Freundschaft und Schuldabwehr:
Rechtsradikaler Händedruck über den Rhein

Freundschaft und Schuldabwehr: Rechtsradikaler Händedruck über den Rhein
  • VeröffentlichtSeptember 17, 2026
Die Ruinen von Oradour-sur-Glane. Das Massaker der Waffen-SS vom Juni 1944 wurde nach 1945 zum Bezugspunkt rechtsradikaler Geschichtspolitik in Deutschland und Frankreich
Die Ruinen von Oradour-sur-Glane. Das Massaker der Waffen-SS vom Juni 1944 wurde nach 1945 zum Bezugspunkt rechtsradikaler Geschichtspolitik in Deutschland und Frankreich (Copyright: Wikimedia Commons)

Nach 1945 entwarfen ehemalige Nationalsozialisten und Kollaborateure die Vision eines gemeinsamen Europas und versuchten zugleich, ihre Verantwortung abzuwehren, Kriegsverbrechen zu relativieren und die Erinnerung an den deutschen Widerstand und die französische Résistance umzudeuten.

 

Die deutsch-französische Annäherung nach 1945 hatte sehr unterschiedliche politische Träger. Eine eigene Vorstellung davon entwickelte die extreme Rechte. Zu ihren Stimmen in Frankreich gehörte Maurice Bardèche, Publizist, Holocaustleugner und Gründer der Zeitschrift Défense de l’Occident. In seinem programmatischen Artikel „Pourquoi nous combattons“ von 1953 beschwor er ein „kontinentales Europa“, das „notwendigerweise deutsch-französisch“ sein müsse. Voraussetzung dafür seien „völlige Loyalität und völlige rechtliche und tatsächliche Gleichheit zwischen Frankreich und Deutschland“. Dazu, so Bardèche, müsse auf beiden Seiten daran gearbeitet werden, „die schlechten Erinnerungen an den Krieg zu vergessen“ beziehungsweise „die schlimmen Kriegserinnerungen zu überwinden“, wie es in der rechtsradikalen Zeitschrift Nation Europa hieß, die den Artikel im August 1953 in Übersetzung abdruckte. Damit war Bardèche nicht allein.

 

Europa als gemeinsames Projekt

Ehemalige Kollaborateure und Nationalsozialisten warben in Zeitschriften und Büchern rechter Verlage für eine deutsch-französische Freundschaft. Ihre Initiative kam nicht aus dem Nichts. Bereits vor 1939 hatte es ideologischen Tourismus (pro-)faschistischer Journalisten und Schriftsteller ins Deutsche Reich und ins faschistische Italien gegeben. So verfasste etwa der französische nationalistische Schriftsteller Louis Bertrand 1936 Reisereportagen für die antisemitische Zeitschrift Je suis partout. Anknüpfungspunkte bot auch die intellektuelle Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs. An den Weimarer Dichtertreffen nahmen in den 1940er Jahren etwa die französischen Schriftsteller Robert Brasillach und Pierre Drieu La Rochelle teil.

 

Pierre Drieu la Rochelle (l.) und Robert Brasillach (r.) gehörten zu den bekanntesten französischen Intellektuellen der Kollaboration
Pierre Drieu la Rochelle (l.) und Robert Brasillach (r.) gehörten zu den bekanntesten französischen Intellektuellen der Kollaboration (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Nach 1945 zielten deutsche und französische Rechtsradikale darauf, Schuld abzuwehren und Kriegsverbrechen zu relativieren. Sie griffen die demokratische Nachkriegsordnung an, indem sie Résistance und Widerstand als „Heckenschützentum“ diffamierten, das sich „gegen das deutsch-französische Verhältnis“ richte (Nation Europa, November 1959). Damit kehrten sie die moralische Ordnung der Nachkriegszeit um: Aus dem Widerstand gegen Nationalsozialismus und Kollaboration wurde „Verrat“, während die Zusammenarbeit mit dem NS-Regime oder der Kampf auf deutscher Seite nachträglich als Ausdruck nationaler oder europäischer Loyalität erscheinen konnte. Besonders deutlich zeigte sich diese Umdeutung im Bild der Waffen-SS: An die Stelle von Schuld und Verbrechen traten soldatische Ehre und europäische Brüderlichkeit.

