Marc Bloch:
Wenn Bücher zurückkehren, kehrt die Erinnerung zurück

Marc Bloch: Wenn Bücher zurückkehren, kehrt die Erinnerung zurück
  • VeröffentlichtJuni 18, 2026
Gruppenfoto. Sechs Personen mit alten Büchern in den Händen, im Hintergrund Bücherregale
Die Restitution der sieben Bücher wurde von der Staatsbibliothek zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz organisiert – mit Unterstützung der französischen Kommission für die Restitution von Kulturgütern und die Entschädigung der Opfer antisemitischer Enteignungen (CIVS) (Copyright: Französische Botschaft in Deutschland / M. Ulrich)

Am 28. Mai 2026 wurden sieben während der NS-Zeit geraubte Bücher aus der Bibliothek von Marc Bloch und seiner Frau Simone Vidal restituiert. Für meine Generation sind sie nicht nur Artefakte, sondern ein Kompass, der uns zwischen Schuld, Versöhnung und der Frage „Reicht das?“ Orientierung gibt.

 

Am Abend des 28. Mai 2026 verwandelte sich die französische Botschaft in Berlin in einen Ort diplomatischer und historischer Reflexion. Begleitet von Musik, die nicht bloß atmosphärische Untermalung war, sondern selbst Zeugnis einer dunklen Epoche ablegte, fand hier eine Zeremonie statt, die weit über einen formellen Akt hinausging.

 

Symbol für eine unterdrückte Identität 

Die Zahlen allein erzählen nur einen Teil der Geschichte. Achim Bonte, Direktor der Staatsbibliothek Berlin, erwähnte beiläufig, dass während der NS-Zeit tausende von unrechtmäßig entzogenen Büchern nach Deutschland gelangt seien. Die sieben zurückgegebenen Bände stehen stellvertretend für die Bibliothek eines symbolträchtigen Paares. Es handelte sich nicht lediglich um Diebstahl von Eigentum, sondern um den Versuch, eine Denkwelt auszulöschen. 

 

Erste Seite eines Buches mit dem Titel "La formation des légendes"
Eines der sieben restituierten Bücher aus dem Besitz von Marc Bloch und Simonne Vidal (Copyright: Französische Botschaft in Deutschland / M. Ulrich)

 

Marie Bénédicte Vincent, Professorin an der Universität Besançon, wies in ihrer Rede auf die immense Komplexität der Provenienzforschung hin. Gerade in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz viele Arbeitsprozesse unterstützt, bleibe menschliches Verständnis unverzichtbar, um die vielschichtigen Schritte der Provenienzforschung nachzuvollziehen und ihre Ergebnisse angemessen einzuordnen. Die Rückgabe dieser Bücher sei ein „geste de justice“, eine Geste der Gerechtigkeit, die jedoch, wie so oft, zu spät für den Betroffenen selbst komme. 

 

Ein europäisches Vorbild jenseits nationaler Grenzen 

Wer war der Mann, dessen Erbe noch immer so viele Emotionen weckt? Während Schulbücher ihn meist als wegweisenden Historiker, Résistance-Kämpfer und Opfer nationalsozialistischer Verfolgung darstellen, zeichnete François Delattre, der französische Botschafter in Deutschland, ein tiefergehendes Bild. Er beschrieb Marc Bloch als „ciment européen“ – europäischen Zement –, einen Denker mit strengen moralischen Standards, der die Komplexität Europas begriff.

 

schwarz-weiße Zeichnung von Marc Bloch, Mann mit runder Brille und Schnurrbart
Porträt von Marc Bloch (Copyright: CMB)

 

Marc Bloch gehörte zu den Intellektuellen, die früh erkannten, dass die Zukunft Europa nicht in der Abschottung der Nationen, sondern in ihrer Verbundenheit liegen würde. Gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen wirkt seine Haltung heute erstaunlich relevant: Dass man Franzose, Deutscher und Europäer zugleich sein kann. Diese Vorstellung trifft einen Nerv der heutigen jungen Generation, die sich oft zwischen nationalen Identitäten und zunehmend fragmentierten Räumen hin- und hergerissen fühlt. Blochs Lebensweg zeigt, dass diese Spannungen nichts Neues sind; Liebe zum eigenen Land und Solidarität mit dem Nachbarn sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander. 

 

Junger Mann von der Seite, braune Haare, Anzug
Matis Bloch, Urenkel von Marc Bloch, nahm ebenfalls am Festakt teil (Copyright: Französische Botschaft in Deutschland / M. Ulrich)

 

Die Last der Schuld und die Pflicht zur Erkenntnis 

Besonders bewegend war für viele der Beitrag von Konrad Schmidt-Werthern, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Er richtete drei grundlegende Fragen an die Anwesenden: „Was lesen wir? Was prägt unsere Gedanken? Was beschäftigt uns?“ Bücher, so betonte er, bilden einen „Wissenskosmos“, der Erinnerungen weckt. Doch der entscheidende Punkt seiner Rede war die Betonung der deutschen Verantwortung: Sie bleibt nicht abstrakt, sondern stellt eine konkrete Pflicht dar. Die Aufforderung, „die richtigen Lehren aus der Geschichte für die Gegenwart zu ziehen“, war dabei nicht als Formel gemeint, sondern als persönlicher Auftrag. Schmidt-Werthern forderte die junge Generation direkt heraus – mit einer Frage: Tun wir genug für den Erhalt unserer Demokratie?

