Deutsch-französische Beziehungen:
Zwischen Macht und Verwundbarkeit

Deutsch-französische Beziehungen: Zwischen Macht und Verwundbarkeit
  • VeröffentlichtSeptember 30, 2026
Emmanuel Macron und Friedrich Merz beim deutsch-französischen Ministerrat im Juli 2026. Immer mehr Stimmen in Deutschland und Frankreich stellen die Verlässlichkeit des jeweils anderen infrage
Emmanuel Macron und Friedrich Merz beim deutsch-französischen Ministerrat im Juli 2026. Immer mehr Stimmen in Deutschland und Frankreich stellen die Verlässlichkeit des jeweils anderen infrage (Copyright: Alamy)

Deutschland und Frankreich zweifeln zunehmend an der Verlässlichkeit des jeweils anderen. Doch der Versuch, Abhängigkeiten zu verringern, könnte genau das schwächen, was ihre gemeinsame Macht ausmacht.

 

Zwischen Deutschland und Frankreich treten die politischen Differenzen seit einigen Jahren immer offener zutage. Ob Verteidigung, Energie, Handel, Industriepolitik oder das Verhältnis zu den USA: Kaum ein zentraler Bereich europäischer Politik scheint von den Meinungsverschiedenheiten ausgenommen. Entsprechend häufig werden diese Konflikte als Beleg für eine Krise der deutsch-französischen Beziehungen angeführt. Doch diese Diagnose greift zu kurz. Der Dissens ist keine Pathologie der deutsch-französischen Beziehungen, sondern gehört zu ihnen. Entscheidend war nie, unterschiedliche Interessen und Vorstellungen aufzuheben, sondern sie in Kompromisse zu übersetzen und damit europäische Handlungsfähigkeit zu ermöglichen. Das Problem liegt heute weniger im Vorhandensein von Differenzen als in der wachsenden Schwierigkeit, sie produktiv zu machen.

 

Zwei unvollständige Mächte

Über Jahrzehnte bildeten die deutsch-französischen Beziehungen das, was der Historiker Jacques Bariéty als „Vernunftehe“ bezeichnete. Ihre Wirksamkeit beruhte weniger auf einer klaren Rollenverteilung als auf dem Nebeneinander unterschiedlicher Formen von Macht.

Deutschland war zur wirtschaftlichen Schlüsselmacht aufgestiegen, zu jener „Zentralmacht Europas“, von der Hans-Peter Schwarz sprach. Doch der Zuwachs an Macht ging mit einer ausgeprägten Kultur der Zurückhaltung und Selbstbindung einher. Frankreich wiederum besaß militärische und diplomatische Ressourcen, die Deutschland nicht in vergleichbarer Weise zur Verfügung standen, hatte aber nicht dessen wirtschaftliches Gewicht. Gerade diese unterschiedlichen Formen von Macht – und ihre jeweiligen Grenzen – machten Deutschland und Frankreich zu unvollständigen Mächten. Keiner der beiden Staaten verfügte für sich genommen über sämtliche Ressourcen, um nationale Macht in europäische Macht zu überführen. Kooperation war deshalb nicht nur Ausdruck politischer Nähe, sondern auch eine Folge gegenseitiger Abhängigkeit.

Dass diese Abhängigkeit keineswegs mit politischer Übereinstimmung einherging, zeigt ein Blick in die Geschichte. Schon beim Élysée-Vertrag von 1963 traf de Gaulles Vorstellung eines stärker von den USA unabhängigen Europas auf die ausgeprägte transatlantische Orientierung der Bundesrepublik. Der Vertrag löste diesen Gegensatz nicht auf, schuf aber einen institutionellen Rahmen, um ihn in dauerhafte Zusammenarbeit zu überführen.

