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Museum für Wirtschaft

Erlebnis Citéco

Von Birgit Holzer

Das Palais Gaillard, einstige Filiale der Banque de France für Geschäftskunden in Paris, beherbergt seit 2019 die „Citéco“, © Charlotte Donker

10. November 2019

Paris hat ein neues, in dieser Form in Europa einzigartiges Museum: die „Citéco“, in dem es nur um Wirtschaft geht. Unterhaltsam und für jedermann verständlich präsentiert es wirtschaftliche Zusammenhänge, Begriffe und Theorien. Und bietet Denkanstöße statt vorgefertigter Meinungen.

Wer bisher glaubte, es könne doch nicht so kompliziert sein, an einer internationalen Klimakonferenz teilzunehmen, der wird anders denken, wenn er von diesem Sessel wieder aufsteht; wer Rohstoffe getauscht, über Ausstoß-Werte verhandelt und versucht hat, mit den eigenen nationalen Zielen und finanziellen Zwängen im Blick einerseits und mit den gemeinschaftlichen Vereinbarungen andererseits erfolgreich zu jonglieren, erkennt, wie viel Hintergrundwissen dafür vonnöten ist.

Im Nordwesten von Paris gibt es einen Konferenzraum für alle, die sich als Vertreter eines Landes in der Verhandlungsführung versuchen wollen: Bequeme Sessel stehen vor Bildschirmen, während eingeblendet wird, wie weit man vom gesetzten Klimaziel noch entfernt ist.

Er befindet sich in der „Cité de l‘Economie“, kurz „Citéco“, dem neu eröffneten Museum für Wirtschaft im noblen 17. Arrondissement. Die „Citéco“ setzt nicht nur Informationen vor, sondern regt zum Anfassen, Ausprobieren und experimentellen Verhandeln an.

Wirtschaft zum Anfassen

„Ziel ist es, wirtschaftliche Grundlagen und Zusammenhänge spielerisch und unterhaltsam zu erklären, sie für jedermann begreifbar zu machen“, erklärt Museumsführer Nicolas Vinci. „Wer einmal anhand einer einfachen Waage den Einfluss von Angebot und Nachfrage auf die Höhe des Preises nachvollzogen hat, vergisst das nie wieder.“ Mithilfe eines Dominospiels wird der teuflische Mechanismus von Wirtschaftskrisen veranschaulicht; ein Scanner misst den ökologischen Fußabdruck von Alltagsprodukten – beispielsweise einer Jeans, die von ihrer Produktion bis zum Kauf in Paris 37000 Kilometer zurückgelegt hat. Interaktive Elemente, Schautafeln, Collagen und zahlreiche Videofilme erlauben einen umfassenden Überblick über mikro- und makroökonomische Vorgänge.

„Handeln und entscheiden“: an Stationen werden wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich gemacht, © Banque de France, Confino – Explosition

Die Reise durch die jahrtausendealte Wirtschaftsgeschichte beginnt mit der Ausstellung einstiger Währungen, von Muscheln bis Tee, und führt in mehreren Etappen bis zu den heutigen komplexen Strukturen einer globalisierten Welt mit ihren verschiedenen Unternehmensformen, Wirtschaftstheorien und Begrifflichkeiten.

Was ist Inflation, was Deflation? Welche Mittel hat der Staat zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit? Und wie kann er ein nachhaltiges Rentensystem organisieren? Letztlich, so wird vermittelt, handelt es sich bei all diesen Fragen nicht um elitäre Debatten, die die Normalbevölkerung nicht versteht, sondern um Themen, die sie ganz konkret betreffen.

Die Besucherinnen und Besucher, unter ihnen viele Schulkassen, sollen sich auf sie einlassen und die Angst oder zu großen Respekt vor wirtschaftlichen Themen verlieren.

Wirtschaft verstehen

Die Idee dafür hatte der frühere Chef der französischen Zentralbank Banque de France, Christian Noyer. Er wollte damit nicht nur ein interaktives Museum zur Erklärung wirtschaftlicher Zusammenhänge schaffen, nachdem er ein ähnliches Konzept in Mexiko gesehen hatte: Noyer suchte zugleich eine neue Bestimmung für das Stadtpalais Gaillard, eine herrschaftliche Villa im Stil der Neo-Renaissance und einstige Filiale der Banque de France für Geschäftskunden. Sie wird so der breiten Öffentlichkeit zugänglich. Alle Erklärungen und Spiele gibt es in drei Sprachen, französisch, englisch und spanisch. Museumsangestellte gehen aktiv auf die Besucher zu, um mit ihnen zu diskutieren oder die Spielregeln zu erklären.

Im ehemaligen Tresorraum lagern Münzen von unschätzbarem Wert, © Banque de France, Confino – Explosition

Zur Ausstellung gehören der historische Tresorraum mit alten Münzen von unschätzbarem Wert, Kurzfilme, in denen Wissenschaftler kontrovers wirtschaftliche Fragen diskutieren oder der französische Jean Tirole, Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften, erklärt, worin eigentlich die Arbeit eines Ökonomen besteht.

Im „Citéco“ geht es nicht darum, eine bestimmte Schule oder Ideologie zu vertreten, sondern einen neutralen Überblick über verschiedene wirtschaftliche Theorien zu präsentieren, so Nicolas Vinci: „Wir geben möglichst viele Informationen, damit sich alle selbst eine eigene Meinung bilden können.“ Marxisten und Kapitalisten, Keynesianer und Vertreter neuerer Theorien wie die der Industrieökonomie Tiroles kommen zu Wort oder führen imaginäre Dialoge.

Zu grundsätzlichen Fragen wie jener nach der Nützlichkeit von Konkurrenz oder der Bedrohung von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung liefern Vertreter gegensätzlicher Denkschulen Argumente, so dass man abwägen kann oder sogar muss, anstatt sich auf eine vorgefertigte Meinung stützen zu können.

Vor allem eine Gewissheit soll vermittelt werden: Dass es eben nicht nur eine Wahrheit gibt, Zusammenhänge erkannt werden müssen und dass Wirtschaft komplex ist – aber nicht so komplex, dass sie nicht auch Spaß machen könnte.

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