Frankreich 2027:
Für die Linke ist jetzt ein gaullistischer Moment

Frankreich 2027: Für die Linke ist jetzt ein gaullistischer Moment
  • VeröffentlichtSeptember 22, 2026
Frankreichs Mitte-links sucht seinen Weg ins Wahljahr 2027. Pierre-Yves Le Borgn’ setzt auf ein republikanisches Bündnis über Parteigrenzen hinweg – ohne LFI
Frankreichs Mitte-links sucht seinen Weg ins Wahljahr 2027. Pierre-Yves Le Borgn’ setzt auf ein republikanisches Bündnis über Parteigrenzen hinweg – ohne LFI (Copyright: Alamy)

2027 geht es für Frankreich um mehr als einen Machtwechsel. Pierre-Yves Le Borgn’ fordert die Linke auf, parteipolitische Interessen zurückzustellen und Verantwortung für die Republik zu übernehmen. Für ihn ist ein gaullistischer Moment gekommen.

 

In sechs Monaten endet die Amtszeit von Emmanuel Macron. Dann sind die Franzosen aufgerufen, über seine Nachfolge im Élysée-Palast zu entscheiden. Die Wahl findet in einer für Frankreich äußerst schwierigen Lage statt: Die Wirtschaft schwächelt, die Staatsfinanzen sind tief in den roten Zahlen. Im April und Mai 2027 steht ein sozial und gesellschaftlich schwer angeschlagenes Land vor einer richtungsweisenden Entscheidung. Seit Jahrzehnten war eine Präsidentschaftswahl nicht mehr von solcher Bedeutung.

Wie kann Frankreich wieder neuen Schwung gewinnen? Das Land steht seit 2022 und erst recht seit Macrons Auflösung der Nationalversammlung 2024 ohne parlamentarische Mehrheit da. Wie lässt sich dem Gefühl von Abstieg, Unsicherheit und Angst begegnen, das Millionen Franzosen umtreibt? Wie kann neue Hoffnung entstehen, wie ein Weg aus der Krise aussehen, der Vertrauen schafft und das Land wieder zusammenführt? Wie lässt sich entschlossen regieren und ein politisches Projekt verwirklichen, das durch seine Ergebnisse überzeugt und allen zugutekommt? Darum geht es bei der Präsidentschaftswahl – und bei den Parlamentswahlen, die ihr aller Wahrscheinlichkeit nach folgen werden.

 

Eine Linke ohne Gewissheiten

Die Linke bereitet sich auf diese Wahlen vor. In der Geschichte der Fünften Republik hat sie dreimal die Präsidentschaft gewonnen: mit François Mitterrand 1981 und 1988, mit François Hollande 2012. Doch diese Erfolge liegen lange zurück. Politik und Parteibindung hatten damals einen anderen Stellenwert. Die Wähler hielten ihren politischen Lagern die Treue – eine Loyalität, die mit der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft und dem Wunsch, die etablierten Kräfte davonzujagen, weitgehend verschwunden ist.

 

Didier Eribon und sein Buch „Rückkehr nach Reims“: Darin beschreibt der französische Soziologe die Entfremdung der Arbeiterschicht von der Linken
Didier Eribon und sein Buch „Rückkehr nach Reims“: Darin beschreibt der französische Soziologe die Entfremdung der Arbeiterschicht von der Linken (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Arbeiter und Mittelschichten wählten einst links. Das ist heute nicht mehr der Fall. In den unteren sozialen Schichten findet heute vor allem der Rassemblement National (RN) Zuspruch. Aus unterschiedlichen Gründen hat die Linke versagt und viele ihrer Wähler enttäuscht. Sie hat sich auf eine Wählerbasis zurückgezogen, die im ersten Wahlgang bestenfalls 30 Prozent erreicht – weit entfernt von den mehr als 40 Prozent, die einst den Boden für die Wahlerfolge François Mitterrands und François Hollandes bereiteten.

Die Sozialistische Partei, lange Zeit das Rückgrat der Linken und ihre wichtigste Kraft auf dem Weg zur Macht, hat einen großen Teil ihrer Wählerschaft dauerhaft verloren. Die Linke selbst ist in verschiedene Lager zerfallen und hat sich in politischen Abenteuern, echten wie inszenierten Spaltungen sowie immer neuen oder längst überholten Streitigkeiten verzettelt.

