Pässe gegen den Tod:
Der „iranische Schindler“ von Paris

Pässe gegen den Tod: Der „iranische Schindler“ von Paris
  • VeröffentlichtSeptember 11, 2026
schwarz-weißes Foto, Porträt, Mann mit Anzug und Brille
Abdol-Hossein Sardari, um 1955 (Copyright: Wikimedia Commons)

Im besetzten Paris nutzte der iranische Diplomat Abdol-Hossein Sardari die rassistische Bürokratie der Nazis, um Juden vor der Verfolgung zu schützen. Doch bis heute gibt die Geschichte des „iranischen Schindlers“ Rätsel auf.

 

Paris, Sommer 1942. Auf den Boulevards der besetzten Stadt flanieren Wehrmachtssoldaten. In den Straßen tragen jüdische Menschen den gelben Stern. Die Deportationen haben begonnen. Cafés sind geöffnet, doch die Gespräche werden leiser geführt als früher. Familien verschwinden über Nacht. Französische Polizisten klingeln in den frühen Morgenstunden an Wohnungstüren, schreiben Namen auf Listen, verladen Familien auf Lastwagen. Viele Diplomaten haben Paris zu diesem Zeitpunkt längst verlassen. In der iranischen Gesandtschaft indes ist ein Mann zurückgeblieben. Sein Name: Abdol-Hossein Sardari. Der muslimische Diplomat rettet mitten im nationalsozialistischen Europa Hunderte, vielleicht Tausende Juden – durch das Ausstellen von Pässen und anderen Dokumenten, durch juristische Spitzfindigkeit, diplomatische Kühnheit und eine bemerkenswerte Fähigkeit, die rassistische Bürokratie der Nationalsozialisten gegen sich selbst auszuspielen.

Heute wird Sardari manchmal als „der iranische Schindler“ bezeichnet. Doch anders als der deutsche Industrielle Oskar Schindler, der in Krakau 1.200 seiner jüdischen Zwangsarbeiter vor der Vernichtung rettete, blieb Sardaris Name jahrzehntelang nahezu unbekannt. Erst in den vergangenen Jahren erschienen Bücher, Dokumentationen und Studien, die an Sardaris Wirken erinnern. Eine erste umfassende Darstellung verfasste der iranische Historiker Fariborz Mokhtari im Jahr 2011 unter dem Titel In the Lion’s Shadow. Weitere Nachforschungen in den Akten des Auswärtigen Amtes zeichnen ein spannendes Bild: Ein Aristokrat aus Teheran, ein Lebemann mit Sinn für elegante Gesellschaften, auf Partys umgeben von deutschen Diplomaten und Offizieren, von Zeitzeugen beschrieben als charmant, weltgewandt und außergewöhnlich kultiviert, wird im besetzten Paris zum stillen Gegner des Holocausts.

 

Der Diplomat, der in Paris blieb

Abdol-Hossein Sardari, 1906 in eine aristokratische persische Familie geboren und in Genf zum Juristen ausgebildet, arbeitet von 1938 an als iranischer Diplomat in Paris. Als die Wehrmacht 1940 weite Teile Frankreichs besetzt, leitet der 34-Jährige die konsularische Vertretung. Und während die meisten Diplomaten nach Vichy ins unbesetzte Frankreich umziehen, bleibt Sardari in Paris. Dem Protokollchef der deutschen Botschaft in Paris Leopold Krafft von Dellmensingen ist er gut bekannt – was ihn später vermutlich retten wird.

 

schwarz-weißes Foto, Männer in Uniformen, im Hintergrund eine Straßenbahn
Paris unter deutscher Besatzung: Französische und deutsche Stellen wirkten bei der Verfolgung und Deportation der jüdischen Bevölkerung zusammen (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Die Lage in Frankreich verschärft sich rasch, denn nicht nur die Besatzer gehen gegen die französischen Juden vor, auch das französische Kollaborationsregime in Vichy beginnt mit der systematischen Entrechtung. Die französische Polizei arbeitet dabei eng mit den deutschen Dienststellen zusammen. Unter den iranischen Staatsangehörigen in Frankreich befinden sich damals vermutlich mehrere Hundert iranische Juden. Nun, unter der deutschen Besatzung, stellt sich ihnen eine existenzielle Frage: Würden die Nürnberger Rassengesetze auch für sie gelten? Diese Frage markiert den Beginn von Sardaris ungewöhnlichem Kampf gegen die nationalsozialistische Bürokratie.

