Rechtsextremismus:
Wenn Worte der Ausgrenzung den Weg bereiten

Worte sind niemals neutral. Olivier Mannoni, Übersetzer von Mein Kampf, analysiert, wie die Sprache der Ausgrenzung zunehmend Eingang in den politischen Diskurs Frankreichs und Deutschlands findet – und dabei schleichend die Grenzen des Sagbaren verschiebt.
Im Herbst 2026 hat eine bemerkenswerte Entwicklung die politische Landschaft Deutschlands verändert: Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist die extreme Rechte mit deutlichem Abstand stärkste Kraft geworden. Die AfD (Alternative für Deutschland) mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund erhielt mehr als 43 Prozent der Stimmen – ein spektakuläres und zugleich höchst beunruhigendes Ergebnis. Zwar ist keineswegs sicher, dass die Partei ohne politische Bündnispartner tatsächlich die Regierung übernehmen kann. Und Sachsen-Anhalt gehört zu jenen „neuen Bundesländern“, in denen sich die extreme Rechte seit dem Ende der DDR besonders rasch etabliert und an Einfluss gewonnen hat. Dennoch sind die Aussichten für das Land – und für ein politisch zutiefst instabiles Deutschland – alles andere als beruhigend.
Eine extreme Rechte ohne Hemmungen
Zunächst muss man sich vergegenwärtigen, wofür die AfD steht. Die 2013 gegründete Partei, deren Name als Antwort auf Angela Merkels Satz „Es gibt keine Alternative“ gedacht war, verband ihre Ablehnung der Europäischen Union schon bald mit fremdenfeindlichen und rassistischen Positionen. Zeitweise stand sie unter Beobachtung des deutschen Verfassungsschutzes; zudem steht sie im Verdacht, Kontakte zu neonazistischen Gruppierungen unterhalten zu haben. Das ging so weit, dass selbst der Rassemblement national (RN), der seit Jahren versucht, sich ein gemäßigteres Image zu geben, mit der AfD brach, seinem bisherigen Verbündeten in der Fraktion „Identität und Demokratie“ im Europäischen Parlament.

Die Äußerungen der deutschen Rechtsaußenpartei, ihre Versuche, die Verbrechen der SS zu relativieren, ihre prorussische Orientierung, die sie mit einem beträchtlichen Teil der europäischen extremen Rechten teilt, sowie ihre Fremdenfeindlichkeit und ihr Rassismus veranlassten Marine Le Pen schließlich zu der Feststellung, eine „Bewegung, die unter die Kontrolle ihres radikalsten Flügels geraten ist“, könne nicht länger als „verlässlicher und akzeptabler Verbündeter“ gelten (2024).
Hinter den Worten die Ideen
Die Website der AfD ist ein Musterbeispiel für jene sprachliche Verschiebung, die dazu beigetragen hat, dass die extreme Rechte in Europa in Umfragen Spitzenwerte erreicht und bei regionalen wie nationalen Wahlen beachtliche Erfolge erzielt. Bei der AfD wird man, ebenso wie beim RN und anderen Parteien dieser Strömung, in Reden und programmatischen Texten lange nach eindeutigen Aussagen über ihre eigentliche politische Ausrichtung suchen. Das beharrliche Bestreiten dieser Ausrichtung kann bisweilen geradezu surreale Züge annehmen – etwa wenn sich die AfD auf „die Revolutionen von 1848 und 1989“ (!) beruft, um ihren Willen zu bekunden, „unser Land im Geist von Freiheit und Demokratie grundlegend [zu] erneuern“ (Grundsatzprogramm der AfD, 2016).

Wüsste man nicht, welche Maßnahmen diese Partei überall dort vorschlägt und unterstützt, wo sie gewählt wird, könnte man ihre Äußerungen für die einer Partei der politischen Mitte oder einer gemäßigten linken Partei halten. Man braucht nur ein wenig weiterzulesen: „Wir wollen die Würde des Menschen, die Familie mit Kindern, unsere christlich-abendländische Kultur, unsere Sprache und Tradition in einem demokratischen und souveränen Nationalstaat des deutschen Volkes dauerhaft erhalten.“ Hier weicht die Allerweltsrhetorik den traditionellen Topoi der extremen Rechten: der traditionellen Familie (was die Vorsitzende der AfD nicht daran hindert, mit einer ausländischen Frau zusammenzuleben), der „christlich-abendländischen Kultur“, die man lieber nicht allzu genau definiert, und natürlich dem Begriff des ‚deutschen Volkes‘ – und man weiß, wohin dessen Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus geführt hat.
Wenn die Maske fällt
In der politischen Praxis macht diese Verschiebung des Diskurses selbst Bündnisse mit den radikalsten Kräften möglich, während sich ein fremdenfeindlicher, rassistischer und zutiefst reaktionärer Kern hinter dem Deckmantel eines opportunen „konservativen Liberalismus“ verbirgt. So hatte die AfD 2024 in Brandenburg keinerlei Bedenken, in mehreren Städten mit der offen neonazistischen Bewegung Die Heimat zu kooperieren. Darin kamen lediglich Tendenzen zum Ausdruck, die tief in der Partei verwurzelt sind und Alexander Gauland etwa 2018 dazu brachten, den Nationalsozialismus als bloßen „Vogelschiss“ in der ruhmreichen Geschichte Deutschlands abzutun, und den Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke dazu, das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ anzuprangern: „Bis heute ist unser Gemütszustand der eines total besiegten Volkes […] Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Wie zahlreiche Zeugnisse belegen, ist Rassismus in der Partei allgegenwärtig. So forderte der ehemalige Abgeordnete Holger Stienen etwa, für Ausländer „Konzentrationslager“ einzurichten, und erklärte, Deutschland brauche „für ein paar Jahre einen totalitären Staat alter Prägung, um mit dem Gesindel aufzuräumen“.
Wenn die Worte das Lager wechseln
Zwei Begriffe, die eine geradezu ideale Überleitung zur Lage in Frankreich liefern. 2005 nahm Nicolas Sarkozy, damals Innenminister, den Tod eines Kindes bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung zum Anlass für die Ankündigung, die Großwohnsiedlung Cité des 4000 in La Courneuve „mit dem Kärcher zu reinigen“ und ihre Bewohner von diesem „Gesindel“ (racaille) zu befreien. Die Äußerungen sorgten seinerzeit für erhebliches Aufsehen, doch genau das war beabsichtigt. Sie veranschaulichen die ganz bewusste Verschiebung der Sprache der sogenannten „republikanischen“ Rechten, die nach und nach auf die gesamte Gesellschaft übergegriffen hat.

