Musik:
„Chanson ist in Frankreich wirklich Kulturgut“

  • VeröffentlichtJuni 9, 2026
eine singende Person und eine Person mit Akkordeon auf der Straße
Chansons gehören zum festen Repertoire vieler Amateurmusiker – wie hier bei der Fête de la Musique in Paris (Copyright: Alamy)

Ein Sänger als Gesicht Frankreichs? In Frankreich ist das keine Übertreibung. Chansons haben das Land geprägt wie kaum eine andere Kunstform. Von Édith Piaf über Barbara bis Aya Nakamura erzählen sie von Frankreichs Träumen, Konflikten und Veränderungen.

 

Andreas Noll: Herr Sator, Sie sind dpa-Korrespondent in Rom. Ihr neues Buch heißt „La vie en rose – Frankreich in 100 Chansons“. Das ist auf den ersten Blick überraschend. Was hat Sie in Italien dazu gebracht, sich so intensiv mit der französischen Musikgeschichte zu beschäftigen?

 

Christoph Sator: Dafür gibt es zwei Gründe – einen allgemeinen und einen persönlichen. Zum einen hören wir ständig, wie eng Deutschland und Frankreich miteinander zusammenarbeiten. Wie der deutsch-französische Motor Europa in Schwung hält. Ich bin mir nicht sicher, ob das noch so stimmt. Gewiss gibt es Bereiche, in denen das gilt, auch in der Kultur: Französisches Kino wird bei uns stark wahrgenommen, Literatur auch. Was oft unter der Wahrnehmungsschwelle bleibt, ist die Musik. Wir kennen Klassiker wie „La vie en rose“ oder „Les Feuilles mortes“, einige Hits aus den 80ern und 90ern wie „Ella elle l’a“.

 

Cover des Buchs "La vie en rose – Frankreich in 100 Chansons"
Buchcover „La vie en rose – Frankreich in 100 Chansons“ (Copyright: Kiepenheuer & Witsch)

 

Aber da gibt es ja viel, viel mehr. Das Buch ist also der Versuch, einige Chansons aus der Vergessenheit zu holen und anderen zur Entdeckung zu verhelfen – egal, ob neu oder alt. Auch damit wir mehr haben, das uns tatsächlich verbindet. Umgekehrt gilt das übrigens auch: Mit dem Namen Herbert Grönemeyer können in Frankreich nicht viele Leute etwas anfangen.

 

Noll: Und der persönliche?

 

Sator: Ich bin nahe der Grenze aufgewachsen, meine erste Fremdsprache war Französisch. Ich habe in Frankreich studiert, in Aix-en-Provence, und dort in einer WG mit Franzosen gewohnt. Unser Vermieter hat uns einen alten Plattenspieler und einige Platten zurückgelassen. Damit begann das so richtig. Wir haben Partys gemacht: Gitarre gespielt, gesungen – Franzosen sind sehr textsicher – und viel getanzt: Rita Mitsouko, France Gall und vieles mehr. Später war ich lange als Auslandskorrespondent in Paris, da kam einiges an Liedern hinzu. Und bis heute kehre ich immer wieder gern zurück und höre mich dann auch durch. Das lässt einen nicht mehr los.

 

 

 

Noll: Was macht französische Musik aus?

 

Sator: Ich finde sie oft origineller. Vor allem englischsprachige Popmusik – besonders aus den USA – ist heutzutage doch stark durchoptimiert und sehr auf Verkauf ausgerichtet. Das sind Superproduktionen, aber es fehlt dann oft an Seele. Das haben sich die Franzosen besser bewahrt. Ein Lied wie „Je veux“ zum Beispiel von Zaz gäbe es aus den USA nie. Und oft erzählen die Chansons auch tolle Geschichten. Und das kann mit dem Buch ausgezeichnet auch: Geschichten erzählen, über Frankreich, über die Franzosen, über ihre Musik. Ein bisschen anders als man das gewohnt ist.

 

Noll: Ist der französische Umgang mit Musik also weniger kritisch als ein kulturell selbstverständlicher?

 

Sator: In Frankreich ist man tatsächlich ständig von Musik umgeben. Auch durch die vielen Radios, die Chansons spielen, wie Radio Nostalgie. Aber man hört sie auch im Café, auf Festen. Man redet auch viel darüber. Chansons sind wirklich Kulturgut. Alle paar Jahre gibt es einen Kinoerfolg, der aus Chansons zusammengebaut wird wie „Das Leben ist ein Chanson“. Auch einzelne Lieder sind Grundlage für Filme geworden, etwa „Le premier Jour du reste de ta vie“ von Étienne Daho. Und die Karrieren von Édith Piaf, Charles Aznavour oder Serge Gainsbourg wurden gleich mehrfach verfilmt.

 

 

 

Noll: Apropos Édith Piaf: Ist sie aus Ihrer Sicht noch immer die zentrale Referenzfigur des französischen Chansons?