Als Großbritannien und Russland im August 1941 den Iran besetzen, um einer direkten Verbindung mit den schnell auf den Kaukasus vorrückenden deutschen Truppen zuvorzukommen, widersetzt sich Sardari dem Befehl zur Rückkehr nach Teheran und lebt aus eigenem Vermögen, um die iranische Gemeinschaft in Paris weiterhin zu betreuen. Wenige Monate später, im Januar 1942, stellt die Wannseekonferenz die Weichen für die Vernichtung des europäischen Judentums. Auch in Frankreich beginnen nun die Deportationen nach dem »Osten«. Im Juli 1942 werden bei Razzien mehr als 13.000 Juden in das Wintervelodrom von Paris gepfercht – Männer, Frauen und Kinder, oft ohne Wasser und Nahrung.

 

Mit Papieren gegen die Deportation

Sardari beobachtet diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Daher entwickelt er mit einer Denkschrift eine gewagte Argumentation und bringt sie im Austausch mit deutschen Diplomaten in Umlauf: Die iranischen Juden seien Angehörige einer besonderen ethnischen Gruppe namens „Djuguten“ – Perser mosaischen Glaubens, aber biologisch arischer Abstammung – und daher von antisemitischen Maßnahmen auszunehmen. Vor allem aber handelt er: Offenbar aus Blankoformularen der iranischen Vertretung stellt Sardari eine unbekannte Zahl von Empfehlungsschreiben und Papieren für persische Juden und vermutlich auch für Angehörige anderer Staaten aus und bringt das Eigentum bedrohter Familien im Gebäude der Gesandtschaft oder seinem Privathaus unter. Wer iranische Papiere besitzt, gilt automatisch als Angehöriger einer neutralen und offiziell „arischen“ Nation.

 

Häftlingskarte von Julia Kac. Aufgelistet sind alle Informationen zur Person (Name, Wohnort, Alter, Herkunft, Eltern, Beruf, Bildungsstand, ...)
Wer der Verfolgung nicht entkam, dem drohten Deportation und Vernichtung. Diese Häftlingskarte aus Auschwitz dokumentiert das Schicksal einer 1925 geborenen Jüdin aus Paris (Copyright: Landry Charrier)

 

Wie viele Menschen Sardari auf diese Weise tatsächlich retten konnte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. In Darstellungen ist von bis zu 2.000 oder 3.000 Menschen die Rede; die Quellenlage lässt eine genaue Zahl jedoch nicht zu. Sein Biograf Fariborz Mokhtari sagt, Sardari habe ein elementares moralisches Prinzip geleitet: Menschen zu helfen, die verfolgt wurden. Einmal habe ein einziges Dokument einen jüdisch-russischen Arzt vor der Verhaftung bewahrt.

 

Der Konsul gerät ins Visier

Bis zum Spätsommer 1942 bleibt Sardari unbehelligt. Mit der Zeit aber werden die deutschen Behörden argwöhnisch, denn es machen allerlei Gerüchte die Runde: Ein „Konsul Sardari“, munkelt man, werbe Freiwillige für die Wehrmacht an, verspreche ihnen den Offiziersrang und Gouverneursposten im Iran, warne aber vor der Arbeitsaufnahme in Deutschland. Auch innerhalb der iranischen Community in Paris kommt der Verdacht auf, dass Sardari möglicherweise sogar englischer Agent sei.

In Akten der Besatzer finden sich Anschuldigungen von Exil-Iranern, Sardari habe 130 Kilometer von Paris entfernt ein Landgut gekauft, verdiene ein Vermögen an Hehlerware und verkauften Pässen, veranstalte dort Empfänge für deutsche Offiziere und führe ihnen junge Damen zu. Der Vertraute des Konsuls, ein gewisser Essayan, der seit Sommer 1940 mit Passierscheinen der deutschen Botschaft Kurierfahrten nach Vichy ins unbesetzte Frankreich unternehme, gebe Informationen an den englischen Nachrichtendienst weiter. Diese Vorwürfe sind für Sardari brandgefährlich. In der Tat fallen bei Kontrollen unerwartet „unpersische“ Iraner auf: ein Hermann Leibovitche aus Antwerpen, bei den deutschen Behörden als „staatenlos“ gemeldet, wird festgenommen und in ein Arbeitslager überführt. Und auch die deutsche Militärverwaltung ist alarmiert: Die Abwehrleitstelle des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht drängt auf schnelle Aufklärung. Die deutsche Botschaft hingegen wiegelt ab.