 

Ludwig Erhard und Charles de Gaulle: Unterschiedliche Vorstellungen über das Verhältnis zu den USA prägten die deutsch-französischen Beziehungen schon früh – ohne die Zusammenarbeit grundsätzlich infrage zu stellen
Ludwig Erhard und Charles de Gaulle: Unterschiedliche Vorstellungen über das Verhältnis zu den USA prägten die deutsch-französischen Beziehungen schon früh – ohne die Zusammenarbeit grundsätzlich infrage zu stellen (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Unter Giscard d’Estaing und Schmidt gelang es, unterschiedliche französische und deutsche wirtschafts- und währungspolitische Ausgangslagen im Europäischen Währungssystem zusammenzuführen. Die deutsche Wiedervereinigung wiederum warf in Frankreich erneut die Frage nach der deutschen Macht auf und ging mit einer weiteren Vertiefung der europäischen Integration einher. Entscheidend war also nicht die Abwesenheit von Differenzen, sondern die Fähigkeit, sie in europäische Kompromisse und gemeinsame Projekte zu überführen. Die wechselseitige Unvollständigkeit machte diese Zusammenarbeit notwendig. Sie besteht heute fort, doch die aus ihr erwachsende Abhängigkeit erscheint für viele immer weniger zwingend.

 

Die Veränderung der deutschen Macht

Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel auf deutscher Seite. Deutschland verfügt heute über erhebliche finanzielle Mittel für seine Verteidigung. Das ist für Europa zweifellos eine gute Nachricht. Zugleich verändert sich damit jedoch ein wesentliches Element des bisherigen deutsch-französischen Gleichgewichts: In dem Maße, in dem Deutschland zusätzliche militärische Handlungsmöglichkeiten gewinnt, kann auch das Bewusstsein der eigenen Abhängigkeit von Frankreich schwinden. Warum sollte man die Verzögerungen und Zwänge eines gemeinsamen Rüstungsprogramms akzeptieren, wenn man selbst über die Mittel verfügt, die eigenen Prioritäten festzulegen? Warum Abhängigkeiten organisieren, wenn die finanziellen Möglichkeiten es erlauben, sie zu verringern? Warum Fähigkeiten europäisieren, wenn eine nationale Lösung zugleich neue industrie- und beschäftigungspolitische Möglichkeiten eröffnet?

 

Das große gemeinsame Rüstungsprojekt FCAS ist gescheitert. Ein Rückschlag für Europas Streben nach mehr Autonomie
Das große gemeinsame Rüstungsprojekt FCAS ist gescheitert. Ein Rückschlag für Europas Streben nach mehr Autonomie (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Darin liegt ein bemerkenswertes Paradox. Lange Zeit galt die Begrenztheit deutscher Macht als ein Problem für Europa. Heute stellt sich zunehmend die umgekehrte Frage: Wie lässt sich der Zuwachs deutscher Macht so organisieren, dass daraus europäische Handlungsfähigkeit entsteht?

 

Die Grenzen französischer Macht

Auf französischer Seite verläuft die Entwicklung anders. Frankreich bleibt eine Mittelmacht mit globalen Ambitionen und besonderen Attributen. Doch seine Fähigkeit, diese Ressourcen in europäische Gestaltungsmacht zu übersetzen, nimmt ab. Staatsverschuldung, haushaltspolitische Zwänge und politische Fragmentierung begrenzen zunehmend seinen Handlungsspielraum. Paris formuliert weiterhin europäische Ambitionen, kann aber immer weniger die politischen Voraussetzungen für ihre Umsetzung schaffen.

In Frankreich nährt der Zuwachs deutscher Macht die Sorge vor einem neuen Ungleichgewicht. In Deutschland wiederum wird die politische Entwicklung Frankreichs zunehmend als Risiko wahrgenommen. Die Aussicht auf einen Sieg des Rassemblement National (RN) bei der Präsidentschaftswahl 2027 verstärkt diese Sorge. Dabei könnte gerade das, was heute als eine der wesentlichen Schwächen Frankreichs erscheint, im Falle eines politischen Bruchs zu einem stabilisierenden Faktor werden. Die Verschuldung wirkt wie ein Korsett. Eine dauerhafte Konfrontation mit Berlin und Brüssel könnte den Druck der Finanzmärkte erhöhen und die Refinanzierung Frankreichs weiter verteuern. Gerade die finanzielle Verwundbarkeit, die den französischen Handlungsspielraum heute einschränkt, könnte damit im Falle eines Sieges des RN die Möglichkeiten einer Abkehr von Europa begrenzen.

