Radsport:
Als Donald Trump die Tour de France überholen wollte

Zweimal ließ Donald Trump Ende der 1980er-Jahre ein Radrennen an der US-Ostküste veranstalten, das seinen Namen trug. Es sollte eine amerikanische Antwort auf die Tour de France werden. Mit dabei waren auch deutsche und französische Radsportler.
Radrennen werden für gewöhnlich nach Ländern, Regionen, Städten oder Firmen benannt. Doch ein Mann durchbrach diese Serie, und es ist wenig überraschend, dass dieser Eine den Namen Donald Trump trägt. Der Narzisst auf dem US-Präsidentenstuhl versuchte sich einst als Förderer des Radsports in den USA. Heraus kam dabei 1989 und 1990 eine, nun ja: Tour de Trump. Dem Namensgeber entsprechend war es ein Projekt, das als Tour de Wahnsinn und als Vorstufe zu etwas ganz Großem gedacht war – dem Überholen des Ansehens und des Prestiges der Tour de France, dem auch damals schon größten Radrennen der Welt.
Tour de Trump – was klingt wie Tour de Witz, war damals ein für den Milliardär passendes Investment, um sich, seine Unternehmen und seine Deals zu promoten. Und so schlug Trump sofort ein, als der TV-Kommentator und Unternehmer Billy Packer ihm die Idee vortrug, ein Radrennen zu sponsern. Als Name für das Projekt schlug Packer Tour de Trump vor, was der Finanzier mit Nachdruck goutierte.
250.000 Dollar für den Angriff auf die Tour de France
Ein Kirmesrennen wollte Packer gleichwohl nicht organisieren, sondern die Vorstufe zu einer Weltklassesupertour, wofür der Name Trump stehen sollte. Trump spielte passenderweise mit, er stellte sich unter seiner Trump-Speichenshow eine Elite-Veranstaltung vor, die Topstars hinter seinem Namen vereinen sollte. Die Ausschreibung klang tatsächlich verheißungsvoll: 250.000 Dollar Preisgeld, damals die zweithöchste Dotierung für ein Radrennen nach der Frankreich-Rundfahrt, zehn Etappen, 1345 Kilometer Gesamtdistanz, fünf Ostküstenstaaten waren Teil des ersten Parcours, Beginn der Veranstaltung sollte der 5. Mai 1989 sein. Für Radprofis war das allerdings ein heikler Termin, denn zeitgleich fanden der Giro d’Italia und damals auch noch die Spanien-Rundfahrt statt. Mindestens spanische und italienische Profis würden Trumps Tour deshalb fernbleiben.

Schließlich starteten 114 Fahrer aus 15 Ländern, verteilt auf acht Profi- und elf Amateurteams. Darunter war mit Sauna Diana eine Mannschaft aus den Niederlanden, die von einem Bordell gesponsert wurde. In der Startliste standen auch die damaligen US-Helden Greg LeMond und Andrew Hampsten, dazu der Mexikaner Raul Alcala sowie die niederländischen Stars Steven Rooks, Gert-Jan Theunisse und Henk Lubberding. Das US-Team Seven Eleven vereinte LeMond und Hampsten. Ein damals noch weitgehend unbekannter Westdeutscher gehörte ebenfalls zum Feld: Rolf Aldag. Der erst 20-Jährige war noch Amateur und stand ganz am Anfang einer Karriere, die ihn später zu einem der bekanntesten deutschen Radprofis machen sollte. Dass Aldag bei Trumps Rennen sportlich mithalten konnte, zeigte er auf der neunten Etappe in Baltimore. Bei dem Rundstreckenrennen durch die Innenstadt wurde er Dritter hinter dem US-Amerikaner Davis Phinney und dem Belgier Eric Vanderaerden.
Trump bringt den Radsport ins Fernsehen
Die Trump-Tour erregte sehr schnell großes Aufsehen in der US-Sportwelt. Das lag an Trumps Kontakten, die ihm halfen, sein Rennen populär zu machen. Nationale TV-Sender, überregionale und regionale Zeitungen berichteten vorab über das neue Radsport-Phänomen Tour de Trump. NBC Sports übertrug das Rennen live.
Der Start der ersten Etappe erfolgte in Albany im US-Bundesstaat New York. Auf Fotos von damals ist zu erkennen, dass Tausende Leute am Straßenrand dabei waren. Die erste Etappe gewann ein unbekannter US-Amerikaner namens Thomas Craven. LeMond enttäuschte zwar am Ende mit Gesamtrang 27, auch Hampsten blieb bei der Tour de Trump blass. Doch mit dem Norweger Dag Otto Lauritzen gewann ein Profi des Seven-Eleven-Teams. Unterstützt von publizistischer und finanzieller Wucht und dank der US-Stars LeMond und Hampsten entwickelte sich die Tour de Trump 1989 zum wichtigsten Radsport-Ereignis der USA. Über die Veranstaltung wurde weltweit berichtet.