 

Schwarz-weißes Foto, Männer stehen auf der Straße an einem Tisch Schlange, Dokumente werden kontrolliert
Papiere konnten über Freiheit oder Verhaftung entscheiden: Kontrolle von Ausweisdokumenten im besetzten Paris (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Ende August 1942 vereinbaren die deutschen Dienststellen in Paris ein Treffen, um die Sache zu klären. Dabei stellt sich eine Verwechslung heraus. Einige der Vorwürfe können dem in Paris lebenden iranischen Jura-Doktoranden Reza Sardari zugeordnet werden. Den Verdacht, dass Sardari Pässe ausstelle, spielen die deutschen Diplomaten als „eine der zahlreichen bei Orientalen üblichen Denunziationen“ herunter – so fasst die Abwehrleitstelle eine Stellungnahme der deutschen Botschaft vom 1. April 1943 zusammen. Die Zahl von 2.400 „Juden mit unrechtmäßig erworbenen iranischen Pässen“ wird von der Botschaft ebenfalls bezweifelt. Niemand kenne die Zahl der Juden unter den Iranern und falsche Papiere könnten sonstwo ausgestellt worden sein. Seinerseits stellt Abdol-Hossein den deutschen Behörden gegenüber klar, dass Reza Sardari nicht mit ihm verwandt sei, sondern der Bruder der Gattin von Abdol-Hosseins Bruder. Die Frage nach dem Umgang mit den iranischen Israeliten, den „Djuguten“, reicht die Abwehrleitstelle, wie es scheint, etwas entnervt, an das Auswärtige Amt, die Sicherheitspolizei und den Sicherheitsdienst der SS weiter, „falls hieran Interesse besteht“.

 

Ein bürokratisches Duell mit Eichmann

Wenn auch die Gefahr einer Verwechslung gebannt ist, so ermitteln die Behörden in der Rassenfrage weiter. Dass es seit der Antike jüdische Gemeinden im persischen Raum gibt, weiß auch Adolf Eichmann, dessen Dienststelle Anfang Dezember 1942 ausführlich die Geschichte der Juden in Persien bis in die Antike zu belegen versucht. Sardaris „Djuguten-Theorie“ aber ist eine Konstruktion und Eichmann nennt seine Argumente folglich „einen der üblichen jüdischen Verschleierungs- und Tarnungsversuche“. Das Rassenpolitische Amt der NSDAP sekundiert Anfang Januar 1943, dass es keinen Grund zu einer Sonderbehandlung persischer Juden gäbe: „Sie sind m.E. bei allen Maßnahmen der praktischen Rassenpolitik den übrigen Juden gleichzustellen.“

 

Adolf Eichmann war einer der Hauptverantwortlichen für die Deportation und Vernichtung der Juden in Europa. Hier bei seinem Prozess in Jerusalem 1961 (Copyright: Wikimedia Commons)
Adolf Eichmann war einer der Hauptverantwortlichen für die Deportation und Vernichtung der Juden in Europa. Hier bei seinem Prozess in Jerusalem 1961 (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Machtlos ist Sardari nicht und so kann er seine Argumente weiterhin bekräftigen. Er unterhält gute Kontakte zu deutschen Diplomaten in Paris, die er durch Empfänge und Abendgesellschaften auf seinem Landgut außerhalb von Paris erweitert und vertieft. Insbesondere auf den deutschen Protokollchef Krafft von Dellmensingen kann er sich offenbar verlassen. Anfang März 1943 ersucht auch die Schweizerische Gesandtschaft im Auftrag Irans um eine Aufhebung der Diskriminierung von Angehörigen des „iranischen Volksstammes der ‚Mussai‘ oder ‚Djuguten‘ im deutschen Machtbereich“. Mitte April 1943 schaltet sich zudem der ehemalige deutsche Gesandte in Persien und Botschafter in Moskau, Friedrich-Werner von der Schulenburg ein. Er betont, dass Djuguten „blutsmäßig Iraner und nicht Semiten“ seien. Er gibt auch zu bedenken, dass man die schwierigen Bedingungen Irans im Blick behalten möge, zu dem man möglichst gute Beziehungen aufrechterhalten wolle. Jede Diskriminierung würde von »unseren Feinden propagandistisch zu unserem Schaden ausgewertet werden«. Ende April 1943 bestätigt das Auswärtige Amt dem Reichssicherheitshauptamt und SS-Obersturmbannführer Eichmann, dass „aus politischen Gründen zur Zeit eine Diskriminierung der Djuguten nicht erwünscht“ ist.

