Hugenotten:
Das vergessene Band zwischen Deutschland und Frankreich

  • VeröffentlichtOktober 20, 2026
Willkommen in Brandenburg. Nach ihrer Flucht aus Frankreich fanden Zehntausende Hugenotten in deutschen Territorien Zuflucht. Das Gemälde von Hugo Vogel entstand 1885, zweihundert Jahre nach der Aufhebung des Edikts von Nantes
Willkommen in Brandenburg. Nach ihrer Flucht aus Frankreich fanden Zehntausende Hugenotten in deutschen Territorien Zuflucht. Das Gemälde von Hugo Vogel entstand 1885, zweihundert Jahre nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (Copyright: Wikimedia Commons)

Die Hugenotten prägten Deutschland und Frankreich. Doch ihr gemeinsames Erbe gerät in Vergessenheit. Jochen Thies plädiert dafür, es neu zu entdecken.

 

Die Protestanten stellen in Frankreich ein starkes gesellschaftliches Veränderungspotential dar. Aber es sollte 300 Jahre dauern, bis sich der sozialistische Präsident François Mitterrand zu einer großen Geste für die Nachfahren der Hugenotten ansetzte. Zum 300. Jahrestag der Aufhebung des Edikts von Nantes erinnerte er 1985 ausdrücklich an Verfolgung und Exil der französischen Protestanten und würdigte ihren Beitrag zur Geschichte Frankreichs und seiner Nachbarländer. Die Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes hatte die Hugenotten 1685 heimatlos gemacht, die Pforten zur massenhaften Vertreibung in Zeiten von Louis XIV. geöffnet. 200 000 Menschen flüchteten damals ins Ausland, 40-50 000 von ihnen in die deutschen Territorien.

Tatsächlich hat die Korrektur eines großen historischen Irrwegs früher eingesetzt, schon in den Tagen der Französischen Revolution und in den 1870er Jahren, als viele reformorientierte Hugenotten als Lehrer, Juristen, Verwaltungsfachleute und Parlamentarier den Weg in die Gesellschaft zurückfanden. Der Frauenanteil in ihren Reihen war hoch. Heute stellen die Nachfahren der Hugenotten Schätzungen zufolge etwa 1,8 Prozent der Bevölkerung, 4 Prozent geben an, dem französischen Protestantismus nahezustehen. Ihr tatsächlicher Einfluss ist höher. Sie stellen einen schwer zu beziffernden Stabilitätsfaktor dar.

 

Ein gemeinsames Erbe

Auf deutscher Seite steht ihnen schätzungsweise etwa eine Million Menschen gegenüber, die Nachfahren jener französischen Hugenotten, die 1685 nach Osten gingen, hauptsächlich nach Preußen. Das heutige Berlin wäre ohne seinen Hugenotten-Anteil nicht denkbar. Aber weder die deutsche Hauptstadt noch der Osten des Landes, der viele Flüchtlinge aufnahm, machen etwas aus dem Erbe. Hin und wieder flackert eine Verbindung zur Zeit der Vorfahren auf, in Namen wie de Maizière oder Bouffier. Thomas de Maizière war Bundesinnenminister, sein Cousin Lothar letzter Ministerpräsident der DDR, Volker Bouffier Ministerpräsident von Hessen, dem zweiten wichtigen Aufnahmeland nach Preußen.

 

Ein Angebot an die Verfolgten. Mit dem Edikt von Potsdam gewährte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm 1685 den französischen Glaubensflüchtlingen Aufnahme in Brandenburg
Ein Angebot an die Verfolgten. Mit dem Edikt von Potsdam gewährte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm 1685 den französischen Glaubensflüchtlingen Aufnahme in Brandenburg (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Die Zeichen der Zeit stehen insgesamt nicht gut. Der Anteil der Schüler, die in Deutschland Französisch lernen, nimmt rasant ab. In Frankreich ist die Tendenz, was die deutsche Sprache betrifft, ähnlich. Noch dramatischer ist die Lage in den wenigen Einrichtungen, die an die Hugenotten erinnern. Nur der Französische Dom in Berlin mit seinem Hugenottenmuseum macht da eine Ausnahme, ein Glanzpunkt. Die Deutsche Hugenotten-Gesellschaft verteilt sich auf zwei kleine Zentren in der deutschen Provinz. Es ist nur noch eine Frage weniger Jahre, bis das Häuflein der Pfarrer, Idealisten und Ehrenamtlichen in ihren Reihen nicht mehr existieren wird. Die noch immer mitgliederstarke Evangelische Kirche, in der die Reformierten eine Minderheit bilden, ist mit sich selbst beschäftigt und streicht ihnen die Mittel.

