Deutsch-französische Beziehungen:
Die seltsame Gleichgültigkeit

Die deutsch-französische Freundschaft lebt von politischen Bekenntnissen, doch im Alltag wächst die Gleichgültigkeit.
Der Blick der Deutschen nach Westen hat sich eingetrübt. Im Saarland und im Rheinland schwächeln die traditionellen Relaisstationen der deutsch-französischen Beziehungen. Auch in Aachen wird es zunehmend schwierig, geeignete Kandidaten für den Karlspreis zu finden: Die Liste der bisherigen Preisträger ist inzwischen länger als die derer, die noch infrage kommen.
Mit dem Ukrainekrieg ist Deutschland in eine gefährliche europäische Mittellage zurückgekehrt. Die Mitte und der Osten des Kontinents gewinnen für Berlin an Bedeutung, während US-Präsident Trump die lange für sicher gehaltenen transatlantischen Verbindungen gekappt hat. Friedrich Merz, ein überzeugter Europäer und echter Frankreich-Freund, kommt kaum dazu, einer hypernervösen Öffentlichkeit die Bedeutung der deutsch-französischen Beziehungen vor Augen zu führen. Diese scheinen inzwischen auf Panzer- und Flugzeugprojekte mit einer Halbwertzeit von wenigen Wochen geschrumpft zu sein.
Dabei hat Emmanuel Macron vor allem während seiner ersten Amtszeit einen womöglich letzten großen Versuch unternommen, den deutsch-französischen Beziehungen eine neue Grundlage zu geben. Aus der Versöhnung, für die die großen Gesten der 1960er-Jahre stehen, sollte eine „alliance éternelle“ werden. Nie seit dem Zweiten Weltkrieg hatte Frankreich so viele Deutschlandkenner und Deutschlandfreunde für den Dialog mit den Deutschen mobilisiert. Doch in Deutschland nahm man sie kaum wahr. Gehör fanden sie erst recht nicht.
Verpasste Gelegenheiten
Wann gab es Gelegenheiten, den deutsch-französischen Beziehungen neuen Schwung zu geben – und warum wurden sie nicht genutzt? Angela Merkel bekam, als sie Adieu sagte, den emotional wohl stärksten Abschied im burgundischen Beaune, nicht im eigenen Land. „Mutti! Mutti!“, riefen die Franzosen, als sie mit Macron durch die Gassen ging. Warum nutzte sie diese Reise nicht zu einer Rede an die französischen Freunde?

Warum ließ Deutschland die Franzosen bei der Opération Serval Anfang Januar 2013 allein, als die Chance bestand, vor der Weltöffentlichkeit in Mali den Grundstein für eine deutsch-französische Waffenbrüderschaft zu legen? Irgendwann kamen die Deutschen dann doch – und blieben, als die Franzosen schon abgezogen waren. Eine strategische Debatte fand nicht statt. Unterdessen zerbricht die islamische Mitte des afrikanischen Kontinents und droht riesige Flüchtlingsbewegungen Richtung Europa freizusetzen.
Wo bleibt heute ein sichtbares Zeichen aus Berlin angesichts einer innenpolitischen Entwicklung beim Nachbarn, die Sorge bereiten muss? Und wenn die Politik es aus naheliegenden Gründen nicht vermag, wer schreibt eine Lettre à un ami français für das Feuilleton der FAZ? Die schon vor zwanzig Jahren beobachtete Banalisierung der deutsch-französischen Beziehungen hat inzwischen bedenkliche Ausmaße angenommen. Wie damals sind die offiziellen Beziehungen gut, wenn nicht sogar sehr gut – trotz des kleinen Beziehungsknicks mit der kapriziösen deutschen Außenministerin. Merz und Macron flüstern bei großen Konferenzen einander zu, ihre Umarmungen scheinen nicht gespielt. Doch die beiden Gesellschaften entfernen sich zunehmend voneinander. Die zahlreichen Initiativen, die etwa der Deutsch-Französische Bürgerfonds unterstützt, zeugen zwar von einem nach wie vor lebendigen zivilgesellschaftlichen Engagement, können diese Entwicklung aber offenbar nicht aufhalten.

Die Historikerin Corine Defrance hatte diese Entwicklung früh erkannt. Bereits 2007 sprach sie in einem Beitrag über die soziokulturellen Beziehungen zwischen beiden Ländern mit Blick auf das vorangegangene Jahrzehnt von einer „freundschaftlichen Gleichgültigkeit im bilateralen Verhältnis“. Genau so habe ich die Atmosphäre am 23. Januar 2003 in Berlin erlebt, als Jacques Chirac und Gerhard Schröder die französische Botschaft einweihten und von einem Fernsehtermin zum nächsten eilten. In den Empfangsräumen standen hier und da ältere, mitunter sehr alte Männer, die sich im Laufe ihres Lebens um die deutsch-französischen Beziehungen verdient gemacht hatten. Niemand kümmerte sich um sie.
Von der gelebten Freundschaft zur wachsenden Distanz
Zwanzig Jahre zuvor, zu Zeiten von Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing, habe ich solche Begegnungen noch ganz anders erlebt. Sie waren Hochämter einer gelebten Freundschaft. Gewiss lagen den Männerfreundschaften dieser Jahre auch taktische Gesichtspunkte zugrunde, bei den Alten die Kriegserinnerungen. Aber die Impulse, die vom Élysée und vom Bundeskanzleramt in die Gesellschaften hineingetragen wurden, verbanden politische mit pädagogischen Überzeugungen: keine „re-education“, sondern „éducation européenne“. (Noch heute bin ich stolz darauf, dass es mir gelang, dem Bundeskanzler die Landser-Zote auszutreiben: „Das einzige Wort, das ich auf Französisch kann, ist ‚Moulin Rouge‘.“)