 

Frankreichs hohe Staatsverschuldung begrenzt den politischen Handlungsspielraum des Landes – auch in Brüssel
Frankreichs hohe Staatsverschuldung begrenzt den politischen Handlungsspielraum des Landes – auch in Brüssel (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Doch auch die umgekehrte Annahme verdient eine genauere Betrachtung: dass Deutschland, anders als Frankreich, auf Dauer politisch berechenbar bleibt. Die jüngsten Wahlerfolge der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellen diese Annahme jedoch zunehmend infrage. Politische Ungewissheit ist keineswegs auf Frankreich beschränkt.

 

Interdependenz gegen Misstrauen

Damit stellt sich die Frage, ob weniger wechselseitige Abhängigkeit tatsächlich mehr Sicherheit bedeutet. Denn Interdependenz ist nicht nur das Ergebnis von Vertrauen. Sie kann auch eine Versicherung gegen Misstrauen sein. Diese Logik reicht bis an die Anfänge der europäischen Integration zurück. Als Robert Schuman 1950 davon sprach, Europa werde durch „konkrete Tatsachen“ entstehen, die zunächst eine „Solidarität der Tat“ schaffen müssten, ging es gerade darum, nationale Interessen so miteinander zu verknüpfen, dass Zusammenarbeit nicht allein von politischem Vertrauen abhing. Interdependenz setzte Vertrauen also nicht voraus; sie sollte es ermöglichen und zugleich gegen seinen Verlust absichern.

 

Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon stellen die deutsch-französische Zusammenarbeit immer wieder infrage
Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon stellen die deutsch-französische Zusammenarbeit immer wieder infrage (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Gerade heute gewinnt dieser Gedanke neue Bedeutung, weil Abhängigkeit zunehmend mit Verwundbarkeit gleichgesetzt wird. Die Erfahrungen mit Russland, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten von China und die Unsicherheit über die langfristige Rolle der USA haben in Europa den Wunsch verstärkt, Abhängigkeiten zu verringern und die eigene Handlungsfähigkeit zu stärken. Doch daraus folgt nicht, dass jede Verringerung von Abhängigkeit auch mehr Handlungsspielraum schafft. Es macht einen grundlegenden Unterschied, ob Europa Abhängigkeiten von externen Mächten reduziert oder ob die europäischen Staaten ihre wechselseitigen Abhängigkeiten abbauen. Genau diese Unterscheidung ist für das deutsch-französische Verhältnis entscheidend. Wenn Paris und Berlin ihre Verwundbarkeit gegenüber dem jeweils anderen verringern, mögen sie dadurch national an Bewegungsfreiheit gewinnen. Damit schwächen sie jedoch jene Bindungen, die einen politischen Bruch erschweren und den Kompromiss notwendig machen.

 

Die europäische Funktion der Abhängigkeit

Die eigentliche Frage ist deshalb, wie sich unter diesen Bedingungen europäische Handlungsfähigkeit weiter ausbauen lässt. Sie stellt sich ausgerechnet in einem Moment, in dem die schwindende Verlässlichkeit der USA Europa vor die Notwendigkeit stellt, mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen – und damit auch mehr Deutsch-Französisch zu wagen. Ein deutsch-französischer Kompromiss kann heute zwar weniger selbstverständlich als früher einen europäischen Kompromiss vorwegnehmen. Doch daraus folgt nicht, dass Deutschland und Frankreich einander weniger brauchen. Im Gegenteil: Weniger wechselseitige Verwundbarkeit bedeutet am Ende weniger kollektive Macht. Mitten in der Ruhrkrise schrieb André Gide 1923: „Ganz Europa geht dem Untergang entgegen, wenn jedes europäische Land nur sein eigenes Heil gelten lässt.“ Ein Jahrhundert später hat diese Warnung nichts von ihrer Aktualität verloren.

 

Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und nicht die der Redaktion.

 

Der Autor

Landry Charrier (Copyright: privat)

Landry Charrier ist Absolvent des Collège des Hautes Études de l’Institut diplomatique in Paris, Mitglied der CNRS-Forschungseinheit SIRICE (Sorbonne Université, Paris) und Associate Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seit März 2023 ist er zudem Redaktionsleiter der deutsch-französischen Zeitschrift dokdoc.eu.

 

 

 

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