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Grand Raid Réunion

Diagonale der Verrückten

Von Ortwin Ziemer und Heide Dutz

Beim Start in St-Pierre, © Grand Raid / Imazpress

03. November 2021

Der legendäre Ultra-Trail Grand Raid vor der atemberaubenden Kulisse tropischer Berglandschaften Réunions war 2021 erneut ein herausragendes Sportereignis.  

Erstmals 1989 ausgetragen, fiel der Extrem-Lauf coronabedingt 2020 aus – und wurde in diesem Jahr umso mehr gefeiert: Die Zielankunft des Grand Raid 2021 auf La Réunion vereinigte am Abend des zweiten Wettkampftages alles, was ihn für Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Organisationskomitee und Publikum schlicht immer schon einzigartig macht; er verdeutlichte einmal mehr eindrucksvoll, wie das Herz dieses französischen Übersee-Departements schlägt: atemberaubende, tropische Berglandschaften (der Nationalpark Réunions ist Unesco-Welterbe seit 2010), ansteckende Begeisterungsfähigkeit, multikulturelle Harmonie, wechselseitiges Geben und Nehmen, eine ausgeprägte Willkommenskultur, gegenseitiger Respekt und Toleranz.

Doppelsieg

Nach genau 23 Stunden, 2 Minuten und 21 Sekunden erreichten der Savoyarde Ludovic Pommeret und der Südtiroler Daniel Jung nach teils übermenschlicher Anstrengung schließlich Arm in Arm die Ziellinie (facebook-Video) dieses Ultra-Trails, eines der schwersten und prestigeträchtigsten seiner Art und des einzigen dieses Kalibers in Frankreichs Überseegebieten.

Ludovic Pomeret und Daniel Jung nach ihrem Sieg, © ILOP SPORT

Bei der Pressekonferenz kommentierten sie ihren Erfolg vor laufenden TV-Kameras. Dabei kam es zu einer absoluten Premiere. Zum ersten Mal überhaupt mussten die Statements eines Gewinners der „Diagonale des Fous / Diagonale der Verrückten“ (165 km, 9580 positive und fast ebenso viele negative Höhenmeter, die es zu überwinden galt) aus dem Deutschen ins Französische übersetzt werden, da der Südtiroler Daniel Jung, ein deutscher Muttersprachler, kein Französisch spricht.

Er gab zu Protokoll: „Ein Traum wurde wahr. Ich wartete seit knapp sieben Jahren auf diesen Moment und jetzt ist er endlich gekommen. Seit meinem ersten Ultra 2014 hier beim Mafate Trail auf La Réunion, habe ich von diesem Lauf geträumt. Es war der schönste meines Lebens. Unvergleichliche Atmosphäre, toller Empfang, herzliche Menschen, perfekte Organisation. Danke, Ludo!“ Und „Ludo“, Ludovic Pommeret, dreifacher Zweiter des Grand Raid (2009, 2014, 2019) und nun bei seiner fünften Teilnahme endlich gemeinsam mit Jung ganz oben auf dem Siegerpodest, antwortete ganz in seinem Sinne: „Ich hatte den Traum, dieses Rennen zu gewinnen. Du hast mir diesen Traum erfüllt, Dany. You are the man of the race!“

Mythischer Wettbewerb

Minutenlang hatten beide unter frenetischem Beifall und Konfettiregen nach dem Zieleinlauf die Hände von Fans geschüttelt, bereitwillig Autogramme geschrieben und ausdrücklich der Bevölkerung und den über 2000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern an Start und Ziel sowie entlang der Strecke gedankt, die vom Start in St-Pierre im Süden der Insel zunächst das Gebirgsmassiv des aktiven Vulkans Piton de La Fournaise durchquerte und im weiteren Verlauf in Südost-Nordwest-Richtung durch zwei der drei Talkessel des Inselinneren (Cilaos und Mafate, ebenfalls eingebrochene, ehemalige Vulkankrater) bis ins Stadion La Redoute in der Inselhauptstadt St-Denis führte.

Hunderte waren wie hier beim Messen der Körpertemperatur, das trotz 3-G-Nachweis für alle Läuferinnen und Läufer obligatorisch war, ehrenamtlich im Einsatz. © Grand Raid / Imazpress

Der ehemalige Radprofi Laurent Jalabert bestritt dieses Jahr den Ultra-Bergmarathon an der Seite seiner Ehefrau. Der Ausnahmesportler verglich den Grand Raid Réunion mit der Tour de France: „Die Tour de France und der Grand Raid haben so einiges gemeinsam. Beide sind in ihrer jeweiligen Hochleistungs-Disziplin, also dem Radsport und der Extremform des Trailrunning, ein absolut mythischer Wettbewerb mit Ausnahmestellung, das Non plus ultra für jeden Teilnehmer. Beide haben aber auch einen ausgesprochenen Volksfestcharakter und sind daher zu Recht äußerst populär. Die regelrecht kommunikative Osmose mit dem Publikum ist bei beiden Wettbewerben derart ansteckend und motivierend, dass, wer einmal teilgenommen hat, stets wiederkommen möchte“ – was Daniel Jung bereits ankündigte: Vielleicht nicht sofort, aber möglicherweise in zwei Jahren werde es soweit sein.