 

Erinnerung mit Lücken

In Frankreich gibt es hingegen seit den Zeiten Mitterrands einen protestantischen Radiosender und in Paris seit 2003 das virtuelle « Musée du Protestantisme. » Hinzu kommen die Welt-Hugenottentreffen. Damit signalisiert Frankreich, dass es sich dem lange Zeit verdrängten Thema stellt und bereit ist, die Deutungshoheit zu übernehmen. Es hat hier eine Doppelfunktion, als Auslöser eines Vorgangs, der 1685 große Teile der damaligen Welt erfasste, aber Frankreich in kriegerischen Zeiten auch mit Deutschland zusammenbrachte. Gewiss sind die globalen Aspekte beim Thema „Hugenotten“ für Paris reizvoller, weil eher folkloristisch und damit politisch harmlos. Aber die Besonderheit und die einmalige Chance für die deutsch-französische Zusammenarbeit besteht doch darin, dass dieses Kapitel der Geschichte diese beiden Nationen existentiell betrifft. Vielleicht ist dies eine spezifisch deutsche Sichtweise, die mit der nationalen Geschichte, mit der deutschen Kleinstaaterei zu tun hat. Aber nach den fast vergessenen brüderlichen Eiden von Strasbourg im Jahre 842 kommt es einer zweiten Begründung und Verpflichtung für eine besonders enge Zusammenarbeit nahe. Deutsche und Franzosen sind Sprösslinge vom gleichen Stamm, ihre Beziehung beginnt nicht erst mit dem Wangenkuss von de Gaulle und Adenauer. Eine starke europäische Institution mit einem erweiterten deutsch-französischen Nukleus in Straßburg hat von daher große Bedeutung. Frankreich empfindet hier richtig, weil historisch und sperrt sich gegen den Umzug der europäischen Institutionen nach Brüssel.

 

Ein Stück französischer Geschichte mitten in Berlin. Der Französische Dom am Gendarmenmarkt erinnert an die Hugenotten, die nach ihrer Flucht aus Frankreich in Brandenburg eine neue Heimat fanden. Heute beherbergt er das Hugenottenmuseum
Ein Stück französischer Geschichte mitten in Berlin. Der Französische Dom am Gendarmenmarkt erinnert an die Hugenotten, die nach ihrer Flucht aus Frankreich in Brandenburg eine neue Heimat fanden. Heute beherbergt er das Hugenottenmuseum (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Im Aachener Vertrag vom 22. Januar 2019 haben Deutschland und Frankreich vereinbart, ihre Beziehungen auszubauen und zu vertiefen. Kapitel 3 dieses Vertrages widmet sich Kultur, Bildung, Forschung und Mobilität. In Artikel 9 ist von der Schaffung eines gemeinsamen Kultur- und Medienraums die Rede. Hier böten sich, wie auch im Artikel 10 des Vertragswerks, genügend Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung des hugenottischen Erbes. Wie vor 300 Jahren hat das Thema „Migration“ einen besonderen Stellenwert. Was lässt sich aus den historischen Erfahrungen beider Länder lernen? Ist den Bruderländern klar, dass zu dieser Zeit – einer äußerst kriegerischen Epoche – die Voraussetzungen für die heutige Zusammenarbeit geschaffen wurden? Auch das Deutsch-Französische Jugendwerk ließe sich in diese Richtung aktivieren, zum Beispiel als Herausgeber eines deutsch-französischen „Qui est qui?“ oder als Organisator von Themenreisen. In einem solchen Kompendium ließen sich die Nachfahren von Migranten aufführen, die Frankreich in Richtung Deutschland verließen, sowie die Namen von Deutschen, die in entgegengesetzter Richtung gingen. Es muss zu erheblichen Teilen eine binationale Geschichte bleiben.

 

Chancen für die Zusammenarbeit

Auf der Ebene der deutschen Bundesländer bietet sich eine zweite Chance, die Westorientierung der Bundesrepublik über das Hugenotten-Thema im Osten des Landes fassbar und populär zu machen. Die DDR hat dieses Erbe ziemlich stiefmütterlich behandelt, obwohl ein Gutteil der alten hugenottischen Siedlungsgebiete auf ihrem Staatsgebiet lag. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass die Erinnerung an die Hugenotten im Osten durchaus noch vorhanden ist. Man könnte sie stärken: durch eine Verlängerung des Hugenotten-Waldenser-Pfades nach Norden und Osten, durch finanzielle Zuwendungen für Erinnerungsorte, die es schon jetzt oder seit 1990 wieder gibt.