 

Eine fast vergessene Geschichte

Dass ein iranischer Diplomat mitten im besetzten Paris Juden vor den Nationalsozialisten rettet, passt kaum in die vertrauten politischen Erzählungen der Gegenwart. Doch auch in Albanien, Bosnien oder Teilen Nordafrikas versteckten muslimische Familien jüdische Flüchtlinge, während andere den rassistischen Antisemitismus der Nazis begrüßten oder mit den Nationalsozialisten kollaborierten. Dazu gehörte auch die Aufstellung muslimischer SS-Verbände wie der Division „Handschar“ im besetzten Jugoslawien. Die Geschichte muslimischer Helfer und Retter steht daher im Schatten der europäischen Erinnerungskultur.

 

schwarz-weißes Foto, Mann läuft an einer Reihe Soldaten vorbei, den Arm zum Hitler-Gruß erhoben
Der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini mobilisierte Muslime für die Waffen-SS auf dem Balkan, nicht zuletzt für die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“ (Copyright: Wikimedia Commons)

 

Nach 1945 arbeitet Abdol-Hossein Sardari zunächst erneut im iranischen diplomatischen Dienst, unter anderem in Belgien. Doch seine Jahre in Paris holen ihn ein. In seiner Heimat wirft man ihm Korruption und den Verkauf von Pässen vor. Berichten zufolge soll er Anfang der Fünfzigerjahre abberufen und im Iran vor Gericht gestellt, aber vom Schah begnadigt worden sein.

Nach der Islamischen Revolution von 1979 verliert er seine Pension und große Teile seines Besitzes. Während sein Neffe Amir Abbas Hoveyda – einst Premierminister des Schahs – von der neuen Führung hingerichtet wird, setzt sich Sardari ins britische Exil ab und lebt dort in bescheidenen Verhältnissen. 1981 stirbt er nahezu vergessen. Nicht einmal das genaue Todesdatum ist bekannt.

 

Späte Ehrung, offene Fragen

Seine allmähliche Wiederentdeckung begann 2004: Damals ehrte ihn das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles für seine humanitären Leistungen. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hingegen entschied sich bislang noch dagegen, ihn in ihre Liste der „Gerechten unter den Völkern“ aufzunehmen. Tatsächlich bleiben viele Fragen offen: Wie vielen Juden half Sardari? Nahm er für die Pässe Geld, wie ihm vorgeworfen wurde? Um die Geschichte in allen Details auszuleuchten, bräuchte es wohl einen Zugang zu den Archiven des iranischen Außenministeriums. Doch bisher wich man dort allen Anfragen höflich aus. Die Zeit für die Anerkennung eines iranischen Diplomaten, der sich eigenmächtig für den Schutz jüdischen Lebens einsetzte, scheint noch nicht gekommen – weder in Tel Aviv noch in Teheran.

 

Dieser Text ist eine überarbeitete und inhaltlich ergänzte Fassung des Artikels „Iranische Pässe gegen den Tod“, erschienen in DIE ZEIT am 27. August 2026.

 

Der Autor

Stefan Piasecki (Copyright: privat)
Stefan Piasecki (Copyright: privat)

Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen. Mit der Geschichte der Filmindustrie während des zweiten Weltkrieges und der deutsch-persischen Historie hat er sich u.a. in den historischen Romanen „Kleine Frau im Mond“ und „Himmelsleiter“ beschäftigt: www.editionvijo.com

 

 

This site is registered on wpml.org as a development site. Switch to a production site key to remove this banner.