschaftswahl einbrechen und sich danach kaum je wieder erholen, kann die Leistung der Kanzlerin nur erstaunen. In sechzehn Jahren kann man ein Land ermüden, Fehler machen und dafür den Preis bezahlen. Eine ganze Generation junger Deutscher hat keinen anderen Regierungschef ihres Landes erlebt als Angela Merkel. Sechzehn Jahre sind lang. Sehr lang sogar. Gerade diese jungen Menschen werden morgen vermutlich noch weniger als die übrige Bevölkerung mehrheitlich für die CDU stimmen. Und doch sehen sie die scheidende Kanzlerin wesentlich positiver als jene Partei, der sie angehört und die sie so lange geführt hat.
Das Geheimnis Merkel
Was ist das Geheimnis Angela Merkels – oder besser gesagt: Welche besondere Mischung hat ihre Popularität so dauerhaft begründet? Es ist ein Stil, eine Form der Führung, eine Haltung. Da sind Nüchternheit, Einfachheit und Vorsicht, das wohlüberlegte Wort, das Zuhören und das Bemühen zu erklären. Zur „Mutti“ der Deutschen wird man nicht an einem Tag. Angela Merkel hat ihren Erfolg und die Spuren, die sie hinterlässt, im Laufe ihrer Jahre im Kanzleramt aufgebaut – Schritt für Schritt, in der Bewährung an den Tatsachen, während so viele andere aus Bequemlichkeit oder im Höhenrausch scheitern. Die Kanzlerin verstand es, ihr Land zu verkörpern, zu schützen und ihm Sicherheit zu vermitteln.

Schützen, Sicherheit vermitteln – das sind Begriffe, die schnell als zaghaft gelten und die man gewöhnlich beiseiteschiebt, weil man glaubt, mit Glanz ließen sich Wahlen gewinnen. Vielleicht kann man mit Glanz eine Wahl gewinnen, eine Wiederwahl aber keinesfalls. Die bloße Kraft des Wortes vermag nicht dauerhaft zu täuschen. Charisma findet sich nicht immer dort, wo man es erwartet. Die Zeiten, die wir seit Beginn des 21. Jahrhunderts erleben, sind unruhig, unsicher und hart. Die Bürger erwarten, dass man vertrauensvoll, klar und aufrichtig mit ihnen spricht, dass ihre Ängste, Schwierigkeiten und Hoffnungen gehört werden. Sie brauchen nicht nur Ergebnisse, sondern auch das Gefühl, vertreten zu werden. Genau das ist Angela Merkel in ihrer Regierungsverantwortung gelungen.
Deutschland ist nicht Frankreich
Es gibt politische Entscheidungen, die man gutheißen kann oder nicht, und dann gibt es die Art und Weise, wie Macht ausgeübt wird. Beides ist wichtig. Die Qualität der öffentlichen Sprache ist entscheidend. Deutschland ist nicht Frankreich; kulturelle und historische Unterschiede bestehen und werden bestehen bleiben. Gestehen wir uns ein, dass das politische Leben in Frankreich – wie soll ich sagen – eruptiver und manichäischer ist als das politische Leben in Deutschland. Und dennoch lässt sich viel von Angela Merkels Beispiel und von der Beziehung lernen, die sie in der Ausübung ihres Amtes zu den Deutschen aufgebaut hat. Ich bin überzeugt, dass die Klarheit und Beständigkeit ihrer öffentlichen Sprache wesentlich dazu beigetragen haben. Öffentliche Sprache muss nüchtern, vollständig und treffend sein – und selten genug, um gehört zu werden.

Der Einfluss Michel Rocards hat mich gelehrt, dem parler vrai, dem offenen und wahrhaftigen Sprechen möglichst nah an den Fakten und der Wirklichkeit, große Bedeutung beizumessen. Doch das offene Wort allein genügt nicht. Es braucht ebenso die Fähigkeit zuzuhören und eine aufrichtige, ruhige und direkte Ausdrucksweise, damit eine Verbindung entsteht, Bestand hat und mit ihr Vertrauen wächst. Ein Teil davon lässt sich erlernen und ist eine Frage der Methode. Im Kern aber kommt es auf die Persönlichkeit an. Und die Persönlichkeit einer politischen Führungskraft, ob Frau oder Mann, wird durch Kindheit und Ausbildung geprägt, durch die Beziehung zu anderen und durch die Fähigkeit, sich selbst infrage zu stellen.
Eine Krise des Vertrauens
Die demokratische Krise, die zahlreiche Länder durchleben, ist eine Vertrauenskrise – gegenüber den Institutionen ebenso wie gegenüber den gewählten Repräsentanten, die sie führen. Aus dem Ausland betrachtet empfinde ich dies besonders stark mit Blick auf Frankreich. Das Gefühl, nicht gehört zu werden, nichts zu zählen, verachtet, ignoriert oder von oben herab betrachtet zu werden, breitet sich auf gefährliche Weise aus und treibt Wähler zu den politischen Extremen, insbesondere zur extremen Rechten. Eine vertikale Machtausübung entfernt die Entscheidungen von den Menschen; eine widersprüchliche öffentliche Kommunikation erschwert jede Erklärung. Eine Regierung kann nicht, je nach Äußerung, zugleich nah und fern, aufmerksam und schroff, redselig und wortkarg sein. Man muss bereit sein zuzuhören, zu erklären und zu überzeugen.

In sechzehn Jahren hat Angela Merkel mit vier französischen Staatspräsidenten zusammengearbeitet. Sie wird sie kennengelernt haben. Aber haben umgekehrt auch sie verstanden, was ihren Erfolg ausmachte? Morgen wird sich für Angela Merkel und die Deutschen eine Seite wenden – aber auch für uns, so vertraut war uns ihre Gestalt über all die Jahre geworden. Bücher werden erscheinen, vielleicht auch von ihr selbst, um von diesem außergewöhnlichen Weg zu erzählen: von einer Frau aus dem Osten, die dorthin gelangte, wo niemand sie erwartet hatte – sie selbst eingeschlossen. Die Zeit des Zeugnisses wird wertvoll sein – für die Geschichte Deutschlands und Europas, aber auch für die Zukunft.
Das Buch „La vie d’après“ von Pierre-Yves Le Borgn’ ist am 16. Juni 2026 im Verlag Les 3 Colonnes erschienen. Es kann unter folgendem Link bestellt werden: Éditions Les 3 Colonnes, maison d’édition, éditions culturelles à Paris
Der Autor

Pierre-Yves Le Borgn’ war von 2012 bis 2017 Abgeordneter der im Ausland lebenden Franzosen und Vorsitzender der deutsch-französischen Parlamentariergruppe in der Nationalversammlung. Heute arbeitet er im Bereich der Energiewende und ist Präsident von Le Groupe Ouest, einem europäischen Coaching-Zentrum für Film- und Drehbuchschaffende. Er ist Absolvent von Sciences Po Paris und des Europakollegs in Brügge.