Doch reibungslos kam Trump schon 1989 nicht davon. Bei der Zielankunft einer Etappe versammelten sich Anti-Trump-Demonstranten hinter den Absperrungen der Zielgerade in der Hippie-Universitätsstadt New Paltz, gelegen im US-Bundesstaat New York. Ein paar von ihnen kletterten auf das Dach eines Lastwagens und machten dort auf sich aufmerksam. Sie alle hielten Schilder in die Luft, auf denen unter anderem zu lesen war: „Stirb, Yuppie-Abschaum“; „Kampf dem Trumpismus“; „Hungrig? Friss die Reichen“ oder „Trump = Antichrist“. Für die Protestierenden war Trump ein Symbol für Gier und Exzess.
Eine 85-Meter-Yacht als Teil der Show
Ein Jahr später umfasste die zweite Auflage der Tour de Trump bereits 13 Etappen. Einer der Zielorte sollte nach dem Willen des Bürgermeisters und des Gouverneurs von Maryland diesmal Baltimore sein. Das aber konnte nur mit der Zustimmung des Pferderennbahn-Tycoons Joe de Francis gelingen, einem Mann mit großem politischem Einfluss. De Francis wollte die Show nur genehmigen, wenn Trump seine 85-Meter-Yacht „Trump Princess“ während des Rennens im Hafen von Baltimore präsentieren würde. Trump willigte ein. Baltimore war dabei. Nach der Etappe lud Trump die Teilnehmer der Rundfahrt auf sein Schiff ein.

Ein DDR-Olympiasieger bei Trump
1990 bekam die Tour de Trump auch aus deutscher Sicht eine besondere sporthistorische Note. Mit Olaf Ludwig nahm einer der größten Stars des DDR-Radsports teil. Der Olympiasieger von Seoul 1988 war zu Beginn des Jahres ins Profilager gewechselt und fuhr nun für das niederländische Team Panasonic-Sportlife. Ein Sportler, der seine größten Erfolge im staatlich organisierten DDR-Amateursport gefeiert hatte, verdiente sein Geld plötzlich als Profi im Westen – und trat ausgerechnet bei einem Radrennen an, das wie kaum ein anderes für die Selbstdarstellung eines amerikanischen Milliardärs stand.

Sportlich wurde Ludwig zu einem der herausragenden Fahrer der zweiten Tour de Trump. Er gewann drei Etappen und die Punktewertung. Allein am 4. Mai gewann er in Baltimore gleich zweimal: zunächst die Etappe von Wilmington zum Inner Harbor und anschließend ein weiteres Rennen in der Stadt. Die Gesamtwertung ging an Raul Alcala. Wenige Wochen später bestätigte Ludwig seine Weltklasse bei der Tour de France, wo er das Grüne Trikot der Punktewertung gewann. Trump ließ nach der zweiten Auflage wissen, dass er es auch mit dem Rennradfahren versuchen wolle, Begründung: „Schau dir die Körper der Profis an, beautiful.“
Ein Franzose beobachtet die Trump-Show
Mit dabei war 1989 und 1990 an der Ostküste der USA auch der Franzose Jean-Yves Plaisance, der das französische Amateur-Nationalteam als Coach begleitete. Er empfand die Tour de Trump „wie einen PR-Gag, aber nicht als ein Projekt für ambitionierte Radfahrer. Überall prangten Werbeplakate mit Trumps Gesicht: in Flugzeugen, auf Autos, an Hotelwänden. Sogar auf den Trikots der Führenden stand nur sein Name.“ Wenig überraschend ist, dass Trump damals laut Plaisance „auch im Start- und Zielbereich einiger Etappen allgegenwärtig war. Die Leute sprachen mehr über Donald Trump als über seine Tour.“

Die Werbe-Tour de Trump endete bereits nach der zweiten Auflage. Finanziell war Trumps Rennen nicht abgesichert, woraufhin sich der Namensgeber mit seinem Sponsoring zurückzog. Packer fand mit dem Chemie-Unternehmen DuPont einen neuen Geldgeber, mit dem die einstige Tour de Trump von 1991 bis 1996 überlebte. Trump hatte zu dieser Zeit längst den Spaß am Radsport verloren. Auf eine Rennmaschine wollte er sich auch nicht mehr setzen und schon gar nicht an einem Hobby-Rennen teilnehmen: „Niemals. Das kann ich versichern.“ Trump tauchte nach 1990 nicht mehr in der Welt des Radsports auf.
Der Autor

Stephan Klemm ist Historiker und Germanist. Er ist Buchautor, Lektor und freier Journalist, er schreibt unter anderem für Spiegel, Zeit, FAZ, NZZ und die deutsche Ausgabe der Sports Illustrated. Zur Frankreich-Rundfahrt hat er ein Standardwerk verfasst: Tour de France – kein Berg zu hoch, kein Weg zu weit. Es umfasst 600 Seiten.
