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Frankophonie

Corrige-Madame, carabistouilles

Von Barbara Schmitz

Vanilleverkauf auf dem Wochenmarkt von St-Paul, La Réunion. Hier wird Réunion-Kreolisch gesprochen, dessen Wurzeln im Französischen liegen. © Ortwin Ziemer

15. November 2019

Was wäre das Französische ohne den Reichtum der Frankophonie von Madagaskar bis Belgien, in Tunesien, Togo oder Haiti, von Vietnam bis Quebec, im Libanon, in der Schweiz oder in Louisiana? Das war das Thema der Sommeruniversität 2019 im Frankreich-Zentrum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, die eine „Weltreise durch die Frankophonie“ unternahm.

Nur auf den ersten Blick spricht man in Frankreich, in den frankophonen Regionen Europas, Asiens Nordamerikas oder Afrikas ein und dieselbe Sprache. Je genauer man hinhört, desto mehr Unterschiede stellt man fest, im Wortschatz, in der Aussprache und in einzelnen Redewendungen. Selbst die französischen Muttersprachlerinnen und Muttersprachler müssen manchmal genau hinhören bzw. den Sinn des Gesagten erraten, wenn sie auf eine kreative Weiterentwicklung ihrer Sprache stoßen.

Variationen des Französischen

Wie verwundert mag ein Elsässer sein, wenn er in Toulouse Heißhunger auf ein Schokoladengebäck hat und beim Bäcker eine „chocolatine“ kaufen muss, um das zu erhalten, was er daheim als „petit pain“ kennt und das in den meisten anderen Regionen Frankreichs als „pain au chocolat“ bekannt ist? Und warum heißen Taxifahrer in Algerien „taxieurs“, in Tunesien „taxistes“ und in Marokko und Frankreich „chauffeurs de taxi“?

Diese sprachlichen Varianten haben nichts mit einem guten oder schlechten Französisch zu tun; es sind regional verbreitete Ausdrücke, die manchmal exportiert und/oder effektvoll eingesetzt werden. So verschaffte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron einer vorwiegend in Belgien üblichen Redewendung eine überregionale Bühne, als er 2018 in einem Interview äußerte, man solle den Bürgerinnen und Bürgern keine „carabistouilles“ erzählen, also kein dummes Zeug. Macron konnte sich in diesem Augenblick nicht nur der Aufmerksamkeit der Presse sicher sein.

Frankophone Spezialitäten

Regionale Sprachentstehung und -verwendung erschließt sich insbesondere durch einen Blick auf die frankophone Küche. Die verschiedenen kulturellen und klimatischen Einflüsse finden sich nicht nur in den Rezepten und Essgewohnheiten wieder; die kulinarische Vielfalt bereichert die französische Sprache auch mit neuen, oft originellen Wortschöpfungen.

So ist die Thiéboudienne eine traditionelle Speise aus dem Senegal, deren Name eine Französisierung der aus dem Wolof stammenden Bezeichnung für „Fisch mit Reis“ (ceebu jën) ist. Zur geschmacklichen Verfeinerung hilft man gerne mit einem Brühwürfel nach, den die Einheimischen liebevoll „corrige-madame“ nennen.

Die Poutine aus Pommes frites, Käsebruch und Bratensauce hat es in der kanadischen Provinz Québec zu Kultstatus gebracht. Angeblich hat der Wirt eines kleinen Lokals seinem Gast bei der Bestellung von Pommes frites mit Käse geantwortet : „Ça va faire une maudite poutine!“ (Das wird eine Riesensauerei geben!) Eine andere Version besagt, ein Restaurantgast habe regelmäßig seine Pommes frites mit mitgebrachtem Käse gegessen, bis der Wirt dies auf der Speisekarte übernommen und später noch Bratensauce hinzugegeben habe, um das Gericht länger warm zu halten. Über den Ursprung des Begriffs „poutine“ lassen sich nur Vermutungen anstellen: das okzitanische „poutringo“ (Allerlei) mag ebenso darin stecken wie der provenzalische „poutingo“ (Resteeintopf) oder der englische Pudding.