 

Sator: Piaf ist immer noch sehr prominent. Auf TikTok boomen gerade Videos, auf denen „La Vie en rose“ im Hintergrund zu hören ist. Das ist nach all den Jahren immer noch das Lied, das in Frankreich jeder kennt und viele im Ausland auch. Piaf hat das kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Damit wurde „France’s greatest chanteuse“ zum Weltstar. Aber sie ist nun ja schon mehr als 60 Jahre tot, und in Frankreichs Musik hat sich seither viel getan. Heute ist das schon die dritte oder vierte Generation danach. Und die ist gut.

 

Noll: Gerade „La Vie en rose“ steht für Pathos und große Emotionen. Warum funktioniert das bei Chansons so gut?

 

Sator: Das hat mit der Sprache zu tun. Französisch eignet sich sehr gut zum Singen, und der Text ist im Chanson zentral. Ich bin oft erstaunt, wie viele Texte Franzosen auswendig kennen. „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel zum Beispiel können viele von der ersten bis zur letzten Zeile mitsingen.

 

Mann in Anzug hinter einem Mikrofon, schwarz-weiß-Foto
Jacques Brel im „Trois Baudets“, Paris, 1958 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Ein Lied übrigens, das ambivalent ist: sehr poetisch, aber zynisch auch. Brel selbst hat es als Geschichte eines Versagers beschrieben. Als Klagelied eines Mannes, der sitzengelassen wird, das nicht wahrhaben will und, wenn man ihm böse will, zum Stalker wird. Brel singt zwar in Ich-Form, aber dieser Ich-Erzähler ist keine autobiografische Figur. Er war ja ein Mann der Frauen, und so wollte er unter keinen Umständen sein. Als Piaf das Lied zum ersten Mal hörte, hat sie ihm auch dringend davon abgeraten – ein Mann dürfe so ein Lied nicht singen. Glücklicherweise hat er nicht auf sie gehört.

 

Noll: Brel war Belgier, wurde aber dann schnell Teil des französischsprachigen Chanson-Kanons. Sind Chansons eine Möglichkeit, um in Frankreich dazu zu gehören?

 

Sator: Ja, aber man muss das weiter fassen als nur in Bezug auf Belgien. Über Brel haben sich die Franzosen am Anfang seiner Karriere ja extrem lustig gemacht – wegen seines Akzents, wegen seiner Bewegungen auf der Bühne, wegen seiner etwas unbeholfenen Erscheinung. Er hat sich dann neu erfunden und ist einer der ganz großen Stars geworden. Aber als Belgier oder als Italiener – so wie Yves Montand – hatte man es verhältnismäßig einfach. Wenn man sich heute die Szene anschaut, sieht man, dass sehr viele Musiker aus Familien kommen, die aus ehemaligen Kolonien eingewandert sind: MC Solaar zum Beispiel oder Aya Nakamura. Die hatten es deutlich schwerer.

 

Noll: Das Chanson „Göttingen“ von Barbara ist in Frankreich und Deutschland sehr bekannt. Wie hat es Barbara geschafft, eine deutsche Universitätsstadt zum Symbol der Versöhnung zu machen?

 

Sator: Ich würde da etwas widersprechen. Ich weiß nicht, ob dieses Lied aus den 60er Jahren bei uns tatsächlich so bekannt ist. In Frankreich ist es ein Klassiker, ja. Aber hier kennen es mittlerweile nur noch die wenigsten. Was schade ist: Das ist ein tolles Chanson. Es lohnt sich sehr, auf den Text zu hören. Aber „Hymne der deutsch-französischen Freundschaft“? Das ist gut gemeint, aber da wird mir zu viel verklärt.

 

Noll: Und woran liegt diese unterschiedliche Wahrnehmung?

 

Sator: Man muss den damaligen Kontext sehen: De Gaulle und Adenauer hatten im Jahr zuvor den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnet und das Deutsch-Französische Jugendwerk gegründet. Zugleich bestanden weiterhin große Ressentiments zwischen Deutschen und Franzosen. Barbara – sie war eine Jüdin – wollte überhaupt nicht in Deutschland auftreten. Bei einem Besuch in Paris wurde der Intendant des Jungen Theaters Göttingen, Hans Günther Klein, auf sie aufmerksam und überzeugte sie zur Zusage, was sie schnell wieder bereute.

 

Frau in Mantel mit großem Pelzkragen, schwarz-weiß-Foto
Barbara im Oktober 1965 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

In Göttingen fühlte sie sich zunächst sehr unwohl – zumal sie anders als versprochen kein Flügel erwartete, sondern ein schweres Klavier. Darauf wollte sie nicht spielen. Klein gelang es, doch noch einen Flügel zu besorgen, der von zehn Studenten auf die Bühne getragen wurde. Diese Geste hat Barbara wohl sehr beeindruckt. Sie schrieb später, es sei ein wunderbarer Abend gewesen.