 

Paul Hausser (3. v. l.) mit weiteren SS-Führern bei Charkow 1943. Nach 1945 setzte er sich für die Rehabilitierung der Waffen-SS ein
Paul Hausser (3. v. l.) mit weiteren SS-Führern bei Charkow 1943. Nach 1945 setzte er sich für die Rehabilitierung der Waffen-SS ein (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Für diese Lesart warb auch der ehemalige Waffen-SS-General Paul Hausser. In seinem auflagenstarken Buch Waffen-SS im Einsatz. Soldaten wie andere auch (1953) stellte er ihre Angehörigen als gewöhnliche Soldaten dar. Die französische Zeitschrift Défense de l’Occident besprach das Buch positiv als Beitrag zur Kriegsschuldfrage. Dort erschien auch die in Deutschland verbotene Rede des Generals Hermann-Bernhard Ramcke vor Waffen-SS-Veteranen in Verden, in der er seinen Zuhörern versichert hatte, ihre Namen könnten künftig wieder mit Ehre verbunden werden.

 

Die Umkehr der Erinnerung

Ein weiteres Ziel war die Rehabilitierung ehemaliger Nationalsozialisten und Kollaborateure. Der Anwalt und Kollaborateur Friedrich Grimm propagierte in Generalamnestie als völkerrechtliches Postulat (1951) eine Generalamnestie, die als Ausdruck deutsch-französischer Freundschaft zu verstehen sei. Auch seine Thesen besprach Défense de l’Occident positiv. Maurice Bardèche wiederum gab 1965 ein Sonderheft heraus, das den „Crimes de guerre des alliés“ gegen die Deutschen gewidmet war. Für die Vertreibungen aus den Ostgebieten verwendete er den Begriff „Genozid“, den Raphael Lemkin 1944 geprägt hatte und der mit der UN-Genozidkonvention von 1948 zu einer völkerrechtlichen Kategorie wurde. Hier zeigt sich eine Strategie, die Rechtsradikale bis heute nutzen, um auf die Erinnerungskultur demokratischer Gesellschaften einzuwirken: Begriffe werden umgedeutet, um einen eigenen Opferstatus zu beanspruchen – wie beim Wort „Bombenholocaust“.

 

Maurice Bardèche (l.) und Friedrich Grimm warben nach 1945 für eine deutsch-französische Verständigung und die Rehabilitierung ehemaliger Nationalsozialisten und Kollaborateure
Maurice Bardèche (l.) und Friedrich Grimm warben nach 1945 für eine deutsch-französische Verständigung und die Rehabilitierung ehemaliger Nationalsozialisten und Kollaborateure (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Bardèche sprach sich für ein starkes und vereinigtes Deutschland und eine enge Zusammenarbeit der europäischen Nationalisten aus. Dass Frankreich nach 1945 weniger Gewicht hatte als 1939, betrauerte er zwar, versuchte aber darüber hinwegzukommen, indem er der Kollaboration retrospektiv einen europäischen Sinn verlieh. Die Kollaboration erhielt damit nachträglich eine europäische Bedeutung, verbunden mit Antisemitismus und einer gemeinsamen publizistischen Offensive gegen Résistance und Widerstand. Sein deutscher Verleger Karl Heinz Priester, der für ihn auch eine Vortragsreise durch deutsche Universitäten organisierte, gehörte wie Bardèche der Europäischen Sozialen Bewegung an. An diesem westeuropäischen Netzwerk beteiligten sich zahlreiche weitere Faschisten und ehemalige NS-Propagandisten, darunter der Schweizer Bardèche-Übersetzer Hans Oehler, Oswald Mosley, Chef der British Union of Fascists, und der Schwede Per Engdahl. Zu ihren Feindbildern gehörten westliche Demokratien, die Ankläger der Nürnberger Prozesse, die Vereinten Nationen und der israelische Staat. Bemühungen um eine juristische oder gesellschaftliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit erklärten sie zum Werk von „Berufshassern“.

