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Erasmus

40 Tage Paris

Lennart Böhm

Lennart Böhm, Foto: privat

16. März 2020

Ein Auslandssemester in Paris; Physik- und Astronomiekurse an der Sorbonne; ein Erasmus-Stipendium; eine kleine Wohnung in der Rue St-Honoré: Leider kam wegen Covid-19 alles anders als begonnen und geplant.

Die gut dreistündige Fahrt mit dem Thalys von Köln nach Paris reichte nicht, um emotional vorbereitet zu sein. Mit meiner größten Reisetasche, gepackt für ein halbes Jahr, gehe ich zum Ausgang der Gare du Nord und spüre wie in keiner anderen Stadt bisher, dass ich in einer eigenen Welt angekommen bin. Meine Freundin Lily, die einen Monat vor mir nach Paris gezogen ist, erwartet mich schon. Sie hat sich an der Sorbonne in Kunstgeschichte und Komparatistik eingeschrieben.

Mit Erasmus in die französische Hauptstadt

Wir sind hier, um unsere Studienfächer auch im Ausland zu studieren, die Stadt zu erleben, unsere Sprachkenntnisse zu vertiefen und das Kulturleben zu genießen. Dank eines Erasmus-Stipendiums und einer durch private Vermittlung unglaublich kostengünstigen Wohnung in der Nähe von Louvre und Tuilerien müssen wir zum ersten Mal seit Beginn unseres Studiums nicht jeden Cent zwei Mal umdrehen.

Die erste Woche in Paris widme ich gezwungenermaßen der französischen Hochschulbürokratie. Für die Belegung der Kurse und die Einschreibung im Master-Studiengang Physik an der Sorbonne benötigt man trotz langer Vorbereitung viel Zeit und noch mehr verschiedene Stempel. Die verzaubernde Atmosphäre von Paris lässt jedoch sowohl diese Hürde als auch die horrenden Preise für Alltägliches (ein Glas Bier für neun Euro, 500 Gramm Hackfleisch für zehn) schnell vergessen.

Willkommen in Paris!

Wir lieben gutes Essen und freuen uns auf die französische Küche und die Pariser Restaurants. Auf Empfehlung gehen wir gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes zu Chartier an den Grands Boulevards. Für Deutsche recht ungewöhnlich: die Warteschlange vor dem Eingang, in der es aber zügig vorangeht. Wir bestellen Choucroute und Poulet rôti; unsere Tischnachbarn sind vier Franzosen, die einen Geburtstag feiern und gleich ihren Schnaps mit uns teilen: Willkommen in Paris – ein spektakulärer Beginn! Von nun an sind wir alle paar Tage „chez Chartier“, schließlich sind auch die Preise nicht nur für französische Verhältnisse unglaublich günstig.

Das Centre Pompidou steht ganz oben auf unserer To-do-Liste. Wir erkunden es in aller Ruhe, da wir uns ja nicht als Touristen fühlen und auch keine sind. Am Eingang des Louvre schauen wir täglich, ob die Schlange am Eingang kürzer wird. Sie wird es nicht. Schließlich überqueren wir die Seine und gehen ins Musée d’Orsay. Keine schlechte Alternative!

Vor Sacré-Cœur liegt Paris uns zu Füßen. Wir freuen uns auf den Frühling, denn schon im Februar ist die Aussicht atemberaubend und die Lebensfreude überall spürbar. Im Quartier Montmartre wandeln wir auf den Spuren Picassos und der Bohème.

Physik an der Sorbonne

An der Sorbonne habe ich unter anderem die Kurse Kosmologie und Philosophie der Physik belegt. Das französische Physikstudium hinkt dem deutschen etwas hinterher, was mir sehr entgegenkommt, denn in Deutschland stehen für mich trotz Auslandssemester noch Klausuren an.

Die aufkommende Pandemie beunruhigt mich: China ist weit weg, aber Norditalien plötzlich ein Risikogebiet. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis das Coronavirus Paris erreicht. Viele Studierende kommen dennoch hustend zur Uni.

Meine Vorlesungen in Astrophysik, Kosmologie und Molekularphysik werden seit knapp einem Jahr auch auf Englisch angeboten. Die Themen und Professoren sind identisch mit den Vorlesungen auf Französisch;  Studierende haben hier allerdings weniger Eigenverantwortung. Die Vorlesung zur Philosophie der Physik hingegen gibt es nur auf Französisch – sogar englische Originalzitate werden übersetzt.

In den englischsprachigen Vorlesungen sind zum Großteil internationale Studierende; daher wird auch in den Pausen Englisch gesprochen – eine Weltoffenheit, die mir seit meinem Studium in Bonn vertraut ist und die ich sehr schätze.

Covid-19 im Anmarsch

Ende Februar erinnern mich meine Heimatuniversität und die Sorbonne per Mail über Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen aufgrund eines neuartigen Virus. Rückkehrer aus Risikogebieten, so die Information, müssen in Deutschland in Quarantäne. Eine Woche später wird uns die Erasmus-Förderung auch bei Abbruch des Auslandssemesters wegen Covid-19 zugesichert. Die Universität ist bereits geschlossen.

Dennoch sind die Cafés in Paris weiterhin gut besucht, man geht spazieren, überall drängen sich Menschen. Dass weniger Touristen in der Stadt sind, empfinden nicht nur wir als positiv, und wir erleben Paris wohl so, wie es selten der Fall sein dürfte. Mehr und mehr leeren sich die Parcs und Jardins; der hier beginnende Frühling scheint nur uns zu gehören.

Wir wollen so lange bleiben, wie wir noch ausgehen können. Unser Lieblingscafé, das Plume, wird weiterhin von Einheimischen besucht, die wenigen Touristen tragen eine Mundschutz-Maske.

Abreise im letzten Moment

Schließlich verlassen wir Paris nach 40 Tagen, kurz bevor Landesgrenzen europaweit dicht gemacht werden und Ausgehverbote gelten – zu unserem allergrößten Bedauern. Am letzten Abend gehen wir noch einmal in ein Restaurant. Das Trumilou liegt direkt an der Seine, hinter dem Hôtel de Ville und könnte uriger nicht sein, „landfranzösisch“ nennt man so etwas wohl.

Als die Ente mit Backpflaumen auf dem Tisch steht, ist eine Nachricht auf meinem Handy: Um Mitternacht werden in Frankreich alle Gastronomie-Betriebe geschlossen. Beim Nachtisch hört sich das Knacken der Crème brûlée recht eigentümlich an.

Paris ist nicht mehr das, was es noch vor drei Stunden war – wir planen unsere Abreise für nächsten Dienstag, reisen jedoch schon am nächsten Tag Hals über Kopf ab, weil uns die Nachrichten über geschlossene Grenzen beunruhigen.

Unser Auslandssemester in Frankreich ist vorbei.

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