 

Französische Spuren im Berliner Nordosten. Der Ortsteil Französisch Buchholz verdankt seinen Namen den Hugenotten, die sich hier nach 1685 ansiedelten
Französische Spuren im Berliner Nordosten. Der Ortsteil Französisch Buchholz verdankt seinen Namen den Hugenotten, die sich hier nach 1685 ansiedelten (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Das Beispiel Französisch Buchholz im Osten Berlins ist ein Beleg für das, was möglich ist. Reisen und Vorträge, die Unterstützung von Forschungsvorhaben und Büchern könnten das Interesse der Menschen an Frankreich wecken. Der Autor hat damit beste Erfahrungen gemacht, die Unterstützung der Ämter in der Uckermark war bemerkenswert. Auch Berlin ist wegen seines reichen französischen Erbes gefragt. Die Zivilgesellschaft der Hauptstadt mit ihrem Französischen Gymnasium – der ältesten Auslandsschule Frankreichs – könnte sehr viel mehr leisten als gegenwärtig.

 

Eine Partnerschaft, die gepflegt werden muss

Man kann somit die Pflege des hugenottischen Erbes als Teil der deutsch-französischen Zusammenarbeit verstehen, quasi als Ankerwährung. Denn es ist keineswegs ausgemacht, dass die deutsch-französischen Beziehungen über die Zeiten so stabil bleiben, wie man von ihnen annimmt. Der französische Staatspräsident Macron hat sich dazu immer wieder geäußert, zuletzt in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen am 2. Oktober 2025 anlässlich des deutschen Nationalfeiertages: „Die deutsch-französische Partnerschaft ist eine schöne Geschichte, weil sie nichts Selbstverständliches ist. Diejenigen, die glauben, dass sie Routine ist, irren sich. Es sind keine tiefgreifenden Kräfte, die uns verbinden. Diese Partnerschaft muss ständig neu erfunden werden. Ich glaube fest an die europäische Idee, an das Projekt des Friedens, des Wohlstands und der Demokratie auf unserem Kontinent. Ich denke, dass es auf die deutsch-französische Beziehung gründet.“ Macron hätte hinzufügen können, dass es in der Geschichte der beiden Länder eine Reihe von Anknüpfungspunkten gibt, einer der stärksten ist das hugenottische Band, das Frankreich und Deutschland vereint.

 

Ein Symbol des hugenottischen Erbes. Der Hugenotten-Pelikan in Berlin erinnert an die französischen Glaubensflüchtlinge und ihre Nachfahren. Ihre Geschichte verbindet Deutschland und Frankreich bis heute
Ein Symbol des hugenottischen Erbes. Der Hugenotten-Pelikan in Berlin erinnert an die französischen Glaubensflüchtlinge und ihre Nachfahren. Ihre Geschichte verbindet Deutschland und Frankreich bis heute (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Übrigens amtiert seit 2025 mit Friedrich Merz ein Bundeskanzler in Deutschland, dessen Familie mütterlicherseits hugenottische Wurzeln hat.

 

Keine Selbstverständlichkeit

Auf kulturelle Themen ist Frankreich immer ansprechbar, auch in politisch kritischeren Zeiten. Wer kann dies ausschließen? Es gilt also, sich für das Erbe der Hugenotten einzusetzen. Denn es existiert ein reicher Erfahrungsschatz – z. B. für das Thema Migration – und als Material für eine große Erzählung. Die Erinnerung an eine Zeit der Selbstbehauptung bei gleichzeitiger Fortschreibung von Einstellungen, die sich historisch bewährt haben, von Glauben, Mut und Konsequenz des Handelns, sind ein Wert an sich. Sie haben Strahlkraft. Mögen Frankreich und Deutschland sie nutzen.

 

Der Autor

Copyright: Jochen Thies

Jochen Thies studierte Romanistik, Geschichte und Politische Wissenschaft. Er war Redenschreiber von Bundeskanzler Helmut Schmidt, Ressortleiter Außenpolitik der Tageszeitung Die Welt und Chefredakteur der Fachzeitschrift Europa-Archiv/ Internationale Politik. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter Familienbiografien der Bismarcks, der Moltkes und der Dohnanyis, zuletzt eine Geschichte der Hugenotten. Jochen Thies lebt als Publizist in Berlin.

 

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