 

Schuldabwehr als Programm: Das Sonderheft von Défense de l’Occident steht exemplarisch für die Umdeutung der Täter- zur Opfergeschichte
Schuldabwehr als Programm: Das Sonderheft von Défense de l’Occident steht exemplarisch für die Umdeutung der Täter- zur Opfergeschichte (Copyright: Wikimedia Commons)

 

In den 1950er und 1960er Jahren begünstigten die schleppende Aufarbeitung der Vergangenheit und der Antikommunismus solche Deutungen. Der Kalte Krieg stärkte antikommunistische Bündnisse in der Bundesrepublik und, wenn auch in geringerem Maße, in Frankreich – selbst wenn dabei antidemokratische Stimmen einbezogen wurden. Rechte Intellektuelle wie Thierry Maulnier konnten so die französische Kollaboration nachträglich in einen antikommunistischen Diskurs einordnen. In La face de Méduse du communisme (1951) verband Maulnier diese Deutung mit der Forderung nach einer Generalamnestie und relativierte damit die Verantwortung der Täter.

 

Ein „arabisches Oradour“

Besonders deutlich zeigt sich diese Geschichtspolitik am Umgang mit dem Massaker von Oradour-sur-Glane. Als 1953 in Bordeaux der Prozess gegen 21 Angehörige der Waffen-SS begann, bezeichnete Nation Europa ihn als „Schauprozess“ und beklagte die angebliche „Verewigung des Bruderhasses“. Die deutsche Verantwortung wurde dabei nicht geleugnet, sondern durch Verweise auf andere Verbrechen und angebliche deutsche Opfer relativiert.

Die französische Défense de l’Occident schwieg zum Prozess und richtete den Blick stattdessen auf das Massaker von Kibya, das sie als „arabisches Oradour“ bezeichnete. In der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1953 hatten israelische Streitkräfte das damals unter jordanischer Kontrolle stehende Dorf im Westjordanland angegriffen, zahlreiche Zivilisten getötet und Dutzende Häuser zerstört. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Aktion später als Verstoß gegen die Waffenstillstandsbestimmungen.

 

Ruinen in Kibya nach dem israelischen Angriff vom Oktober 1953. Das Massaker wurde kurz darauf Teil rechtsradikaler Erinnerungspolitik in Frankreich
Ruinen in Kibya nach dem israelischen Angriff vom Oktober 1953. Das Massaker wurde kurz darauf Teil rechtsradikaler Erinnerungspolitik in Frankreich (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Der Vergleich mit Oradour diente Défense de l’Occident dazu, deutsche Kriegsverbrechen mit anderen Gewalttaten gleichzusetzen und zugleich den israelischen Staat zum Feindbild zu machen. So entstand über nationale Grenzen hinweg ein gemeinsames Repertoire der Schuldabwehr, das über die Verteidigung ehemaliger deutscher Nationalsozialisten und französischer Kollaborateure hinausging.

 

Die Aussöhnung verändert die Fronten

Die Begegnung von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in Reims im Juli 1962 markierte die offizielle deutsch-französische Aussöhnung. Vor allem die anschließende Deutschlandreise de Gaulles nahmen deutsche und französische Nationalisten jedoch unterschiedlich auf. Maurice Bardèche und sein Umfeld verachteten de Gaulle weiterhin als Chef der Résistance und treibende Figur hinter der Épuration, während Nationalisten in der Bundesrepublik ihm nun einiges abgewinnen konnten. In Nation Europa hieß es anlässlich seines Besuchs, die „Aussöhnung mit Frankreich“ werde „von allen Deutschen begrüßt“ und de Gaulle betone nun einen gemeinsamen Weg.

Mit der offiziellen deutsch-französischen Aussöhnung verlor die rechtsradikale Variante der Freundschaft an Bedeutung. Die bestehenden Kontakte und Netzwerke blieben jedoch erhalten und sorgten auch in einer jüngeren Generation der radikalen Rechten für Ideentransfers. Die Abwehr der antifaschistischen Nachkriegsordnung trat zunehmend hinter andere Themen zurück. Bestehende Feindbilder wie die UNO wurden fortgeführt, während Einwanderung und ein Rassismus, der sich von den Lasten der Vergangenheit gelöst gab, stärker in den Vordergrund rückten.

 

Die Autorin

Marie Müller-Zetzsche (Copyright: privat)
Marie Müller-Zetzsche (Copyright: privat)

Marie Müller-Zetzsche ist Historikerin und Kulturwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten radikale Rechte, Erinnerungskultur und deutsch-französische Zeitgeschichte. 2026 erschien ihr Buch Erneuerung der alten Rechten über nationalistische und rassistische Diskurse in Deutschland und Frankreich.

 

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