 

Mann mit Anzug und Krawatte am Redepult
Ansprache von Konrad Schmidt-Werthern, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien (Französische Botschaft in Deutschland / M. Ulrich)

 

Jay Rowell, Direktor des Centre Marc Bloch, erinnerte daran, dass Frieden, Freiheit und Bildung ein Privileg sind, das oft als Selbstverständlichkeit missverstanden wird. Die Gefahr besteht darin, in diesem Komfort zu versinken, ohne zu erkennen, dass der Frieden erkämpft wurde und jederzeit verloren gehen kann. Das Erbe von Marc Bloch muss weiterleben – nicht nur durch Museumsbesichtigungen, sondern durch den Aufbau intellektueller Brücken und die Bereitschaft zum Dialog – auch dort, wo er unbequem wird.

 

Mann mit Anzug und Krawatte am Redepult
Jay Rowell sprach für das Centre Marc Bloch in Berlin (Copyright: Französische Botschaft in Deutschland / M. Ulrich)

 

Schließlich ging es an diesem Abend um weit mehr als um Bücher. Es ging darum, die Lücke zwischen Wissen und Handeln zu schließen. Forschungsergebnisse, wonach 38.000 Wohnungen jüdischer Eigentümer enteignet wurden, machen die Dimension der Ungerechtigkeit greifbar. Die Restitution der sieben Bücher ist zwar ein großer Schritt auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit. Zugleich waren sich die Redner einig, dass weitere Restitutionen folgen werden. Der Prozess ist langwierig und oft mühsam.

 

Ambivalenz und Hoffnung 

Die Atmosphäre in den Salons der französischen Botschaft war von einer eigentümlichen Mischung aus Trauer und Hoffnung geprägt. Die Musik erinnerte daran, dass die Schatten der Geschichte niemals ganz verschwinden und dass Erinnerung keine abgeschlossene Aufgabe ist. Heute droht eine andere Gewalt: die der Gleichgültigkeit. Die Gefahr, zu vergessen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist.

 

Ein Mann, der Klarinette spielt, eine Frau, die Geige spielt und im Hintergrund ein Mann am Flügel
Die musikalische Begleitung verlieh der Zeremonie eine besondere Atmosphäre (Copyright: Französische Botschaft in Deutschland / M. Ulrich)

 

„Vive l’amitié franco-allemande et vive l’Europe!“ bedeutet für die heutige Generation nicht blinden Patriotismus, sondern die Übernahme von Verantwortung. Es heißt, „patriotes européens“ und „résistants européens“ zu sein – Widerstand durch aktive Teilhabe, durch kritisches Denken und Pflege der Zusammenarbeit. Nicht auf dem Schlachtfeld wie zur Zeit Marc Blochs, sondern im Alltag demokratischer Gesellschaften.

 

Ein bleibender Appell 

Der Abend endete mit einem Gefühl der Ambivalenz: Erleichterung und Hoffnung gingen Hand in Hand mit der Erkenntnis, dass die Arbeit noch lange nicht abgeschlossen ist. Die sieben Bücher haben ihren Weg zurück zu ihrer rechtmäßigen Familie gefunden. Doch die eigentliche Frage bleibt offen: Haben wir gelernt, dieses Erbe zu bewahren? Oder werden sie eines Tages wieder in Vergessenheit geraten? Die Antwort darauf wird nicht an einem einzigen Abend entstehen. Sie wird jeden Tag neu geschrieben – in Gesprächen und Entscheidungen.

Solange wir reden, forschen und fragen, solange wir nicht aufhören, besteht Hoffnung auf ein friedliches und gemeinsames Europa. 

 

Der Restitutionszeremonie ging eine wissenschaftliche Tagung mit dem Titel „Marc Bloch: Vergleichende Geschichte(n) und deutsch-französisches Engagement / Marc Bloch : Histoires croisées et engagement franco-allemand“ voraus. Ausgerichtet wurde sie vom Centre Marc Bloch, dem deutsch-französischen Forschungszentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften in Berlin.

 

Die Autorin

Junge Frau mit schulterlangen dunklen Haaren und Pony, weißer Rollkragenpullover und beiges Jackett
Charlotte Nichols (Copyright: Glorianne Matumona / glorious.pics)

Charlotte Nichols ist 23 Jahre alt und deutsch-französische Staatsbürgerin mit britischem Hintergrund. Sie studiert den binationalen Bachelorstudiengang Europäische Studien in Paderborn und Le Mans. Ihr Schwerpunkt liegt auf den deutsch-französischen Beziehungen sowie der Politikwissenschaft. Derzeit schreibt sie ihre Bachelorarbeit im Bereich Sicherheits- und Verteidigungspolitik und arbeitet als Aushilfe bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. 

 

 

 

 

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