Template: single.php

Albert Schweitzer

Ein großer Philanthrop

Von Cornelia Frenkel

© Maison Albert Schweitzer

05. Oktober 2020

Das Maison Albert Schweitzer in Gunsbach, ehemaliges Wohnhaus von Albert Schweitzer und seit 1967 ein Museum, wurde nach umfangreichen Renovierungs- und Erweiterungsarbeiten wiedereröffnet.

Albert Schweitzers kulturphilosophische Leitidee der „Ehrfurcht vor dem Leben“ sowie sein Grundanliegen, Lebensorientierungen aus selbständigem Nachdenken zu gewinnen, ist auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod aktuell. Ein weltweites Netzwerk engagiert sich mittlerweile für sein geistiges Erbe. Es ist untrennbar mit seiner Tatkraft verbunden.

„Homo sum“

Der Arzt, evangelische Theologe, Philosoph und Organist war 1913, gemeinsam mit seiner Frau Helene Bresslau, ins damalige Französisch-Äquatorialafrika aufgebrochen, baute im Regenwald von Gabun im Dorf Lambarene ein Spital auf und wirkte hier als humanitärer Mediziner. 1952 erhielt er den Friedensnobelpreis. Seine Hilfsaktion trägt bis heute Früchte, das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene konnte Krisen überwinden und besteht weiter; zudem motiviert sein Beispiel weltweit zu humanitärem Engagement.

Während Albert Schweitzer (1875–1965 ) nach Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach zu den wichtigsten Vorbildern der Deutschen gehört, ist sein Bild in Frankreich stark mit Vorurteilen beladen, und man hat ihn hier erst spät entdeckt – seine Schriften, u. a. Fachliteratur zu Johann Sebastian Bach, liegen mehrheitlich auf Deutsch vor. Als Albert Schweizer 1953 in Oslo den Friedensnobelpreis erhielt, fiel in der Laudatio die Bezeichnung „deutscher Gelehrter“. Umgehend reklamierten Patrioten, der Preisträger habe seit 1918 die französische Staatsbürgerschaft. Er soll trocken mit den Worten „Homo sum“ reagiert haben.

© Maison Albert Schweitzer

Albert Schweitzer, der sich als Elsässer zwischen Frankreich und Deutschland sah, lehnte nationales Denken ab. Geboren wurde er 1875 im damals deutschen Kaysersberg, bereits sechs Monate später zog die Familie nach Gunsbach im Münstertal. Seit 1913 war er in Gabun engagiert, doch schickte die französische Kolonialmacht den verdächtigen Deutschen im Zuge des Ersten Weltkriegs nach Europa zurück und internierte ihn sogar vorübergehend. Zunehmend entwickelte Schweitzer nun seine Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ mit dem Kernsatz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Zeitweise arbeitete er in Straßburg, siedelte sich mit Frau und Tochter Rhena (1919–2009) in Königsfeld im Schwarzwald an und finanzierte mit Vorträgen und Orgelkonzerten bis 1924 seine Rückkehr nach Gabun, um sein Spital zu erweitern. 1928 erhielt er in Frankfurt den Goethe-Preis; mit dem Preisgeld ließ er ein Haus in Gunsbach bauen, das er während seiner Aufenthalte in Europa bewohnte.

Außergewöhnlicher Lebensweg

Nach Schweitzers Tod wurde sein Haus so erhalten, wie er es letztmals 1959 verlassen hatte. Die 1949 gegründete internationale Vereinigung AISL („Association Internationale pour l’œuvre du Docteur Albert Schweitzer de Lambaréné“), die Hilfsvereine aus rund zwanzig Ländern koordiniert und dem Spital in Lambarene immer wieder Existenzmittel verschafft, hat hier ihren Sitz. Zudem ist das Haus ein Ort der Begegnung, dient der Pflege des geistigen Werks und beherbergt das Zentralarchiv zu Schweitzer (die Betriebskosten übernimmt eine Stiftung in Bern).