 

Das Dilemma Mélenchon

Würden die Franzosen Ende September im ersten Wahlgang abstimmen, läge Marine Le Pen klar vorn, während Jean-Luc Mélenchon gute Aussichten auf den Einzug in die Stichwahl hätte. Ein Duell zwischen beiden wäre genau das Szenario, das sich der RN erhofft. Denn man kann im ersten Wahlgang ein starker Kandidat und in der Stichwahl ein denkbar schlechter sein. Darin liegt das ganze Dilemma der Linken.

Mit seinen Zuspitzungen, seiner Radikalität und seinen Obsessionen ist es Jean-Luc Mélenchon gelungen, eine stabile Anhängerschaft um sich zu scharen. In einer Stichwahl aber ließe sie sich kaum noch vergrößern. Mélenchon macht vielen Franzosen Angst. Gewalt, Hass, Autoritarismus und ein Klima des Antisemitismus stoßen beim Rest der Linken ebenso auf Ablehnung wie bei einer Mehrheit der Wähler. Wer Mélenchon wählt, mag damit durchaus politische Überzeugungen zum Ausdruck bringen; als Weg zur Macht aber führt diese Strategie in eine Sackgasse. Ein republikanischer Abwehrblock würde sich dann nicht um Mélenchon bilden, sondern um Marine Le Pen – mit dem Ziel, eine Machtübernahme der radikalen Linken zu verhindern.

 

Auch Deutschland nimmt Mélenchon immer wieder ins Visier. Sein Buch von 2015 steht für ein Narrativ, das bis heute nichts von seiner Schärfe verloren hat
Auch Deutschland nimmt Mélenchon immer wieder ins Visier. Sein Buch von 2015 steht für ein Narrativ, das bis heute nichts von seiner Schärfe verloren hat (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Die Wahrheit ist: Als parteipolitisches Lager kann die Linke die Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr nicht gewinnen. Dafür fehlt ihr schlicht die nötige Wählerbasis. Ihre Spaltungen schaden ihr ebenso wie die mangelnde Auseinandersetzung mit den Veränderungen des Landes, der französischen Gesellschaft und der Welt. Gewiss gibt es in ihren Reihen überzeugende Kandidaten wie Raphaël Glucksmann. Doch auch er muss sich den Unwägbarkeiten der sozialdemokratischen Vorwahl stellen, um die nötige Unterstützung für seine Kandidatur zu gewinnen. Die Grünen wiederum scheinen kein anderes Projekt zu haben, als den Spagat zwischen La France Insoumise und den Sozialisten zu versuchen. Die Kommunisten müssen bei der Präsidentschaftswahl ihre zwei Prozent holen, um nicht vollends in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. So gewinnt man keine Wahl.

Es entsteht der Eindruck, als redeten die Kandidaten vor allem miteinander und übereinander – viel und beinahe ununterbrochen –, statt sich an die Franzosen zu wenden, an ihre Sorgen, ihre Schwierigkeiten, an das wirkliche Leben. Die demonstrativ ausgetragenen Konflikte nähren Desinteresse, Wut und das Gefühl politischer Ohnmacht. Davon profitiert letztlich Jean-Luc Mélenchon – und so wird Marine Le Pen und der extremen Rechten der Weg zur Macht geebnet.

 

Ein republikanischer Raum

Doch auch wenn die Linke die Präsidentschaftswahl nicht gewinnen kann, kann sie dazu beitragen, das Szenario eines Sieges Marine Le Pens abzuwenden – eines Sieges mit dramatischen Folgen für Demokratie, Rechtsstaat und französische Wirtschaft. Zwischen Mitte-links und Mitte-rechts gibt es einen republikanischen Raum. Aus ihm muss die Kandidatin oder der Kandidat hervorgehen, der Jean-Luc Mélenchon im ersten Wahlgang hinter sich lässt und Marine Le Pen in der Stichwahl schlagen kann. Dafür braucht es im ersten Wahlgang rund 25 Prozent der Stimmen.