Dabei hatte Jung nach über 100 km mitten in der Gluthitze des Talkessels Mafate mit Wadenkrämpfen zu kämpfen, als Pommeret an ihm vorbeizog. So gut er konnte, heftete er sich an seine Fersen und bald kamen sie überein, die Verfolger gemeinsam in Schach zu halten und sich gegenseitig zum gemeinsamen Sieg zu verhelfen.

Starke internationale Konkurrenz

Viel umjubelt lief Judicaël Sautron als Achter der Gesamtwertung und als bester Lokalmatador ins Ziel. Er widmete seinen Erfolg dem Verein „Mille Pattes“, der sich für krebskranke Kinder einsetzt und gestand: „Diese Kinder leiden wirklich. Was sind schon die Wehwehchen des Grand Raid gegenüber einer solch heimtückischen Krankheit?“ Mit dieser Relativierung machte Sautron beinahe vergessen, dass mit der starken internationalen Konkurrenz und seit der zeitweisen Aufnahme des Grand Raid in die Ultra-Trail World Tour (2014–2017), einer Art Weltcup des Extremberglaufs, die Zeit regelmäßiger lokaler Erfolge beim beliebtesten Sportereignis der Insel der Vergangenheit angehören. Zumal dieses Jahr der einzige Reunionese unter den vermeintlichen Top-Favoriten, Nicolas Riviere, bereits relativ früh verletzungsbedingt ausscheiden musste.

Emilie Maroteaux, © ILOP SPORT

Die Leistung der Siegerin bei den Damen, Emilie Maroteaux, nötigte derweil höchsten Respekt ab. Die seit 15 Jahren als Wahl-Reunionesin auf der Insel ansässige Krankengymnastin und gebürtige Versaillerin wird von der Bevölkerung längst als eine der Ihren gesehen.

Vor dem Start gab sie bescheiden an, auf jeden Fall ins Ziel kommen zu wollen – wenn möglich nach unter 35 Stunden. Sie kam letztlich in der beide Geschlechter umfassenden Gesamtwertung auf Platz 27 und ließ damit auch den Großteil der männlichen Konkurrenz hinter sich (Gesamtteilnehmerzahl: 2611, davon 273 Frauen). Ihre Zeit: 29 h 54 min 59 s.

„Finisher“ war der Franzose Yann Joel Assassa, der nach 66 h 40 min 51 s als 1775. das Ziel erreichte.

Wirtschaftsfaktor Grand Raid

Nach der Covid-Zwangspause vor einem Jahr und der weltweiten Krise des Tourismus erhoffte sich nicht zuletzt die reunionesische Fremdenverkehrsbranche (die auch in Deutschland vertreten ist) vom Grand Raid einen dringend benötigten Werbe- und Stimulationseffekt. Die ersten Anzeichen lassen auf deutliche Besserung hoffen, waren doch sämtliche Hotel- und Fremdenzimmer speziell entlang der Streckenführung in den Hochlagen des Inselinneren seit Monaten ausgebucht.

Der beliebte, lokale TV-Sportmoderator Johnny Lérivain traf daher den Nerv der Zeit, als er im Moment des gemeinsamen Triumphes von Ludovic Pommeret und Daniel Jung in seiner unnachahmlichen Art auf dem lokalen TV-Sender Réunion la 1ère begeistert ins Mikrofon rief: „Réunion schöpft wieder frischen Atem!“

Grand Raid Réunion

Der als „Grand Raid“ bezeichnete sportliche und gesellschaftliche Ausnahme-Event auf der französischen Übersee-Insel La Réunion ist eine Art Markenzeichen, unter dem vier an einem verlängerten Wochenende im Oktober auf der Insel Réunion veranstaltete Ultra-Trails unterschiedlicher Länge mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden ausgetragen werden.

2021 handelte es sich dabei um die „Diagonale des Fous“, den „Trail de Bourbon“ (105 km, 6145 m Höhenunterschied, Teilnehmerzahl: 1322), die „Mascareignes“ (72 km, 3900 m Höhenunterschied, Teilnehmerzahl: 1388) und den Vierer-Staffellauf „Zembrocal Trail“ (173 km, 11.050 m Höhenunterschied, 157 Teams, Teilnehmerzahl insgesamt: 657).

Für viele aber ist der „Grand Raid“ gleichbedeutend mit der „Diagonale der Verrückten“, dem ältesten (seit 1989) und traditionsreichsten der vier Extrembergläufe Réunions. Seine Streckenlänge und Höhenmeterunterschiede variierten im Lauf der Jahre, während die anderen, kürzeren, gleichwohl ebenfalls sehr populären Rennen ab 2010 nach und nach dazukamen.

Impressionen vom Grand Raid 2021

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1 Kommentar/Commentaire

  1. Hat wohl wieder der Läufer mit Flipflops und seinen Ruhepausen im Kopfstand teilgenommen? Ich habe vor ein paar Jahren einen Bericht darüber gesehen und war sehr beeindruckt!

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