Jetzt wurde das Gebäude modernisiert, um einen Flachbau erweitert und im Untergeschoss so ausgebaut, dass Platz für Dauer- und Wechselausstellungen besteht. Anschaulich präsentiert, lässt sich der außergewöhnliche Lebensweg von Albert Schweitzer nun gut entdecken. Zahlreiche Objekte erhellen seinen Werdegang, Schreibtisch, medizinisches Material, Klavier mit Orgelpedalklaviatur, (Kunst-)Gegenstände aus Afrika, Fotografien, Texte, Tonband- und Videoaufnahmen, Briefe.

Spannend sind Schweitzers Korrespondenzen mit Zeitgenossen, darunter Hermann Hesse, Josephine Baker, Eleanor Roosevelt, Karl Jaspers, Theodor Heuss, Martin Luther King, André Malraux und Albert Einstein; zusammen mit letzterem warnte er eindringlich vor der Gefahr der Atomkraft. Schweitzers Hauptwerke Verfall und Wiederaufbau der Kultur und Kultur und Ethik wurden ebenso wie philosophische Fragmente posthum textkritisch in fünf Bänden ediert (Verlag C.H.Beck). Sein weltanschaulicher Entwurf wird mitunter als ungeraten und illusorisch bezeichnet, sogar er selbst zweifelte an seinem Werk – aber nicht zuletzt vor dem Hintergrund zweier Weltkriege hatten und haben seine Mahnungen Bestand.

Fortschrittlich und gewissenhaft

Für Rupert Neudeck etwa, Gründer des Notärztekomitees Cap Anamur, ist die Lebensleistung des Tropenarztes vorbildlich. Zwar habe Schweitzer noch nicht ganz auf Augenhöhe mit den Einheimischen gesprochen, vielmehr betrachtete der „antikoloniale Kolonialist“ die Europäer als „Senioren“, die die Afrikaner als „Junioren“ auszubilden hätten. Im Vergleich zu den damaligen Kolonialmächten (man denke an die erschütternden Berichte von Albert Londres), die Schweitzer scharf missbilligte, und die seit einigen Jahren nunmehr Gegenstand postkolonialer Herrschaftskritik sind, gelten Schweitzers Ansichten als fortschrittlich und gewissenhaft.

Im Sinne seiner biozentrischen Ethik findet u. a. auch Tierrechtsarbeit statt. Hilfsvereine, Freundeskreise, Krankenhäuser und Kinderdörfer agieren aktuell in Frankreich, Deutschland, Belgien, Schweden, in den Niederlanden und der Schweiz, in Rumänien, Spanien, Japan, Großbritannien, Argentinien und Mexiko in seinem Namen. Einzelheiten lassen sich aus dem Buch Albert Schweitzers Erben. Ein weltweites Netzwerk engagierter Freunde und Förderer (LIT Verlag, Münster, 2018) von Roland Wolf erfahren. 

Albert-Schweitzer-Stätten

Gunsbach: Maison Albert Schweitzer; Königsfeld/Schwarzwald: Albert-Schweitzer-Haus; Frankfurt a. M.: Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum (DASZ); Weimar: Stiftung Albert-Schweitzer-Gedenk- und Begegnungsstätte; Berlin: Albert-Schweitzer-Stiftung Berlin; Schweiz: Schweizer Hilfsverein (SHV)

Zitate von Albert Schweitzer

„In keiner Weise dürfen wir uns dazu bewegen lassen, die Stimme der Menschlichkeit in uns zum Schweigen bringen zu wollen. Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht.“

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

„Verzicht auf Denken ist geistige Bankrotterklärung.“

„Wer sich vornimmt, Gutes zu wirken, darf nicht erwarten, dass die Menschen ihm deswegen Steine aus dem Wege räumen, sondern muss (…) gefasst sein, dass sie ihm welche darauf rollen.“

„Die beste Diplomatie ist die Sachlichkeit.“

„Ich antworte nie auf eine Anrempelei. Alles, was man gegen mich redet und gegen mich schreibt, läuft an mir herunter wie Wasser an der Gans.“

Schreiben Sie einen Kommentar

Mit * markierte Felder müssen ausgefüllt werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.