 

Raphaël Glucksmann bei der Rede zur Lage der Union im Europaparlament. Der Sozialdemokrat gilt als einer der aussichtsreichen Kandidaten der französischen Mitte-links für 2027
Raphaël Glucksmann bei der Rede zur Lage der Union im Europaparlament. Der Sozialdemokrat gilt als einer der aussichtsreichen Kandidaten der französischen Mitte-links für 2027 (Copyright: European Union 2026 – Source: EP)

 

Von der parteipolitisch organisierten Linken ist nicht zu erwarten, dass sie ein solches Szenario unterstützt. Wohl aber von jener Linken, die sich ihren Idealen, ihren Grundsätzen und der republikanischen Tradition verpflichtet fühlt – und von Millionen Wählern, die das Schlimmste fürchten. Von ihnen ist zu erwarten, dass sie mutig und verantwortungsbewusst handeln – ohne Parteiparole.

 

Der gaullistische Moment

Für die Linke ist die Zeit taktischer Manöver vorbei. Dies ist ein gaullistischer Moment. Man kann sich nicht von Frankreich und seiner Zukunft abwenden und hinnehmen, dass in der Stichwahl zwei Kandidaten gegeneinander antreten, die der Hass auf die Freiheit, die Ablehnung Europas und eines auf Recht gegründeten Friedens sowie die Faszination für autoritäre Regime, Diktatoren und die Feinde Frankreichs verbindet. In diesem republikanischen Raum muss die Stimme der Linken gehört und berücksichtigt werden – neben anderen politischen Strömungen. Die Linke steht für Bildung, für Laizität, für soziale, steuerliche, ökologische und generationelle Gerechtigkeit – und für geordnete Staatsfinanzen. Diese Themen dürfen nicht trennen. Im Gegenteil: Sie müssen in diesem Bündnis ihren Platz finden und vorangebracht werden.

Ein ernst gemeinter Zusammenschluss setzt voraus, dass die verschiedenen Kräfte miteinander und aufeinander zugehen. Die Aufrichtigkeit dieses Vorhabens wird seine größte Stärke sein. Für die Kandidaten dieses politischen Raums ist nicht mehr die Zeit, einander zu beobachten, taktisch zu rechnen und die eigenen Chancen abzuwägen. Es ist Zeit, über parteipolitische Kalküle hinauszugehen und sich auf eine Persönlichkeit, eine Kandidatur und ein politisches Projekt zu verständigen, das Frankreich in der kommenden fünfjährigen Amtszeit und Legislaturperiode wieder auf Kurs bringt.

 

Was kommt, wenn Emmanuel Macron im Mai 2027 die politische Bühne verlässt? Ein Sieg des Rassemblement National ist wahrscheinlicher geworden – entschieden ist die Wahl aber längst nicht
Was kommt, wenn Emmanuel Macron im Mai 2027 die politische Bühne verlässt? Ein Sieg des Rassemblement National ist wahrscheinlicher geworden – entschieden ist die Wahl aber längst nicht (Copyright: Alamy)

 

Die Linke muss Teil dieses Projekts sein – so wie sie es in den dunkelsten Stunden der Geschichte der Republik zu sein wusste. Jetzt ist es wieder so weit. Es geht um Frankreich und seine Zukunft. 2027 wird kein Wahljahr wie jedes andere sein. Was in diesem Herbst auf dem Spiel steht, ist von weitaus größerer Bedeutung. Die Wahl besteht zwischen Aufgeben, politischem Abenteuer und Niedergang auf der einen Seite – und dem Besten der Republik auf der anderen.

Wir als Linke sollten uns für die Republik und für Frankreich entscheiden.

 

Der Autor

Pierre-Yves Le Borgn’ (Copyright: Pierre-Yves Le Borgn’)
Pierre-Yves Le Borgn’ (Copyright: privat)

Pierre-Yves Le Borgn’ war von 2012 bis 2017 Abgeordneter der Auslandsfranzosen und Vorsitzender der deutsch-französischen Parlamentariergruppe. Er gehörte dem Auswärtigen Ausschuss und der Parlamentarischen Versammlung des Europarats an. Heute arbeitet er im Bereich der Energiewende sowie als Redakteur und Lehrender. Im Juni 2026 erschien sein Buch „La vie d’après“ im Verlag Les 3 Colonnes.

 

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