Spuren der kolonialen Vergangenheit

Archaismen, Lehnwörter und Neologismen im Französischen sind oft Zeugen der Kolonialgeschichte Frankreichs. In den besiedelten Ländern entfaltete sich eine Dynamik, bei der alte französische Wörter erhalten blieben, aber auch Begriffe aus den dortigen regionalen Sprachen entliehen und neue Wörter gefunden wurden, um die neue Realität abzubilden. Das kanadische „costume de bain“ etwa erinnert an die Badekostüme der 1920er Jahre, während die in Belgien und der Schweiz gekauten „chiclettes“ noch das Nahuatl-Wort „tzictli“, die Bezeichnung des Kaugummigrundstoffes, in sich tragen.

Frankophone Literatur

Der sprachwissenschaftliche Aspekt der kolonialen Vergangenheit will jedoch auch politisch und psychologisch hinterfragt sein, sobald Sprache zu Literatur wird: Welche Rolle spielt die französische Sprache bei einem Autor, der sie erlernt und als Sprache seines literarischen Schaffens gewählt hat, für den sie aber zugleich die Sprache der (ehemaligen) Kolonialherren, die Sprache der Unterdrücker ist?
Im frankophonen postkolonialen Roman lässt sich seit den 1960er Jahren eine Tendenz feststellen, die Vergangenheit „umzuschreiben“, die Literatur zu einem Versuchsfeld werden zu lassen, bei der die Kolonialgeschichte aus einer anderen Perspektive und mit neuen künstlerischen Mitteln dargestellt wird. Dies kann durch eine erzählerische Perspektive vom Rand der Geschichte her geschehen (Maryse Condé), durch eine andere Periodisierung der Zeit (Patrick Chamoiseau) oder eine Umkehrung bzw. Gegendarstellung (Tierno Monénembo).

Es ist ein anderer Blick und ein anderer Umgang mit der französischen Sprache, die nicht mehr ausschließlich als Waffe in einem Befreiungskampf gegen die koloniale Unterdrückung verstanden wird, sondern als Instrument der künstlerischen Gestaltung und der Kommunikation. Für Wilfried NʼSondé, der selbst ein Schriftsteller mit kongolesischen Wurzeln ist, hat die Frankophonie weniger einen ideologischen Wert als vielmehr einen kommunikativen. So wie die Identität immer eine individuelle Frage der Beziehung zum Anderen sei, die nicht allein durch die Beantwortung der Fragen „Wo kommst du her? Wer bist du?“ zu klären ist, so sei auch die Frankophonie für den Schriftsteller ein vielfältiges Spielfeld von Bezügen, die er in sein Werk einfließen lasse.

„Bienvenue en français!“ (Willkommen im Französischen) hat NʼSondé seinen Beitrag zum 2012 erschienenen „Manifeste pour lʼhospitalité des langues“ genannt, ein Manifest für die Gastfreundschaft der Sprachen.

Französische Sommeruniversität in Freiburg

Unter dem Titel „La langue française dans tous ses États. Un tour du monde de la francophonie“ fand am Frankreich-Zentrum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2019 zum 25. Mal eine Sommeruniversität für alle an Frankreich Interessierten, insbesondere für Lehrkräfte, Studierende und Schülerinnen und Schüler ab Klasse 11 statt.

Die von französischen Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern gehaltenen Sprachkurse werden bei dieser einwöchigen Weiterbildung dem thematischen Schwerpunkt entsprechend ergänzt durch ein wissenschaftliches Vortragsprogramm sowie Ateliers zum schriftlichen und mündlichen Ausdruck, eine Exkursion nach Frankreich und ein kulturelles Abendprogramm.

Seit 1995 ist die Sommeruniversität fester Bestandteil der Aktivitäten des Frankreich-Zentrums, das neben wissenschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen auch drei deutsch-französische Masterstudiengänge der Fachrichtungen Journalistik, Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Interkulturelle Studien anbietet, jeweils in Kooperation mit französischen Partneruniversitäten.

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