Der Grundgedanke jeder auf demokratischen Prinzipien beruhenden Republik ist die gleiche Würde aller ihrer Bürger. Doch seit vierzig Jahren wird dieser Grundsatz mit Füßen getreten. Jean-Marie Le Pen bekannte sich 1996 offen zur „Ungleichheit der Rassen“: „Ich glaube an die Ungleichheit der Rassen, ja, natürlich; die gesamte Geschichte beweist es, sie besitzen weder dieselben Fähigkeiten noch denselben Stand der historischen Entwicklung …“ Hinzu kommt die Theorie vom „großen Austausch“, die lediglich eine Neuauflage jener Thesen darstellt, die Hitler im elften Kapitel des ersten Bandes von Mein Kampf entwickelte. Es folgen die rassistischen und hasserfüllten Äußerungen Éric Zemmours über unbegleitete minderjährige Migranten im September 2020 sowie die zahlreichen Hassbotschaften und rassistischen Äußerungen auf den Internetkonten von Kandidaten des RN bei den Parlamentswahlen 2024 und den Kommunalwahlen 2026.

Hinter der Fassade einer „patriotischen“ extremen Rechten verbirgt sich nicht selten das ideologische Erbe rassistischer und faschistoider Bewegungen, das bis in die 1930er-Jahre zurückreicht. Seit Charles Maurras oder Alfred Rosenberg hat sich nichts – oder beinahe nichts – geändert.
Die alten Worte kehren zurück
Nichts – außer dass diese Manipulation oder dieses Abdriften der Sprache in Deutschland, Frankreich und vielen anderen Ländern längst in den alltäglichen politischen Diskurs eingesickert ist. Nur ein Beispiel: Ist den Vertretern der traditionellen politischen Rechten auch nur einen Augenblick lang bewusst, dass sie alte, bis in die 1930er-Jahre zurückreichende Parolen aufgreifen, wenn sie unablässig gegen die „Sozialhilfeempfänger“ polemisieren, die angeblich unrechtmäßig von vermeintlich skandalös großzügigen Sozialleistungen profitieren? Und ist ihnen bewusst, dass jene vermeintlichen „Sozialhilfeempfänger“, die man damals als „Arbeitsscheue“ oder „Asoziale“ bezeichnete – eine Kategorie, zu der insbesondere auch Angehörige des fahrenden Volkes gezählt wurden –, im Nationalsozialismus aus der sogenannten „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen und schließlich in Konzentrationslager und Tötungsstätten verschleppt wurden?
Worte sind nicht neutral
Nichts liegt uns ferner, als der konservativen französischen Rechten Vernichtungsabsichten zu unterstellen. Doch eines sollte klar sein: Sprache ist kein chemisch neutrales Element, dessen Gebrauch folgenlos bliebe. Wer etwa den Rechtsstaat für „weder heilig noch unantastbar“ erklärt, wie es der damalige französische Innenminister Bruno Retailleau 2024 tat, wer Begriffe legitimiert, die Ausgrenzung rechtfertigen – etwa die Rede von „Einwanderern der dritten Generation“, als wäre die „ethnische“ Herkunft ein Makel, den man über Jahrhunderte hinweg mit sich tragen müsste –, oder wer, wie es der RN in Frankreich gerade angekündigt hat, ein Referendum über ein Verbot des Kopftuchs im öffentlichen Raum fordert (nicht aber der Kippa, der Soutane oder des Turbans), trägt dazu bei, schleichend die Vorstellung zu verbreiten, die gleiche Würde aller werde nicht länger von der demokratischen Republik garantiert – und öffnet damit Diskriminierung und Ausgrenzung die Tür.

Das ist eine gefährliche Entwicklung, und wir alle wissen, wohin sie führen kann, wenn sie eines Tages an Fahrt gewinnt. Wollen wir zu den wahren Werten Europas zurückfinden, zu denen der Aufklärung und der Menschlichkeit, müssen wir uns unsere seit viel zu langer Zeit entstellte politische Sprache wieder aneignen. Sonst wird das Schlimmste wieder möglich.
Der Autor

Olivier Mannoni ist Literaturübersetzer und Autor. In den vergangenen Jahren hat er mehrere Bücher zu diesem Themenkomplex veröffentlicht: Traduire Hitler (auf Deutsch von Nicola Denis, bei HarperCollins erschienen), Coulée brune und Retour aux souches (Éditions Héloïse d’Ormesson; die beiden erstgenannten Titel sind auch als Taschenbuch bei Flammarion/Champs erschienen). La Pensée piétinée. Pourquoi le fascisme écrase la culture erscheint am 8. Oktober im selben Verlag.