Die Grundregel, wonach die deutsch-französische Zusammenarbeit der täglichen Pflege, des unablässigen Ringens um den Kompromiss bedarf, wird jedoch nicht mehr beachtet. Die Verbindung zwischen dem Führungsfahrzeug und der Kolonne ist abgerissen. Während die Zeitungen beider Länder in den 1970er-Jahren noch viele gemeinsame Themen hatten, beschäftigen sie sich heute zunehmend mit unterschiedlichen Fragen. Vor allem die deutsche Geschichtserzählung verändert sich unter dem Eindruck der Migration der vergangenen Jahrzehnte. Neue gesellschaftliche Gruppen bringen ihre eigenen historischen Erfahrungen und Perspektiven in die öffentliche Erinnerungskultur ein. Damit verschieben sich auch die Themen und Bezugspunkte gesellschaftlicher Debatten.
Wenn die Vermittler verschwinden
Wie konnte es zu dieser Gleichgültigkeit kommen? Zwei Generationen, die für die deutsch-französischen Beziehungen entscheidend waren, sind inzwischen verschwunden oder im Begriff zu verschwinden: die Adenauer-Generation und die große Generation der Vermittler, die zwischen 1944 und 1949 geboren wurden. Letztere machten die deutsch-französische Freundschaft zu ihrer persönlichen Angelegenheit – durch die Berufswahl, die Wahl des Lebenspartners oder die Entscheidung, sich diesseits oder jenseits des Rheins niederzulassen. Beide Mittlergruppen waren vom Krieg und durch die Berichte von einer andauernden Feindschaft geprägt und handelten entsprechend. Jenseits des Rheins fanden sich genügend Partner und Mitspieler. Aber die französische Bevölkerung fremdelt bis heute mit dem Nachbarland. Selten kommen meine französischen Freunde nach Bonn oder nach Berlin.

Rückblickend scheint der Bruch um die Jahrtausendwende eingetreten zu sein. Die Gründe liegen vor allem in den weltpolitischen Umbrüchen, im schwindenden Einfluss Europas, in den technischen Entwicklungen, die unsere Aufmerksamkeit immer stärker beanspruchen, und in den nachlassenden Fremdsprachenkenntnissen. All das hat die deutsch-französischen Beziehungen banalisiert. Die einst so vielgestaltige Landschaft ist zu einer eintönigen Ebene geworden. In Deutschland hat das Interesse an der kulturellen Opulenz des Nachbarlandes nachgelassen.
Die Bundesrepublik fremdelt zudem mit der Hauptstadt, die die Krawatte abgelegt hat, sich schlecht kleidet und lieber Bäume pflanzen als interessante Bauten errichten möchte. Frankreich hingegen lässt seine Hauptstadt strahlen, scheint aber noch stärker als Deutschland mit sich selbst beschäftigt zu sein. Das Land, das sich in seinem Hexagon behaglich eingerichtet hat, ist des Wettbewerbs mit anderen Industrienationen müde geworden. Es möchte die Folgen der Globalisierung abmildern und ringt zugleich stärker als Deutschland um seine Identität. Das koloniale Erbe und die längere Einwanderungsgeschichte Frankreichs mit all ihren Folgen wiegen zusätzlich schwer.
Wer hält die Freundschaft am Leben?
Für die deutsch-französischen Beziehungen heißt dies, dass die Zukunft offen ist, erschreckend offen. Die Versuchung wird groß sein, auf alte Feindbilder zurückzugreifen. Wo Wissen fehlt oder verloren gegangen ist, kommt es nun mehr denn je auf aktive Gestaltung durch die Politik an. Die Medien haben eine große Verantwortung, und sie werden ihr glücklicherweise (bislang) gerecht. Mit Wolfgang Schäuble hat Emmanuel Macron seinen besten deutschen Freund verloren. Wer wird ihm folgen?
Der Autor

Jochen Thies studierte Romanistik, Geschichte und Politische Wissenschaft. Er war Redenschreiber von Bundeskanzler Helmut Schmidt, Ressortleiter Außenpolitik der Tageszeitung Die Welt und Chefredakteur der Fachzeitschrift Europa-Archiv/Internationale Politik. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter Familienbiografien der Bismarcks, der Moltkes und der Dohnanyis, zuletzt eine Geschichte der Hugenotten. Jochen Thies lebt als Publizist in Berlin.