 

Noll: Würden Sie sagen, dass dieser Moment im Theater entscheidend für die Symbolik des Liedes war?

 

Sator: Daraus entstand der Kern des Chansons. Barbara blieb noch ein paar Tage in der Stadt, verliebte sich wohl auch etwas, auch in den Garten der Brüder Grimm – und schrieb dort „Göttingen“. Ein paar Jahre später kehrte sie zurück und trat in der ausverkauften Stadthalle auf. Das Konzert wurde in Frankreich live übertragen. Sie sang „Göttingen“ dann auch auf Deutsch. Die Geschichte hinter dem Lied ist also großartig. Aber die wenigsten kennen sie. So ist das bei vielen anderen Chansons auch.

 

 

Noll: Wenn Musik solche Wirkung entfalten kann – stellt sich die Frage, ob kulturelle Gesten manchmal mehr erreichen als klassische Diplomatie?

 

Sator: Manchmal schon. Man kommt mit Chansons einfach näher an Menschen heran als mit langen Reden oder klugen Essays. Ein gutes Chanson trifft die Leute ins Herz.

 

Noll: Warum haben Sie Jean-Jacques Goldman in Ihr Buch aufgenommen?

 

Sator: Goldman ist in Frankreich extrem populär, im Ausland aber kaum bekannt. In den 80er- und 90er-Jahren war praktisch jedes seiner Lieder ein Hit. Er stammt aus einer jüdischen Familie – der Vater aus Polen, die Mutter aus München. Damit sind wir dann wieder beim Thema Integration. Mehr Französisch im Vornamen als Jean-Jacques geht ja kaum. Eines seiner bekanntesten Lieder ist „Comme toi“: ein Chanson über die Verbrechen der Nazis und den Holocaust, ohne dass er diese Begriffe auch nur an einer einzigen Stelle erwähnt. Man versteht das auch so.

 

Cover der CD Singulier 81/89 (1996) von Jean-Jacques Goldman
Singulier 81/89 (1996) von Jean-Jacques Goldman: Die Best-of-CD vereint die wichtigsten Hits des französischen Chanson- und Pop-Rock-Künstlers aus den Jahren 1981 bis 1989 (Copyright: privat)

 

Hinzu kommt sein gesellschaftliches Engagement, etwa bei SOS Racisme oder den Restos du Cœur. Das alles trägt dazu bei, dass Goldman enorm beliebt ist, obwohl er seit 25 Jahren keine eigene Platte mehr herausgebracht hat.

 

Noll: Wenn wir den Bogen in die Gegenwart schlagen: Gehört eine Künstlerin wie Aya Nakamura noch in die Tradition von Piaf?

 

Sator: Unbedingt. Warum sollte man da eine harte Trennlinie ziehen? Für Franzosen ist so gut wie alles Chanson, was Text hat und sich singen lässt. Dieses Schubladendenken, wie wir das in Deutschland gern machen, ist nicht ihres. Eigentlich geht es in ihren Liedern immer nur um drei Dinge: la vie, l’amour, la mort. Das Leben, die Liebe, der Tod. Damit lässt sich ja auch alles erzählen. In dieser Linie steht Aya Nakamura – nur eben in einer modernen, globalisierten Form.

 

 

Geboren in Mali, aufgewachsen in der Banlieue von Paris, längst mit französischem Pass. Und eine der international erfolgreichsten französischen Künstlerinnen überhaupt. Das gefällt den Leuten aus dem rechten Lager natürlich überhaupt nicht. Aber zum Beispiel ihr Auftritt bei den Olympischen Spielen in Paris war Weltklasse.

 

Noll: Gibt es aus Ihrer Sicht aktuell eine Künstlerin oder einen Künstler, der diese Entwicklung des Chansons besonders gut verkörpert?

 

Sator: Zaho de Sagazan, eine Frau Mitte 20, die klassische Chansons mit moderner elektronischer Musik zusammenbringt. Sie bekommt die Chanson-Abende auf kleiner Bühne perfekt hin, sie bringt die Leute in den Stadien dazu, 20 Minuten lang zu Techno zu tanzen, und sie kriegt in Berlin auch die Philharmonie voll. Wer die Gelegenheit bekommt, Zaho de Sagazan live zu sehen: unbedingt.

 

Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des Franko-viel-Podcastes #104 – Von Piaf bis Aya Nakamura: Was Chansons über Frankreich erzählen – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast vom 31. Mai 2026.

 

Unser Gast

Christoph Sator (Copyright: Antje Gemeinhardt)
Christoph Sator (Copyright: Antje Gemeinhardt)

Christoph Sator wurde in Offenburg geboren und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Er studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie an der Université d’Aix-Marseille in Frankreich. Heute leitet er das Büro der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Rom. Zuvor war er als Auslandskorrespondent in Paris, London und Bangkok tätig sowie als diplomatischer Korrespondent der dpa in Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Kooperation mit

 

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